Familie

Alfred (Fredi) Georg Hermann Henschke wurde am 4. November 1890 im damaligen Crossen an der Oder geboren. Bekannt geworden ist er unter dem Pseudonym „Klabund“.

Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-06394 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, <a href=“<a href=“Von Bundesarchiv, Bild 102-06394 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5479888

Wer waren seine Eltern und deren Familien?

Familie Henschke

Die Familie stamme aus Cottbus und Umgebung und aus Muskau, schreibt Guido von Kaulla und sie habe „slawischen Bluteinschlag“ gehabt. Dabei beruft er sich auf Fredi Henschke. Was Abstammung angeht, so ist bei diesem Vorsicht angebracht, denn machte sich Klabund über andere lustig, tauchten unter seinen Vorfahren alle möglichen Abstammungen auf.

Andererseits kann diese durchaus stimmen, denn Cottbus (niedersorbisch Chóśebuz) gilt als das politische und kulturelle Zentrum der Sorben und Bad Muskau (obersorbisch Mužakow, was so viel wie Männerstadt heißt), ist nicht nur berühmt durch den Fürsten und Landschaftskünstler Hermann von Pückler-Muskau, sondern eben auch eine Stadt mit sorbischem Bevölkerungsanteil.

Pfarrer sei sein Urgroßvater gewesen und Pfarrer oder Pastoren tauchen in unserer Familien reichlich auf, vielleicht ja eine Voraussetzung um Dichter zu werden, nur bei mir hat es nichts genützt.

Dieser „slawische Bluteinschlag“ wird ausdrücklich von Fredi erwähnt in einem autobiographischen Eigenbericht, den er 1921 als Schilderung seines Werdeganges für einen (nicht erschienenen) Verlagsprospekt niederschreibt.

Kirchplatz und Apotheke (links) in Lebus Bild: Manfred Hunger Lebuser Heimatverein http://www.heimatverein-lebus.de/

Großvater Emil Anton Hermann Hensche (geboren in Lebus ca. 1820) ist 1861 Apotheker in der Lebuser Adlerapotheke. Das Königliche Amtsblatt vom 19.6.1861 vermeldet dazu:

„Der Apotheker Herrmann Henschke zu Lebus ist auf Grund der ihm von der Direktion der Deutschen Feuer-Versicherungs- Actien-Gesellschaft in Berlin ertheilten Anstellungsbescheinigung als Agent dieser Gesellschaft concessionirt worden. Diese Stellung berechtigt ihn nur zur Vermittlung, nicht zum Abschluss von Versicherungsverträgen oder zur Besorgung sonstiger Rechtsgeschäfte für die genannte Gesellschaft.“

Verheiratet war er mit Auguste Emilie Maria Rasenauer, über die nichts bekannt ist, sie stirbt in Frankfurt/Oder um 1902.

Emil Anton Hermann Hensche übernimmt zwischen 1869 und 1882 – die Jahreszahlen sind nicht ganz konkret, da nicht für jedes Jahr ein Wohnungsbuch erschien – als Besitzer die Adler-Apotheke in Frankfurt/Oder. Diese lag im Stadtzentrum, in der Bischofstraße 15, unweit vom Rathaus. Zwischen 1879 und 1882 zog er in das Haus Lindenstraße 4 und kaufte dann zwischen 1882 und 1885 das Haus Bahnhofstraße 13. Er stirbt um 1900 in Frankfurt/Oder.

Adler Apotheke Frankfurt/Oder 1925 Bild: Manfred Hunger Lebuser Heimatverein http://www.heimatverein-lebus.de/

Klabunds Vater, Dr. Carl Wilhelm Alfred Henschke wird am 1. März 1858 in Lebus geboren. Er geht dort auf das Realprogymnasium, macht Abitur in Frankfurt an der Oder und studiert in Marburg. Beruflich hochgebildet wird er 1884 als Assistent ans Pharmakologische Institut der Universität Marburg berufen und dort lernt er seine Braut Antonie (Toni) Buchenau kennen. die zweitjüngste Tochter des Gymnasialdirektors Geheimrat Dr. Georg Buchenau und diese heiratet er am 30. September 1887 nach erfolgreich abgeschlossenem Studium als Dr. Phil.

