Katharina Karolina Neher – „Wir Schauspielerinnen stolpern nur im Leben (?)“

Carola Neher 1905 Quelle; Foto Sammlung Becker

Carola Neher wurde am 3. November 1900 im elterlichen Haus in der Hirschgartenallee 33 in München-Nymphenburg ge­boren, getauft auf die Namen Ka­tharina Karolina nach den Vornamen ihrer aus der Pfalz stammenden Mutter. Sie war das erste von drei Kindern aus der zweiten Ehe ihrer Mutter. „Ein „unheimlich temperamentvoller, sympathischer Teufel“, wie ihr Bruder Josef sie beschreibt.

Quelle; Foto Sammlung Becker

Um ihr Geburtsdatum gab es später ein beachtliches Verwirrspiel und daran war Carola Neher nicht direkt „schuld“, sondern ihr Ehemann Klabund. Dem klagte sie, sie fühle sich bereits in jungen Jahren als alte Frau und Fredi hatte eine seiner berühmten „Einfälle“. Zum 25. Geburtstag in Breslau schenkte er ihr einen neuen Reisepass und dieser machte sie um fünf Jahre und einen Tag jünger, also wurde sie am 2. November 1905 geboren. Und dieses Datum und den Pass verwendete sie bis zu ihrer Verhaftung in Moskau.

Die Familie Ziegler

Carolas Nehers Mutter Katharina Karolina Ziegler wurde am 5. August 1867 in Weyher in der Pfalz geboren. Heute gehört die Gemeinde zur Verbandsgemeinde Edenkoben im Landkreis südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz und ist nicht nur eine Weinbaugemeinde sondern auch ein staatlich anerkannter Fremdenverkehrsort.

Alte Postkarte von Weyher Quelle: Andreas Möwes Ortsbürgermeister ; https://www.weyher.de/

Die Familie betreibt unter anderem ein Weingut. Über Katharina Karolina Ziegler schreibt ein Biograph: Sie „ist eine resolute, schöne Frau aus der Rheinpfalz, entstammt einer Weinbauernfamilie und versucht nach Kräften, die Familie in dürftigen Zeiten über Wasser zu halten.“

Carola Nehers Großvater Johann Josef Ziegler in Weyher am 12. Dezember 1842 geboren, betreibt mit seiner Frau Katharina, geborene Jung, die Gaststätte „Kronprinz“, ist Küfer, Landwirt und „Adjunkt“, so das Ortsfamilienbuch Weyher. Übersetzt wäre der „Adjunkt“ der Beigeordnete, also der Gehilfe des Bürgermeisters.

Zweites Haus von rechts Gaststätte „Kronprinz Quelle: Andreas Möwes Ortsbürgermeister ; https://www.weyher.de/

Und in seiner Familie ist Carola Neher Gesprächsstoff. Er erzählt immer wieder „von dem großen Star der 1920 er Jahre“, dessen familiäre Wurzeln in Weyher lagen.

Eine Nachkommin schreibt mir:

„…Großvater Jakob war auch Zeuge ihres vermutlich letzten Auftrittes im russischen Rundfunk im Jahr 1936. Im selben Jahr verschwand sie in den stalinistischen Gefängnissen. In seinen Erinnerungen schreibt Jakob Ziegler: „Ich erinnere mich „noch sehr lebhaft an eine deutsche Sendung des russischen Rundfunks etwa aus dem Jahre 1936, bei welcher die Ansage davon sprach, dass als nächstes Carola Neher eine Arie zum Vortrag bringe. … Die Übertragung kam gut durch.“

Auch Therese Krämer, die langjährige Besitzerin eines Lebensmittelgeschäfts im Unterdorf, erzählte von „der Neher“ und vom Besuch ihres einzigen Sohnes Ende der 1970 er Jahre in Weyher. Mir war der Name Carola Neher so geläufig, dass ich verwundert feststellte, dass sich – außer mir – kaum jemand in Weyher an „die Neher“ erinnert.“

Und Klabund hat er offensichtlich genau verstanden, denn Großvater Ziegler liest, Klabund habe mal 1917 in einer kleinen Selbstbiographie geschrieben: „Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich einmal ein Hase war, der über Felder hoppelte und Kohl fraß“ Nach Klabunds Tod erzählt man sich, in Weyher soll im Ziegler-Haus im Unterdorf ein Kalb geboren worden sein, worauf sich der bodenständige und gut katholische Ziegler-Großvater Carola Nehers die Bemerkung nicht verkneifen konnte, ob das denn nun wohl die Wiedergeburt des Henschke sei.

Carola Nehers Großvater Johann Josef Ziegler Quelle: Familienbesitz Familie Ziegler

In Weyher lernt Carola Nehers Mutter den „königlichen Jagdzeugmeister“ Josef Baronek kennen. Sie heiraten am 25. Mai 1889 in Weyher und sie folgt ihm nach München-Nymphenburg. Josef Baronek wurde am 5. Juni 1830 in Krinec Böhmen geboren und starb am 3. September 1890 in Nymphenburg.

Das Paar bekommt zwei Kinder: Emil, später Angestellter der Stadt München und Maria Baronek.

Katharina Karolina Ziegler betreibt in der Hirschgartenallee im Erdgeschoss und im Garten der schönen Nymphenburger Villa das Restaurant „Pfälzer Weinstube„, – in dem sie die Rieslinge ihrer pfälzischen Heimat anbietet. Die „Pfälzer Weinstubeist ein beliebtes Ausflugsziel und dort verkehren auch die Musiker des Münchner National­theaters – so lernt sie ihren zweiten Ehemann kennen, Josef Neher, den sie 1899 heiratet.

Restaurant „Pfälzer Weinstube“ Quelle: Geschichtswerkstatt Neuhausen e.V. http://www.geschichtswerkstatt-neuhausen.de/

Familie Neher 

Franz Xaver Neher, geboren 1824 in Ried ist Bierbrauer und Gastwirt des „Sternen“ in Reute. Seine Ehefrau Kreszentia Endres – geboren 1830 – stammt aus Wolfegg/Oberschwaben.

Das Paar hat einen Sohn, Josef Neher, geboren 1865 in Reute bei Waldsee und der heiratet 1900 in München-Nymphenburg Katharina Karolina Ziegler.

Quelle; Foto Sammlung Becker

Übrigens, die oberschwäbische Region um Saulgau und Bad-Waldsee ist die Heimat der „schwäbische Eisebahne“ und in Durlesbach bemerkte dann der Bauer den Verlust seines Ziegenbockes.

Szene am Bahnhof in Durlesbach Quelle: Von Michael Meding https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4690946

Josef Neher zeigte von Kindheit an eine große Musika­lität und lernte mehrere Instrumente: Geige, Klavier, Orgel und Waldhorn. Nach seiner Ausbildung zum Volksschullehrer kam er nach München, spielte im Orchester der Münchner Philharmoniker und wurde später Chorregent und Organist an der Schlosskapel­le Nymphenburg.“

Und Guido von Kaulla beschreibt den Vater:

„…Er war ur­sprünglich Lehrer, ging aber bald aus seiner schwäbischen Heimat nach Stuttgart, um sich dort als Musiker (Wald­horn) ausbilden zu lassen und kam dann in München zum „Keim’schen Orchester“ (den späteren Philharmonikern). Aus gesundheitlichen Gründen gab er diese Stellung auf und wurde Chordirektor der Kirchenkapelle des Schlosses Nym­phenburg und Organist. Er gab Unterricht für Klavier, Or­gel, Violine und in Musiktheorie.“

Tita Gaehme über Josef Neher und seine Kinder:

„…Seine drei Kinder erbten seine Musikalität und er­hielten von ihm Klavierunterricht. Carolas jüngerer Bruder Joseph wurde Kapellmeister in Trier und spä­ter Dozent an der Münchner Musikhochschule. Die jüngste Schwester Martha wirkte als Harfenistin in verschiedenen Orchestern Deutschlands. Auch Caro­la genoss eine gründliche musikalische Ausbildung, doch da sie seit ihrer frühesten Kindheit als unbotmä­ßig und aufsässig galt, wollten ihre Eltern nicht, dass sie eine künstlerische Laufbahn einschlug.“

Ab 1906 bis 1914 besucht Carola Neher die Volksschule der „Englischen Fräulein“ an der Maria-Ward-Straße, gegründet von Maria Ward im „Paradeiserhaus“ an der Weinstraße – Schrammerstraße (heutiger Marienhof). Sie ist die erste Mädchenschule Münchens.

Schule der Englischen Fräulein Quelle: https://www.emwgym.de/index.php/ueber-uns/historie

Über diese Schule und das zugehörige Kloster ist bei Wikipedia zu lesen:

„… Kloster der Englischen Fräulein in München

Ordensgründerin war Maria Ward, die 1627 durch die Unterstützung Kurfürst Maximilians I. nach München kam und hier im so genannten Paradeiserhaus an der heutigen Weinstraße mit dem Mädchenunterricht beginnen konnten. Kurfürst Max Emanuel ließ den Englischen Fräulein einen prächtigen Neubau mit zwei Kapellen an der Schwabinger Gasse errichten.

1808 wurde das Institut im Rahmen der Säkularisation aufgelöst. In das Gebäude an der Weinstraße zog das Staatsministerium des Innern, 1826 die königliche Polizeidirektion, bevor es im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. In einer Phase der Wiedererrichtung aufgehobener Klöster übergab König Ludwig I. 1835 den Englischen Fräulein das Königliche Erziehungsinstitut in Nymphenburg, das nun bis 1929 das Generalat der Englischen Fräulein in Bayern beherbergte.“

Josef Neher – etwas exzentrisch und im Laufe der Jahre dem Alkohol verfallen – erkennt zwar die außergewöhnliche musikalische Begabung seiner ältesten Tochter, aber nach dem Besuch der Handelsschule soll sie Lehrerin werden. „Sie ist eine ausgezeichnete Schü­lerin und besteht die Aufnahmeprüfung für das Lehrer-Seminar. Doch im Juni 1917 geht sie aushilfsweise zur Dresdner Bank, wo sie bis Oktober 1919 bleibt. Obwohl sie sich „einwandfrei“ führt, erledigt sie die Aufgaben nur „zur Zufriedenheit“ ihrer Arbeitgeber“, schreibt Tita Gaehme.

Im Zeugnis der Bank ist zu lesen:

„… Wir bestätigen hierdurch, dass Fräulein Karoline Neher vom Juni 1917 bis 15. Oktober 1919 aushilfsweise bei uns angestellt und in unserer Kupons-Abteilung beschäftigt war. Sie hat die ihr übertragenen Arbeiten mit Fleiß und Eifer zu unserer Zufriedenheit erledigt und sich einwandfrei geführt. Fräulein Neher verlässt uns auf ihr eigenes Verlangen“

Tapetenwechsel, 1910 zieht die Familie um und kauft in der Pilarstraße 1910 ein Haus. Nochmal Guido von Kaulla:

„… Die Woh­nungen in der Hirschgartenalle und auch in der Pilarstraße – im „Vornehmen Viertel“ lagen für Unternehmungen aller Art ideal: Schloss Nymphenburg mit dem Kanal, Volks-, Kur- und Hirsch­garten, Schlossmühlbad und der Sportverein TSV Neuhausen-Nymphenburg befanden sich in unmittelbarer Nähe, ebenfalls die Schule des Ordens der Englischen Fräulein am Schloss Nymphenburg.“

Etwas haben die Chronisten vergessen, oder falsch berichtet. Carola Neher war zwar nicht Mitglied im Sportverein TSV Neuhausen-Nymphenburg, ihre Sportbegeisterung konnte sie dort aber austoben, weil ihr Vater als Vereinsmitglied die so genannte „Sängerriege“ gründete und bis zu seinem Tod auch leitete.

Titelseite der Festschrift zum hundertjährigen Gründungsjubiläum des Turn. und Sportverein Neuhausen Nymphenburg im Jahre 1994. Das Bild stellt die Turnhalle dar, in der Carola Neher als junges Mädchen eifrig Sport trieb. Quelle; Foto Sammlung Becker

Aus der Vereinsgeschichte:

„… Der Verein wurde 1894 gegründet. 1906 erhielt der Verein ein Grundstück geliehen, auf welchem 1907 die erste Turnhalle eingeweiht wurde. 1929 wurde der ursprünglich nur für elf Jahre leihweise übertragene Grund und Boden dem Verein geschenkt. 1982 wurden die Sportstätten für 3,2 Millionen D-Mark komplett erneuert. Derzeit bestehen im Verein die Abteilungen Badminton, Basketball, Damengymnastik, Herrengymnastik, Familiensport, Jugendturnen, Fitness, Tanzsport, Turnen & Spiel sowie Volleyball. Die 1953 gegründete Badmintonabteilung ist eine die erfolgreichste Sparte des Vereins. Die erste Mannschaft der Abteilung spielte mehr als 20 Jahre ununterbrochen in der 2. Bundesliga, bevor 2014 der erstmalige Aufstieg in die 1. Bundesliga gelang.“

Den besonde­ren Zorn des Vaters zog sie auf sich, als er erfuhr, dass seine Tochter ohne seine Einwilligung auch Klavier- und Orgelunterricht bei einem Kantor der Münchens Hauptsynagoge genommen hatte.

Am 22. Oktober 1918 verstirbt der Vater, der Weg für ihre Träume ist frei, zumal sie vom verdienten Geld heimlich Schauspielunterricht genommen hatte bei den sehr angesehenen Schauspielern Fritz Basil und Kurt Stieler, bei denen sie auch ihren Sprachfehler überwand. Hinzu kam Tanzunterricht bei Frances Metz und die ersten profunderen Schauspielkenntnisse ver­mittelt ihr die am Münch­ner Staatstheater engagierte Schauspielerin Emma Berndl.

Tita Gaehme:

„…Für ein bürgerliches und geregeltes Leben nach Vor­stellung ihrer Eltern war Carola aber nicht geschaffen. Der Traum ihrer Jugendzeit war die faszinierende Illusionswelt des Theaters, sie wollte auf die Bühne. Und sie hatte auch einiges, das zur Grundausstattung einer künftigen Schauspielerin gehörte: einen schlanken, geschmeidigen Körper, ein ausdrucksvolles, lebendi­ges Gesicht und den unbändigen Willen, sich durch­zusetzen.“

Vielleicht aber muss man die unterschiedlichen Ansichten der Eltern erwähnen. Über die der Mutter schreibt Tita Gaehme:

„… Die Mutter, sonst handfest und realitätsnah, glaubt mit fatalistischer Gewissheit an die künstlerische Zukunft ihrer Tochter und erzählt ihren Gästen die Anekdote von einer weihnachtlichen Kinderfeier in Nymphenburg, wo der berühmte Komponist Max Reger von der Vortragskunst der sechsjährigen Carola entzückt war und das Kind sich zutrau­lich an ihn kuschelte. „Kein Wunder, wenn Karoline eine große Künstlerin wird, denn in jener Stunde hat sie auf den Knien von Max Reger die Weihe zur Kunst erhalten.“

Familienmythen, oder der Glaube an die eigenen Fähigkeiten halten sich zäh und bewirken viel und zu diesen gehört sicher auch das Verhältnis zum Bruder Josef, der auch ein Teil dieser Familienmythen ist.

Tita Gaehme beschreibt dies:

„… (Zwischen) Josef und Carola besteht von Anfang an eine sehr enge geschwisterliche Beziehung, die auch in spä­teren Jahren nicht abbricht. In den zwanziger Jahren besucht Josef die berühmte Schwester oft in Berlin, tingelt dort als Klavierspieler und lebt monatelang bei ihr. Carola bezahlt ihm eine Privatausbildung bei namhaften Pianisten. Er wird Berufsmusiker, arrangiert sich im Naziregime und wird in den dreißiger und vierziger Jahren Generalmusikdirektor am Städtischen Theater in Trier. Nach dem Krieg hofft er vergeb­lich, in München Karriere machen zu können, und lebt als Lehrbeauftragter der Opernklasse an der Münchner Musik­hochschule.“

Baden-Baden Theater Quelle: Von Till Niermann – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3957116

 Baden-Baden 

Wikipedia:

„… Das Theater Baden-Baden am Goetheplatz ist das Stadttheater der Stadt Baden-Baden.

Auf Betreiben des damaligen Spielbankpächters Edouard Bénazet wurde das Theater von Charles Couteau im französischen Stil errichtet.

Speziell für die Eröffnung im August 1862 komponierte Hector Berlioz die Oper „Béatrice et Bénédict“ nach Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“. 1869 dirigierte Jacques Offenbach hier die Uraufführung seiner Operette „La princesse de Trébizonde“.

Das Theater verfügt seit 1918 über ein festes Schauspielerensemble. Das Spielplanrepertoire umfasst schwerpunktmäßig die Werke William Shakespeares, Heinrich von Kleists, Klassiker der Moderne sowie französischsprachige Gastspiele. Im Rahmen von Gastspielen und Koproduktionen werden auch Opern und andere Werke des Musiktheaters aufgeführt.

Zu Beginn der 1990 er Jahre wurde das Theater vollständig renoviert und mit moderner Technik ausgestattet.“

Rosengarten am Beutig in Baden-Baden Quelle: Von Bäderstadt – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21481605

In der Spielzeit 1820/21 bekommt Carola Neher einen „Normalvertag“ am Theater in Baden-Baden als Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin. Und hier soll die Geschichte von ihrem ersten Engagement nochmal eingefügt werden, die sie dem „Berliner Tageblatt erzählte und die im Dezember 19267 erschien:

„… „Ich bin genauso zum Theater gekommen, wie es in den Zehnpfennigromanen „vom Köhlerkind zur Brettldiva“ zu lesen steht. Ich wollte zur Bühne, mir war schon in Baden-Baden ein Engagement versprochen; und da meine Mutter davon nichts wissen wollte, bin ich eines Morgens von ihrer Seite frisch und frei weggelaufen. Nicht heimlich und bei Nacht, sondern am helllichten Tage; meine Mutter auf der Nymphenburger Straße in München immer hinter mir her.

