Irene – „weil das Frieden bedeutet“.

 

Der Chefredakteur Thomas Kaiser schreibt im Gästebuch:

„… Die Davoser Revue freut sich sehr über die neue Website, zumal Klabund oft Kurgast war in Davos und die wunderbare Erzählung „Die Krankheit“ in und über Davos verfasst hat.“

Da hat er Recht, aber Davos war nicht nur krankheitsbedingt eine „zweite Heimat“ für ihn, sondern dort lernte er auch seine erste Frau kennen.

Im August 1913 beschließt Klabund das erste Mal, nach Davos zu fahren, zuvor schreibt er aus München an Walter Heinrich am 31. Juli:

„… Ich habe wieder einen Anfall und Husten und spucke den lieben langen Tag. Ich möchte wieder auf ein paar Wochen weg… Ich möchte doch noch leben, eine Weile wenigstens noch.“

Aus Davos wird in diesem Jahr nichts – Fredi verbringt den Winter 1913/14 stattdessen im Sanatorium Beau-Rivage in Arosa. Und von dort schickt er diese Zeilen am Neujahrstag an Heinrich:

„…Ich war glücklich und nach meinem Teil zufrie­den“

Und fährt dann fort:

„… Die Krankheit ist ein besonderes Kapitel. Ich führe in meinem Leben doppelte Buchrechnung. Auf der einen Seite nimmt zwar die Krankheit erheblichen Raum ein; aber sie ist nur „notiert“, zur Kenntnis genommen. Der Teufel soll mich frikassieren, wenn sie je Einfluss auf die andre Seite, auf mein wirkliches Leben, gewinnen sollte. Stimmungen werden daran nichts ändern.“

Im Februar 1916 reist Klabund erneut in die Schweiz und diesmal wählt er Davos als Aufent­haltsort, eine gute Entscheidung, wie sich heraus stellen sollte.

Zitiert aus dem Buch: „Klabund in Davos“ von Paul Raabe:

„… In Davos fand er zunächst im Waldsanatorium Aufnahme, in dem Thomas Mann, wie schon erwähnt, vier Jahre zuvor zu Gast gewesen war. Aber da Klabund nicht bereit war, sich den strengen ärztlichen Anordnungen Dr. Jessens zu unterwerfen, wurde er bereits nach wenigen Tagen entlassen. So bezog er die Pension Stolzenfels, die mit dem Namen Klabunds bis zu seinem Tode verbunden bleiben sollte. Das sechsstöckige, Ende 1913 fertigge­stellte Haus stand damals am Ende von Davos-Dorf, am Höhen­weg, dem Promenadenweg zu, noch ganz für sich. Die Pension Stolzenfels wurde für den kranken Dichter zur zweiten Heimat.

Dass sich Klabund dort so wohlfühlen konnte, hing wesentlich mit dem freundlichen Ehepaar Poeschel zusammen, das das Haus Stolzenfels erworben hatte und als Pension führte. Erwin Poeschel (1884-1965), sechs Jahre älter als Klabund, stammte aus Kemp­ten im Allgäu, hatte in München Jura studiert und war Rechtsan­walt. Doch da er an Lungen-Tbc erkrankte, konnte er seinen Beruf nicht ausüben. In Davos-Wolfgang lernte er in der dortigen Deut­schen Heilstätte eine Mitpatientin kennen, Frieda Ernst. Im Juli 1915 heirateten die beiden in München und zogen wegen ihres Lungenleidens nach Davos. Klabund fand in Erwin Poeschel einen gebildeten, kritischen Gesprächspartner.“

An W. Heinrich vermeldet er in einem Brief am 12. Dezember 1916:

„… Ich scheine es mit der Pension sehr gut getroffen zu haben. Südzimmer mit eigener Liegehalle. Ganze Pension (5! Mahlzeiten: Mittag und Abend große Dinge) nur 8,50 den Tag. Und das Essen vortrefflich. Über die Menschen wage ich noch nichts zu sagen. Sonst ist bedeutender Betrieb hier. Viel „Welt“. Engländer, Griechen, Franzosen, Italie­ner, Deutsche, Amerikaner, Russen, alles durch- und übereinan­der. Dazu Fleisch jeden Tag. Sonntag Schlagrahm. Kurz: der zurzeit nur irgend lieferbare „Friede“.

Und in der Pension „Stolzenfels“ gibt es eine Patientin, die Matthias Wegner in seinem Buch „Klabund und Carola Neherso beschreibt: 

„…Zu den tuberkulösen Patientinnen der Pension Stolzenfels gehört auch ein zartes zwanzigjähriges Mädchen aus Passau. Sie ist eine leidenschaftliche Pianistin, die meisterlich die Musik des ebenfalls lungenkranken Frederic Chopin spielt. Die äußerst anmutige junge Dame wirkt wie ein blondes Gretchen, ist von zurückhaltender Liebenswürdigkeit und sinnlicher Anmut. Auch ihre beiden Lungen sind erheblich angegriffen. Eine zusätzliche Kehlkopftuberkulose bringt ihre Stimme manchmal beinahe zum Verstummen, aber mit ihrem Mit-Patienten Henschke teilt sie die unbändige Lust am Leben, das entschlossene Bedürfnis, der Krankheit kei­nen Raum zu lassen. Obgleich Alfred Henschke sie sogar noch im Zustand taumelnder Zuneigung — während sie zu einem kurzen Urlaub zu Hause bei ihren Eltern weilt — mit einer anderen betrügt, weiß er, dass es ihn diesmal tiefer er­wischt hat. Seine Gedichte auf die zarte Passauerin gehören zu seinen glühendsten Liebesgesängen. Brunhild Heberle heißt die Angebetete, aber er nennt sie in seinen Gedichten „Irene“, weil das „Frieden“ bedeutet.“

Fräulein Brunhild Heberle

Brunhilde (zweiter Vorname Irene) wird am 18. Oktober 1896 in Passau geboren. Ihre Eltern sind der Passauer Rechtsanwalt, Justizrat + Kommunalpolitiker Max Heberle, geboren in   Langenwang b. Sonthofen am 4. Mai 1864 und seine Ehefrau Irene Ade, geboren in Sarbogad/Ungarn am 13. November 1878. Ihre Tante ist die Grafikerin Mathilde Ade, geboren ebenfalls in Sarbogard am Plattensee 08.09.1877. und über diese „Fräulein“ Heberle lese ich bei Guido von Kaulla:

„… Einige Tage vor ihm ist im „Haus Stolzenfels“ schon eine junge Passauerin eingezogen, Brunhild Heberle, Tochter des Justiz­rates Dr. Heberle und dessen Ehefrau Irene Brunhilde Emilie geb. Ade. Dies ihr einziges Kind – das erst Klabund bei ihrem zweiten Vornamen Irene („Friede“) nennen wird – ist sehr musikalisch und spielt besonders Schumann und Chopin mei­sterhaft.