Sehr kurz arbeitet er in der väterlichen Apotheke in Frankfurt, dann macht er sich selbstständig. Seit 1888 wohnte die Familie Henschke in Crossen. Der Vater von Klabund war Besitzer der Königlich-privilegierten Adler-Apotheke – diese befand sich in der Dammstraße 344/45 – und hatte den Alleinvertrieb von Sinalco für Crossen und Umgebung. Alfred Henschke verkaufte auch „eigene Spezialitäten“, so in einer Anzeige im Crossener Kreiskalender aus dem Jahr 1931 zu lesen. Zu diesen gehörte „Dr. A. Henschkes Restitutions-Fluid“, angeboten in der Kategorie „Tierarzneimittel“.

Die Adler Apotheke in Crossen Quelle:Heimatkreis Crossen/Oder http://www.heimatkreis-crossen-oder.de/

Nicht minder erfolgreich seine Mineralwasserfabrik, die im Laufe der Jahre so einen Aufschwung nahm, dass für den Transport der Getränke zunächst Pferdegespanne und schließlich sogar Kraftwagen er­forderlich waren.

Da sich die Chronisten streiten, wo Klabund geboren wurde, er kam im Haus in der Dammstraße 1890 zur Welt, erst 1892 wurde die Apotheke in die Roßstraße, später Dr. Henschke Straße verlegt.

Die Crossener merkten ziemlich schnell, was sie an Dr. Henschke hatten und so wurde er bereits 1893 in den Magistrat berufen, dem er bis 1930 angehörte und 1907 wählte man ihn zum unbesoldeten ersten Beigeordneten, also dem Stellvertreter des Bürgermeisters.

Bedingt durch die Abwesenheit des damaligen Bürgermeisters während des I. Weltkrieges und dann nochmal nach dem Abgang von Bürgermeister Dr. Strauss war er der verantwortliche Leiter der Stadt. In der Kreisverwaltung wirkte er von 1910 bis 1925 als Mitglied des Kreisausschusses und der Kirchenvertretung von St. Marien gehörte er rund 20 Jahre an.

In den Crossener Heimatgrüßen vom April 1951 ist zu lesen:

„ … In allen seinen vielfältigen Funktionen war Dr. Henschke nie ein Mitläufer. Die wesentlichsten Merkmale seiner Persönlichkeit waren vielmehr unbeugsame Willenskraft, schöpferische Initiative und tatfroher Mut, mit denen sich ernsteste Pflichtauffassung und absolute Selbstlosigkeit vereinigten. Wesensfremd war ihm engstirnige Kleinbürgerlichkeit und deshalb setzte er sich für einen Fortschritt ein, der auch das Wagnis nicht scheute. Er war die treibende Kraft bei zahlreichen Planungen, so beim zeitgemäßen Ausbau des Rusdorfer Wasserwerks, bei der Modernisierung des Gaswerks, beim Bau des Schlachthofs und der Knabenvolksschule, bei der Schaffung des erstklassigen Crossener Straßenpflasters und bei den Schöpfungen der Volksbücherei und des Heimatmuseums.