Ich lief die Schienen entlang. Da kam – o Engel vom Himmel – eine Straßenbahn! Ich sprang auf … und meine Mutter blieb, verzweifelt winkend, zurück. Ich fuhr mit der Straßenbahn zum Bahnhof und vom Bahnhof nach Baden-Baden. Dort konnte ich für einen kranken Schauspieler ein­springen und spielte noch am gleichen Abend eine stumme Rolle. So kam ich zum Theater.“

Georg Becker und Micha Neher:

„… Bei einem Vorstellungstermin mit dem Intendanten des Baden-Badener Kurtheaters spielte sie eine Kla­viersonate von Chopin, tanzte den Frühlingsstimmenwalzer von Johann Strauß, trug die Rolle der Wendla Bergmann aus Wedekinds „Frühlingserwa­chen“ vor. Der Intendant soll danach geäußert haben: „Das Schauspielerische ist das Schwächste“, gab ihr aber einen Jahresvertrag, der später verlängert wur­de. In diesen 2 Jahren spielte Carola Neher 22 klei­nere Rollen und sammelte Bühnenerfahrung.“

Blick in die Altgstadt Baden-Baden Quelle: Von S. Finner, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7387841

Etwa acht Jahre später erscheint im Feuilleton der Nachtausgabe des „Berliner Tageblatts“ ein anonymer Artikel, der diese Baden-Badener Zeit beschreibt:

„… In Baden-Baden ging Carola so herum, wie es bei Anfängern im Allgemeinen üblich ist. Sie trug ein billiges Fähnchen und war ganz naiv.

Doch die Eleganz der Kurgäste hatte es ihr angetan. Sie war der festen Meinung, dass die Karriere vor allen Dingen von der äußeren Erscheinung abhängig war, und dass man vor allen Dingen als Frau interessant sein müsste, um auf der Bühne zu wirken. Sie freundete sich mit einer französischen Lebedame an, guckte ihr ab, wie man sich räuspert und wie man spuckt. Ließ sich von ihr elegante Pariser Garderobe auf langes Ziel verkaufen und log sich und den anderen einen rei­chen Freund vor, der überhaupt nicht existierte.

Gar bald kamen auch die ersehnten Rollen für sie. Sie ach­tete sorgsam darauf, dass ihr der Ruf der Unsolidität erhalten bliebe, und erfand zu diesem Zweck Geschichten von neuen Freunden, die natürlich gar nicht auf der Welt waren.“

Georg Becker und Micha Neher haben die Rollen in der Stadt an der Oos aufgezählt.

Spielzeit 1920:

Tita Gaehme schreibt darüber:

„… Bei ihrem Debüt im Baden-Badener Kur-Theater als Friederike in Carl Laufs Schwank „Pension Schöller“ spricht sie die paar Worte der Figur „sinngemäß“, und mehr möchte das „Badeblatt“ über ihre schauspielerischen Fähigkeiten noch nicht äußern. Ihre ersten drei kleinen Rollen spielt sie noch als Gast „auf Anstellung“. Dann bekommt sie ihren ersten Vertrag für kleine und kleinste Rollen, Kammerfrauen, Edel­knaben, Töchter – mit wenig Text.“

Im Schauspiel in 5 Akten „Fuhrmann Henschel“, (Entstanden 1897–1898 in Mundart) von Gerhart Johann Robert Hauptmann (geboren am 15. November 1862 in Ober Salzbrunn in Schlesien; gestorben am 6. Juni 1946 in Agnieszków, deutsch: Agnetendorf in Niederschlesien) spielt sie die Franziska Wermelskirchen als „extravaganten Back­fisch“.

Als „junges Tanztalent“ tritt sie im Schwank „Zwangseinquartierung“ von Arnold und Bach auf. Arnold und Bach nannten sich die deutschen Schauspieler, Komödianten und Theaterautoren Franz Arnold und Ernst Bach.

In der Spielzeit 1921 die Autoren, die Stücke und die Rollen:

Jakob Michael Reinhold Lenz „Die Soldaten“ Cousine der Frau Bischof

Friedrich Schiller: „Jungfrau v. Orleans“ Erster Edelknabe

Gerhard Hauptmann: „Die versunkene Glocke“ Elfe

Gerhart Johann Robert Hauptmann Quelle: Wikipedia

 Hugo v. Hofmannsthal: „Jedermann“ Fünftes Jungfräulein 

Gerhard Hauptmann: „Der Biberpelz“ Leontine

Friedrich Schiller: „Wilhelm Tell“ Mechthild

Ludwig Thoma: „Moral“ Effi

Moliere – eigentlich Jean-Baptiste Poquelin: „Tartuffe“ Marianne

Franz Molnar „Der Leibgardist“ Stubenmädchen

Curt Goetz, eigentlich Kurt Walter Götz: „Menagerie“ Magd Mary

Carlo Gozzi: „Turandot“ eine Tänzerin

Möller Walter Sachs: „Meine Frau, die Hofschauspielerin Lotte Burg

Gerhard Hauptmann: „Schluck und Jan“ Hadit

Hermann Sudermann: „Heimat“ (1893) Therese

Ludwig Fulda: „Die verlorene Tochter“ Else Becker

In der Spielzeit 1922 die Autoren, die Stücke und die Rollen:

Leo Lenz: „Bettinas Verlobung“ Fräulein von Kleist

Oscar Wilde: „Ein idealer Gatte“ Mrs. Marchmont

Gustav Kadelburg: “Der Weg zur Hölle” Martha

Franz Arnold und Ernst Bach: „Der keusche Lebemann“ Wally

Max Reimann /Otto Schwarz: „Börsenfieber“ Luise Wachtel

Johann Strauss: „Die Fledermaus“ Felizitas

Melchior Lengyel: „Die Tänzerin“ Elvira

Franz Arnold und Ernst Bach: „Die spanische Fliege“ Marie

Georg Becker und Micha Neher kommen auf 22 Rollen, Tita Gaehme schreibt:

„… Sie spielt bis zum Oktober 1922 in 32 Stücken, aber es ist keine Aufgabe dabei, die eine ambitionierte junge Schau­spielerin herausfordern könnte. Anspornend sind die häufi­gen Gastspiele mit berühmten Schauspielern, die im Sommer im Baden-Badener Theater auftreten und einen Urlaub in der eleganten Kurstadt damit verbinden. Da sieht sie die großen Kollegen, wie Tilla Durieux, Albert Bassermann und Paul Wegener.“

Einmal ist doch eine „richtige Rolle“ heraus gekommen, Carola Neher:

„… Als ich in Baden-Baden Tanzgirl war, ging ich viel auf Bälle. Einmal sah mich bei dieser Gelegenheit Gustav Härtung – mein jetziger „Coeur-Bube“- Direktor – und ließ mir sagen, dass er mich für ein begabtes Mädel halte, ob ich bei ihm gastieren wolle. Ich wollte natürlich – und wir einigten uns, dass ich als Jessika im „Kaufmann von Venedig“ gastiere (Die Darmstädter Jessika war nämlich erkrankt). Ich kannte das Stück vom Lesen nur – von der Schule her – hatte es nie gesehen – viel weniger kannte ich die Rolle. Ich lernte die Rolle in der Bahn, am nächsten Abend spielte ich sie – natür­lich, der Erfolg blieb – aus! Aber immerhin war es ein Erlebnis. Denn während der Zeit zwischen der Begegnung bis „fast“ zum ersten Auftritt war ich sehr glücklich und stolz!“

Flaneure vor dem Kurhaus Baden-Baden im 19. Jahrhundert Quelle: Von https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44323937

Eine Umfrage des „Badeblatt“ an die Schauspieler der Städtischen Bühnen nach ihrer Lieblingsrolle beantwortet Carola Neher in aller Bescheidenheit: „Diese Frage weiß ich nicht zu beantworten, da bei mir als junger Kunstnovizin von einer Lieblingsrolle noch keine Rede sein kann“.

Ein Anfang ist gemacht, aber in Baden-Baden ist für die Karriere nichts mehr zu erwarten. Carola Neher kehrt der Stadt und dem Theater den Rücken – sie will nach München zurück. Zumal ab Herbst 1922 Julius Gellner als Schauspieler und Spielleiter an die Kammerspiele engagiert ist um der hat ein brennendes Interesse daran, Carola Neher an die Kammerspiele zu holen.

Von Direktor Otto Falckenberg versucht sie, einen festen Vertrag zu erhalten, heraus kommen Stückverträge für kleinere Rollen in einigen Stücken von Frank Wedekind, William Adolf Carl Sternheim und Schnitzler. „Falckenberg, der später ihren Erfolg und ihre unbestreit­bare schauspielerische Qualität nicht mehr ignorieren kann, beharrt auch dann noch auf seiner „Pygmalion“-These: Sie sei zunächst ebenso schön und attraktiv wie unbegabt gewesen. Erst die fanatische Liebe von Julius Gellner und später Klabunds hätte sie zur Schauspielerin erzogen“, schreibt Tita Gaehme.

Und dieser Julius Gellner spielt in den Anfängen von Carola Neher eine wichtige Rolle. Auf sie aufmerksam geworden am Bankschaler der Dresdner Bank, verliebt er sich in die schöne, junge Frau.

Tita Gaehme:

„… und mehr noch, er entdeckt mit der Kreativität des Liebenden ihr künstlerisches Talent. Er behauptet, dass Carola eine große Schau­spielerin sei. Welche Idee! Fast jeden Abend holt er sie von der Bank ab. An was denkt sie? Er zeigt hingebungsvoll seine Begeisterung. Ist sie aufrichtig? Ist sie wirklich verliebt in den jungen Schauspieler oder will sie aus ihm etwas herausschwindeln, von dem sie profitieren kann? Er entführt sie in die Welt, die er sich selbst gerade erschließt. Was der enthusiastische Theateranfänger lernt und erlebt, gibt er an sie weiter, und die Rendezvous stehen vor allem im Zeichen der Theaterleidenschaft.“

Gellner wird an den Kammerspielen bis 1933 die Linie des Theaters entscheidend mitprägen.

Wikipedia schreibt über Julius Gellner:

„… Julius Gellner (geboren 25. April 1899 in Saaz, Österreich-Ungarn; gestorben 24. Oktober 1983 in London) war einer der bekanntesten deutschsprachigen Regisseure der 1920 er Jahre. Er war von 1924 bis 1933 Oberspielleiter und stellvertretender Direktor der Münchner Kammerspiele im Schauspielhaus. Er ist der Onkel des Philosophen und Sozialwissenschaftlers Ernest Gellner.

Julius Gellner war das neunte Kind von Anna (geb. Löbl) und Max Gellner. Die Familie zog später nach Prag, wo Julius Gellner eine Ausbildung als Bankangestellter machte. Seinen starken schauspielerischen Neigungen kam Gellner während dieser Zeit als Mitglied einer Amateurtheatergruppe nach.

Als er ausreichend Ersparnisse gesammelt hatte, um einen Sprung in die Theaterwelt wagen zu können, begab er sich 1918 nach Würzburg. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelang es ihm, ein Engagement als Schauspieler zu bekommen und sich auf der Bühne zu bewähren. Weitere Stationen auf seinem Weg als Schauspieler waren u. a. Berlin und Düsseldorf. In Düsseldorf wurde er von dem Direktor der Münchner Kammerspiele, Otto Falckenberg, entdeckt und 1921 nach München geholt.

Während Gellners erster Jahre als Schauspieler an den Kammerspielen wurde Falckenberg auf dessen Befähigung zum Regisseur aufmerksam. 1923 hatte Gellner mit Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ seine erste Inszenierung. Es folgten weitere Inszenierungen, und 1924 wurde Gellner bereits im jungen Alter zum Oberspielleiter und stellvertretenden Direktor der Kammerspiele ernannt.

1925 heiratete er die Schauspielerin Maria Byk (…) Am 26. Februar 1926 wurde ihre gemeinsame Tochter Johanna (später: Joan) Gellner geboren. Die Ehe hielt jedoch nur zwei Jahre. Maria Byk hat 1936 erneut geheiratet, und zwar ihren Schauspielkollegen Ferdinand Marian, der später in dem Nazipropagandafilm Jud Süß die Hauptrolle spielen sollte.

Im März 1933 wurde Gellner während eines sonntäglichen Fußballspiels von einem technischen Mitarbeiter des Theaters vor seiner bevorstehenden Verhaftung durch die Nazis gewarnt. Die Machthaber des „Tausendjährigen Reiches“ hatten Gellner als Juden sowie als Verteidiger von Karl Kraus gegen den Völkischen Beobachter in einem wenige Jahre zurückliegenden Gerichtsverfahren im Visier.

Gellners Wohnung wurde noch am selben Tag verwüstet. Ihm selbst gelang mit Hilfe seiner Kollegen Edith Schultze-Westrum und Wiedemann sowie Falckenbergs Chauffeur die Flucht, die ihn zunächst nach Österreich führte.

Seiner Karriere in Deutschland sowie seines persönlichen Besitzes beraubt, begann Gellner, sich in Prag ein neues Leben aufzubauen. (…) Bis zur Schließung des Theaters am 31. Oktober 1938 war er dessen Oberspielleiter.

Gellners Schicksal ereilte bald alle seine jüdischen Kollegen: In München wurden die Kammerspiele in kürzester Zeit „arisiert“ und ihr Direktor Otto Falckenberg verfasste im Programmheft von 1933/1934 (Heft 3) unter dem Titel „Zerstörung einer Legende – Ein Wort in eigener Sache“ seinen eigenen „Ariernachweis“.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechei wurde das Theater in Prag geschlossen. Gellner emigrierte nach London, arbeitete für die BBC und inszenierte zahlreiche Theaterstücke, zumeist für das Londoner Mermaid Theatre.“

Am 24. Oktober 1983 ist Julius Gellner in einem Londoner Krankenhaus gestorben.

Zurück zu den Kammerspielen und deren Spielplan verzeichnet 1922 diese Rollen für Carola Neher: 

Frank Wedekind: „Die Kaiserin von Neufundland“ Graf Lea-Vilba

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff: „Die Freier“ Flora

Frank Wedekind: „Der Maquis von Keith“ H. Casimie

Frank Wedekind: „Die Büchse der Pandora“. Hugenberg

„Die „Kaiserin von Neufundland“ geht am 28. März 1923 über die Bühne. Wedekinds Witwe Tilly hatte Friedrich Hollaender vorgeschlagen, für die Pantomime eine Musik zu schreiben, und der war begeistert. Hier wollte er zeigen, was er im Stummfilm gelernt hatte, den Sieg der Musik über das Drama“, so Tita Gaehme.

Eine äußerst amüsante Rolle im Stummfilm „Mysterien eines Fri­siersalons“ mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt springt ganz nebenbei heraus, für Carola Neher sicher eine wichtige Erfahrung, wenn sie von der Bühne vor die Kamera tritt.

Das Komikerpaar Karlstadt und Valentin (1933) Quelle: Wikipedia

Langsam wird man aufmerksam auf „die Neher“, „Wenn Sie im Zuschauerraum eines Theaters eine junge Dame sehen, die alle drei Minuten einen Kamm herauszieht und versucht, ihre Frisur zu ordnen, wenn Sie ferner bei einer Pointe hören, dass diese junge Dame hemmungslos lacht und durch die Knüpfer-ähnliche Basstiefe ihres Lachens das gesamte Publikum ansteckt, dann können Sie getrost beschwören, dass Sie Carola Neher begegnet sind“, soll ihr Bruder Josef gesagt haben.

Die Münch­ner Kammerspiele, seit 1917 von Otto Falckenberg geleitet, hatten einen guten Ruf, überaus experimentierfreudig seien sie gewesen.

Tita Gaehme schreibt:

„… Das Theater stand damals noch in der Augustenstraße, ein altes, baufälliges Gebäude im zweiten Hinterhof, wo es klei­ne, winklige Büros gab und windschiefe Dielen. Dieses „Herz von Schwabing“ lag mitten in dem Münchner Studenten- und Bohemien-Viertel, wo in billigen Gaststätten und Tanzsälen das kommunikative Leben blühte, wo der Dichter Ringelnatz im „Simpl“ der Kathi Kobes entdeckt wurde, in der Schellingstraße die linke „Bücherkiste“ gegenüber der Redaktion des „Völkischen Beobachters“ lag, wo Heinrich Mann, Paul Klee, Theodor Haecker und viele andere berühmte Leute lebten. Kurt Horwitz war an den Kammerspielen ein arrivierter Schauspieler, als Carola Neher zum Ensemble kam. Er beschreibt die Zeit der frühen zwanziger Jahre und Schwabing als einen Ort, der wie ein Stern gegen die bedroh­lichen Wirren der Zeit leuchtete. Dort konnten weder roter und weißer Terror, noch Inflation und Hitlerputsch dem scheinbar provinziellen und in Wirklichkeit absolut unprovinziellen Münchner Wesen etwas anhaben.“

Und in den Kammerspielen wurden fast alle Wedekind-Stücke gespielt, Carola Neher lernte dort Bert Brecht kennen, als am 29. August 1922 die Uraufführung von dessen Großstadt-Ballade „Trommeln in der Nacht“ stattfand.

Der Dramaturg, Regisseur, Journalist und Theaterkritiker Herbert Ihering oder Jhering (geboren am 29. Februar 1888 in Springe; gestorben am 15. Januar 1977 in Berlin) rezensierte diese Aufführung begeistert. Am drauffolgenden Dienstag zeigten die Kammerspiele in einer Mitternachtvorstellung die von Brecht und Karl Valentin geschriebene Revue „Die rote Zibebe“, Mitwirkende neben Brecht selbst als „Klampfenbenke“ Klabund Joachim Ringelnatz (mit Kuttel Daddeldu), Valeska Gert, Karl Valentin und Liesl Karlstadt.

Carola Nehers Bekanntschaft mit Karl Valentin und Liesl Karlstadt, deren gemeinsame Arbeit im Film und diese Aufführung der Brecht Revue machen mich in Bezug auf die Geschichte mit der Straßenbahn, in der sie Klabund kennen gelernt haben soll, stutzig. Stimmen kann sie also wirklich nicht, denn Carola Neher muss gewusst haben, wer dieser „junge Mann“ tatsächlich war, denn in dieser Aufführung war sie sicher anwesend.

Hanns Johst Von Bundesarchiv, Bild 183-2007-1010-501 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5348716

Übrigens, Hanns Johst – der wenige Jahre später der Nationaldichter des Nationalsozialismus sein würde – wurde in diesem Theater einer der Hausdichter, eines seiner Stücke inszenierte der junge Erwin Friedrich Max Piscator.