In Passau galt sie als eine Art Schönheitskönigin; sie malte viele Hinterglasfenster, deren Motive meist Blumen wa­ren; sie hatte Aquarien und Terrarien, und es fehlten auch Hunde nicht. Dem Franziskanischen im Lebensgefühl von „Fred“ – wie Irene ihn bald nennt – kommt allein schon diese Tier­liebe entgegen. Bei Irene hatte sich aus einem Lungenspitzen­katarrh eine tuberkulöse Infektion der Lungen und später Kehl­kopftuberkulose entwickelt. Nach vergeblicher Behandlung im Tiefland geht sie nach Davos zu dem Spezialarzt Dr. Rüedi. Sie ist jetzt so gut wie stumm. Durch Ausbrennen der von der Tuberkulose befallenen Kehlkopfstellen kann sie geheilt wer­den. Die Stimme kommt wieder, doch bleibt sie klanglos, heiser und merkwürdig tief. Manchmal kann Brunhild Heberle nur so leise flüstern, dass es schwer ist, sie zu verstehen. Äußerlich von leuchtender Blondheit, besitzt dieses Mädchen (geboren am 18. 10. 96 in Passau) eine natürliche, unbewusste Einfach­heit und ungewöhnliche Anmut des Wesens.“

Matthias Wegner schrieb über Klabund und seine Wirkung auf seine Umwelt – und damit meinte er im Besonderen die weibliche Umwelt – einmal:

„… Der äußere Eindruck, den der Dichter Alfred Henschke auf seine Mitmenschen machte, war nicht gerade schön zu nen­nen. Auch wenn das Ideal attraktiver Männlichkeit zu sei­ner Zeit noch nicht jene kraftstrotzende Austrainiertheit und „Coolness“ verlangte, die sich bei den Medien-Heroen von heute so hoher Wertschätzung erfreuen – das Bild, das Alfred Henschke alias Klabund abgab, war nicht von vorneherein dazu angetan, die Frauenherzen im Sturm zu erobern. Dass ihm ebendies trotzdem schon seit seinen jünglingshaften Anfängen als Dichter auf eine verblüf­fend leichte, Freund und Feind gleichermaßen erstaunende Weise gelingt, muss daran liegen, dass Henschke geradezu den Antitypus des Frauenhelden verkörpert. Bei Betrach­tung seiner Fotografien denkt man unwillkürlich an den mit schlapp-klagender Stimme vorgetragenen Werner Richard Heymann-Song, den Heinz Rühmann berühmt gemacht hat: „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frauen“. Wie die­ses Lied auf ironische und demonstrative Weise gerade die Labilität und Unscheinbarkeit eines Herzensbrechers zur erotischen Metapher erhebt, so fasziniert Henschke das weibliche Geschlecht gerade mit seiner melancholisch-zar­ten, fast rührenden Erscheinung.

Er hat, wie Hans Sahl in seinen „Memoiren eines Moralisten“ meinte, „das Aussehen eines schüchternen Studenten, der mehr wusste, als er von sich gab“. Bert Brecht – der seine nicht minder wirksame Ausstrahlung aus absichtsvoll unterstützter Nachlässigkeit bezog – beobachtet einmal grimmig, dass Henschke die Frauenblicke auf sich zieht, wo immer er auftritt. In Berliner Kneipen der frühen zwanziger Jahre, in denen die bei­den – weniger Freunde als einander schätzende Kollegen – ihre nächtlichen Streifzüge unternehmen, sieht Brecht, einem Eintrag in sein Tagebuch zufolge, den um acht Jahre Älteren einmal so: „Klabund singt, am Klavier, Soldaten- und Hurenlieder, tanzt, erwehrt sich mühsam der Weiber, die verschossen in ihn sind, die schwarze Pelzgarnitur dar­unter.“

Der letztere Hinweis ist ein deutlicher, um nicht zu sagen: zynischer Fingerzeig auf Henschkes Schutz vor le­bensbedrohender Kälte. Henschke ist, ganz im Gegensatz zu Brecht, der raffiniert einem stilisierten Proletarier-Mythos huldigt, stets gepflegt gekleidet. Seine große, dunkle Hornbrille, sein kurzgeschorener Schädel, seine großen, traurigen Augen und die matte Stimme verleihen ihm den bezwingenden Charme des verlorenen, aber äu­ßerst leidenschaftlichen Einzelgängers. Dabei ist der Dichter alles andere als ein Kostverächter derben, aus­schweifenden und sinnlichen Lebens. Seine aus Anmut, Eleganz und Zartheit gespeiste Ungezwungenheit kontra­stiert deutlich zur zupackenden Brutalität eines Frank Wedekind oder zum Zynismus eines Bert Brecht. All die Tänzerinnen, Sängerinnen, Künstler-„groupies“, nicht zu­letzt auch die leichten Mädchen, zu denen Henschke ein verlangendes, aber stets ritterliches Verhältnis an den Tag legt, viele junge Patientinnen in den Sanatorien, denen er sich mit einer geradezu unheimlichen Hemmungslosig­keit anvertraut, erliegen seinem Charme. Der Schauspieler Ernst Kiefer hat über Alfred Henschke gesagt: Henschke sei „wahrlich kein schöner Mann gewesen, aber von einer uner­hört sympathischen Ausstrahlung. Mehr noch – und ich übertreibe nicht — umgeben von einer Aura von Liebens­würdigkeit.“