Nicht hoch genug einzuschät­zende Verdienste erwarb sich Dr. Henschke ferner beim Auf­bau einer Freiwilligen Feuer­wehr, die kraft modernster Ausrüstung hervorragend ein­satzbereit war. Er selbst stand diesem Instrument bis in sein hohes Alter als Branddirektor vor und pflegte in dessen Rei­hen durch eigenes Beispiel eine vorbildliche Kameradschaft. Er­füllt von tiefster Humanitas war er jahrzehntelang hochver­ehrter Meister vom Stuhl der Crossener Loge .Zur Festen Burg“. Daneben fand dieser seltene Mann noch Zeit, als Schützenmeister der Pfleger altbürgerlichen Brauchtums zu sein, wie überhaupt überall dort mitzutun, wo es um das Allgemeinwohl ging.“

An seinem 60. Geburtstag wurde ihm 1918 als Ehren­gabe der Stadt eine Dr.-Alfred-Henschke-Stiftung zur freien Verfü­gung überreicht und 1922 wurde er Ehrenbürger. Damit nicht genug, als er 1930 aus seinen städtischen Ämtern wegen seines hohen Alters ausschied, wurde ein Teil der Roßstraße in Dr.-Henschke-Straße benannt.

Dr. Alfred Henschke Quelle: Guido von Kaulla Brennendes Herz

Und nochmal die Crossener Heimatgrüße April 1951:

„ … AIs Dr. Henschke, inzwischen 75 Jahre alt geworden, 1933 aus den letz­ten bis dahin von ihm verwalteten Ämtern ausschied, wurde ihm auf dem Sportplatz eine öffentliche Dankeskundgebung bereitet. Daran beteiligten sich mit all den Organisationen, in denen er aktiv tätig gewesen war, so­gar die NS-Formationen, diese aber aus zwielichtigen Gründen Man wusste, dass dieser Mann auf der Gegnerseite. stand, aber man scheute sich, ihn zu brüskieren, weil man fühlte, dass die ganze Einwohnerschaft ihm zugetan war.“

Das Schlusswort zu seinem Engagement hat der ehemalige Herausgeber des „Crossener Tage­blattes“ Rudolf Zeidler, dessen Familie in der Nachbarschaft wohnte und der mit den Henschkes aufgewachsen ist:

„ … Soviel konnte ich schon als Schuljunge erkennen, dass Dr. Henschke ein sehr kluger, großzügi­ger und keineswegs von sich eingenommener, vor allem aber ein be­scheidener Mann war.

Und doch gab es einen eleganten Ehrenbürger Henschke gelegentlich im Frack zu sehen, der ihm sogar ausgezeichnet stand. Diesen trug er in aller Öffentlichkeit als Schützenmeister und Kommandeur der „Schwarzen Schützen“‚ jedes Mal beim Königsschießen zu Pfingsten sowie beim zweiten Schützenfest des Jahres im Herbst.

Dr. Alfred Henschke. der, soviel ich weiß, niemals Soldat war. und der, wenn er wirklich sein Ein­jähriges absolviert hätte, nie eine stramme militärische Figur abzuge­ben vermochte, fand sich vorbildlich mit der Rolle eines Kommandeurs ab. wenn er mit seinem wiegend-fe­dernden Schritt, den Zylinder in der Hand, unter den Klängen des Präsentiermarsches die Front der salutierenden grünen Schützen ab­schritt, um sich dann hinter der Mu­sikkapelle einzureihen. Als Oberbranddirektor der Freiwilligen Feu­erwehr in Uniform hätte man sogar in ihm einen pensionierten General vermuten können, wenn die Grußerwiderung nur ein klein bisschen korrekter ausgefallen wäre.

Von welch hervorragendem Cha­rakter war doch dieser Mann! Niemals habe ich es erlebt, dass er Schlechtes über einen Mitbürger ge­sprochen hätte, sofern dieser abwe­send war. Dafür konnte er die geschliffene Klinge des Geistes mit sei­nen Gegnern umso schärfer kreuzen, wenn er für fortschrittliche Ideen im Kreis- Stadt- oder Kirchenparlament eintrat und dabei auf Wider­spruch stieß.