Mit ihrem geringen Etat zahlten die Kammerspiele niedrige Gagen, daher kamen erstklassige Schauspieler nur, um die Bühne als Sprungbrett zu benützen.

Ab 1923 kommt Bertolt Brecht – damals noch ein Außenseiter – als Dramaturg und Regisseur an die Kammerspiele, in seinem Schlepptau ein Bühnenbildner – ein gewisser Caspar Neher – mit Carola Neher nicht verwandt.

Über sein Verhältnis zu Carola Neher schreibt Tita Gaehme:

„… Brecht hat ein Faible für den Frauentypus des „Knaben-Mädchen“ und sieht in der jungen Carola Neher sofort die entwicklungsfähige schauspielerische Begabung, die er für seine Vision vom dokumentarischen, realistischen, epischen Theater braucht. In dieser Zeit beginnt zwischen Carola Neher und Brecht eine Freundschaft, die für Carolas Leben mitbestimmend wird und auch Brecht immer wieder in ihren Bann zieht; eine punktuell intensive Arbeitsbeziehung, aber ebenso eine Liebesbeziehung, die in mehreren unterbroche­nen Phasen mit unterschiedlicher emotionaler und erotischer Intensität ausgelebt wird.“

Julius Gellner vermittelt sie an die Kammerspiele in Nürnberg, wo sie unter seiner Regie nun weibliche Hauptrollen spielen kann, alle vier Wochen eine Premiere, aber sie bekommt viel Bühnenerfahrung. Trotz der immer kleinen „Hosenrollen“, zieht es sie immer wieder nach München zurück. Marieluise Fleißer eine Kollegin, die ihre ersten Bühnenauftritte in München mitverfolgt hatte, erinnerte sich später:

„… Ich sah Carola Neher in einem weißen Pagenkostüm auf große Raubwelt spielen, sie bewegte sich fabelhaft und machte die Männer wild, doch das war noch ir­gendwie Treibhausluft, ihr ‚Schiff mit acht Segeln‘ lag noch nicht am Kai.“

Nürnberger Kammerspiele 1923:

Carl Sternheim: „Manon Lescaut“ Ein Schauspiel, Manon

August Strindberg: „Kameraden“ Komödie in vier Aufzügen, Anne Tismer

Raoul Auernheimer: das Lustspiel „die große Leidenschaft“

Artur Schnitzler: „Liebelei“, Christine

Paul Eger: „Adam, Eva und die Schlange“, Lustspiel in drei Akten, Frau von Dillon

Frank Wedekind: „Frühlings Erwachen“ gesellschaftskritisch-satirisches Drama, Wendla

Bjørnstjerne Martinius Bjørnson: „Geographie und Liebe“, Helga

Dario Niccodemi: „Die innere Stimme“, Maria Bini

Arno Holz/ Oskar Jeschke: „Traumulus“

Hanns Johst: „Die Einsame“, Isabella

Nach Nürnberg wieder ein „Stückvertrag“ in München, unter anderem spielt sie in der „Büchse der Pandora“ und wie schon im letzten Kapitel beschrieben, Carola Neher lernt im Sommer 1924 Klabund kennen.

Theodor Loebe Quelle: http://deacademic.com/dic.nsf/dewiki/2486545

Breslau

Die Idylle in München ist kurz. Ab der Spielzeit 1924/25 bis April 1926 wechselt Carola Neher nach Breslau – „Vereinigte Lobe- und Thalia-Theater“ mit dem Intendanten Paul Barnay. Und Klabund folgt ihr und am 7. Mai 1925 heiraten Carola Neher und Klabund in Breslau.

Spielzeit 1924/25

„Der Diener zweier Herren“ von Carlo Goldoni. Carola Neher als Beatrice.

„Ingeborg“ von Curt Goetz. Carola Neher als Ingeborg.

„Mörder“ von Curt Goetz, Carola Neher als Isabella

Lange: „Simson und Delila“ Carola Neher als Delila

08.11.1924 — „Hannibals Brautfahrt“ von Klabund, Uraufführung. Regie: Leo Mittler. Carola Neher als Miss.

Das Stück kam zustande, als Klabund in seinem überaus reichen Fundus nach Stücken mit Frauenrollen suchte. Lediglich ein Stück aus dem Jahre 1911 scheint geeignet, die Hauptrolle eine mondäne amerikanische Millionärin, und die gefällt Carola Neher außerordentlich.

Als Carola Neher mit Klabundens „Hannibals Braut­fahrt“ im Gepäck ihr Engagement in Breslau antritt, ist Intendant Paul Barnay hauptsächlich deswegen von dem Stück angetan, weil er sein Haus mit einer Uraufführung des berühmten Dichters Klabund ins Gespräch bringen kann.

So verschafft sich Carola am Breslauer Theater einen guten Start. Endlich kann sie große Rollen spielen. Ihr Durchbruch als Schauspielerin hat begonnen.

Zusammen mit „Varieté“ von Heinrich Mann. Regie: Leo Mittler. Carola Neher als Leda d` Ambre.

März 1925 „Die heilige Johanna“ von Bernard Shaw. Regie: Paul Barnay. Carola Neher als Johanna.

Ab dem 16. September 1925 steht im Vereinigten Lobe- und Thalia-Theater auch der „Kreidekreis“ auf dem Spielplan. Regie: Renato Mordo. Carola Neher als Haitang. und wird bis Frühjahr 1926 aufgeführt.

Carola Neher als Polly April 1929, Quelle; Foto Sammlung Becker

Anfang November 1925 – Don Karlos“ von Friedrich Schiller. Regie: Paul Barnay. Carola Neher als Prinzessin von Eboli.

Am 7. November 1925 – „Überfahrt“ von Sutton Vane. Regie: Renato Mordo. Carola Neher als Ann.

Zu diesem Stück schreibt die Vossische Zeitung:

„Das englische Sensationsstück Überfahrt – von Sutton Vane -, das uns gestern in Roberts Theater „Die Tribüne“ recht überredend vermittelt wurde, ist aus drei Elementen gemischt, die samt und sonders für den Geschmack der Massen, denen es in London etwa fünfhundert Mal vorgeführt worden sein soll, bezeichnend sind. Es hat einen stark balladenhaften Zug, der ja seit jeher aus der englischen Nebelwelt bedeutsam zu uns gedrungen ist, eine Tendenz zur Anklage der Gesellschaft, die dies- und jenseits des Kanals unentbehrlich für das moderne Volksstück ist, und es löst das Grauen zuletzt in eine gemütlich derbe Moralität auf, die einen starken Schuss von Kirchengläubigkeit hat, und weit flacher und derber ist als unsere Totentanz-Poesie.“

Januar 1926 – Wiederaufnahme Die heilige Johanna“

Quelle; Foto Sammlung Becker

Gleichzeitig mit Carola Neher in der Rolle als Scampolo wird „Scampolo“ von Dario Niccodemi unter der Regie von Ludwig Barg wieder aufgeführt, nachdem die Kritik und das Publikum auf dieses Stück begeistert hatten.

„… Die Komödie Scampolo platzierten die Breslauer Kritiker in die Nähe der Marlin bzw. der Birch-Pfeiffer (beide in Breslau sehr bekannte Schauspielerinnen), doch das Entzücken des Publikums kannte keine Grenzen; don­nernder Applaus bei offener Bühne sagte einen Kassenerfolg an. Das Lobe Theater fand gleich zu Beginn der Sommerspielzeit sein Zugstück und bot endlich den lang entbehr­ten Anblick voller Häuser. Die Rezensenten ließen sich kopfschüttelnd über die uner­gründliche Psyche des Publikums aus, so z. B. Oskar Wilde: „Für das große Publikum, dem Shakespeares venetianischer Mohr jetzt Hekuba zu sein scheint, das aber zu Herrn Niccodemis römischem Gassenmädel in hellen Scharen herbeigeströmt war, ist „Scam­polo“ das rechte Futter.“

Im Februar 1926 „Cäsar und Cleopatra“ von George Bernard Shaw. Regie: Julius Arnfeld, mit Carola Neher als Cleo­patra ist eine historische Komödie.

Und ab dem 3. März 1926 spielt Carola Neher das Klärchen Gunderloch im Lustspiel „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Quelle; Foto Sammlung Becker

Wikipedia:

„… Der fröhliche Weinberg ist ein von Carl Zuckmayer verfasstes Lustspiel, das am 22. Dezember 1925 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt wurde, nachdem es zunächst im Herbst 1925 von sämtlichen Berliner Bühnen abgelehnt worden war. Es gilt als der literarische Durchbruch des Schriftstellers.

Der fröhliche Weinberg ist ein gesellschaftskritisches Neues Volksstück, das im Milieu von Winzern, Weinhändlern, Schiffern und Kleinbürgern spielt. Das diesseitsfreudige, derb-realistische Volksstück wurde im Berlin der 1920 er Jahre ein durchschlagender Erfolg und war zu dieser Zeit das meistgespielte Theaterstück.“

Klabund ist meistens in Breslau – nur unterbrochen von Aufenthalten in Davos – wenn es nicht anders geht. Ginge es nach dem Willen Barnays …

Tita Gaehme:

„… Barnay will auch Klabund an sein Theater binden und bietet ihm einen Dramaturgen-Vertrag an. Doch dieser schlägt das Angebot einer festen Anstellung aus. Breslau an der Oder, Bollwerk zwischen Ost und West mit wechselvoller Geschichte, die größte Handels-, Industrie- und Universitätsstadt Schlesiens, scheint ihm als ständiger Wohnsitz ungeeignet.“

Die Weihnachtsferien 1924 verbringt Carola Neher zum ersten Mal mit Klabund in Davos, überaus freundlich aufgenommen vom Ehepaar Poeschel. Mit einem Tantiemen-Vorschuss des Frankfurter Schauspielhauses ausgestattet, wo einen Tag nach der Uraufführung am 2. Januar 1925 in Meißen, „Der Kreidekreis“ herauskommt.

Tita Gaehme:

„… Die Frankfurter Inszenie­rung ist ein Riesenerfolg und animiert über vierzig Bühnen, das Stück in den Spielplan aufzunehmen. Klabund könnte zufrieden sein, „müsste ich nicht befürchten, doppelt besch … zu werden: erst von den Theatern und dann noch vom Verleger. Den Rahm schöpfen die Leute ab, für mich bleibt die gepanschte Milch“ … schreibt er an Erwin Poeschel.“

Gegenüber dem regieführenden Frankfurter Intendanten Richard Weichert lässt er dies Autoren-Misstrauen nicht laut werden, im Gegenteil, überschwänglich versichert er ihm nach der Premiere: „Ich gebe Ihnen, lieber Intendant, das große Frankfurter Ehrenwort, dass ich Ruhm und Preis der Frankfurter Kreidekreis-Aufführung als der unwider­ruflich allerbesten weit und breit gezollt habe. Was an Eidestatt hiermit versichert hochachtungsvoll Klabund, Schriftstellereibesitzer“.

Richard Weichert Quelle; Universitätsbibliothek Frankfurt

Zum Abschluss ihrer Breslauer Zeit schreibt Gerhard Berger unter dem Titel „in den Augen eines Verehrers“:

„… Das Wesen der Schauspielerin Caro­la Neher ist Anmut. Ihr sichtbarster und tiefster Zug. Der sanfte Zauber, der ihr die Liebe der Menge erwirbt und die herzliche Bewunderung der eindringlicher Betrachtenden, ist die ungefälschte Äußerung dieser schönen Menschlichkeit: eine herz­liche Musik, eine gebändigte Klage, eine lockende Heiterkeit.

Die Künstlerin Carola Neher hat eine seltene Echtheit im Klang und Schweben. Ihre Anmut ist inner­lich. Fern von Weichheit ist ihre Milde, ihre spielerische Schönheit fern von Virtuosentum. Man spürt noch im leisesten Andeuten die Freude – nicht am Erfolg, kaum am Gelingen, sondern am Spiel, das für sie eine Art ist, lebendig zu sein. Die Hälfte ihres Zaubers ist: dass sie den Glauben an ihn erweckt.

Ihr Tiefstes offenbart sie nicht in Erschütterungen. Als heilige Jo­hanna ging sie zum Scheiterhau­fen: als ein sanftes Opfer, nicht als ein zerreißendes. Ihre Haitang sank im Schneesturm zusammen – und wir bebten nicht vor einer Qual, wir erlebten das Wunder einer Lie­be, die noch im Verlöschen leuch­tet. Solcher Art sind ihre tragischen Bekundungen: Sie überwältigen nicht im Augenblick, aber sie haf­ten als Klang, als Blick, als nicht vergessliche Bewegung.

Schönheit im Leid. Tiefe im Lächeln, Anmut in lockender Schlichtheit. Durch ihre Kunst fließt derselbe seltsame Strom wie in den Dich­tungen Klabunds. Eine unnenn­bare Melodie in diesen leeren und grausamen Tagen. Ein Glaube an die einfachste Schönheit des Lä­chelns, der Liebe der Sehnsucht, des Schmerzes. Und auch für die Kunst der Carola Neher ist diese Einfachheit eine Quelle farbigsten Reichtums. Ihre Schlichtheit kann sich zum spielerischen Übermut, ihre Herzlichkeit zur lockenden Frechheit ihre milde Sehnsucht zur dunklen Begierde steigern.

Sie begann bei uns in Breslau mit Salonrollen. Und wir freuten uns ihrer durch Anmut gebändigten und erfüllten Lebhaftigkeit. Dann sahen wir sie eines Tages als heilige Johanna. Und wir saßen erstaunt und bezwungen vor der Gewalt ih­rer kindhaften Heiterkeit und ihrer schreilosen Tragik. Und sie war Ha­itang. Mit aller stillen Lieblichkeit, aller schlichten Schönheit, aller Einfachheit ihres Wesens. Und unvergesslich war’s, wie sie in einem Reißer des Dario Niccodemi, Scam-polo genannt, ihr Wesen entfaltete.

Hier war sie bis zum Übermut er­füllt. Unvergesslich.

Ihre letzte Leistung war die Cleo­patra in Shaws Caesar-Drama. Sie war Katzenkind, schmeichlerisch und raubtierhaft, mit heiterer Gier nach Glück und dunklem Rachetrieb, ein Schleichendes und Lä­chelndes, Sanftes und Begehrendes – mit sprunghafter Anmut. Zwischen den Polen, die heute die lockende Weiblichkeit der Dorsch und das kindhaft-herbe Wunder der Bergner bezeichnen, liegt das Reich dieser Schauspielerin. Noch ist sie unterwegs“.

Die Breslauer Zeit ist vorbei. Ein kurzer Schlenker über Frankfurt – am Main – Dort spielt am 21. April 1926 Carola Neher das Klabund Stück „Brennende Erde“ in der Erstaufführung. Geschrieben von ihrem Mann, der ihr zwar wieder eine Rolle „auf den Leib“ geschrieben hat, aber für ihn wird es kein Erfolg, wohl aber für seine Frau. Klabund ist zufrieden.

Über die Rolle seiner Frau – also der Marusja schreibt Klabund: „Sie empfing von Anfang an ihr Blut von dem schauspieleri­schen Leben meiner Frau, Carola Neher“.

Carola Neher schreibt am 11. Mai 1926 aus Frankfurt:

„… Meine lieben Poeschels, (…) es war doll, Frankfurt für mich, ein herrlicher Erfolg, die ganze Berliner und Wiener Presse fabelhaft! Vielleicht kommen wir in Davos vorbei, wenn wir nach Italien fahren! Wie gehts? Ist (Sven) Hedin noch da? Grüßen Sie ihn! Er soll einmal schreiben. Er ist nett! Es gibt so wenig nette Männer, ich habe wieder eine Unmenge kennengelernt, aber nichts besonderes. Klabund erscheint mir momentelang immer noch der beste! Die Liebe blüht, (so halb und halb)! Trennungsversuch nur mehr alle 8 Tage! Großer Fortschritt! Auf Wiedersehen, Ihre Carola Neher“

Carola Neher als Marusja mit Friedrich Ettel In Brennende Erde Quelle; Foto Sammlung Becker

In den Frankfurter Tagen ermuntert Klabund Carola Neher zu schreiben. „Wach für neue Themen, engagiert für die Frauenemanzipation, beschäftigt sie, was seit Shakespeares Zeiten Spannung auf das Theater bringt: der Geschlechtertausch im Rollenspiel und die Sehnsucht der Liebenden, eins zu werden.“ (Tita Gaehme)

In der Frankfurter Zeitung, im Abendblatt vom 22. April 1926 veröffentlicht sie ihren ersten Artikel, eine „Reklame“ für sich und ihren Mann und eine für das Stück „Brennende Erde“:

Die Hosenrolle „Das Weib als Mann! das Mädchen als Knabe! Seit Jahrtausenden, solange die Herrschaft des Mannes besteht, ist es die Sehnsucht der Frau, sich, wenn auch nur für Stunden oder Minuten, einmal in den Herrn der Schöpfung zu verwandeln. Wie ja immer der Schwache Verlangen trägt, die Rolle des Starken zu spielen und durch dieses Spiel, durch Aneignung seiner Maske und seines Charakters, ihn innerlich zu über­winden, indem er ihn selber darstellt. Die Mutter wünscht sich einen Jungen, um auf diese Weise am männlichen Wesen teilzuhaben; wenn sie selber schon kein Mann sein kann, so will sie wenigstens einem Mann buchstäblich das Leben schenken – und koste es auch ihr eigenes.

Als noch die Frauenherrschaft bestand, da ging die Sehn­sucht der Frau sicher nach einem Mädchen, das ein Anlass mehr war, diese Herrschaft zu halten und zu befestigen. Manchmal scheint es heute, als stände eine neue Herrschaftsepoche der Frau bevor. Die Vermännlichung der Frauenmode ist noch nicht abgeschlossen: der Bubikopf, das Herrenhemd als Bluse, der Smoking für die Dame – es wäre allzu oberfläch­lich geurteilt, die neue Mode nur als eine Marotte zu bezeich­nen. Aus einer Unterbewertung wird leicht eine Überbewer­tung. Die Frauenrechtlerinnen haben in Amerika der Frau schon eine Sonderstellung erstritten. Dort gilt bei Gericht der Eid einer Frau schon mehr als der Eid eines Mannes.