Im Februar 1916 muss ihn die Kuratmosphäre in Davos unter den Lungenkranken aus aller Welt auf ähnliche Weise angeregt haben wie Thomas Mann bei dessen kurzer Davoser Visite. Nur gehört Henschke zu den leidenden Patienten und erst in zweiter Linie zu den literarischen Beobach­tern. Er teilt das Schicksal der Davoser Patienten mit gro­ßen Vorgängern wie Robert Louis Stevenson oder Chri­stian Morgenstern. Die ebenso frivole wie beklemmende Atmosphäre wird oft in seiner Lyrik und Prosa wiederkeh­ren.“

Und nach diesem kleinen Umweg ist klar, es hatte gefunkt zwischen dem Fräulein Brunhild Heberle und Alfred Henschke. Die beiden wohnen in verschiedenen Stockwerken und ihre „Verbindung“ besteht zuweilen aus hin- und herwandernde Zetteln, z.B.:

Es war November. Draußen stob der Föhn.
Das Lob der Heimat schien dich zu beglücken.
Wir mußten näher aneinanderrücken,
Um Donau, Inn und Oberhaus zu sehn.

Und unsre Wangen streifen sich und wehn.
Blut klopft an Blut. Wir sehn in unsren Blicken
Erfüllung glänzen, lächeln, jubeln, nicken.
Und Lippe sank auf Lippe engelschön.

Nicht suchte Hand nach Hand. Es klang kein Wort.
Die Uhr im Zimmer tickte unverdrossen.
Und unsre Herzen schlugen fort und fort

Wie Wellen, die ins große Meer geflossen.
Du standest auf. Das Buch lag noch am Ort.
Leis hast du hinter dir die Tür geschlossen.

Und im „Dreiklang“: „Ich legte Sinn in sie – sie schenkte mir Gesinnung“.

Wandlung – I. Weltkrieg

Bei Kriegsausbruch am 28. Juli 1914 ist Klabund wie viele Künstler und Intellektuelle nicht nur davon überzeugt, Deutschland sei von seinen Feinden überfallen worden, sondern er meldet sich sofort freiwillig, um das „Vaterland“ zu verteidigen.

Es wird fast drei Jahre dauern, bis Fredi die Unsinnigkeit dieses Krieges erkennt und am 3. Juni 1917 in der „Neuen Züricher Zeitung einen offenen Brief an Kaiser Wilhelm II. veröffentlicht – der Kaiser möge abdanken.

Und erst nach einem weiteren Jahr – 1918 – bekennt er sich in der Zeitschrift „Weiße Blätter“ öffentlich zu seiner Hinwendung zum Pazifismus.

Die Chronisten sind sich einig, Einfluss auf diesen „Wandel“ hat seine zukünftige Frau gehabt. Im vorherigen Kapitel habe ich im Zusammenhang mit der Entstehung seines Pseudonym „Klabund“ geschrieben: „An der Legendenbildung um seinen Namen arbeitet er kräftig mit, je nach Laune fügt er eigene Interpretationen dazu: Klabund sei eine Übersetzung des Wortes Wandel, aber es gibt keine Sprache, in der Klabund für Wandel steht. Die Chronisten lasen einen Satz aus Klabunds Irene-Dichtung falsch. Dort schrieb er nach seinem Gesinnungswandel: „Mein Name Klabund. Das heißt Wandel.“ Gemeint war aber wesentlich später sein Wandel vom Krieger zum Kriegsgegner.

Guido von Kaulla meint, hier sei endlich Klabunds „Wandel“ richtig zu verstehen:

„… Es entsteht der „Gesang“: „Irene oder die Gesinnung“ — ein Bekenntnis der Wandlung gleichsam vom Saulus zum Paulus, d. h. vom kriegerisch gestimmten Militärfrommen zum Fried­liebenden. Dies – und nichts anderes – und nicht mehr – und nicht weniger – bedeutet die darin erscheinende Textstelle 1916): „Mein Name Klabund. / Das heißt: Wandlung. / mein Vater hieß Schemen. / Meine Mutter: Schau.“ Die ersten beiden Verszeilen werden mit Vorliebe zur Legendenbildung gegen Klabund benutzt. Klabund hat diese Zeilen niemals mehr wiederholt, in keinem Brief, in keinem Werk, in keiner Vers-Sammlung, in keinem Gespräch. Er hat diese Worte in dem „Irene“-Gedichtzyklus als zeitlich seiner Lebenslage im Übergang auf das Jahr 1917 entsprechend einmalig ausgesprochen. Um auszudrücken: er schäme sich, das wahre Wesen des Kriegs nicht früher erkannt zu haben – und in dieser Hinsicht habe sich, hier und heute, gewandelt. Keineswegs trifft zu: dieser Passus sei das Eingeständnis eines ewigen Wechsels, das Eingeständnis eines Sehnsüchtigen, dessen   Sehnsuchtsinhalt nie der gleiche sei – sein Wesen sei von ihm selbst als wandelbar bezeichnet worden – er fliehe in die ewige Wandlung – er gebe seinem Taumel zwischen Zufallslosungen und Zerrissen­heit den großen Namen Wandlung – er suche aus innerer Haltlosigkeit stetig nach der Wandlung seines Wesens. Behauptet wurde aber auch schon: das Wort „Wandlung“ sei die sinnge­mäße Übersetzung des aus einer Fremdsprache stammenden Wortes „Klabund“ -.

In den Jahren des Weltkrieges entstehen eine ganze Reihe seiner Werke auch unter dem Einfluss von „Irene“. Ab 1914 neben Lyrik auch Novellen („Das kleine Klabundbuch“), Erzählungen („Klabunds Karussell“, „Der letzte Kaiser“), Legenden („Heiligenlegenden“) und Grotesken („Kunterbuntergang des Abendlandes“).

1915 Moreau (Roman)

1916: „Die Himmelsleiter“. Neue Gedichte. Reiß, Berlin.

1917 Die Krankheit (Roman)

1917 Mohammed (Roman)

1917 Herausgabe der expressionistischen Gedichtbände „Irene oder Die Gesinnung“ und „Dreiklang“, in denen er den Krieg beklagt sowie auf Umsturz der bestehenden Verhältnisse drängt.

1918 Der himmlische Vagant (Lyrik)

1918 Bracke (Roman)

Und ab 1918 Übertragung chinesischer, japanischer und persischer Dichtungen ins Deutsche.