Seine liebenswerte Gattin wirkte gegen diesen vitalen, fast nur in der Öffentlichkeit wirkenden Mann fast wie ein scheues Reh, das Henschke als anregenden Geist bei sich am liebsten im Hintergrund ver­barg.“

So ganz hat man die Familie im III. Reich doch nicht in Ruhe gelassen, Rudolf Zeidler schreibt:

„ … Wie bedrückend und be­schämend muss es für ihn gewesen sein, als er nach 1933 in einer öffent­lichen Erklärung, aufgegeben im Crossener Tageblatt“ und von mir gern veröffentlicht, sich energisch gegen Gerüchte zur Wehr setzen musste, dass seine Ehefrau nicht arischer Ab­stammung sei.“

Auf diesen Versuch einer Diskriminierung durch das braune Pack einzugehen lohnt nicht. Aber ein „Treppenwitz“ ist, an dieser Behauptung stimmt, dass Antonie Henschke tatsächlich nicht den Vorstellungen der „reinen Rasselehre“ dieser „Germanen“ entsprach und das kommt noch.

Am 24. November 1936 stirbt Dr. Alfred Henschke. Er wurde neben seinem Sohn begraben und diese beiden Gräber ließen die „Nazis“ in Ruhe, der Respekt vor seiner Persönlichkeit in der Stadt war Schutz genug.

Friedrich Wilhelm Johannes (Hans) Henschke

Hans Henschke Bildrechte: Elke Gundel Norderstedt Hartmut Deckert Aspach

 Klabunds Bruder wird am 12. August 1897 in Crossen an der Oder geboren und was Fredi nicht wollte, Hans studierte wie der Vater in Marburg und wurde der Nachfolger in der Adler-Apotheke. Ob er auch die Mineralwasserfabrik übernommen hat, weiß ich nicht. Sicher ist nur, er baute den Betrieb aus und gliederte noch eine Drogerie an.

Am 26. Juni 1940 heiratete er in Reppen Kreis Westernberg Ruth Else Heinrich (geb. am 03.07.1922). Bis zu ihrer Vertreibung 1946 bekam das Paar zwei Kinder.

Der II. Weltkrieg neigt sich langsam dem Ende zu, am 15. Februar 1945 besetzte die Rote Armee die Stadt, Bis auf wenige Ausnahmen (Kirchen und Schulen) wurde die gesamte Innenstadt niedergebrannt. 499 Häuser und damit 65 Prozent der Bausubstanz der Stadt wurden zerstört.

Erwähnenswert ist, dass Johannes Henschke das Crossener Krankenhaus nach Ende der Kriegshandlungen vor Schaden bewahrte und viele polnische Menschen medizinisch betreute.

Die Autorin Beata Halicka beschreibt in ihrem Buch „Crossen an der Oder 1005-2005, Das gemeinsame Kulturerbe“ die Tage nach dem Einmarsch der roten Armee:

„… Wie bereits erwähnt war Crossen von Februar bis Mai entvölkert. Leider liegen keine Daten vor, wie viele Deutsche, Russen und Polen sich in dieser Zeit hier aufhielten. Zu den polnischen Bürgern gehörten vor allem die Zwangsarbeiter,   die   noch   während der Besetzung des polnischen Staates durch die Wehrmacht nach Crossen gebracht worden waren. In anderen Städten der Region bildeten eben diese Menschen die ersten polnischen Verwaltungen. Im Falle von Crossen fehlen solche Angaben. Tadeusz Slominski, der im April 1945 hierher kam, erinnert sich an acht Polen in Crossen, fünf Männer und drei Frauen. Die Männer sollen in der Stadt geblieben sein, die Frauen, die aus Ostpolen kamen, haben sie bald verlassen. Sie alle wohnten zusammen in der Gärtnerei auf dem Berg. Da in diesem Haus auch der Apotheker Dr. Henschke mit seiner Frau wohnte, kam es zu der ungewöhnlichen Situation, dass in dieser vom Krieg gekennzeichneten Zeit Deutsche und Polen unter einem Dach friedlich zusammenlebten. Es war kein Zufall sondern eine freiwillige Entscheidung, man konnte sich nämlich in der Stadt nicht sicher fühlen und deswegen schlossen sich die Menschen zusammen und halfen sich gegenseitig. Tadeusz Slominski erzählt von Familie Henschke mit Hoch­achtung und Sympathie und nennt sie stolz seine Freunde. Dr. Henschke war mehrere Monate lang der einzige Apotheker in der Stadt und nicht selten ersetzte er einen Arzt und half mit seinem Wissen sowohl den Crossenern als auch den Krosnoern. Die Stadt verdankt ihm auch, dass das Kreiskrankenhaus nicht ausgeplündert wurde und die dort vorhandenen Geräte und Arzneimittel rechtzeitig geborgen werden konnten.“