Wir Frauen in Europa müssen uns vorläufig noch begnügen, den Mann zu spielen. Auf allen Faschingsbällen laufen wir als Pagen, Bauernjungen, Apachen herum und haben hier wenigstens die Hosen (z.B. die Oxfordhosen …) an. Wer aber in einem ständigen Fasching lebt, die Schauspielerin also, der fin­det in der Verkleidung als Mann noch einen besonderen Reiz. Denn er spielt den Mann nicht nur für sich selbst, sondern auch für tausend andere. Sein eigenes Wunschbild vermischt sich mit dem Sehnsuchtsbild der ganzen Menschheit, soweit sie gerade im Theater sitzt. Denn auch die Sehnsucht des Mannes ist es, sich selber einmal als Frau zu sehen. Die Sehnsucht des Liebenden mit dem geliebten Wesen völlig eins zu werden, sucht Erfüllung. Der Mann will die Frau nicht nur haben, er will sie auch sein. Und umgekehrt. Die Beliebtheit der Hosenrolle beim Publikum – und bei der Schauspielerin hat in den tiefsten Gründen der Liebe und Erotik ihre Wurzeln. Früher ist man so weit gegangen, Schauspielerinnen sogar aus­gesprochene Liebhaberrollen spielen zu lassen. Klara Ziegler hat noch den Romeo gespielt. Adèle Caroline Sandrock in ihrer Jugend den Hamlet. Dies ist gewiss „unnatürlich“ – aber das Theater ist überhaupt keine natürliche Sache. Es ist das Unnatürlichste, Unwirklichste, was es gibt. Sarah Bernhardt hat mit fünfzig Jahren in der Rolle des Herzogs von Reichstadt, des 17 jährigen jungen Napoleon, ihren größten Triumph gefeiert. Gerade in diesen Tagen will sich Ida Roland im Burgtheater in der glei­chen Rolle mit ihr messen. Und es ist gewiss, sie wird dem Publikum mehr gefallen als ein jugendlicher Held in der glei­chen Rolle. Denn es mag anmaßend von einer Schauspielerin klingen, aber es ist so: am Theater herrscht die Frau, sie hat die Hosen an – auch ohne sie anzuhaben. Ihretwegen in erster Linie läuft das Publikum ins Theater. Man will die Massary, die Dorsch, die Bergner sehen. Auch der größte Schauspieler spielt beim Publikum erst die zweite Rolle. Es sei denn, dass er, wie Werner Krauß, eine Kleiderrolle und Charleys Tante spielt …

Wenn ich von mir sprechen darf – aber eigentlich habe ich die ganze Zeit schon von mir gesprochen – so spiele ich lei­denschaftlich gern Hosenrollen. Am liebsten jene, wo ich Frau bleiben darf und nur das Kleid des Mannes trage, die Shawsche Johanna, Rosalinde, – schließlich ist auch die Haitang eine Hosenrolle, denn die Chinesinnen tragen seide­ne Hosen. Auch in dem neuen Drama meines Mannes, das er für mich geschrieben hat, spiele ich im letzten Akt eine Hosenrolle. Aber mehr darf ich davon noch nicht verraten.“

Vor Berlin ab Mai 1926 bis Ende Juli ein paar Urlaubswochen in Zeesen auf den Gut des Berliner Bankiers Dr. Ernst Goldschmidt. Klabund beendet sein Cromwell-Dramas und Carola Neher tobt ihre Sportbegeisterung aus.

Der Schiedsrichter-Stuhl auf dem Tennisplatz in Zeesen aufgenommen in den 90 er Jahren Foto: Matthias Wegner, u.a. Klabund-Autor

Auszug aus der Ode an Zeesen:

Genug genug wilde Nymphe
Zieh dir den schwarzrotgestreiften Bademantel an
Und komm auf den Tennisplatz
Henry der Trainer wartet schon auf die gnädige Frau
Du schlägst die Bälle
Zwei Dutzend Bälle
Zwei Dutzend Menschenköpfe
Haarscharf übers Netz
Keinen Liebesblick
Keinen Ball
Läßt du aus.

und dann endlich – Ende Juli das Debüt im Theater in der Königgrätzer Straße am 10. Juni 1926 mit „Gefallene Engel“ von Noel Coward.

Am 26. August 1926 folgt im Berliner Lustspielhaus „Kukuli“, ein Lustspiel von V. A. Jager-Schmidt. Carola Neher in der Titelrolle einer farbigen Samoanerin. Mit Olga Limburg, Camilla Spira, Wolfgang Zilzer, Eugen Burg, Hans Sternberg.

Carola Neher als Kukuli 1926 Quelle; Foto Sammlung Becker

Carola Neher feiert – Dunkelbraun geschminkt als Samoanermädchen Kukuli – einen riesigen Erfolg. „Katzenschlank und beweglich wie ein Eichhörnchen, bleckt sie bald die Zunge, bald eine kesse Lache aus dem Mund, springt hier als Lauscherin auf einen Baum, dort einer Nebenbuhlerin an den Hals, fletscht lächelnd die weißesten Zähne und lässt in der Stimme, was sage ich Stimme, in jeder Bewegung ihres Körpers einen, wie man früher sagte, Timbre von süßer Sinnlichkeit fühlen, so dass man kritisch nicht zu mucksen wagt“ schreibt ein Kritiker und auch die anderen Kritiken überschlagen sich: „Carola kam, sah und siegte“ (Julius Hart in „Der Tag“), ein „Stern erster Ordnung, der gestern Abend an unserem Theaterhimmel aufging: Carola Neher“. Man vergleicht sie bereits mit Elisabeth Bergner, die diese Rolle ebenfalls spielte: „Sie hat Züge, die an die Bergner erinnern. Der Unterschied aber: die Bergner geht den Weg vom Sichtbaren zum Beseelten; die Neher geht ihn umgekehrt vom Beseelten zum Sichtbaren. Der Erfolg jedoch gibt ihrer springlebendigen Eigenart Recht“, schreibt die „Tägliche Rundschau“ und die „Deutsche Allgemeine Zeitung“: „Eine befreiende Freude geht von ihr aus, sie schenkt sich und beschenkt uns und soll uns willkommen sein im Theater Berlins!“

05.10.1926 — Lessing-Theater (Berlin) – „Mensch und Übermensch“ von Bernard Shaw. Mit Carola Neher als Anne Whitefield/Donna Anna.

Die Komödie „Mensch und Übermensch“, die eine Umkehrung des Don-Juan-Mythos ist, wird von Shaw im Untertitel auch als eine Philosophie charakterisiert.

Herbert Ihering über die Aufführung:

„… Für die große Krise des europäischen Theaters bedeu­tet Shaws Komödie „Mensch und Übermensch“ ein frühes und besonders interessantes Merkmal. Shaw hatte als einer der ersten die Notwendigkeit erkannt, das Bühnen­stück inhaltlich aufzufrischen. Er war in einer ästheti­schen Zeit der einzige politische Dramatiker. Aber er schrieb für ein Publikum, das das Theater als unverbind­lichen Genuss, als zu nichts verpflichtende Abendunter­haltung betrachtete. Das war für Shaw der Antrieb, auf der einen Seite den Stoff so zu durchleuchten, dass Werke entstanden, die in ihrer Heiterkeit musisch waren, deren Witz Formelement wurde und ohne Preisgabe des Sach­lichen ästhetische Wirkungen erzielte. Das war auf der anderen Seite der Anlass, Werke, deren Wert allein im Inhaltlichen liegen konnte, ästhetisch schmackhaft zu machen, durch literarische Rückbeziehungen zu ver­dünnen.

Eine solche Komödie ist „Mensch und Übermensch“. Shaw wollte einen Inhalt diskutieren und ein Don-Juan-Stück schreiben. Aber der Inhalt ist etwas durchaus ande­res als das Don-Juan-Stück. Der Inhalt, dass das Weib der Jäger, der Mann der Gejagte ist — diese Umkehrung steht zu dem Don-Juan-Thema kaum in der Beziehung des Gegensatzes und würde als moderne Ausdeutung über­haupt nicht gemerkt werden, wenn nicht im dritten Akt ein Traum eingesprengt wäre, der die Personen in der Maske von Don Juan, Teufel, Donna Anna, Komthur auf­treten ließe.

„Mensch und Übermensch“ hieße als bloßes Lustspiel viel besser (nach den Hauptfiguren) „Ann und Jack“: dann müsste alle „Bedeutung“ wegfallen, und man hätte die vielleicht amüsante Jagd der Frau nach dem Mann, von England bis nach Südspanien. Es hieße als Diskussionsthema: der neue Mann und die neue Frau. Dann würden die Gewichte anders verteilt werden müssen: Der Chauffeur Straker, der kühle, praktische, tätige Mann, wäre entschiedene Kontrastfigur zum redenden, schrei­benden „Umstürzler“ John Tanner geworden. Ebenso wie die Gegensätze der klaren bewussten Violet zur instink­tiven sprunghaften Ann deutlicher sich ausgeprägt hätten. Oder das Stück wäre ein literarisierendes Spiel „Der neue Don Juan“ geblieben, ein ästhetisch-amüsanter Scherz mit Namen und historischen Parallelen.

„Mensch und Übermensch“ — dieser Titel ist, wie das Stück vorliegt, fast unverständlich. Shaws Komödie bleibt interessant, weil in ihr die Krise des europäischen Thea­ters vielleicht zum ersten Mal akut wird. Die Notwendig­keit neuer Inhalte. Die Beharrung des alten Publikums. Die Notwendigkeit verpflichtender Wahrheit. Der Zu­stand unverbindlicher Form.

Carola Neher als Ann Berlin 1926 Quelle; Foto Sammlung Becker

Auf dem Wege zu einem großen Zeitwerk bringt Shaw hier schon Figuren und Ansichten. Da aber die Zeit noch nicht so weit war, dass diese Ansichten ein Kunstwerk schaffen konnten, hätte das reine Diskussionsstück hier wahrscheinlich stärker gewirkt als die Mischung aus Rede, billiger Handlung und billiger Rückbeziehung auf ein altes Thema: Don Juan.

Der Bühne bietet „Mensch und Übermensch“ so viel Hemmungen, dass der Versuch Karl Heinz Martins zur handgreiflichen Zusammendrängung, zur Beschleunigung immerhin ein Weg ist. Eugen Klopfer tat es wohl, einmal eine hurtige, unsentimentale Rolle zu spielen. Wie immer hatte er schon bei seinem ersten Auftritt die Bühne und das Publikum in der Gewalt. Sein sieghaftes Komödiantentum drang durch. Allerdings galoppierte er manchmal über die Sätze hinweg, wie der bekannte Reiter über den Bodensee. Er schien nicht immer zu wissen, welche ge­fährliche Strecken er hinter sich gebracht hatte.

Carola Neher ist früh in Berlin berühmt geworden. Man hüte sich, sie durch Überschätzung in eine Position zu treiben, die sie später nicht halten kann. Sie hat alles, was man für drollige, schmissige Rollen wünschen kann: persönlichen Charme, persönliches Temperament, Laune und Witz. Aber ihr fehlt die Gestaltungskraft dem drama­tischen Vorgang gegenüber. Sie spielt mehr eine Figur für sich, als eine Figur in einem dramatischen Gefüge. (Ent­zückend Karl Etlinger als Räuberführer in der Sierra Nevada.)“

22.12.1926 – Die Tribüne (Berlin) – „Der Liebestrank“ von Frank Wedekind. Carola Neher als Katharina.

Spielezeit 1927

17.2.1927 — Renaissance Theater (Berlin) – „Aber Mama!“ von Louis Verneuil (Lustspiel). Carola Neher als Jaqueline.

1927 Maurine Dallas Watkins: „Chicago“, Carola Neher als Roxie

Quelle; Foto Sammlung Becker

Jaques Natanson: ”Coeur-Bube” Carola Neher als Simone.

Quelle; Foto Sammlung Becker

Das Stück brachte der Direktion Gustav Hartung 1927 nach einem Flop und zwei Stücken, die keine rauschenden Erfolge waren, den ersten Volltreffer. Es spielten Carola Neher (die am Beginn ihrer Karriere stand), Franz Lederer (der bald darauf ein internationaler Bühnen- und Film-Star wurde), Max Gülstorff, Oskar Sima (der jeden Abend zunächst seine Rolle im Braven Soldaten Schwejk bei Piscator am Nollendorf-Platz spielte, dann zum Taxi rannte, in dem ihn sein Garderobier für den zweiten Akt von Coeur-Bube umkleidete, um danach wieder mit dem Taxi zurückzufahren und den Schwejk zu Ende zu spielen) und eine Anfängerin: Hilde Körber.

Spielzeit 1928

George Bernard Shaw: „Pygmalion“ Carola Neher als Eliza.

Wikipedia:

“… Das Schauspiel von George Bernard Shaw nach Ovids Darstellung des Pygmalion-Stoffs, das am 16. Oktober 1913 im Wiener Burgtheater in der Übersetzung von Siegfried Trebitsch uraufgeführt wurde.

Shaws Komödie erzählt die Geschichte des Professors Henry Higgins, eines selbstherrlichen Sprachwissenschaftlers, der wettet, dass er eine arme Blumenverkäuferin, Eliza Doolittle, zu einer Herzogin machen könne, indem er ihr beibringt, mit dem Akzent der feinen Londoner Gesellschaft zu sprechen. Bei einer Botschafter-Party gibt er sie erfolgreich als Herzogin aus. Da sie von Higgins allerdings schlecht behandelt wird, verlässt sie ihn, ohne zu wissen, was sie danach tun wird.“

Walter Georg Alexander Hasenclever: „Ehen werden im Himmel geschlossen“ Carola Neher als Hl. Magdalena.

Carola Neher und Werner Krauss „Ehen werden im Himmelsgeschlossen“ Quelle; Foto Sammlung Becker

Walter Hasenclever (8. Juli 1890 bis 21. Juni 1940) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller jüdischer Abstammung. Er schrieb diese Komödie im Jahre 1928.

Wikipedia:

„… Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten und nach der Bücherverbrennung aus den Bibliotheken entfernt. Hasenclever ging daraufhin ins Exil nach Nizza. 1934 heiratete er dort Edith Schäfer. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als „feindlicher Ausländer“ in Frankreich zweimal (u. a. im Fort Carré in Antibes) interniert. Nach der Niederlage Frankreichs nahm er sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence mit einer Überdosis Veronal das Leben, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen.“

Spielzeit 1929

Edouard Bourdet: „Soeben erschienen“ Premiere 17. Januar 1929 in den Kammerspielen des Deutschen Theater. Carola Neher als Jaqueline

Frank Wedekind: „der Marquis von Keith“ Carola Neher als Hermann. Das Stück wurde bereits am 11. Oktober 1901 im Residenztheater in Berlin uraufgeführt.

Wikipedia: „Wie die meisten Stücke Wedekinds behandelt es die Doppelmoral in der bürgerlichen Gesellschaft, den Widerspruch zwischen Moral und Genuss. Wie bei anderen Wedekind-Stücken war auch „Der Marquis von Keith“ im Deutschen Reich häufig durch die Zensur bedroht.“

Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill: „Die Dreigroschenoper“ Carola Neher als Polly Peachum. Die Uraufführung fand am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt. Das „Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern“ wurde die erfolgreichste deutsche Theateraufführung bis 1933, einige Musiknummern wie die Moritat von Mackie Messer wurden Welthits.

Carola Neher mit Hermann Thimig bei Probearbeiten Dreigroschenoper April 1929 Theater am Schiffbauer Damm Quelle; Foto Sammlung Becker

Der Weg Carola Nehers „zur besten Polly, die Brecht je hatte“, ist ein trauriger. Sie soll bereits zur Uraufführung besetzt werden, aber dazu kommt es nicht, Guido von Kaulla erzählt die Vorgeschichte:

„… 1928 ist für den 31. August die Premiere von Brechts „Dreigroschenoper“ in Berlin im „Theater am Schiffbauerdamm“ (Direktion E. J. Aufricht) angesetzt. Brecht und Aufricht übertragen darin der Neher die Hauptrolle der Polly.

Klabund in Davos, der sein Ende nahen fühlt, verlangt nach seiner Frau. Die Neher lässt sich Urlaub geben und fährt zum Haus Stolzenfels. Brecht und Aufricht schreiben und telegraphieren nach Davos, und, als keine Antwort eintrifft, rufen sie an. Die Neher, unter dem Eindruck des Sterbens des zumeist schon bewusstlosen Mannes, sagt ihnen mit leiser Stim­me, dass Klabund in der Agonie liege! Man möge die Rolle nicht umbesetzen! Der Todeskampf hat also schon begonnen.

Carola Neher hat sich alle die Jahre als eine erfahrene, ehr­geizig arbeitende, in ihrer Berufsausübung fanatisch diszi­plinierte Schauspielerin erwiesen: sie kann also die Probensituation richtig beurteilen. Tatsächlich sind ihre Proben und ist der Premierentermin denn auch überhaupt nicht gefährdet! Für die Unternehmer besteht also keinerlei Grund zur Sorge. Gleichwohl rufen in der Folgezeit diese Herren unentwegt zweimal täglich an.“

Klabund stirbt am 14. August 1928.

Matthias Wegner – Etwas aber muss noch hinzugefügt werden:

„… Carola Neher nahm in Berlin die Proben zur Dreigroschenoper wieder auf, doch ihr Gemütszustand zwang sie, noch vor der Premiere am 31. August 1928 aus der fast fertigen Produktion auszusteigen. Ihre Freundin Roma Bahn sprang als Polly ein.“

Die Neue Berliner Zeitung vom 28.8.1928 meldet:

„…Carola Neher ist, wie wir erfahren, nicht unbedenklich erkrankt. Die Künstlerin, die in dieser Woche in der Premiere von Brecht-Weills „Dreigroschenoper“ am Schiffbauerdamm auftreten sollte, hat einen so schweren Nervenzusammenbruch erlitten, dass an ihr Auftreten nicht zu denken ist. Die Erkrankung Karola Nehers dürfte eine Folge der Aufregungen sein, denen die Künstlerin vor kurzem infolge des Ablebens ihres Gat­ten, des Dichters Klabund, unterworfen war.“

„Bei Schwannecke, im Romanischen Cafe und in allen andern Künstlerkneipen werden die schrecklichsten Ge­schichten über die Proben erzählt. Carola bleibt nicht die ein­zige, die aussteigt, auch Peter Lorre als Peachum lässt sich krankschreiben und wird umbesetzt, jeder verkracht sich mit jedem“, so Tita Gaehme.