Februar 1917 Reise nach Locarno, Guido von Kaulla schreibt:

„… Im Februar 1917 reist Klabund nach Locarno-Monti – mit Irene, die ihn schon zu der pantheistischen Erzählung „Franziskus“ inspirierte. Hier, an den „vom Herbstlaub des vergangenen Jahres noch verschütteten Hängen Montis“, ist er in dem für ihn idealen Klima. Darum ist sein körperlicher Zustand jetzt trotz dem sehr ausgedehnten Befund stationär. Der nun Sechsundzwanzigjährige hat nicht mehr erhöhte Temperaturen, und während seines Aufenthaltes in der Schweiz – bis zum Frühjahr 1919 – bleibt sein körperlicher Zustand ausgewogen. Sorgen macht ihm, je länger der Krieg dauert, der sehr ungünstig werdende Umrechnungskurs Mark zu Schweizer Franken. Die Kaufkraft der „Renten“ (Vorschüsse) von Reiss und von Mündt sinkt.

Der Verlockung des Glückspieles um Geld gibt er nicht mehr nach: Irene lässt es sich unterm 8. 4. 17 in Locarno von ihrem Fred schriftlich geben, dass er vom 9. April ab – geltend für das ganze Jahr 1917 – weder in Locarno noch in Lugano oder irgendeinem sonstigen Ort der Schweiz dem sogenannten Bank-, auch Petit-Coureur-Spiel, huldigen werde…!“

Übrigens wohnen die beiden in diesem Februar 1917 in Locarno-Monti in einer Villa, die den prophetischen Namen „Villa Neugeboren“ trägt. Eigentümerin dieser Pension ist Hilde Jung – ihr Geburtsname Neugeboren. Im Mai kehrt Brunhilde nach Passau zurück, Klabund soll folgen, denn die leiden­schaftlich ineinander Verliebten wollen heiraten. Aber es gibt noch einen anderen Grund für die Reise nach Passau: Klabunds Brief an den deutschen Kaiser und seine Forderung, dieser möge abdanken. Der Brief hat nicht nur im gesamten Reich, sondern auch in Crossen und zu allem Übel auch in Passau gewaltigen Wirbel ausgelöst.

Die dortige „Donau-Zeitung“ beteiligt sich wider besseres Wissen an der Kritik dieses „Briefeschreibers“ – man schreibt vom „Deutschen Drückeberger in der Schweiz“ und „vom Treiben eines Deserteurs (Fahnenflüchtigen), der verwandtschaftliche Beziehungen in unsere Stadt hinein hat“.

Wie üblich rechtfertigt sich Fredi auch gegenüber den Eltern.

Im August 1917 – Fredi hat „Irene oder die Gesinnung“ gerade beendet – soll er die im Manuskript stehende Widmung „An Irene“, streichen. Als er aber auch noch den Titel ändern soll, wehrt er sich: er könne seinen Gesinnungsruf ja nicht mit „Josefine“ oder „Paula“ benennen. Und er betont: „dass er nicht mit sich schachern lasse. Und: es wäre ihm albern erschienen, den Namen auch im Buche selbst zu ändern.“ (Guido von Kaulla)

Hätte er verzichtet, diesen Brief zu schreiben, wenn er erahnt hätte, wie sehr man ihn auch in seiner eigenen Familie angreifen würde? Nein, sicher nicht, denn dieser entsprach seiner Einstellung und die konnte er nicht aufgeben.

Irene ist die meiste Zeit in Davos, Fredi teilweise in Locarno, Zürich, Basel und Arosa. Briefe gehen hin und her und er versucht zu „kitten“. Aus Locarno schreibt er:

„…ich sollte keine Minute von Dir gehen, Engel, ich habe Dich so lieb wie ich vielleicht noch keine Frau vor Dir lieb hatte – und ich beraube mich Deiner, um in Gesellschaft einer albernen Ente, eines peinlichen Portugiesen, eines deutschen Falschspielers, dem man es auch nicht ansehen würde, mir die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Ich bin um 6 Uhr früh nach Hause gekommen und habe noch gar nicht geschlafen vor aller Aufregung des Rauchens und Spielens. Es soll mich nicht mehr trösten, dass auch Dostojewski spielte (und Casanova, der aber einfacher stahl, wenn ich nicht irre), ich gebe Dir mein Ehrenwort, ein halbes Jahr vom heutigen Tage ab nicht mehr Poker zu spielen. Mir ist das Spiel so über und übel, ich kann es Dir nicht sagen.

Übrigens musst Du „gerächt“ sein. Nach Verdienst u. Würde. Ich habe circa 500 Francs, fast alles, was ich bei mir hatte, verloren. Und habe heute schon in aller Frühe nach Hause meinen Eltern telegraphiert um Geld, was ich noch nie getan habe. Aber sonst ist es mir unmöglich, Poeschels auch nur einen Centime zu zahlen. Mein armer, aber ehrlicher Vater!“

Im Juni einen Brief aus Zürich:

„.. es geht ein großer Wind. Sonne und Schatten fällt abwechselnd über den Brief, den ich im Garten unter den Bäumen schreibe. Ich fühle mich nicht wohl, die große Hitze vertrage ich so schlecht. Ich werde vielleicht in den nächsten Tagen auf zwei Wochen ins Hochgebirge gehn, denn wenn ich zu Dir komme, muss ich doch gesund sein. Vielleicht hab ich mich auch überarbeitet. Ich schlafe die Nächte wenig und früh bin ich halbtot. Ich hab so viel jetzt zu tun: Dichtung und Politik: ich bin recht kaputt. Eine lange Novelle (so lang wie der „Mohammed“ – Ein Theaterstück. (…)

Dabei habe ich diesen Brief begonnen, um Dich zu umarmen, zu streicheln und zu küssen. Komm mit in meinen Schlaf herüber, liebstes Mädchen!“

Auch in Davos – in der Pension Stolzenfels zeigt dieser Kaiser-Brief Wirkung, Fredi schreibt aus Zürich:

„… Wie sehr man mich aber in Davos verkennt: ein maßloser Ekel und eine unerschütterliche Verachtung der Menschen hat sich immer mehr in mir eingefressen. Dass sie es fertig gebracht haben – unwissend ja auch Deine Eltern, die ich sehr verehre – uns zu trennen, so zu trennen, dass Herzblut zwischen uns fließt wie zwischen zwei Kämpfern, die wir doch Liebende waren – das verzeihe ich der Welt nie und nimmer. Dass Leute wie Poeschels ich unter meinen Feinden sehe, die ich einmal für mutig genug hielt, für mich einzustehen. Ach, pfui Teufel. Und dass man mit einem gebrochenen Eheversprechen hausieren geht – Irene, Du weißt den ersten Abend unserer Liebe noch – wir siezten uns noch und ich sprach: Ich habe Sie lieb. Aber ich will Sie nicht verführen. Ich mache Ihnen kein Eheversprechen. Ich frage Sie, frank und frei, und bitte Sie, frank und frei zu antworten: wollen Sie mein werden? – So sprach ich. Und Du hobst den schönen Kopf und sagtest einfach: Ja. Das hat mich damals erschüttert. – Soll uns alles verdreckt werden? – Wären nicht so sonderbare Zustände in Basel geschaffen bei der Familie Romang, die ebenfalls zu Konflikten kamen: ich würde Dir jetzt anbieten: vieles und alles. So kann ich es nicht und bitte, flehe Dich an: heraus aus Stolzenfels in eine ruhige Pension.“

Es kommt zur Versöhnung, denn beide sind leiden­schaftlich ineinander verliebt.

Guido von Kaulla schreibt:

„… Zur Aussöhnung trifft man sich in Lugano; sie fahren dann zusammen nach Davos. Aus dem „Sanatorium Davos-Dorf“ – mit dem Haus Stolzenfels hat er es durch die Anny-Eskapade noch verdorben… – geht ein Verlobungsgeschenk an Irene: der Privatdruck „Die kleinen Verse für Irene“.

Ab März 1918 mieten sich die nun Verlobten wieder im hochgelegenen Locarno-Monti in der Villa „Neugeboren“ ein. Hermann Hesse trifft hier auf Irene, die auf der Terrasse der Villa sitzt und ihr Brautkleid näht. Sie hat es nicht immer leicht mit dem unruhigen Gefährten, aber sie erlebt auch – und es beglückt sie — wie sehr er durchdrungen ist von ihrer Nähe.“

Hermann Hesse hat sich mit dem Paar immer wieder getroffen und erwies sich oft als großzügiger Freund und Helfer.

Am 8. Juni 1918 heiraten Brunhilde Heberle und Alfred Henschke in Locarno-Monti:

„Es zeigen Alfred „Klabund“, „Schriftsteller“ und „Irene Brunhild Klabund geb. Heberle ihre Vermählung an. Im Standesamtsregister steht: „Municipio di Muralto (Confederazione Svizzera, Cantone icino): II matrimonio fra Henschke, Georg Hermann Alfred, nato a Crossen a. d. Oder il 4. XI. 1890, con Heberle, Irene Brunhilde, nata a Passau il 18. X. 1896, e stato celebrato a Muralto, 8 giugno 1918. Testimoni risultano: Dott. Alfred Henschke, farmacista e Karl Soffel, naturalista.“

Nach der Hochzeit schreibt Klabund an Walter Heinrich in einem Brief vom 30. Juni 1918:

„… „Ich habe mich verheiratet: mit einer Frau, die ganz Tier, ganz Kind, ganz Schmetterling ist, wie jene Wesen, die uns umgeben …“

Der sehnlichste Wunsch von Irene, sie möchte ein Kind. Aufgrund ihrer Erkrankung und ihrer „Zartheit“ spricht alles dafür, den Wunsch nach einem Kinde erst in einigen Jahren zu verwirklichen. Aber sie ist schwanger. Fredi muss erwägen, ob sie es zu einer Austragung kommen lassen dürfen. Doch zunächst verläuft alles normal.

Aus „Die Oden auf Irene“:

Du wandelst unter den Palmen, Silberkind.
Bananenstrauch begrenzte den Blütenweg.
Schon spannt Magnolienbaum den Himmel seiner
Rötlichen Sterne.

Schlingt nicht der See als silberner Gürtel sich
Um deine Kinderschlankheit? Sind Zypressen,
Die dunklen Schwestern, dir nicht zugetan im
Hain von Brissago?

Aber es schwillt der See. Die Blüten stäuben.
Sommer schweift. Die silbernen Reben reifen,
Und an deinen Brüsten saugt ein
Lispelndes Kindlein.

Irene und Fred verbringen den Sommer 1918 in Locarno und am 17. Oktober telegraphiert Fred nach Passau: „Irene plötzlich operiert und mit gesunder klei­ner Irene erwacht befinden ausgezeichnet“.

Tochter Irene Fiete Anny ist ein Siebenmonatskind.

Aber Komplikationen treten ein, am 19. Oktober folgte eine genauere Erklärung an Irenes Vater:

„… ich möchte Dir über Irenens Krankheit, an der wir alle so schmerzlich leiden, einen getreulichen Bericht geben. (…)

Nach meiner Rückkehr aus Davos fand ich Irene schon fiebrig vor. Ich konsultierte sofort vier Arzte, einen Lungenspezialisten, einen Frauenspezialisten, zwei Chirurgen, die übereinstimmend der Ansicht waren, dass Irene eine normale Geburt in ihrem Zustand nicht überstehen würde. Wir entschlossen uns zu einer Operation, die eine Kapazität, Dr. Hermann in Lugano in seiner Privatklinik, übernehmen sollte. Leider verschlimmerte sich Irenes Befinden derart, dass ich es nicht mehr verantworten konnte, vor Euch und vor mir nicht, sie bei uns in unsrer Einsiedelei zu behalten. Ich brachte sie Sonntag im Auto ins Hospital.

Hier bekam sie wider alles Vermuten vorgestern Nacht (im siebenten Monat) die Wehen. Sie musste sofort operiert werden, nachts um 1/2 3, und ein gesundes kleines Mädchen, das wir Irene Fiete Anny Tony nennen wollen, kam zur Welt. (…)

Ich habe in der Nähe des Hospitals in einem kleinen Hotel ein Zimmer gemietet und bin immer bei ihr. Du musst überzeugt sein, dass ich alles tue, um ihre Lage zu erleichtern und ihr Herz zu erhellen. Ich halte es aber unbedingt für geboten, wenn ihre gute Mutter sofort herkommt: schon des Kindes wegen.