Als er mit seiner Ehefrau und zwei Kindern im November 1946 Crossen schließlich verließ, bzw. vertrieben wurde,, kamen die Kinder auf tragische Weise ums Leben.

Aus einem Schreiben des Regierungspräsidenten in Hildesheim an die Sozialbehörde der Hansestadt Hamburg geht hervor: Hans Henschke landete mit seiner Frau in einem Lager in Leipzig. Seine Versuche, in die Westzonen zu entkommen, waren erfolglos. Damals ließen die Westalliierten keine Flüchtlinge mehr in ihre Zonen. Erst im Verlaufe des Jahres 1946 wurde Flüchtlingen eine Einreise in die Britische Besatzungszone eingeschränkt erlaubt, ab 1947 war dann auch die Einreise in die übrigen Besatzungszonen möglich.

Im Dezember 1947 erhält die Familie eine dreimonatige Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz. Daraus sind Jahre geworden. Hans Henschke arbeitet in Basel als Apotheker und dort stirbt er auch am 27. Dezember 1952.

Hier hatte sich die Spur der Familie verloren, denn die Behörden der Stadt Basel wussten nicht, wo sie suchen sollten, wenn ich keinerlei Anhaltspunkte mehr hatte.

Ein Zufall half mir dennoch. In den Crossener „Heimatgrüßen“ der Jahre 1949 bis 2010 fand ich die Todesanzeige der Ruth Henschke. Zu meiner Überraschung starb sie am 31. Dezember 1961 in Hamburg-Bergedorf, der Stadt, in der ein Teil meiner Verwandtschaft wohnte und noch wohnt.

Der Rest ist schnell erzählt: laut dem Adressbuch der Hansestadt verzog sie 1960 nach Hamburg und wohnte in der Justus Brinckmann Straße 88 bis eben zu ihrem Tod.

Werner Henschke

So etwa 11 Jahre alt, „erschüttert Fredi die erste Berührung mit dem Tode, als das Brü­derchen Werner stirbt.“ Mehr war über den dritten Sohn des Ehepaares Henschke nicht zu finden. Spekuliere und rechne ich etwas – letzteres ist nicht meine Stärke – ist Werner vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges geboren und stab als kleines Kind. In der Familie war offenbar darüber nichts bekannt. Und deshalb gibt es auch über ihn nicht mehr zu berichten.

Marktplatz des alten Crossen Fotoarchiv der Stadtamt Krosno Odrzańskie (Polen) http://www.krosnoodrzanskie.pl/

Klabunds Mutter 

Klabunds Mutter Emilie Antonie (Toni) Buchenau Quelle: Guido von Kaulla, brennendes Herz

 Emilie Antonie (Toni) Buchenau kommt am 17. Mai 1867 in Marburg als jüngste von fünf Töchtern des Friedrich Wilhelm Heinrich Valentin Georg Buchenau und seiner Ehefrau Wilhelmine Hedwig Gertrude Friederike Usener zur Welt.

Ihre fünf Jahre ältere Schwester Charlotte Anna Elise Buchenau ist meine Urgroßmutter.