Wie tief sie getroffen ist, zeigt auch die Absage einer Lesung von Klabund-Gedichten, die im Rundfunk am 6. September als Gedenksendung für den ver­storbenen Dichter geplant ist.

Und von Bert Brecht stammt eine Grabrede nach ihrem Ausstieg:

„… Wir begraben hier die größte deutsche Schauspielerin C N, gestorben 23 Jahre alt, das Strahlendste, was wir gehabt haben. Viele, die sie gesehen haben, hatten vorher nicht gewusst, dass der Mensch sich so leicht bewegen könnte. Vor wenigen Jahren, als sie die Bühne betrat, konnte diese Frau nicht auf der Bühne, nicht auf der Straße gehen, hatte sie keine Stimme und vermochte sie nicht zu sprechen. Sie hat es gelernt durch Willenskraft. Mit weniger Anstrengung und geringerem Nutzen können Weltreiche er­obert werden. Und alle diese Anstrengung, Eignung und Plan für diese Wenige Zeit! Das Schicksal ist wahnsinnig.“

Karikatur von Otto Linnekogel Carola Neher als Polly 1929 Quelle; Foto Sammlung Becker

Im Mai 1929 übernimmt Carola Neher dann doch noch die Rolle der Polly, genauso bravourös, wie auch in der Verfilmung von Georg Wilhelm Pabst. Der Kritiker Herbert Ihering meint, sie sei „eine witzige, genaue, prägnante Darstellerin geworden“ und Alfred Kerr bezeichnete sie schwärmerisch als „hin‘ reißend-liebe, zaubersüße, volkseinfache Menschenblume“.

„Was soll ich tun?“ meinte Carola achselzuckend. „Wo ich auch hingehe, werden diese verdammten Songs genu­delt. Wenn ich dieser Pest entgehen wollte, müsste ich aus Deutschland auswandern. Dann sing ich sie lieber selber.“

Bertolt Brecht/ Elisabeth Hauptmanns: „Happy End“ (Komödie in drei Akten mit Musik) Carola Neher als Lilian Holiday. Musik Kurt Weill. Mit Helene Weigel als Fliege, Oskar Homolka als Bill.

Uraufführung am 2. September 1929 im Theater am Schiffbauerdamm, Berlin.

Wikipedia über das Stück:

„… Elisabeth Hauptmanns Stück Happy End entstand in der ersten Jahreshälfte 1929 als Nachfolgeprojekt zur erfolgreichen Dreigroschenoper Bertolt Brechts. Das Stück setzt sich mit der Geschichte der Heilsarmee, einer Gangsterbande und der Zerstörung der großen Städte auseinander. Es geht dabei um die Zusammenhänge zwischen Religion und Geschäft. Am 2. September 1929 fand die Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt.

Die Autorschaft war lange umstritten, Happy End wurde zunächst dem Werk Brechts zugeordnet, nachdem es unter dem Pseudonym „Dorothy Lane“ veröffentlicht worden war. Seit 1977 gilt Elisabeth Hauptmann als Autorin. Nur die Songs sind von Brecht und Weill. Im Juni hatte Brecht einen Brief an Elisabeth Hauptmann geschrieben, indem er sie aufforderte das Projekt zu übernehmen. Der Brief enthielt einige Anmerkungen zum Plot und zu den Personen.“

Carola Neher als Lilian Holiday Brechts „Happy End“ Berlin 1929 Quelle; Foto Sammlung Becker

Spielzeit 1930 

Über die längst in Berlin etablierte Schauspielerin schreibt Manfred Georg in der „Weltbühne“ 1930:

„… Carola Neher in Berlin 

Zuerst war da die Gesellschaftskomödie. Ach, wisperte da das Publikum,: charmant, entzückend, reizend. Nie­mand sah, dass da eine große Bega­bung gewaltsam zu momentanem Nutzeffekt verniedlicht wurde. In Bordets „Soeben erschienen“ (Kam­merspiele, Premiere: 16 Januar 1929) geschah es dann wie erste Besinnung. Sie spielte eine stille junge Frau, ganz schlicht, gar nicht mehr von der Ram­pe. Wie eine Variation über das Klabundlied „Es klopft und tropft und klopft mein Herz“. Inzwischen hatte ein anderer Dichter die „Dreigroschenoper“ und „Happy End“ geschrieben. Diese Rollen nahm sie sich.

Nach Anläufen hatte sie aus bewusster Theatermacherei zur Menschen­darstellung gefunden. Sie zog sich auf sich selbst zurück, und wir fanden Eine aus dem Unterbewusstsein aufblühende Frau, die als Polly oder Lilian zum Volke gehörte, empfindsam wie die Mädchen des Volkes, die in warmen Nächten an geöffneten Fenstern singen, ihre eigene Sicherheit haben und ein dankbares Herz für den Mann. Die Frauengestalten der Neher sind Frauen geworden wie man sie in der Prosa der Fleißer oder Grafs trifft, nur mit dem Unterschied, dass das große Komödiantentum dieser Schauspielerin sie beliebig nach außen verwandelbar macht. Die Songs der Neher haben die tiefe melodiöse Lockung der Volkslieder, die das Echo der großen Gefühle sind. Hier wächst eine Volksschauspielerin heran im modernen Sinne der klassischen Schauspielkunst.“

Marcellus Schiffer /Friedrich Holländer: „Ich tanze um die Welt mit Dir“. Carola Neher in der Rolle der Lilli, einer Pose in drei Akten mit Gesang und Tanz.

Carola Neher als Lilli in „Ich tanze um die Welt mit dir“ Berlin 1930 Quelle; Foto Sammlung Becker

Fritz Schwiefert: „Marguerite: 3“ Carola Neher als Marguerite.

Spielzeit 1931

Anton Savoir: „Der Dompteur“ Carola Neher als Arabella

Ödön von Horváth: „Geschichten aus dem Wienerwald“ Carola Neher als Marianne, „das süße Wiener Mädel“

Wikipedia:

„… Edmund (Ödön) Josef von Horváth (geboren am 9. Dezember 1901 in Susak, Österreich Ungarn; gestorben am 1. Juni 1938 in Paris) war ein auf Deutsch schreibender Schriftsteller ungarischer Staatsbürgerschaft: „Meine Muttersprache ist die deutsche.“ Bekannt wurde er unter anderem durch seine Stücke „Geschichten aus dem Wiener Wald“, „Glaube Liebe Hoffnung“ und „Kasimir und Karoline“ sowie durch seine zeitkritischen Romane „Der ewige Spießer, „Jugend ohne Gott“ und „Ein Kind unserer Zeit.

Geschichten aus dem Wiener Wald ist das bekannteste Theaterstück des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth (1901–1938). Es wurde 1931 in Berlin uraufgeführt und bis heute mehrfach verfilmt. Noch vor der Uraufführung erhielt Horváth auf Vorschlag Carl Zuckmayers 1931 für das Stück den Kleist-Preis. Der Titel ist eine Anlehnung an den Walzer Geschichten aus dem Wienerwald von Johann Strauss (Sohn).

Horváths Stück, geschrieben Ende der 1920 er Jahre in der Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise, ist ein Schlüsselwerk des modernen Dramas und wurde von Erich Kästner ein Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück genannt. Knapp und lakonisch demaskiert Horváth das Klischee von der „Wiener Gemütlichkeit“ und stellt unter Verwendung ihrer bekannten Klischees auf grausame Weise deren Verlogenheit zur Schau.“

Der Kritiker Alfred Polgar bezeichnete die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als ein Volksstück und die Parodie dazu. Horváth demontierte die doppelbödige „Wiener Gemütlichkeit“, hinter deren Fassade sich Exzesse der Gemeinheit und Bösartigkeit abspielen, und demaskierte die Kleinbürgermentalität und deren Fassade als trügerische Idylle.

Edmund (Ödön) Josef von Horváth Von Anonym – Dieter Hildebrandt: Ödön von Horváth. https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5282310

Erich Kästner schreibt in der „Neuen Leipziger Zeitung“, November 1931:

„Er übernahm die aus Filmen, Operetten und Dramen bekannten pensionierten Rittmeister, die süßen Mädel, die nichtsnutzigen Hallodri, die familiensüchtigen Kleinbürger; er übernahm den Plüsch, aber er klopfte ihn aus, dass die Motten aufflogen und die zerfressenen Stellen sichtbar wurden. Er zeigte die Vorder- und die Kehrseite der überkommenen Wiener Welt. Er ließ diese Leute ihre Lieder singen, ihren plauschenden Dialekt sprechen, ihre Heurigenlokale trunken durchwandern und zeigte darüber hinaus die Faulheit, die Bosheit, die verlogene Frömmigkeit, die Giftigkeit und die Borniertheit, die hinter und in jenen marktgängigen Eigenschaften stecken. Er zerstörte nicht nur das überkommene Wiener Figuren-Panoptikum, er gestaltete ein neues, echteres außerdem.“

Der Titel des Stückes stammt aus dem Walzer „Geschichten aus dem Wienerwald“ von Johann Strauss (Sohn).

Die Rechte „jaulte“, aber das Stück wurde in zwei Monaten achtundzwanzigmal aufgeführt. „Man lacht vor so viel trauriger Zoologie“. Oscar Bie (geboren 9. Februar 1864 in Breslau; gestorben 21. April 1938 in Berlin), ein deutscher Musik- und Kunsthistoriker und Publizist, sah darin einen „Höhepunkt des Bühnenlebens, der Verschmelzung von Person und Milieu, wie man ihn selten in diesem Hause erlebt hat“ und Theaterpapst Alfred Kerr urteilte im Berliner Tagblatt: „Eine stärkste Kraft unter den Jungen, Horváth, umspannt hier größere Teile des Lebens als zuvor. (…) Unter den Jungen ein Wer; ein Geblüt; ein Bestand. Ansonst ist hier kein Zurückschrauben in die Fibeldummheit; sondern ein Saft. Und ein Reichtum.“

Zu meiner großen Freude lese ich dann: Die rechtsradikale Presse jedoch nannte das Stück eine „beispiellose Unverschämtheit“, „Sauerei“, „Unflat ersten Ranges (Völkischer Beobachter) und „eine dramatische Verunglimpfung des alten Österreich-Ungarn“.

Im nationalsozialistischen Montagsblatt „Der Angriff“ von Joseph Goebbels hieß es, dass das „goldene Wiener Herz rettungs- und hilflos in der Horváthschen Jauche ersoff.“

Kritik von Manfred Georg, erschienen in der Zeitschrift „Tempo Nr. 257, 2 Beilage 6 November 1931:

„… Bringe den Mensch dazu, dass er aus seiner Zivilisationshaut fährt, und meist enthüllt sich ein feiges und gewalttätiges Tier. (…)

Volksstück nennt Horvath den Bilderbogen seiner Moritat. Ein Volksstück – wie ein Volkslied -setzt vor allem neben Einfachheit und Klarheit eines voraus: es muss aus einem einheitlichen Guss sein. Horvath schwankt zwischen dem leicht ironisierenden Stil des An­fangs und der zentnerschweren Groschen-Reportage des Schlusses.

„Und der Vater mit Grausen
Auf sein Kind so lotterbunt!
Spricht: „Der Affe soll mich lausen!“
Doch die Seele ist ihm wund.
Möchte gern die Hand erfassen.
Aber ihr geschminkter Mund
zwingt ihn schmerzlich, dies zu lassen.
Ach, es war ’ne böse Stund‘!

Der Wienerwald, Schauplatz von Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ Von I, Herzi Pinki, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2340789

Fast bis zur Hinterhofdramatik dieses alten Leierkastenlieds sinkt kotzplump, was als scharfsichtige Persiflage begann. So einfach, frisch und naiv dahingesprochen sich etwa die ersten Liebeswirrungen zwischen dem primitiv-natür­lichen Menschenkind Marianne und dem Hallodri Alfred anlassen, so gut ein Kerl wie der schwere Schlächterbursch Oskar gesehen ist, der Gottes Mühlen für sich Mahlen lässt – wenn am Schluss ein Kind von einer bösen Strindberg-Großmutter auf dem Weg einer absichtlich herbeigeführten Erkältung ermordet wird, so schla­gen sich hier zwei Darstellungsziele und heben sich in ihrer Wirkung auf.

Dass die klaffende, innere Stil-Ge­gensätzlichkeit überbrückt wurde, war die Leistung der großen künst­lerischen Spannkraft Carola Nehers. In ihrem armseligen Mantel, das geflochtene Mützchen auf dem Kopf, ganz schlicht in der Sprache und den unbewussten Gesten des Körpers, war sie wirklich ein armes Stück Mädchen aus dem Volk. Voll Nervenzucht und Gefühlsspannung, dichtete sie Horvaths literarische Heldin ins Halbproletarische um. Und weil sie vom ersten Liebeswort bis zum Versiegen des letzten echt war, rührte sie so und keine ihrer Sze­nen, auch nicht die kolportagenhafteste, roch nach Kolportage. Es ist gar nicht so lange her, dass wir bei „Happy End“ darauf hin­wiesen, dass hier eine große „Volks – Schauspielerin“ heranwächst. Auf Umwegen über mondänes, sie irritierendes Theater ist die Neher wieder auf ihrer Entwicklungslinie angelangt, die ihr einmal den gro­ßen Kontakt mit den Massen des kommenden, neuen Theaterpublikums bringen wird.“

Es muss ein tolles Stück sein und wäre sicher wert, z.B. in Sachsen wieder aufgeführt zu werden.

Wikipedia:

„… Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden alle Stücke Horváths an deutschen Bühnen abgesetzt und mit Aufführungsverbot belegt, Horváth übersiedelte nach Wien, nach dem Anschluss Österreichs 1938 nach Paris.“

Heinz Hilpert, Regisseur der Berliner Uraufführung 1931:

„Horváth hatte der Medusa, die man das Leben nennt, fest ins Auge gesehen und ohne Zittern eigentlich das dargestellt, was geschieht, in dem, was zu geschehen scheint. Es war eine Wahrhaftigkeit und eine Unerbittlichkeit in der Darstellung der Beziehungslosigkeit der Menschen zueinander, dass man von einer großen Roheit sprach, von Zynismus und Ironie; was alles nicht der Fall war. Denn Horváth war ein Mensch, der absolut nicht mit negativen, sondern nur mit Röntgenaugen das Leben gesehen hat – so wie es wirklich ist.“

Spielzeit 1932 

Schlachthöfen in Chicago Quelle: Wikipedia

Zunächst nur als Hörfunkfassung übernimmt Carola Neher die Rolle der Johanna in der „heiligen Johanna der Schlachthöfe“, einem „epischen Theaterstück von Bertolt Brecht und seinen Mitautoren Elisabeth Hauptmann und Emil Burri.

„Am 11. April 1931 wurde eine Kurzfassung des Brecht-Schauspiels „Johanna der Schlachthöfe“ vom Berliner Rundfunk gesendet. Carola sprach die weibliche Hauptrolle. Eine Bühnenaufführung war wegen der zunehmenden nationalsozialistischen Proteste gegen „linkes Theater“ nicht mehr möglich, schreiben Georg Becker und Micha Neher.

„Der Berliner Börsen Courier“ schreibt nach der Erstausstrahlung im Rundfunk:

„… Es wird einmal zu den denkwürdigsten, aber unrühmlichsten Merkmalen der Kulturgeschichte unserer Zeit gehören, dass das Theater die Vermittlung eines der größten und bedeutendsten Dramen der Epoche dem Rundfunk überlassen musste“.

Regie führte Alfred Braun. Mitwirkende: Fritz Kortner, Carola Neher, Helene Weigel, Ernst Busch, Paul Bildt, Peter Lorre, Friedrich Gnass, Otto Kronburger u.a.

Lovis Corinth Im Schlachthaus 1893 Quelle: Wikipedia

Wikipedia:

„… Brechts Versuche, eine Aufführung in Berlin oder Wien anzustoßen, scheiterten zu Beginn des Jahres 1933 an der politischen Situation. Eine geplante Inszenierung des Hessischen Landestheaters in Darmstadt unter dem Intendanten Hartung wurde durch heftigen konservativen und nationalsozialistischen Widerstand verhindert. Der Stadtrat drohte mit der Streichung der Theatersubventionen und das Stück wurde abgesagt.

Erst am 30. April 1959, also drei Jahre nach Brechts Tod, wurde das Drama am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt. Gustaf Gründgens inszenierte die „Heilige Johanna“  nach dem zeitgenössischen Kritiker Christoph Funke, „indem er bis in Einzelheiten des Arrangements und der Requisiten die Form der großen klassischen Tragödie karikierte“. (…)

Kritiker Christoph Funke berichtet von stürmischem „Beifall, der zum Orkan anschwoll“. Jan Knopf weist darauf hin, dass die Themen Arbeitslosigkeit und Krise „im Zeitalter der Vollbeschäftigung … als ein ferner Wink aus alten Zeiten“ erschienen seien und dass dadurch das religiöse Thema und die Qualität der „Personen- und Konfliktgestaltung“ in den Vordergrund gerückt seien.“

Braun bei der Landung des Zeppelins LZ 127 in Staaken, 1928 Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-06801 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5664811

Alfred Braun, geboren am 3. Mai 1888 in Berlin und dort gestorben am 3. Januar ebenfalls in Berlin war einer der wichtigsten Rundfunkpionier, Wikipedia schreibt:

„… Bis 1933 war er Leiter der Schauspielabteilung der Funk-Stunde Berlin. Immer wieder übernahm er selbst auch Filmrollen. Der Sozialdemokrat Braun gehörte zu den populärsten Gestalten der Weimarer Republik. Der Machtantritt der Nationalsozialisten beendete 1933 Brauns Tätigkeit. Die Gestapo verhaftete Braun im August 1933 unter dem Vorwurf, als ein Hauptvertreter des „Weimarer Systemrundfunks“ der Verantwortliche für eine „Verjudung der Funkstunde“ zu sein, und brachte ihn für sechs Wochen in das Konzentrationslager Oranienburg, dann in das Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit. Zu einer Anklage Brauns im geplanten und im Herbst 1934 veranstalteten „Reichs-Rundfunk-Prozess“ kam es nicht.