Ich will über meinen Zustand keine leeren Worte verlieren. Du wirst selber fühlen, wie es Dir ums Herz ist; und so auch mir. Gegen das Schicksal sind wir machtlos. Möge es uns gnädigst gesinnt sein!“

Tage des Hoffens und Bangens beginnen. Hoffen, dass Irene die Operation überlebt und das Kind gesund ist. Die Mutter reist an um sich zu kümmern und Tochter Irene Fiete Anny soll getauft werden; „achtet nur darauf, dass das Kind sich nicht bei der Taufe erkältet! Alles andere ist mir gleichgültig: ob ein brauner oder ein schwarzer oder ein karierter Pfaffe seinen Segen darüber spricht. Es wird später schon selber wissen, wohin es gehört.“

Fredi hat sich eine Grippe eingehandelt und er schreibt an seinen Schwiegervater, er läge seit drei Tagen im Bett, könne wegen möglicher Ansteckung Irene nicht sehen und mit der Mutter spreche er nur auf dem Balkon. Die „Kleine“ gedeihe prächtig und sie hätten Mutter und Kind getrennt, da Irene Ruhe brauche, aber es gehe ihr etwas besser, obwohl sie sehr matt und abgespannt sei.

Und an seine „Liebste Irene“ schreibt er „immer denke ich an Dich! Wie weh tut es mir, dass ich Dich nicht sehen und sprechen kann, und Deine Hand und Deine Stirn nicht halten kann“

In den letzten Zeilen an Irene heißt es: „Möchten wir doch bald wieder zusammen kommen, und möchtest Du doch jetzt recht schnelle Fortschritte machen. Wolle Gott es doch geben. Ich bin immer so betrübt um Dich.“

Brunhilde Irene Heberle stirbt am 30. Oktober 1918 in Locarno. Die folgenden Wochen sind durch seine Briefe an Walter Heinrich und seine Schwiegereltern am besten nachvollziehbar.

Telegramm an Walter Heinrich:

Locarno                      30/10 4h40

Lieber freund heute nacht ist meine ueber alles geliebte frau sanft entschlafen          bitte Reiß benachrichtigen   Ihr unglücklichster       -Klabund –

Einige Tage nach diesem Telegramm der folgende Brief an Heinrich:

„… Sie haben sich vielleicht ein wenig gewundert über das Telegramm: aber ich war so bestürzt und so ver­zweifelt, ich musste es den paar Leuten, von denen ich glaube, dass sie hin und wieder an mich denken, in die Welt hinaus schreien.

Irene war mir das, was ihr Name besagt: der Friede meiner Seele. Der ist nun dahin. Ich war an ihr reines Herz wahrhaft geflüchtet aus einer unbe­schreiblich schmutzigen Welt. Wir lebten in Monti wie in einer Eremitage nur mit Sternen, Wolken und Tieren. Die Harmonie ihres Wesens war voll­kommen. Sie war ganz eins mit Erde und Gestirn. Gütig, schön, sanft, treu, tapfer — welche Tugenden besaß sie nicht, ganz ohne Kampf als göttliches Ge­schenk?

Dass sie ewig neben mir im Lichte stehen würde, ich hatte es kaum zu hoffen gewagt. Dazu war sie zu engelhaft, zu schwebend. Aber einige Jahre, so malte ich es mir, würden wir doch miteinander selig sein können. Nun wurden es einige Monate. Und bitter bereue ich es, dass ich ihr, wie ich’s zuerst wollte, das Kind nicht im ersten Monat nehmen ließ. Aber sie hatte solche himmlische Freude an dem Kind, dass ich’s nicht über mich brachte. Und als sie ope­riert worden war und man ihr das lebende Kind auf den Arm gab, da lächelte sie paradiesisch. Das Kind ist nun im Säuglingsheim untergebracht. Es wird Irene heißen wie sie.

Ich neide sie um ihren Tod. Zu beweinen sind wir, die Überlebenden. Scheint Ihnen diese Zeit nicht immer fürchterlicher zu vereitern? Mich schüttelt der Ekel, wenn ich die Zeitungen aus beiden Lagern, das nur ein Lager der Lüge ist, lesen muss. (…)

Wie der Mann im Märchen, der auszog einen goldnen Schatz zu heben, ihn auch gewann, bis ihm ein böser Zauberer alles nahm, so kehr‘ ich nach Deutsch­land zurück, müde und elend, ein rechter Landstrei­cher, der nicht weiß wohin, mit leeren Händen und übervollem Herzen.

Ich liege heute auch schon den achtzehnten Tag in der Klinik (ich habe Irene die letzten Tage vor ihrem Tode nicht mehr sehn dürfen), Montag will ich nach meiner Wohnung, Monti-Locarno, Villa Neugeboren, zurück. Neugeboren . . . ein bitteres Wort. ..“

Und am 17. November ein weiterer „Brief“ an ihn:

„… ich sende Ihnen (die postalischen Zustände in Deutschland erlauben doch die Verschickung wert­voller Manuskripte?) in nächster Zeit die beiden letzten Teile meines lyrischen Hauptwerkes, der „Trilogie“: „Irene oder die Gesinnung“ war der erste), „Silvia oder die Verheißung“ und „Coelia oder die Er­füllung“. Ich schicke sie Ihnen, damit Sie sie lesen; geben Sie sie dann bitte an Reiß weiter. Ich will Ihnen einiges wenige darüber sagen, ich schrieb es eben an die Eltern von Irene, und so schreib ich es Ihnen ab, denn ich bin zu müde, es noch einmal neu zu sagen:

„Ihr, die Ihr mich ein wenig kennt (wie wenige ken­nen mich, und außer Irene kannte mich so recht wohl niemand), wisst, wie selbst das scheinbar Ty­pischste, das Stilisierteste bei mir auf dem persönlichsten Erlebnis fußt. So ist denn die Triologie nichts anderes als mein Leben mit Irene: vom Anfang, da sie zu mir trat, bis zu jenem bitteren Ende, da sie von mir ging. Coelia oder die Erfüllung: das ist die Totenklage, die ich schrieb nach ihrem Tode. Coe­lia, das heißt Die Himmlische (wie Silvia die Wald­frau: Silvia symbolisiert unsere Idylle in Monti, unsren Sommer) — aber wie so anders hatte ich mir die Erfüllung gedacht! Ich hatte gemeint, den Him­mel auf die Erde herabzurufen, nun hat der Himmel die Erde von mir genommen. Im Kinde wollten wir erfüllt sein und seine Zukunft wollt‘ ich, getragen von der unsern, darin singen. Nun hat das Kind uns aus dem Paradies gestoßen, und was ich singe, das sind die Klagelieder Jeremiä, die Qualen des Prome­theus, dem ein Geier die Brust zerreißt, die Schreie Hiobs. —

Wer von meinen vielen Gegnern, die mich so gern als herzlosen Faiseur und gar Schurken an die Wand malten, würde glauben, dass sich in mir ein Leander, ein Romeoschicksal erfüllt? Die Revolution in Deutschland erscheint mir nur wie eine Fackel zu ihrer Totenfeier entzündet. Ihr Klabund.“

Am 7. Januar ein weiterer Brief:

„… Dank für Ihre guten Wünsche! Wenn Wünsche hel­fen könnten … Ich bin über Irenens Tod noch nicht hinweggekommen. Und ich werde ihn erst dann überwunden haben, wenn ich mich selber, d.h. meinen Tod — überwunden habe. Was für ein lebendiger Mensch war ich doch! Mit welcher Leidenschaft zum Leben! Nun bin ich wie mitten durchgebrochen, und weder dort noch hier. Weder tot noch lebendig.

Wer mir einmal gesagt hätte, vor einem Jahr, vor einem halben Jahr, mein Lebensinhalt würde einmal der Tod sein, den hätte ich ungläubig verlacht. Woran denke ich? Worauf hoffe ich? Wem gilt meine Lei­denschaft? Meine Freundschaft? Dem Tod, der mir in Gestalt der geliebten Frau immer verführerischer erscheint.

Unsere Liebe war im Sommer zu einen solchen Glut emporgeflammt, dass ich am eigenen Leibe, an eigener Seele erfuhr was es heißt: ein Ro­meo, ein Leander zu sein. Ich war durch hundert Frauen gegangen und weil ich hundert Frauen kannte: umso einziger erschien mir dieses Wunder an Frau und nie nie wieder werde ich ihr begegnen. Ich habe die Vollkommenheit umarmt. Aber: wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben …(Platen). Sie vereinigte die Rein­heit „Beatricens“, die Schönheit „Lauras“ mit der Güte der heiligen „Katharina“ und der Kindlichkeit der Braut des Novalis: „Sophie“.

Sie galt der kleinen bayrischen Stadt, der sie entstammte, wie eine Heilige: die ganze Stadt hat geweint bei ihrem Tode. Nun hasst man mich. Gewiss mit Recht. Denn mit dem Kinde hab‘ ich sie getötet. Meine höchste Seligkeit wurde meine tiefste Schuld. In welchem Labyrinth wandeln wir armen Men­schen! Wie hilflos zappelt unsre Erde, die schwarze Fliege, im großen, goldenen Spinngewebe! Ich will alle meine Verse, die ich ihr geschrieben habe, vereinigen in einem Band „Der Cherubim*: die Elegie, die Sonette, die Oden, Distichen und Kleinen Lieder. Und als Anhang: den kleinen Einakter: „Der Totengräber* samt einem kleinen Buch „Balladen“.

Am 17. Februar 1919 erhält Walter Heinrich ein Telegramm: „Lieber Herr Heinrich, Irene hat heute ihr Kind zu sich gerufen.

Und damit endet der Briefwechsel zwischen Klabund und Walter Heinrich, ihre Freundschaft aber bleibt bestehen bis zum Tode von Fredi.

In allen Biographien über die Zeit nach dem Tod seiner Frau und nach dem der Tochter ist kein Hinweis zu finden, wie die Familie in Crossen reagiert hat. Bruder Hans war an der Front, zeitweise verwundet im Lazarett. Aber wir reagierten die Eltern? Erhalten sind nur Briefe nach Passau, in denen Fredi schreibt: „nun weiß ich nicht mehr wo ich hin soll in der Welt. Ich habe keine Heimat mehr. Das Herz, darin sie war, schlägt nicht mehr. (…) Und auch die Himmlischen lieben es nicht, wenn Menschen den Himmel auf die Erde herab tragen. So rissen sie uns auseinander (…) Dieser Sommer war die reinste und reichste Erfüllung meines Herzens. Was mir Irene war: wusstest Du. Heute, da dieses Wesen nicht mehr lebt; da muss meine Liebe überfließen, sie wogt uferlos hin und her, und sucht ein Bett, dass sie zur Ruhe komme. Irene war mir Frau, Geliebte, Mutter, Kind, alles, aber sie war mir mehr. Sie war die Göttin meiner besten Verse.

Am Tag ihrer Beerdigung diese Zeilen: „Gleich werden die Glocken sie zu Grabe läuten. Ich werde nicht an ihrem Grabe stehn, denn ich liege noch immer krank und elend zu Bett. Aber selbst wenn ich gesund wäre, ich könnte nicht ihr jene drei Handvoll Erde nachwerfen – denn diese Erde ist zu schmutzig für sie. Gott wird ihr eine Handvoll Sterne nachwerfen und die Sonne wird sich verdunkeln.

Behaltet mich lieb als Euren Sohn. Und wenn ich nicht weiß wohin – darf ich zu Euch kommen?“

Nach Passau gehen die Briefe, die von seiner Trauer und Einsamkeit erzählen, nicht aber nach Crossen, wenn er schreibt: „Tag und Nacht ist Irene mein Gedanke, und Gott weiß, wie gern ich sterben würde. Ihr letztes und schönstes Bild ist immer bei mir: sie hat eine Blume in der Hand und lächelt. Und dieses Lächeln (sie konnte so himmlisch lächeln) wird mich immer zu Tränen beglücken.

