Marietta

Ein Liebesroman aus Schwabing

Ich habe kein Vaterland.
Ich habe kein Mutterland.
Jede fremde Sprache berührt mich heimatlich.
Ich bin eine polnische Prinzessin: hübsch, aber schlampig.
Ich schiele.
Das ist meine Weltanschauung.
Eigentlich müßte ich ein Monokel tragen.
Ich gewinne auf der Münchener Wohlfahrtslotterie eine kleine Kuhglocke.
Ich binde sie mir um den Hals und lasse sie läuten.
Jeder möchte mein Hirt sein.
Ich bin Marietta.
Aber ich bin noch nicht ganz Marietta.
Ich will Marietta werden.
Ich schwanke noch.
Bin funkelndes Feuer.
Und sehr viel Rauch.

Ich habe eine unordentlich zugeknöpfte orangine Bluse und verkünde nachts im „Simplicissimus“ blaue Fabeln und graue Anekdoten von Klabund.

Manche nur sind leise rosa und schmecken wie Himbeerkompott.
Ich kriege für den Abend vier Mark und nicht mal warmes Abendbrot.
Ich suche nach Nebenverdienst.
Gestern kam ein sehr junger Mann mit glattem Gesicht in Begleitung Etzels in den „Simplicissimus“.
Etzel sagte: „Der Herr möchte ein Manuskript tippen lassen!“
Ich kann Schreibmaschine schreiben, denn ich war eine Zeitlang auf dem Büro der Zeitschrift „Lese“ (am Rindermarkt) beschäftigt.
Ich sagte: „Ich werde es gerne tun.“
Der junge Mann bestellte ein Glas Bowle für mich.
Ich setzte mich neben ihn auf die Bank.
Wir sprachen nicht viel.
Einmal legte er schüchtern seinen Arm um meine Hüfte.

Emmy Hennings sang das Lied von den „Beenekens“. Sie kreischte wie eine dänische Möwe, die sich von den Wellen des Kattegats erhebt.

„Kommen Sie morgen früh um elf, und holen Sie sich das Manuskript“, sagte der junge Mann und ging.
Er ging mit Schritten wie ein Gymnasiast und mit den Augen eines Seeräubers.
Er trug einen segelblonden Anzug.
Der roch nach Tang und wehte.
Der junge Mann wohnt Kaulbachstraße 56, parterre.
Die Tür stand offen, als ich kam, und er sagte: „Begleiten Sie mich ein Stück? Hier ist das Manuskript!“ Auf dem Tisch lag eine Postanweisung von der „Jugend“.

Ich nahm das Manuskript.
Es waren Verse.
Ich fragte ihn: „Haben Sie das gemacht?“
„O nein“, lächelte er, „gewiß nicht!“
Aber ich glaubte, daß er es sei.

– Wir gingen durch die Kaulbachstraße.
– In der Sonne.

Er nahm den Hut ab und die Sonne ließ sich wie ein goldener Vogel auf ihn nieder.

„Ich habe einen schönen Akt“, sagte ich.
Ich mußte doch etwas sagen. „Der Habermann hat mich gemalt.“
Er sah mir durch die Bluse und meinte: „Vielleicht!“
An der Ecke der Kaulbach- und Veterinärstraße hockte eine italienische Blumenverkäuferin.

Er kaufte ihr eine rote Nelke ab und schenkte sie mir.
Ich fühlte, daß er sie mir schenkte.
Er ist hochmütig.
Ich mag ihn nicht.
Er verabschiedete sich.

Um zu einer Schreibmaschine zu gelangen, stieg ich nachts durch ein Parterrefenster in den Verlag Heinrich F. S. Bachmair, bei dem ich früher einmal Fräulein gewesen war. Ich tippte die Gedichte auf offizielle Briefbögen des Verlages Heinrich F. S. Bachmair, weil sich kein anderes Papier fand.

Becher kam mit Dorka und überraschte mich.
Er wollte mich schlagen. „Was hast du denn hier zu suchen, du Aas?“
Aber Dorka beruhigte ihn.
Sie gingen zusammen ins Nebenzimmer und aufs Sofa.

Der junge Mann war nicht mehr in München.
Ich brachte das Manuskript einem Herrn, den er mir schriftlich bezeichnet hatte.
Ich empfing acht Mark.
Ich weinte.
Ich haßte den jungen Mann in der Ferne.
Der mir fremd war.
Der mir „über war“.
Wie ein Aviatiker.
Ich mußte fort.
Ich erbrach München.