Wikipedia:

„… Es erzählt die Geschichte der Johanna Dark, die den ausgesperrten Arbeitern auf den Schlachthöfen Chicagos den Glauben an Gott näherbringen will. Angesichts des Elends versucht sie, den führenden Unternehmer der Fleischindustrie, Mauler, zu überreden, die Fleischfabriken wieder zu eröffnen, gerät dabei aber immer tiefer in den Strudel wirtschaftlicher Machenschaften der Fleischbosse. Schließlich begibt sie sich aus Protest zu den auf den stillgelegten Fleischhöfen im Schnee ausharrenden Arbeitern und wird Zeugin von Versuchen der Arbeiter, sich gegen die Bosse durch einen Generalstreik zur Wehr zu setzen. Als diese ihr eine wichtige Nachricht anvertrauen, unterschlägt sie diese aus Angst, gewalttätige Auseinandersetzungen zu verursachen. Dadurch scheitert der Streik. Am Ende erkennt die sterbende Johanna, dass ihre Hoffnung auf Gott und Verhandlungen mit den Kapitalisten gescheitert sind und dass sie den Arbeitern, denen sie helfen wollte, nur geschadet hat.“

Gastspiel in Wien am Burgtheater/Akademietheater 

Durch die Berliner Erfolge wird man auf „die Neher“ an der „Burg“ in Wien aufmerksam und bietet ihr ein dreimonatiges Gastspiel an. Klabund ist skeptisch, aber Carola Neher nimmt an, Anfang April 1927 treffen die beiden dort ein.

„Carola verstand es, das anspruchsvolle Wiener Theaterpu­blikum mit ihrem Spiel und einer geschickten Pressekampagne, mit Fotoserien und Interviews für sich einzunehmen, in denen sie sich nicht scheute zu be­haupten, ihre Familie stamme eigentlich aus Graz.“ Aus Becker/Neher.

Carola Neher als Cleopatra Quelle; Foto Sammlung Becker

Am 22. April steht Carola Neher im Burgtheater mit „Cäsar und Cleopatra“ von Bernard Shaw auf der Bühne.

In der „Reichspost“, Wien vom 24. April 1924:

„… In Carola Neher, der Frau des Dichters Klabund, hat sich Direk­tor Herterich sicher eine sehr inte­ressante Schauspielerin aus Berlin geholt, wo sie zu den Bühnenlieblingen gehört. Dass sie von Ge­burt eine Grazerin ist, würde man nicht glauben, wenn es nicht so ernsthaft versichert würde. Denn nichts an ihrem Wesen und ihrer Sprache mutet österreichisch an, alles trägt die Marke Berlin. Die Berliner Range nach Ägypten, in das letzte Jahrhundert vor Christi Geburt verpflanzt, das ist die Cle­opatra der Carola Neher…

Die Neher ist eine schon sehr bewusste Schauspielerin, von einem starken Intellekt und vollkomme­ner Beherrschung künstlerischer Ausdrucksmittel gelenkt. Auffal­lend ist die bald katzenartige Be­weglichkeit und Geschmeidigkeit ihres schlanken Körpers, das hüb­sche, rassige Profil ihres knaben­haften Kopfes. […]

Im Übrigen sagen wir mit der gleichen Überzeugung, wie in Shaws Historie die Ägypter fordern: „Ägypten den Ägyptern“! immer wieder: „Das Burgtheater den Österreichern“!

Alfred Polgar ist anderer Meinung und „zerreißt“ das Stück, er schreibt: „In einer verwahrlosten Aufführung von Shaws „Caesar und Cleopatra“, beschämend schon durch die Sprechunkultur, die sie offenbart – Caesar redet Kau­gummi, Ruffio bellt, laut und deutlich spricht nur der Souf­fleur, im ägyptischen Verein geht es zu, dass man’s verstehen würde, wenn der Nil sofort austräte – in dieser Aufführung des Burgtheaters also, für die im Wiederholungsfalle, dem Fremdenverkehr zuliebe, hoffentlich gelten wird: Fremden ist der Eintritt verboten, erschien als Cleopatra Frau Carola Neher aus Berlin, eigentlich aus München, ganz eigentlich aber aus Graz…“ und so weiter, bis zum Ende dieses Verrisses!

Es folgt von Ben Wolfe Levy: „Weiberfeinde“ mit Carola Neher in der Rolle der Jane Crawford. Insgesamt zehn Vorstellungen bis zum 20. September 1027 werden gegeben.

Benn Levy and Constance Cummings in 1935 Quelle: Wikipedia

Wikipedia:

„… Benn Wolfe Levy  war Parlamentsabgeordneter der Labour Party im Unterhaus (…) und erfolgreicher Dramatiker.  Er wurde an der Repton School und dem University College in Oxford ausgebildet und diente in beiden Weltkriegen. (…)

Bevor er in die Politik ging, war Levy ein erfolgreicher Dramatiker und Drehbuchautor.  Er war der Dialogschreiber für „Blackmail” (1929); unter der Regie von Alfred Hitchcock war er der erste britische Tonfilm.

Levy wurde zuerst bei den allgemeinen Wahlen von 1945 für den Wahlkreis Eton und Slough gewählt. (…) Politisch war Levy links von der Labour Party und wurde aktives Mitglied der Kampagne für nukleare Abrüstung.  .Als Sympathisant der zionistischen Bewegung wandte er sich auch gegen Außenminister Ernest Bevin über Bevins Politik gegenüber Palästina und Israel. Als Abgeordneter unternahm Levy einen erfolglosen Versuch, die Zensur der Theater in Großbritannien abzuschaffen, und gegen Ende seines Lebens war er der Hauptautor eines Berichts, der sich den Argumenten von Lord Longford, dem Antipornografiekämpfer, entgegenstellte.  Er war über 40 Jahre lang mit der in Amerika geborenen Schauspielerin Constance Cummings verheiratet. Sie hatten eine Tochter und einen Sohn.

Ein J. St. schreibt in der Wiener Volkszeitung vom 5. Mai 1927:

„… Die einzige Dame unter so vielen Herren war das neue Mitglied Ca­rola Neher. Sie gefiel diesmal viel besser denn letzthin als Cleopatra. Sie hat liebe, schöne Bubenaugen, einen anmutigen Mund und eine Gestalt mit feinen Gliedern und schicken Formen. Braucht man mehr um zu gefallen? Und über­dies hat sie viel Gescheitheit!

Der Kritiker Felix Salten im Berliner Tagblatt, Abend Ausgabe am 13. Mai 1927:

„Weiberfeinde“ und Carola Neher

…Weiberfeinde heißt ein englischer Schwank. Fast hätte ich gesagt, ein englischer Schmarrn – von Ben Lewis. Fünf Herren haben sich in ein Landhaus zurückgezogen, wollen von Frauen und von Liebe nichts wissen; da kommt bei Nacht und Nebel ein kleines Mädchen… Na, und schon! Das Vollzieht sich im Kammerspielhaus der Burg, im Akademietheater. Carola Neher ist das kleine Mädchen. Sie hat mit der Shawschen Cleopatra, mit der sie im großen Burgtheater zuerst vor das Wiener Publikum trat, wenig Glück gehabt, wollte gleich wieder abreisen, ließ sich aber besänftigen und braucht es nicht zu bereuen. Diesmal fand sie reichlichen Beifall. Ihre schmale Keckheit, ihre herbe Spitzbüberei, ihr Lächeln, das immer ein bisschen Bitterkeit und im­mer sehr viel Anmut hat, gefielen. Es gefiel auch, dass ihr technisches Können noch gering, ihr persön­liches Wesen dafür desto stärker scheint.“

Am 24. September 1927 in Wien erstaufgeführt das Schauspiel XYZ – es zählt nicht zu den „größeren Würfen“ von Klabund. Ein Spiel zu Dreien in drei Aufzügen. Carola Neher spielt die Rolle der Henriette v. X.

Zeitschrift „Die Bühne“ Quelle; Foto Sammlung Becker

Die blutjunge Comtesse von Y soll heiraten. Statt des angekündigten Freiers Graf Z erscheint der Handelsreisende X, der ihr sein Herz zu Füßen legt. Verlockend, aber ungehörig. Bis X zu ihrer Freude gesteht: Er ist in Wahrheit Graf Z. Man heiratet, die beiden sind glücklich, bis der echte Graf Z auftaucht und X als Hochstapler entlarvt. Ohne Zögern wechselt die Comtesse die Seiten. Und bereut es bald…

Im „Neuen Wiener Journal“ vom 21, September 1927 ist zu lesen:

„… In dem Stück steckt Witz und Laune. Es ist auch gescheit, und zwar immer gerade dort, wo es am meisten zu erraten übrig lässt. Weil es aber Witz, Laune und Gescheitheit von vorneherein sozusagen als Plakat nützt, ist die Leuchtkraft nur bedingt.

Umso mehr leuchtet Carola Ne­her, die Darstellerin der Komt­esse Y. Sie hat Rasse, nicht nur im Physischen, auch im Spiel. Girl und Dame in einem, nicht in Abschattierungen. Sie macht Charakterkomödie, ohne dass man an Gemachtes denkt; das Sportliche gehört zu ihr, das Streckenlaufen wie der Charleston; und auch den Dialog nimmt sie mit sportli­cher Sicherheit. Sie plaudert nicht bloß, sondern drückt aus. Lebendigkeit und intelligente Anmut sind ihre Kennzeichen; Interessantheit wird ihr wesent­lichstes bleiben.“

War sie nun „Y“ oder „Z“`?

Als letzte Inszenierung in Wien Johan August Strindberg: „Rausch“, Carola Neher als Henriette.

Johan August Strindberg um 1900 Quelle: Wikipedia

Wikipedia:

„…Ein Stück des Schriftstellers Gaston wird ein großer Theatererfolg. Er verliebt sich in Henriette, die Frau seines Freundes Adolph, und verlässt für sie im Rausch der Gefühle seine Frau Jeanne und die gemeinsame kleine Tochter Marion. Marion stirbt durch einen unglücklichen Zufall und Gaston und Jeanne werden des Totschlags verdächtigt. Beide beschuldigen sich gegenseitig – Gaston wiederum wird zum gesellschaftlichen Außenseiter und sowohl beruflich als auch privat zunehmend erfolglos.

Am Ende stellt sich heraus, dass Marion eines natürlichen Todes verstorben ist. Gaston und Jeanne gehen nun endgültig getrennte Wege.

Rausch ist ein deutscher Stummfilm in fünf Akten von Ernst Lubitsch aus dem Jahr 1919. Er entstand nach dem Bühnenstück „Rausch“ (orig. Brott och Brott) von August Strindberg und zählt zu den verschollenen Filmen des Regisseurs.

Johan August Strindberg (geboren am 22. Januar 1849 in Stockholm; gestorben am 14. Mai 1912 in Stockholm) war ein schwedischer Schriftsteller und Künstler. Er gilt als einer der wichtigsten schwedischen Autoren, besonders seine Dramen sind weltbekannt. Von den 1870 er Jahren bis zu seinem Tod dominierte er die Literaturszene in Schweden, war umstritten und oft in persönliche Konflikte verwickelt. Zu seinem umfangreichen literarischen Werk gehören Romane, Novellen und Dramen, die zu den Klassikern schwedischer Literatur zählen.“

Hermann Scherchen

Sommer 1929 – Carola Neher lernt Hermann Scherchen in Berlin kennen. Die beiden verbanden „einige Gemeinsamkeiten: Beide waren sehr impulsiv und neigten zu raschen Entschlüssen“, schreiben Georg Becker und Micha Neher. Und weiter: „Beide waren berufliche Autodidakten. Hermann Scherchen hatte seine Musikerlaufbahn als Bratschist am Berliner „Blüthner – Orchester“ begonnen und das Handwerk als Dirigent weitgehend selbst erworben. Beide harten in den zwanziger Jahren einen steilen beruflichen Aufstieg erlebt -Scherchen wurde 1928 Generalmusikdirektor in Königsberg. Seit 1930 traten Carola Neher und Hermann Scherchen als Paar auf, dessen baldige Eheschließung die Presse im Frühjahr 1932 ankündigte.“

Hermann Carl Julius Scherchen, geboren am 21. Juli 1891 in Berlin und am 12. Juni 1966 in Florenz gestorben, war Dirigent und Komponist.

Die Autorin Gabi Russ: 

„…Un­ter seinem Einfluss und dem des Kreises um Bert Brecht sympa­thisierte Carola mit dem Sozialis­mus, verkehrte in Kreisen von Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern und erlernte die russische Sprache.“

Quelle; Foto Sammlung Becker

Künstlerisch arbeiten Carola Neher und Hermann Scherchen im Rahmen einer Aufführung der „Dreigroschenoper“ zusammen. Karl Holl schreibt in der „Frankfurter Zeitung“ vom 24. März 1932:

„… Dreigroschenoper: Carola Ne­her – Hermann Scherchen

Das „Neue Theater“ vermittelt ein Wiedersehen und Wiederhören der Dreigroschenoper von Brecht und Weill. Das Stück läuft noch immer in der ausgezeichneten, die Stilabsicht drastisch und mobil erfüllen­den Inszenierung von Renato Mordo. Die Musik leitet kein geringerer als Hermann Scherchen, also auch ein Wiedersehen und Wiederhören mit diesem, in Frankfurt unvergesslichen Musiker, Klangorganisator, Sachwalter am Pult. […]

Zu Mordos Inszenierung, zu Scher­chens Dirigententum tritt in dieser Wiederaufnahme des Stücks ein dritter Faktor, der die starke Wir­kung vollends garantiert: Carola Neher als Polly Peachum. Wenn die Berliner Gästin, diese schmale und doch auch ein bisschen untersetzte Erscheinung mit der mädchenhaft hellen und doch schon sehr wissend klingenden Stimme, mit den knap­pen Bewegungen, und der kurzen, etwas kühl blasierten Sprache dem lieblich verlumpten Elternpaar ent­gegentritt, denk man: na, was ist denn da Besonderes? Doch diese Katze, mit den zurückgezogenen Krallen, demaskiert sich von Sze­ne zu Szene mehr und mehr. In der Seeräuber-Ballade ist sie Blitz und Donner. In dem Song vom Hinlegen ist Schwermut und Mut. Im Dialog mit Lucy knistern die Funken. Und unter dem schwarzen Trauerkleid vor der Hinrichtung bebt echtes Gefühl. Es ist weniger ein Über-fluss als eine kluge Beherrschung der mimischen Mittel und dazu eine natürliche Schlichtheit, die für diese Leistung, für diese Künstle­rin einnimmt und sie neben dem größeren, kälteren geschmeidige­ren Raubtier Macheath ins Zentrum der Handlung rückt. Scherchen am Pult, Carola Neher auf der Bühne – das war auch aus persönlichen und privaten Gründen eine Sensa­tion für das Publikum, das den jetzt Verbundenen mit stärkstem Beifall dankte.“

Elias Canetti Von Unbekannt – [1] Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau (ANEFO), 1945-1989, CC BY-SA 3.0 nl, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20442497
Das Verhältnis dauert von 1930 bis 1932 und das „dramatische Ende beschreibt der Schriftsteller Elias Canetti:

„… Sie wollte weg von ihm, er beschwor sie zu bleiben. Sie wollte etwas tun, dieses Leben war ihr zu we­nig. Sie wollte alles stehen lassen, ihre Schauspielerei, ihren Ruhm und ihn, H. [Hermann Scherchen], den sie als Popanz von einem Dirigenten verhöhnte. Sie hatte Verachtung für ihn, weil er vor einem Konzert­publikum auftrat, für wen dirigierte er, dass ihm der Schweiß heruntertroff, was für Schweiß war das, ein falscher Schweiß, der nicht zählte, für sie zählte ein bessarabischer Student , den sie kennengelernt hat­te, der sein Leben aufs Spiel setzen wollte, der nichts fürchtete, kein Gefängnis und keine Erschießung.

H(ermann) fühlte, dass es ihr ernst war, aber er war sicher, dass er sie halten könne. Er hatte bis jetzt alles be­zwungen, auch jede Frau, und wenn jemand wegging, war er es. Er ging nur, wann es ihm passte. Er setzte alle Mittel ein, sie zum Bleiben zu bewegen. Er drohte ihr damit, dass er sie einsperren werde. Er müsse sie vor sich selbst schützen. Sie renne in ihren sicheren Tod. Dieser Student sei niemand, ein grüner Junge, ohne jede Lebenserfahrung. Er beschimpfte ihn und gab ihr alles zurück, was sie eben noch gegen ihn und sein Dirigieren gesagt hatte. Sie schien unsicher zu werden, wenn er etwas gegen den Studenten als Per­son sagte. Sie behauptete, es sei seine Sache, die sie ernst nehme, nicht ihn. Wenn es ein anderer wäre, mit einer solchen Sache und ihr so eng verfallen, würde er ihr nicht weniger Eindruck machen.

Der Kampf dauerte die ganze Nacht. Er wollte sie durch Übermüdung kleinkriegen, sie war von einer unverwirrbaren Zähigkeit und gab seiner physischen Attacke fluchend nach. Schließlich, es wurde schon Morgen, glaubte er sie bezwungen zu haben, denn sie schlief ein. Er sah sie noch befriedigt an, bevor er selber einschlief. Als er aufwachte war sie verschwunden und kam nie wieder.“

Aus: Elias Canetti, Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931 – 1937. München 1985-

Im November 1932 unterschreibt Carola Neher einen Wahlaufruf zu den Reichstagswahlen gegen Hitler und der schadet ihrem Bruder Josef gewaltig, denn von Januar bis März 1933 geht Scherchen auf eine Konzerttournee in die Sowjetunion. Bereits im Vorjahr geplant, nimmt er als „Assistenten“ Carola Nehers Bruder Josef mit. Micha Neher schildert die Rückkehr:

„… In dieser Zeit hatten die Geschwister keinen Kontakt, so dass auch mein Vater nichts von Carolas Antihitlerkampagne wusste. Als er im März 1933 nach München zurückkam, wurde er in München von der Politischen Polizei unter Himmler verhaftet und am 25. März 1933 vom Polizeigefängnis München in das neu errichtete Konzentrationslager Dachau überstellt. Dank der Hilfe eines Freundes gelang ihm die Entlassung wegen eines Zollvergehens.“

Sein Glück, Josef Neher hatte ein „Kapitalverbrechen“ begangen und von den verdienten Rubeln, mit denen er nach der Ausreise nichts mehr anfangen konnte, Kaviar gekauft und der war geschmuggelt.