Tage später: „heute bin ich eine Stunde aufgestanden. Ich sitze am Fenster, es regnet. Die Berge sind in Nebeln. So ganz in Grau, ich auch. Im Angesicht ihrer hab ich die „Totenklage“ geschrieben, die ich Dir schicke, sobald sie fertig ist. Die schönste, strengste, schwerste Form des Verses soll ihr huldigen: das Sonett.“

Seine Hoffnung in diesen Tagen ist die Tochter, das kleinste Zeichen einer Veränderung – an einigen Tagen eine Verbesserung – wird wiederum nach Passau geschrieben: „bist Du nicht froh, wie gut es unserem Kindlein geht? Seit acht Tagen kann es kaum genug kriegen; man hat die Nahrung gewechselt, und seitdem (ich konnte mich durch Augenschein überzeugen) blüht und leuchtet es förmlich auf. Was der gestrige Gang auch für mich bedeutete: Du wirst es ahnen. Die Vorstellung, dass Irenes Opfer, ihre Hingabe an den Tod, vergeblich gewesen sein sollte, hätte mich von neuem an den Rand der Verzweiflung geführt.“

An Selbstmord denkt er, „gestern Abend hatte ich alles gerichtet, ich dachte, nun ist es gut, nun will ich es tun. Der Revolver lag auf dem Nachttisch, daneben ein Glas, gefüllt mit … Wasser. Auf den Kissen im Bett vor mir lag ihr Bild, ihre Briefe hielt ich in der Hand und das kleine Bündel blonder Haare. Dann weinte ich. Und dann war mein Mut dahin.“

Die Hoffnungen erfüllen sich nicht, am 15. Januar schreibt er, er war „beim Kindlein“ und es gehe diesem gar nicht gut, „Der Arzt war mehrmals da. Er ist der Meinung, dass ihm an Lunge, Herz usw. nichts fehlt: die Temperatur hat sich auf die Verdauungsorgane geschlagen. Es verdaut schlecht und nimmt nur ungern, was man ihm gibt: Milch, Tee, Haferbrei.“

Und in einem letzten Brief schreibt Fredi, nachdem Irene Fiete Anny am 17. Februar 1919 gestorben ist: „heut ist der erste Frühlingstag, und heute muss ich das Kind begraben. Ich werde in Eurem Namen einen kleinen Kranz, Maiglocken und Nelken auf den kleinen Sarg legen, und auf Irenes Grab einen Blumenstrauß. Das Kindlein wird neben seiner Mutter zu liegen kommen; in jenem Grab, das ich eigentlich mir zugedacht hatte.

Klabund gibt sich in der folgenden Zeit die Schuld am Tode von Irene, in der Totenklage verarbeitet er dieses Trauma.

Ich war dein Tod. Ich habe dich gemordet.
Schuld bin ich, daß das Chaos wie ein Krater
Aufbricht und Feuer speit. Ich bin der Vater
Der Anarchie, die rot uns überbordet.

Ich war dein Tod. Ich habe dich gemordet.
Vergebens warnte mich der brave Pater,
Ich schändete dich, dolorosa mater…
Ich habe dich mit meinem Kind gemordet.

Die Herrschaft, die du mit der Lilie übtest,
Ich stürzte sie im Fieber meiner Kaste.
Du lächeltest. Du segnetest. Du liebtest.

Ich blickte finster. Drohte. Fluchte. Haßte.
Und während du das Gold vom Staube siebtest,
Lief ich zur Wollust, grölte, soff und praßte.

XXX

Der erste Monat, seit du starbst ist um.
Ich schrieb an jedem Tag dir ein Sonett,
Und bracht es abends an dein Himmelbett.
Du lauschtest ihm, die Augen zu und stumm.

Und glaubt ich, daß es dich ermüdet hätt,
Verscheuchte ich des Bienenvolks Gesumm.
Du schliefst. Dein Schlaf war mein Martyrium.
Und dein Erwachen wird mein Amulett.

Und wen sein Mensch verließ am Wanderstab,
Dem reich ich ein Sonett zum kargen Trost.
Den tausend Tränen, die er weinte, gab

Die Schale ich. Die Gottheit wägt uns lost.
Das höchste Glück sinkt in das tiefste Grab.
Der Strom der Ewigkeiten stürmt und tost.

„… Die Selbstanklage, Frau und Kind fahrlässig getötet zu ha­ben, durchzieht auch die letzten der erhaltenen Briefe an den Mentor Heinrich: „Ich glaube, dass in den nächsten Jahren keine Mutter auf der ganzen Welt mehr gern guter Hoffnung wird. Ich sehe ganz schwarz.“ (Matthias Wegner)

Locarno

Nun bist der Heimat du verwaist –
Doch wird sich auf den fremden Wellen
Ein zweites Boot die zugesellen,
Die Hand führt golden, wenn es dunkelt,
Durch Sturm und Schatten hin der Kiel
Im Mondstrahl, der wie Heimat funkelt,
Zu einem neuen Sterneziel.

von Irene Heberle – gewidmet ihrer Tochter

Und nochmal Matthias Wegner über Klabunds Verhältnis zu den Schwiegereltern:

„… Weit umfangreicher ist der Bestand seiner Briefe an deren Eltern, denen er herzlich zugetan war, zumal sich die Mutter selbst als Lyrikerin versuchte und Klabund sie dabei ermunterte. Er empfahl sie an Verlage und riet ihr: „Vielleicht probieren Sie’s auch mal mit kleiner Prosa.“ Hilfsbereitschaft war ein unerschütterlicher, oft unter Beweis gestellter Wesenszug des Dichters.

Davon, dass die schrecklichen Ereignisse die Beziehungen Klabunds zu Irenes Eltern – die er „Vater“ und „Mutter“, auch „Mama“ nannte – nur noch enger werden ließen, legt die bis an sein Lebensende intensive Korrespondenz mit ihnen Zeugnis ab. Deutlicher als zuvor schoben sich während der lang anhaltenden Verzweiflung Äußerungen zu seiner von Irene geförderten, wenn nicht sogar ausgelösten, politischen Wandlung in den Vordergrund. Klabunds Einstellung gegenüber den revolutionären Zuständen im Nachkriegsdeutschland blieb zwiespältig.“

Bis August 1919 ist Klabund immer wieder in Monti. Und einmal fand ich noch einen Brief, den er im Mai 1924 aus Locarno schrieb, ob er aber auch oben in Monti war, ist zweifelhaft.