„Chef“ dieses „Weiberhaushaltes“ ist der geheime Regierungsrat und Direktor des Gymnasiums Marburg, Friedrich Wilhelm Heinrich Valentin Georg Buchenau, (Spitznamen „Schnautzer“) 1826 in Kassel geboren und 1901 in Marburg gestorben. Mit fünf Töchtern ist dieser Zweig der Familie Buchenau ausgestorben, aber er hatte einen Bruder – Franz Georg Philipp und den zog es nach Bremen. Auch er Lehrer und Direktor der Realschule am Deventor und durch Heirat mit einer Tochter aus alteingesessener Bremer Senatorenfamilie „fruchtbarer“ Vorfahr der meisten heutigen Buchenaus in Norddeutschland. Wollte ich bei allen eine Tasse Tee oder Kaffee trinken, wäre ich ein Weilchen beschäftigt und käme dabei ganz schön rum.

Zurück zu Friedrich Wilhelm Heinrich Valentin Georg Buchenau. Seine Doktorarbeit aus dem Jahre 1849 fand ich im Internet, aber lesen konnte ich sie nicht, sie war in Latein abgefasst, schade.

Friedrich Wilhelm Heinrich Valentin Georg Buchenau Bildrechte Familienbesitz

Am Montag, den 13. September 1852 heiratet er in Marburg Wilhelmine Hedwig Gertrude Friederike Usener, geboren am 7. Oktober 1826 in Marburg und Tochter des Archidiakonus und Pfarrer an der lutherischen Pfarrkirche in Marburg Johann Georg Wilhelm Usener.

Wilhelmine Hedwig Gertrude Friederike Usener Bildrechte Familienbesitz

Und durch sie kommt der schon erwähnte „Treppenwitz“ von der nichtarischen Abstammung der Emilie Antonie Buchenau ins Spiel. Durch ihre Mutter habe sie hugenottische Vorfahren. Guido von Kaulla beschreibt diese:

„ … Ihr Großvater ist der aus einer kurhessischen Beamtenfamilie stammende und im Offiziersrang stehende „Kontrolleur der hessischen Kriegskasse“ Johann Heinrich Buchenau. Toni hatte 1881 ihre Mutter verloren: Wilhelmine Buchenau, eine geborene Usener, in deren Familie hugenottische Ahnen vorkommen. Man nennt in Crossen den Lieutenant Jean-Louis Kleinhans – er ist Nr. 200 auf der Ahnentafel. Im uckermärkischen Refuge der Hugenot­ten zwischen Berlin und Stettin sind gleich nach 1685 die Kleinhans noch als Petitjean eingewandert und ebenso die Villains (mit urkundlichen Namensabwandlungen), die aus der Umgebung von Möns (Bergen) in Belgisch-Hennegau stammen, also einem der hugenottischen Herkommensschwerpunkte. J. L. Kleinhans* (Petitjean) hatte 1731 Jeanne Judith Vilaing aus dem „Hugenottendorf“ Schwabendorf geheiratet.“

Hier hat der Biograph einiges durcheinander gebracht, also der Reihe nach: Johann Heinrich Buchenau ist der Großvater, aber er stammt nicht aus einer kurhessischen Beamtenfamilie. Handwerker und Soldaten waren die Buchenaus bis zu Johannes Buchenau, der in der Familie bis ca. 1620 zurückverfolgt werden konnte.Antonies Mutter Wilhelmine Hedwig Gertrude Friederike Usener hat zwar hugenottische Vorfahren, aber nicht die angeführte Familie Kleinhans.

Johann Heinrich Buchenau – der Großvater von Antonie – war verheiratet mit Auguste Charlotte Christine Rosalie Kleinhans und die „Deutsche Hugenottengesellschaft“ glaubt nicht an die hugenottische Abstammung der Kleinhans, denn die Familie Kleinhans ist evangelisch und stammt aus Ippinghausen in Hessen. Aber in diese Familie hat eine Frau eingeheiratet, die wahrscheinlich Hugenottin ist. Besagter „Lieutenant Jean-Louis Kleinhans“ wurde etwa 1797 in Schwabendorf geboren und nicht im damaligen Preußen. Fazit, Kleinhans gab es in Hessen lange bevor Hugenotten aus Frankreich flohen.