Noch 1933 wird Hermann Scherchen wegen seiner politischen Einstellung Deutschland verlassen. Er emigrierte in die Schweiz.

Carola Neher in ihrer Breslauer Wohnung 1925 Quelle; Foto Sammlung Becker

Über Carola Nehers Bild in der Öffentlichkeit und ihren Wandel zu einer „sozialistischen Gesinnung“ ist viel gerätselt worden. Dieser Wandel erfolgte mit dem Beginn der 30 er Jahre und wurde von Bert Brecht und Hermann Scherchen beeinflusst. Einen Keim aber hatte sicher bereits Klabund gelegt, der zwar nie Mitglied in einer Partei war, aber sich sehr wohl mit den rechten und linken Umtrieben in der Weimarer Republik beschäftigt hatte und wie viele seiner „Künstlerkollegen“ spöttisch den so genannten „Salonkommunisten“ zugerechnet wurde. Und wenn Carola Neher anlässlich der Reichstagswahlen einen Aufruf gegen Hitler unterschrieben hatte, mag sie beeinflusst gewesen sein, aber die Unterschrift erfolgte nicht gegen ihren Willen. Zu diesem Bild schreiben Georg Becker und Micha Neher:

„… Es erfuhr in der Spätzeit der Weimarer Republik im Zuge der nationalsozialistischen Attacken auf die „linke“ Theater Welt eine politische Besetzung, die der Schau­spielerin und Person Carola Neher nicht gerecht wird. Die eigentlich unpolitische Schauspielerin wurde durch ihr Umfeld zum politischen Aushänge­schild und zur vermeintlichen Unterstützerin einer kommunistischen Gesellschaftsordnung.“

Auf Veranlassung Scherchens lernte sie an der MASCH (Marxistische Arbeiterschule) in Berlin Russisch und dort lernte sie einen Russischlehrer kennen, Anatol Becker.

Micha Neher:

„…Carola war 1931/32 mit Hermann Scherchen liiert, nahm auf seine Veranlassung hin Russischunterricht an der Marxistischen Arbeiterschule MASCH in Berlin, wo sie Unterricht bei Anatol Becker hatte. Im August 1932 brach sie die Beziehung mit Scherchen ab und verbrachte den August mit Becker in Steinebach am Wörthersee. Dort fiel die Entscheidung in die Sowjetunion zu gehen. Da sie  in Berlin kein Visum für die SU bekommt, reist sie zunächst nach Wien.“

Anatol Becker (Mitte) Technische Hochschule Braunschweig 1929 Quelle; Foto Sammlung Becker

Wen Georg Becker und Micha Neher also meinten, wenn sie von einer „unpolitischen Schauspielerin sprachen, die durch ihr Umfeld zum politischen Aushänge­schild und zur vermeintlichen Unterstützerin einer kommunistischen Gesellschaftsordnung wurde“, ist klar – Hermann Scherchen, aber vor allem Anatol Becker. Denn seit sie letzteren kannte, sympathisierte sie mit der KPD und warb auch für diese unter den Schauspielern des Staatstheaters. 1936 schrieb sie in einem Lebenslauf:

„… Trotzdem ich in den letzten Jahren Berlins als qualifizierte Schauspielerin ein hohes Gehalt bezog, erkannte ich das wahre Gesicht des kapitalistischen Systems. Meine Ausdrucks­form als Künstlerin war revolutionär und ich arbeitete im Kreise linksstehender Künstler. Unter anderem arbeitete ich mit an Stücken wie „Dreigroschenoper“ und „Happy End“ – einer scharfen Satire und Kritik an den Wohltätigkeitseinrichtungen des kapitalistischen Systems. Durch persönliches und kollektives Studium von Marx, Engels und Lenin wurde ich Kommunistin, da ich diese Weltanschauung als das einzig Wahre erkannte. Durch die Marxistische Arbeiterschule wurde ich im Jahre 1932 Mitglied der KPD.“

Diese spätere Darstellung aus dem Jahre 1936 über ihre angebliche KPD-Mitgliedschaft stimmt nicht, obwohl in Berlin darüber gemunkelt wurde. Bertolt Brecht schreibt z.B. an Sergej Tretjakow in Moskau: „Sie hat Russisch gelernt und war auch in die deutsche Partei eingetreten.“

Im Laufe des Jahres 1932 liefen ihre Verträge aus, Carola Neher schloss keine neuen mehr ab, löste ihre Berliner Wohnung auf und verließ im Oktober 1932 Deutschland. Nach einem Gastspiel in Wien stand sie vor der Frage, ob sie nach Deutschland zu­rückkehren sollte, denn ein längeres Engagement in Wie hatte sich zerschlagen. In ihrem Lebenslauf schreibt sie: „Ich wurde durch Briefe und Zeitungsnachrichten gewarnt, nicht nach Deutschland zurückzukehren, da ich als Hauptdarstellerin Happyends und Dreigroschenoper gesucht und als Kommunistin von Kollegen denunziert wurde.“

Noch 1932 heiraten Carola Neher und Anatol Becker. Im Frühjahr 1933 erholte sie sich von einer schweren Erkrankung bei der Familie ihres Schwiegervaters in Rumänien.

Links Anatol Becker, rechts sein Vater Quelle; Foto Sammlung Becker

Wer war Anatol Becker? Die Antwort geben Georg Becker und Micha Neher:

„… Der Deutschrumäne Anatol Becker wurde 1903 in Akkermann in Bessarabien geboren, das bis 1940 zu Rumänien gehörte. Er studierte an den Technischen Hochschulen in München und Braunschweig Ma­schinenbau. Da er nach seinem Diplom keine Arbeit als Ingenieur in Deutschland fand, gab der über­zeugte Kommunist ab 1930 an der Marxistischen Arbeiterschule (MASCH) in Berlin Russischunterricht. Dort lernte er 1932 Carola Neher kennen, die sich in den vitalen und kämpferischen Kommunisten ver­liebte. Unter seinem Einfluss wurde Carola Neher politisiert und entschied sich, mit ihm nach Hitlers Machtergreifung nach Moskau zu emigrieren. Im Zuge der stalinistischen Verfolgungen wurde er am 12 Mai 1936 verhaftet. In einem Schreiben an die KPD Auslandsleitung schrieb Wilhelm Pieck nach der Verhaftung: „ Anatol Becker, das ist der Mann von Carola Neher, der hier in einer Maschi­nenfabrik als Schlosser arbeitet, und feindliche Ver­bindungen, wahrscheinlich zur Gestapo, unterhielt.“ Unter Folter bekannte sich Anatol Becker schuldig, an der Planung terroristischer Anschläge gegen die Sowjetregierung beteiligt gewesen zu sein. Am 29. Mai 1937 wurde Anatol Becker in einem Schnellverfahren des Militärkollegiums des Obersten Gerichts zum Tode verurteilt und am selben Tag erschossen.“

Spielzeit 1933 und die letzte in Prag – Deutsches Theater

Stefan Grossmann schreibt in der Zeitschrift „Die Dame“ im November 1926 diese Zeilen und seine Beschreibung „der Neher“ konnte das Prager Publikum zum letzten Male in Europa genießen:

„…Es gibt Antlitze, die besänftigen und zur Andacht stimmen und es gibt Gesichter, die einen Schwips erzeugen.

Das Gesicht der Carola Neher wirft um, ihr Auge, das Auge einer trun­kenen Seele, erzeugt Massengeräusche im Zuschauerraum. Es lodert unstillbar, brennend, nicht zivi­lisierend in diesem metallischen Auge. Über dem Goldbrand dieser leuchtenden Augenkugeln schwei­fen unsymmetrisch geschwunge­ne Brauen zu den Schläfen. Da­zwischen ein unschuldiges, unter allen Umständen unschuldiges Lustspielnäschen und darunter feuchtoffene Lippen, hinter denen blanke, blitzende Raubtierzähnchen in Reih und Glied glitzern. Eine vibrierende Lebendigkeit, vor der alles, was nicht jung ist, davon­schleichen soll und muss, blitzt aus diesem unbarmherzig freudespendenden, freudenehmenden Antlitz.

Nur sie selbst, Carola Neher, weiß, dass zuweilen auch über diesem leuchtenden Morgengesicht keine Sonne steht. Dann wird das schma­le Gesicht noch schmaler, die Farben werden etwas fahl, das Auge schwimmt bekümmert, Melancho­lie des vertrauenden Kindes.

Ja, das Gesicht der Carola Neher ist selbst eine Bühne, auf der die Schau- und Hörspiele hurtig, zu­weilen rasend schnell herunterge­spielt werden. Nie wird diese Büh­ne leer, nur für Minuten wird sie verdunkelt. Auf dem Spielplan die­ses neugierig gespannten Gesichts steht immer das hinreißende Lust-Spiel der Jugend, die allem ge­zähmten, geordneten bürgerlichen Dasein enttanzt. Tanzrausch zuckt und schwingt durch diesen glühen­den, zartmodellierten Mädchenkörper, selbst seine Ruhe ist nur ein Ausgleich von hundert beherrsch­ten Unruhen. Aus diesem edel gedrechselten Gehäuse tönt eine überraschende, kindliche, vom Tiefen zum Hohen schaukelnde, man möchte sagen: indianische Stimme. Keine matte, grau gedämpfte Zivilisationssprache, sondern das halb­wilde, singende, glucksende Organ eines ungestörten Naturkindes.

Eines Tages kam Carola Neher nach Berlin, und ihr Ruhm explodierte. Lebte in unseren Autoren ein Fünkchen des Feuers, das in diesem tan­zenden, beschwipsten Kinde brennt, es müsste noch im Jahre 1926 eine ihr auf die Seele geschriebene dra­matische Neher-Literatur entste­hen! Für Klabunds, ihres Gatten Dichtertum zeugt es, dass Carola Nehers Schatten in jedem Kreis, den er mit weicher Kreide zeichnet, taumelt und tanzt. Mit dem Volkslieddichter, der täglich liebt und stirbt und liebt, hat sie dies bren­nende Gefühl einer hinstürzenden Gegenwart gemein. Auch sie hat es eilig, auch sie muss fliegen. Sie ist ja keine Rose auf festem, stachligen Stiel, sie ist eine Mohnblume, die im Sommerwind zittert.“

George Bernard Shaw: „Pygmalion“, Carola Neher als Eliza.

George Bernard Shaw Quelle: Wikipedia

William Shakespeare; “Der Widerspenstigen Zähmung“ Carola Neher als Katharina

Wikipedia:

„… „Der Widerspenstigen Zähmung“ ist der Titel eines Theaterstückes von William Shakespeare. Es spielt in der italienischen Stadt Padua und handelt von dem reichen Kaufmann Baptista und den Umständen der Heirat seiner beiden Töchter Bianca und Katharina.

In der modernen Shakespeare-Forschung wird allgemein angenommen, dass die Abfassung des Stückes, das mit Sicherheit zu der Gruppe der frühesten Komödien Shakespeares gehört, vor dem Jahr 1593, möglicherweise bereits 1592, abgeschlossen wurde. Eine genaue Datierung des Werkes bleibt jedoch so lange ungewiss, wie nicht die Beziehung zu der erstmals 1594 anonym veröffentlichten Komödie „The Taming of a Shrew“, die sowohl in der Handlungsstruktur als auch sprachlich-stilistisch an entscheidenden Stellen erheblich von „The Shrew“ abweicht, eindeutig geklärt werden kann.

Als erstes überliefertes Aufführungsdatum gilt aufgrund eines Eintrags in Henslowes Tagebuch zumeist der Juni 1594. Der einzige authentische Text findet sich in der First Folio von 1623. Frühe Adaptionen und Übersetzungen belegen, dass das Stück zu Shakespeares Zeit sehr beliebt war. Als Quelle für sein Werk diente Shakespeare neben volkstümlichen Motiven und Überlieferungen auch George Gascoignes Komödie „The Supposes“ (1566). Aufgrund der misogynen Handlung gilt das Werk spätestens seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und der beginnenden Frauenbewegung allgemein als „problem play“ und wird heute vor allem unter dem Aspekt der frühneuzeitlichen Geschlechterpolitik gesehen.

Die Theatergeschichte des Stückes ist dessen ungeachtet bis in die heutige Zeit eine durchgehende Erfolgsgeschichte geblieben, in der „The Taming of the Shrew“ kaum historisierend oder als Klassiker aufgeführt, sondern in den unterschiedlichsten Aktualisierungen inszeniert worden ist.“

Der Porträt-Stich Shakespeares von Martin Droeshout auf dem Titel des „First Folio“ (1623) Quelle: Wikipedia

Wikipedia:

„… William Shakespeare getauft am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon; † 23. April 3. Mai 1616 ebenda) war ein englischer Dramatiker, Lyriker und Schauspieler. Seine Komödien und Tragödien gehören zu den bedeutendsten Bühnenstücken der Weltliteratur und sind die am häufigsten aufgeführten und verfilmten. Sein überliefertes Gesamtwerk umfasst 38 (nach anderer Zählung 37) Dramen, epische Versdichtungen sowie 154 Sonette. Er gilt als einer der bedeutendsten Dichter der Weltliteratur.“

Nicht vergessen werden darf die „Karriere“ der Carola Neher beim Film. Zwar beschränkte sie sich auf lediglich drei Rollen, aber Christoph Hesse schreibt:

„… Ihre Filmografie umfasst lediglich drei Titel, nämlich G.W. Pabsts Adaption der „Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 1931, in der sie die Polly spielt; den eher legendären als wirklich bekannten Kurzfilm „Die Mysterien eines Frisiersalons“ von 1922, eine von Erich Engel und Bertolt Brecht gestaltete Groteske mit Karl Valentin in der Haupt­rolle, in der sie selbst nur einen kleinen Auftritt hat; zudem einen heute weithin ver­gessenen und anscheinend auch verschollenen französischen Film von Andre Hugon aus dem Jahr 1930, „Zärtlichkeit“ (La Tendresse, nach dem gleichnamigen Stück von Henry Bataille), in dem sie selbst die Rolle einer Schauspielerin übernimmt.

In der Sowjetunion, in die sie 1934 nach ihrer ersten Exilstation Prag emigriert, wird Carola Neher in keinem Film mehr zu sehen sein.“

Moskau

In Prag erhielten Carola Neher und Anatol Becker ein Touristenvisum zur Einreise in die Sowjetunion und am 25. Juni 1933 kamen sie in Moskau an. Der deutsche Schriftsteller Ernst Ottwalt, eigentlich Ernst Gottwalt Nicolas (geboren 13. November 1901 in Zippnow, heute Sypniewo, im Kreis Deutsch Krone in Westpreussen; gestorben am 24. August 1943 in einem sowjetischen Lager bei Archangelsk) berichtet über ihre katastrophale Wohnungssituation:

„… Ich habe in der ersten Zeit die Neher in bitteren Verhältnissen gesehen, es war grauenhaft. Sie schlief wirklich auf der Erde, wirklich unter den erbärmlichsten Verhältnissen, wie kaum ein Genosse in der ersten Zeit es hier gehabt hat. Sie schlief bei Freunden ihres Mannes.“

Der Porträt-Stich Shakespeares von Martin Droeshout auf dem Titel des „First Folio“ (1623) Quelle: Wikipedia

Georg Becker und Micha Neher schreiben über ihre Ankunft in Moskau:

„… Im Sommer 1933 reiste Carola Neher in Begleitung ihres neuen Ehemanns mit Hilfe eines Touristen Visums nach Moskau. Die dortigen Lebensverhältnisse bedeuteten für sie einen Schock: Weder fand sie eine Wohnung, noch eine angemessene Beschäftigung als Schauspielerin. Und die deutschen Kaderkommunisten im Exil begegneten dem ehemaligen Bühnenstar mit großer Skepsis. Mit kleineren Radiosendungen und Zeitungartikeln schlug sie sich mühsam durchs Leben. Als man sie aufforderte, einen Aufruf gegen den Wiederanschluss des Saarlands an das Deutsche Reich zu unterstützen, unterzeichnete sie gemein­sam mit Heinrich Mann, Alfred Kerr, Erwin Piscator und einigen anderen Prominenten des Kulturlebens einen Zeitungsartikel, der am 26. September 1934 in der „Volksstimme“ in Saarbrücken erschien. Am 1. November wurde ihr für diesen Affront durch den NS-Außenminister die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Damit war sie staatenlos und besaß kei­nen gültigen Reisepass mehr. Moskau war für sie zur Falle geworden.“

Carola Neher mit ihrem Sohn Georg Quelle; Foto Sammlung Becker

Am 26. Dezember 1934 kommt Sohn Georg auf die Welt – in Moskau – um andere Geburtsorte auszuschließen. In der kommunistischen Exilzeitung „Arbeiter Illustrierte Zeitung“, die in Prag erschien, wird ein Bild von ihr und Georg propagandistisch ausgeschlachtet mit einem angeblichen Zitat von Carola Neher: „Ich hatte seit langem den Wunsch, ein Kind zu haben, aber drüben hatte ich nicht den Mut dazu. Erst in der UdSSR konnte ich den Wunsch in Erfüllung gehen sehen.“ „Sonst aber wurde sie von der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen und geriet schließlich in den Bannkreis der stalinistischen Inquisition“. So Georg Becker und Micha Neher.

Georg Becker Spurensuche

„Als meine Eltern 1936 in Moskau verhaftet wurden und in Moskau ins Gefängnis kamen, war ich eineinhalb Jahre alt. Erst 30 Jahre später erfuhr ich die Namen meiner Eltern. Dazwischen lagen 15 Jahre sowje­tischer Waisenheime, Misshandlungen durch sa­distische Adoptiveltern; vorbelastet durch meinen deutschklingenden Namen – Becker – eine zusätzliche Bürde in den Kriegs – und Nachkriegsjahren, vergiftet durch eine Atmosphäre des allgemeinen Hasses gegen die Deutschen.

Die genauen Angaben über meine Identität und die meiner Eltern bekam ich Jahrzehnte später aus dem Moskauer KGB Archiv. Mein Vater, Anatol Becker, so erfuhr ich damals, wurde 1937 im Alter von 34 Jahren erschossen, meine Mutter, Carola Henschke/ Neher, starb 1942 im Gefängnis von Sol-Ilezk in Si­birien. Beide wurden posthum rehabilitiert: „wegen Nichtbestehens einer Straftat“.