Major Hoffmann sagte im Café Stefanie zu mir: „Möchten Sie nicht als Modell zur Fürstin von Thurn und Taxis?“

Ich sagte: „Sehr gern“ (… ich habe einen schönen Akt. Der Habermann hat mich gemalt…). Man schickte mir telegraphisch das Reisegeld, und ich fuhr.

Die Photographie der Fürstin von Thurn und Taxis hängt immer über meinem Bett. Sie ist eine fürstliche Frau. Ihre Geschenke sind fürstlich.

Aber die Hände, mit denen sie sie reicht, sind die einer entthronten Bürgerin.
Während sie mich modelliert, lese ich aus einem Buch vor: „Die japanische Nachtigall“.

Oder ich erzähle ihr allerhand Geschichten.
Aller Hand streichelt dann über mich hin, und ich bin wie Welt.
Ich erzähle ihr, daß ich in Treppenhäusern geschlafen habe und auf einer Bank in den Anlagen der Pinakothek.

Gegen vier Uhr öffnete ich die Augen, und die Schildwache stand vor mir.
Sie lächelte mit geschultertem Gewehr: „Schon ausgeschlafen?“
Sie sagte, daß sie Bäcker sei und immer früh aufstehen müsse.
Sie stehe gern des Nachts Posten, wenn die Sterne wie goldene Kinder über den Himmel gingen, Hand in Hand.
Sie habe viel Spaß an dem Soldatensein.
Es gab schöne Rosen in den Anlagen: hell- und dunkelrote.
Die Schildwache sagte, ich solle mir welche abpflücken.
Sie passe auf, daß kein Schutzmann komme.
Es wird schon sehr kalt.
Ich habe keinen Mantel.
Ich schlafe mit dem Kaufmann Hirsch.
Er sieht aus wie ein verstaubtes Buch, das man nicht gern zur Hand nimmt.
Er ist anonym.
Er sprüht angeregt.
Er hat einen Bruder und einen Freund, die beide Maler sind.
Sie spotten: „Bei der Marietta kommst du nicht so leicht an! Das ist ein Mädchen aus der Boheme. Die geht nicht für Geld!“
Kaufmann Hirsch hat mir fünfzig Mark gegeben.
Er macht mir einen Heiratsantrag.
Er ist sehr besorgt um mich.
Er läßt mir vom Kellner einen Fußschemel bringen.
Ich stelle die Füße unter den Schemel, damit man meine zerrissenen Schuhe nicht sieht
Er ist sehr unglücklich.
Sein Bruder und sein Freund hätten einen idealen Beruf.
Er sei nur Kaufmann. Was könne er mir bieten?
Ich sei ein ideales Mädchen. (Ich glaube, er hat Murgers „Bohème“ gelesen, ehe er mit mir schlafen ging.) Ich sagte, ich sei gar kein so ideales Mädchen, wie er dächte.
Denn ich würde nie mehr mit ihm schlafen.
Trotz der fünfzig Mark.

Ich lasse mich nicht auf den Boden schlagen.
Wir sitzen im Café Stefanie.
Der junge Mann ist auch da.
Er ist eben zurückgekommen.
Während ich in Paris war, war er in der Schweiz.
Ich bin durch das Rote Meer in Paris geschritten, trockenen Fußes, und die Wogen wölbten sich vor mir.
Er glaubt noch immer, über mich hinwegzusehen wie über einen Kiesel.
Aber ich bin nun ein Fels.
Er erschrickt.
Seine Stirn blutet vom Anprall ans Gestein.
Ich liebe ihn.
Sein Blut rinnt in meinen Schoß.
Ich erzähle ihm von Paris.
Wir trinken Samos im „Bunten Vogel“.
Wir fahren im Auto zu neunen nachts ins Isartal.
Es regnet.
Wir überfahren einen Hasen.
Es war eine Häsin und hatte drei Junge im Leib.
Der Chauffeur wird ihn sich braten.
Seine Frau wird ihn mit Gurkensalat servieren.
Wir kommen auf den Gedanken, einen Verein zu gründen und uns alle grüne Schärpen zu kaufen.