Wir sind eine flexible Familie und einige Hugenotten aus dem Hut zu zaubern, ist eine leichte Aufgabe: Klabunds Urgroßmutter mütterlicherseits war die Tochter der Hugenottin Marguerite Susanne Wilhelmine Guillaumette Rousselet aus der französisch reformierten Gemeinde Mannheim, verheiratet seit 1775 mit Johann Deurer.

Also haben Klabund und ich, um die lange Reihenfolge der Familie Rousselet abzukürzen, einen gemeinsamen Vorfahren, den ersten Bürgermeister der Stadt Friedrichsdorf im Taunus, Esaie Rousselet, geboren um 1636 in Vitry-le-Croise, Department Aube, Champagne-Ardenne, der flieht mit seiner Familie nach Hessen und wird zwischen 1687 und 1690 eben dort Bürgermeister.

Antonie war keine „zierliche, zarte und scheue Tochter“ (Guido v. Kaulla), höchstens wie die vier Schwestern eine „hausfrauliche“, wie damals üblich. In der Familie gibt es eine Rezeptsammlung, an der sie beteiligt war und meine Oma bekam diese nach ihrer Heirat. Eine Tante hat diese Sammlung einmal abgeschrieben und die Titelseite war die folgende:

KOCH-RECEPTE

Mit Vielem hält man Haus Mit Wenig kommt man aus

Trink und iß Gott nicht vergiß

Für das Zubereiten von Salaten hat ein geistreicher Franzose vier Forde­rungen aufgestellt:

Man soll ein Verschwender in Oel,
ein Geizhals in Essig sein,
die Genauigkeit eines Pedanten und
die Sorgfalt einer guten Mutter besitzen.

 

kleiner Tassenkopf oder 1 Weinglas enthält 1/8
1 gehäufter Eßl. Zucker wiegt 25 Gr.
gestrichener Eßl. Zucker wiegt 20 Gr.
eicht gehäufter Eßl. Mehl, Grieß oder Semmel wiegt 20 Gr.
Gestrichener Eßl. Salz 20 Gr.
gehäufter Eßl. Butter 40 Gr.
eidickes Stück Butter 60 Gr.
leicht gehäufter Teelöffel Hirschhornsalz oder anderes Backpulver wiegt ungefähr 6 Gr.

Der lieben Grete zum fleißigen Gebrauch im eigenen Heim!

Crossen, Ostern 1918 – Tante Toni

Diese Rezeptsammlung, an der wahrscheinlich alle fünf Buchenau-Töchter beteiligt waren, ist schon ein kleines „Schatzkästlein“.

Emilie Antonie Buchenau stirbt in Crossen Anfang Februar 1945. Weil der Bergfriedhof schon unter sowjetischem Granat­feuer lag, musste sie in Bober­höh beerdigt werden.

Meine Oma – Klabunds Cousine – hat neun Enkel und wir sind wahrscheinlich die letzten Verwandten des Dichters.

Die Straßennamen gibt es nicht mehr, die Apotheke ist zerstört und alle anderen Spuren der Familie Henschke sind verwischt. Auf Rosen gebettet waren die Henschkes nicht.

Es ist ein Licht erglommen –
Ich muß die Hände vor das Antlitz tun.
Es werden andre kommen
Und zwischen deinen Lippen ruhn.

Es werden andre ahnen,
Was deine kühle Klarheit scheint.
Ich bin auf dunklen Bahnen
Verwaist längst und verweint.

Es wird an deinem Schenkel
Die rote Rose ewig blühn.
Es werden Kinder noch und Enkel
Die Hände zum Gebet zusammenziehn.