Es ist fünf Uhr früh.
Der junge Tag schwingt seinen gelben Hut.
Zwischen Wolken hervor.
Wir wandeln durch die Leopoldstraße.
Die Pappeln stehen steif wie männliche Glieder, aber belaubt.
Ich erzähle ihm von Paris.
Er schweigt wie ein Parlograph, in den man alles spricht, der alles treu bewahrt.
Oh, daß er mich ganz bewahre!
Nicht meine Sprache nur: auch meine Locken.
Meine kleinen Brüste.
Meine schiefen, obszönen Augen, meine turmschlanken Füße.
Und meinen durstigen Mund.
Ich bin sein Kind.
Ich liege gekrümmt in seinem Bauch.
Die Hände vor meinen blinden Augen zu Fäusten geballt.
Wen wollen sie schlagen, wenn meine Blicke sehend werden?
Er wird mich gebären.

Am Morgen bestellt er Frühstück bei seiner Wirtin.
Eier, Kakao und Schinken.
Sein Zimmer ist sehr klein.
An den Wänden hängen Bilder, die er auf der Auer Dult gekauft hat.
Das Stück zu etwa 1,25 Mark.
Er sagt, sie seien von Veronese, Habermann (den kenne ich), Paolo Francese und Anton von Werner.
Ein Akt ist auch da, dem wirbeln die Brüste bis auf die Knie.
Der Geldbriefträger klopft.
Ich ziehe die Decke über den Kopf.
Der junge Mann gibt mir zehn Mark.

Er lächelte: er werde ein Feuilleton über mich schreiben. Im „Berliner Tageblatt“.
Er gewähre mir zehn Mark Honorarbeteiligung. Vielleicht werde er noch einmal sehr viel an mir verdienen, wenn ich mit ihm im künftigen Frühling nach Monte Carlo ginge.

Als sein Kapital.

Er würde mir die Garderobe bezahlen.

Und meine Aktien würden steigen bis weit über 500…

Ich berichte dem jungen Mann (er hängt jetzt neben der Fürstin von Thurn und Taxis über meinem Bett: ein lachendes Gesicht in Hut und Mantel), daß ich ein Tagebuch führe.

Ich führe es, wie man ein Maultier führt im Gebirge: steinige Straßen, an brodelnden Schluchten vorbei und patinagrünen Almen.

Aber über der Ferne leuchtet die weiße Jungfrau mit dem Silberhorn, und Grindelwald ruht in besonntem Schweigen.

Er ist begeistert.
Er meint, ich solle ihm das Tagebuch doch einmal bringen.
Vielleicht könne man es seinem Verleger zeigen.
Vielleicht würde der es drucken.

Als ich ihn verließ, lag auf der Treppe ein zertretener Nelkenstrauß.
Hat er mich je geliebt?
Mein Kopf wird herumgeworfen.
Er ist kein Mensch.
Er ist ein Wald mit tausend Bäumen.
Hochwald.
Der streckt sich nach einer anderen Sonne.
Und seine Winde wehn von Uruguay.

„Marietta“-, sagte der junge Mann, „ich werde die Köpfe der Gehenkten über mich befragen“ …
Ich hatte Angst und lachte.
Denn die Gehenkten wissen jede dunkle Zukunft.
„Wenn sie die Wahrheit sagen, opfere ich dir einen Taler, Marietta.“
Er verschwand hinter dem Vorhang.
Auf einmal ertönte Geschrei.

Nicht ein Schrei: Millionen entsetzlicher Schreie. Es klang von außen, von der Straße und warf mich, ich stand am Fenster, betäubt ins Zimmer zurück.
Ich zog den Vorhang.

Der junge Mann hing am Ofenhaken.
Die Augen krochen ihm wie zwei schwarze Weinbergschnecken aus den Höhlungen.
Am Boden zu seinen Füßen lag ein funkelnagelneuer Taler.

Ich werde nie die Köpfe der Gehenkten über mich befragen. (Und jenes entsetzliche Geschrei beim Tode des jungen Mannes weiß ich natürlich zu deuten: es kam vom nahen Schlachthof. Es brüllte aus Tausenden von sterbenden Ochsen, Kälbern und Schweinen.) Bei meinem Tode werden nicht die Ochsen schreien…

Ich habe Sehnsucht nach dem elektrischen Rausch der Boulevards.

Nach Paris.

Nach den kleinen Dirnen, die am Abend wie Porzellan blinken.
Nach den dünnen Blumenmädchen, die gegen einen Frank Honorar im dämmerigen Hauseingang mit einem onanieren.
Mein Kopf ist wie gehenkt.
Der junge Mann hat mich gehenkt.
Mein Kopf hängt lotrecht wie ein Kronleuchter von der Decke.
Meine Augen brennen wie Wachskerzen.
Sie duften.
Wie Weihnachten.
Ich bin Maria.
Ich werde den Heiligen Geist unbefleckt empfangen.