Am tiefsten hat mich bei meinen Spurensuchen ein Brief meiner Mutter aus dem Gefängnis von Orjol vom 10 März 1941 berührt, adressiert an den Leiter des Waisenhauses, in dem ich mich befand. Der Brief, in holprigem Russisch geschrieben, enthielt Fragen meiner Mutter nach dem Befinden ihres 6 jährigen Kindes, von dem sie seit Jahren nichts mehr erfahren hatte. Später sprach ich mit einigen Überlebenden des „Gulags“, die meiner Mutter in den Gefängnissen be­gegnet waren und ich durfte im Moskauer KGB Archiv die Untersuchungsakten meiner Eltern einsehen.

Mein Schicksal war kein Einzelschicksal. Ende der dreißiger Jahre, als Millionen von Sowjetbürgern unter dem Sammelbegriff „Volksfeinde“ dem kom­munistischen Polizeistaat zum Opfer gefallen wa­ren, stand dieser vor der Tatsache, eine ganze Ge­neration von Waisenkindern im Land zu haben. In zahllosen Waisenhäusern behandelte man zwar die Kinder von „Volksfeinden“ nicht anders als die anderen verwaisten, jedoch mit einem Unterschied: man beschützte sie vor jeglicher Information über ihre „volksfeindlichen“ Väter und Mütter. So fehl­ten in den für solche Kinder ausgestellten Urkunden sämtliche Angaben über die Eltern. Der Sowjetstaat erhoffte sich, indem er den Kindern die Eltern aus dem Gedächtnis und der Erinnerungsmöglichkeit löschte, sie kommunistisch erzog, einen regimetreu­en Nachwuchs zu verschaffen.

Geblieben ist im weiteren Verlauf dieser entwurzel­ten Generation ein langes Kapitel, spannend und schmerzhaft für jeden einzelnen, die Spurensuche nach den verschwundenen Eltern.“

Georg Becker mit seiner Pflegemutter Else Taubenberger aus Moskau in den Jahren 1935-1936. Die Aufnahme entstand 1968 in Viljandi in Estland Quelle; Foto Sammlung Becker

Übersetzung des handschriftlichen Briefes von Carola Neher an den Leiter des Kinderheims, in dem sich ihr Sohn befand:

„Unterzeichnete ist die Mutter des deutschen Knaben Becker, Ge­org Anatolowitsch, geboren 1934 in Moskau, der sich in Ihrem Kinderheim befindet. Da ich bereits eineinhalb Jahren nichts über meinen Sohn erfahren habe, bitte ich Sie, folgende Fragen zu beantworten:

Wie entwickelt sich mein Sohn physisch und geistig? Wie steht es mit seiner Gesundheit? Wie ist sein Gewicht und seine Größe? Womit beschäftigt er sich? Lernt er schon schreiben und lesen? Sie verstehen, ich warte voller Ungeduld auf den Tag, an dem ich ihm direkt schreiben kann. Wann beginnt er mit dem Schul­besuch? Weiß er etwas von seiner Mutter? Ich bitte Sie sehr, mir das letzte Photo von ihm zu schicken. Ist er musikalisch? Zeich­net er? Wenn ja, schicken Sie mir bitte ein Bild, das er gezeichnet hat. Ich warte voller Ungeduld auf Ihre Antwort. Ich danke Ihnen aus vollem Herzen für alles Gute, was sie für mein geliebtes Kind tun können!

Henschke, Karola A. 10.3.1941, Stadt Orel/Postfach 15

Verzeihen Sie die Fehler in meinem Brief, ich beherrsche die rus­sische Sprache nicht.“

Das Kinderheim, in dem Georg Becker lebte. Foto 1990 Quelle; Foto Sammlung Becker

Diesen Brief erhielt Carola Nehers Sohn erst 30 Jahre später. Er befand sich in seinem Personalakt des Waisenhauses 46, in dem er als Jugend­licher gelebt hatte.

August 1934 bekommt Carola Neher eine erneute Ausreisegenehmigung nach Prag, Reinhard Müller schreibt:

„… Bei einem erneuten Aufenthalt in Prag seit August 1934 traf sie Erich Wollenberg und auch Zenzl Mühsam. (…)

Erich Wollenberg Historisches Lexikon Bayerns

… In Prag wartete sie vergeblich auf ihren Mann, dem die „deutsche Vertretung beim Exekutiv Komitee der Komintern“ die Ausreise verweigerte. Wahrscheinlich fürchtete die KPD-Führung, dass Carola Neher und Anatol Becker nach ihren Enttäuschungen nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren wollten.

In der Kaderabteilung des Exekutiv Komitees der Komintern lag über Anatol Becker inzwischen eine denunziatorische Mitteilung eines KPD-Mitglieds aus Satatow vor, und eine dreiköpfige Kommission hatte die schriftlichen Angaben Beckets über seine KPD-Mitgliedschaft überprüft. Dabei wurden Beckers Angaben im Lebenslauf und eine Bescheinigung über seine KPD-Aktivitäten in Berlin bezweifelt. Die Kommission hielt die Bescheinigung des Berlinert KPD-Bezirks für gefälscht und schlug eine sofortige Behandlung des „Falles“ vor.

Carola Nehers Ehemann, der als Ingenieur im „wissenschaftlichen Autotraktoreninstitut (NATT)“ und im „Stankosawod“ arbeitete, geriet ins Visier der KPD-Kommission, der Kaderabteilung und schließlich des NKWD. In einem zweiseitigen und „streng geheimen“ Schreiben an das NKWD fasste die Kaderabteilung am 15. August 1934 den Lebenslauf und die Beschuldigungen der KPD-Kommission gegen Anatol Becker zusammen. Beigefügt wurden elf Dokumente, die das NKWD wieder an die Kaderabteilung zurücksenden sollte. Auch Carola Neher wurde bereits in dieser Mitteilung an das NKWD erwähnt. Nach ihrer Rückkehr aus Prag hoffte sie auf ein Engagement in dem von Gustav von Wangenheim geleiteten „Deutschen Theater/Kolonne Links“. Sie konnte jedoch allenfalls Schauspielunterricht erteilen.“

„Durch die Hilfe von Maria Osten und des einflussreichen Verlagschefs Michail Kolzow erhielt sie 1935 vorübergehend ein Zimmer im „Hotel Savoy“ und konnte dem beengten Zimmer einer Moskauer Kommunalwohnung (Kommunalka) entgehen“, so Reinhard Müller.

Maria Osten er­innerte sich 1940:

„… Hier in Moskau sah ich Neher öfter. Manchmal war sie auch bei mir zu Hause. Sie schien ein unglückliches Privatleben zu haben. Manchmal saß sie da und weinte. Sie wollte sich von ihrem Mann trennen (…). Meine Beziehungen zu Neher waren vielleicht sentimental. Ich fand, dass sie eine gute Schauspielerin war – und es tat mir leid, sie so traurig und beinahe ohne Arbeit zu sehen. Ich wollte sie immer anspornen, doch etwas zu arbeiten, sich nicht gehen zu lassen und ihr Privatleben zu klären. 

Bei einigen Auftritten rezitierte sie 1935 Gedichte von Heinrich Heine und Klabund, lieferte Beiträge für den Rundfunk und Artikel für die „Deutsche Zentral-Zeitung“. Während eines Brecht-Abends im Klub ausländischer Arbeiter las Bertolt Brecht anti­faschistische Gedichte, Alexander Granach stellte zwei Szenen aus „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ vor, und Carola Neher trug mehrere Songs aus der „Dreigroschenoper“ vor. Mit Brecht/Weill-Songs faszinierte sie das Publikum bei einem Hanns Eisler-Abend, an dem auch Ernst Busch und Erich Piscator teilnahmen.

Für die auflagenstarke Illustrierte „Ogonjok“, die im Verlagsimperium von Michail Kolzow erschien, verfasste Carola Neher unter dem Titel „Künstler in der Emigration“ eine fünfteilige Artikelserie. Eindrucksvoll porträtierte sie die Schauspieler Max Pallenberg, Alexander Granach und Albert Bassermann wie auch die Theater- und Filmregisseure Erwin Piscator und Max Reinhardt. 

An einem Gedächtnisabend erinnerten Zenzl Mühsam, Carola Neher und Ernst Busch an den im KZ ermordeten Erich Mühsam. In einer (Gedenkstunde im Moskauer Rundfunk für Erich Mühsam rezitierte Carola Neher ebenfalls. Als Schauspielerin war sie bei Meshrapom-Film zwar unter Vertrag, Engagements kamen jedoch weder für einen geplanten Film über Erich Mühsam noch für Gustav von Wangenheims Film „Der Kämpfer“ zustande. Auch die erhofften Engagements am Deutschen Staatstheater in Engels und in geplanten Filmen von Erich Piscator und Hans Rodenberg blieben aus. Alexander Granach porträtierte sie im Februar 1936 in der in Prag erscheinenden „Arbeiter-Illustrierten Zeitung“, die auch ein Foto mit ihrem Sohn Georg abdruckte.“

Maria Osten, eigentlich Greßhöner, geboren am 20. März 1908 in Muckum war eine deutsche Schriftstellerin. Werner Abel schreibt im “Neues Deutschland“ vom 15.9.2012: „Am 24. Juni 1941 wurde sie vom NKWD verhaftet und am 16. September 1942 im Gefängnis von Saratov erschossen – 34 Jahre jung.

Maria Osten Quelle: Memoreal37 – WordPress.com

Michail Jefimowitsch Kolzow, geboren am 31. Mai 1898 in Kiew, gestorben am 12. Juni 1940 in Moskau, war ein sowjetischer Feuilletonist und Journalist.

Michail Jefimowitsch Kolzow (1938) Quelle: Wikipedia

Wikipedia:

„… Bekannt, aber als historische Quelle umstritten sind unter anderem seine Reportagen aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Er war der ältere Bruder des Karikaturisten Boris Jefimowitsch Jefimow. Als führender Propagandist Stalins wurde er selbst Opfer des Großen Terrors.“

Am 10. Mai 1936 erhält Anatol Becker die sowjetische Staatsbürgerschaft und wird einen Tag später verhaftet. Er erhielt wegen eines angeblich geplanten Atten­tats auf Stalin die Todesstra­fe, wurde gefoltert und am 29, Mai 1937 verurteil und hingerichtet.

Über die Verhaftung von Carola Neher schreiben Georg Becker und Micha Neher:

„… Als am 1. Dezember 1934 der Leningrader Partei­chef Sergei Kirow unter ungeklärten Umständen ermordet wurde, nutzte Stalin das Attentat um will­kürliche Massenverhaftungen in der ganzen Sowje­tunion auszulösen. Diese Säuberungswelle richtete sich gegen vermeintliche Anhänger Trotzkis und angebliche Volksfeinde. Niemand konnte sich mehr sicher fühlen.

Sergei Kirow 1921 Quelle: Wikipedia

Um der Bedrohung, die sich auch gegen deutsche Emigranten richtete, zu entgehen, stellte Carola Ne­her auf Rat ihres Mannes am 20. März 1936 einen Antrag auf Eintritt in die KPdSU. In ihm behauptete sie (wahrheitswidrig) bereits seit 1932 Mitglied der KPD zu sein. Als sie außerdem ihr Schauspielerkolle­ge und Regisseur Gustav von Wangenheim bei einer Einvernahme durch der sowjetischen Geheimdienst NKWD als „politische Abenteurerin“ bezeichnete und ihr unterstellte, sie werbe Personen für den aus der Sowjetunion geflohenen Trotzkisten Erich Wol­lenberg an, war es um sie geschehen: Carola Neher wurde am 25. Juli 1936 festgenommen. Nach mona­telangen Folterverhören bekannte sie sich als schul­dig, als Botin für ein Prager trotzkistisches Zentrum gearbeitet zu haben. Am 16. Juli 1936 wurde sie zu 10 Jahren Haft verurteilt. Ihr Ehemann Anatol Becker war bereits im Mai 1936 zum Tode verurteilt und erschossen worden.

Nur einmal schien die Möglichkeit zu bestehen, dass Carola Neher vorzeitig aus der sowjetischen Haft entlassen würde. Im Dezember 1939 überreichte das Sowjetische Außenkommissariat der Deutschen Botschaft in Moskau eine Liste mit den Namen von 61 verhafteten Personen, die auf der Grundlage des Hitler-Stalin-Paktes an Deutschland ausgeliefert wer­den sollten. Auf dieser Liste stand auch der Name von Carola Neher. Nach ausführlicher Prüfung gab die deutsche Botschaft in einer Verbalnote vom 16. April 1940 bekannt, dass sie nicht in der Lage sei, Carola Neher einen Ausweis zur Rückkehr nach Deutschland auszustellen, da sie keine deutsche Reichsbürgerin mehr sei.

Dennoch leitete die Staatsanwaltschaft beim Volks­gerichtshof am 3. Mai 1940 ein Verfahren gegen Carola Neher wegen Vorbereitung zum Hochverrat ein. Im selben Jahr erstellte das Reichssicherheitshauptamt RSHA eine „Sonderliste UDSSR. Für den Fall, dass deutsche Truppen bis zum Haftort Carola Nehers vordringen sollten (im Fahndungsbuch war das Gefängnis Wladimir angegeben), hätten Einsatz­gruppen der SS sie festnehmen sollen.“

Quelle; Foto Sammlung Becker

Zu Ihrer Verteidigung darf sich Carola Neher zu „ihrer Tat“ äußern:

„… Ich gestehe meine Schuld insofern ein, als ich die Komintern belogen habe. Ich gab mich als Parteimitglied aus, ohne wirklich Parteimitglied gewesen zu sein. Außerdem machte ich keine Mitteilung von meinen Begegnungen in Prag mit dem aus der Sowjetunion geflüchteten Wollenberg. Ich habe die entsprechenden Organe über die konterrevolutionären Gespräche, bei denen ich anwesend war, nicht unterrichtet. Ich bitte das Gericht, mir den Beweis zu ermöglichen, dass ich kein antisowjetischer Mensch bin. Mein Verhalten ist kurzsichtig gewesen. Ich bitte, mir das zu glauben.“

Carola Nehers Gerichtsurteil vom 16. Juli 1937 

„… Im Namen der Union der sowjetischen sozialistischen Republik hat das Militärkollegium des Obersten Ge­richts der UdSSR in geschlossener Sitzung in Moskau am 16.07.1937 die Sache nach der erhobenen Ankla­ge gegen Henschke, Karoline, geb. 1900, Angestellte, wegen der Verbrechen nach §§ 17-58 und 58-II des Gesetzbuches der RSFSR abgeschlossen.

Durch die Gerichtsuntersuchung wurde festgestellt, dass Henschke, Karoline als Bote zwischen dem in Prag befindlichen trotzkistischen Zentrum und einer kontrarevolutionären trotzkistischen Terrororganisa­tion, welche der Trotzkist Wollenberg aus Emigran­ten in Moskau organisierte, tätig war. Sie leistete dem Terroristen Wollenberg einen Botendienst, indem sie von ihm einen direktiven Brief den Mitgliedern der kontrarevolutionären Terrororganisation in Moskau lieferte. Auf diese Weise ist die Schuld von Henschke an den von ihr gemachten Verbrechen nach §§ 17-58 und 58-II des Gesetzbuches der RSFSR bewiesen.

Aufgrund dessen und gemäß §§ 319 und 320 URK der UdSSR hat das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR Henschke, Karoline zu 10 Jah­ren Gefängnis verurteilt und hat die Beschlagnahme ihres gesamten Vermögens zur Folge. Die Untersu­chungshaft ab 25 Juli 1936 wird auf die gesamte Strafdauer angerechnet. Das Urteil ist endgültig, ei­ner Berufung wird nicht stattgegeben.“

Ein Bekannter aus alten Berliner Zeiten wurde zum wichtigen Zeugen in den Verfahren gegen Anatol Becker und Carola Neher, Gustav von Wangenheim, ebenfalls Emigrant und in Moskau lebend. Er gab Informationen über die Mitglieder seiner Theatergruppe „Kolonne Links“ an das NKWD (sowj. Geheimdienst) weiter und wurde zu einer Zeugenbefragung vorgeladen. Warum Wangenheim diese Aussage machte, die durch und durch falsch war, bleibt Spekulation. Sicher war ein Grund die Angst aller deutschen Emigranten vor den „stalinistischen Säuberungen“ nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Reinhard Müller schreibt dazu:

„… Im Frühjahr 1936 berichtete Wangenheim in einem fünfseitigen Schreiben an die Kaderabteilung über mehrere Mitglieder der „Kolonne Links“ und über Mitbewohnet in der Betriebswohnung am Kusnezki most 22. Dabei betonte Wangenheim, „wie schwer es ist, bei aller Wach­samkeit, etwa ein trotzkistisch verseuchtes Element vorher zu entdecken.“ Auch über seinen Assistenten und Mitbewohnet Ernst Mansfeld berichtete Wangenheim an die Kaderabteilung und belastete ihn bei seiner Einvernahme durch das NKWD in der Lubjanka. 

Wangenheims Meldung an die Kaderabteilung belastete sowohl Anatol Becket wie auch Carola Neher:

„Ein sehr ernster Fall ist die bekannte Carola Neher. Abgesehen von der fragwürdigen Parteizugehörigkeit ihres Mannes Anatoli Becker, ist es wohl auch bei ihr nicht ganz klar.

Tatsache ist, dass sie in Prag mit Wollenberg verkehrt hat. Manche ihrer Äußerungen (seit einem Jahr habe ich sie allerdings sehr wenig gesehen) gereizt kritischer Art habe ich auf Hysterie zurückgeführt. Sie können aber auch Schlimmeres gewesen sein. Erst kürzlich war sie wieder in Prag und hat dort unter anderem für Rodenbergs Film Schau­spieler engagiert.“ 

Georg Becker und Micha Neher schreiben über Wangenheim:

„… Ingo Clemens Gustav Adolf Freiherr von Wangenheim (1895-1975) hatte nach einer Schauspielausbildung bei Max Reinhardt Bühnenengagements in Wien, Darmstadt und Berlin. Seit 1922 Mitglied der KPD, emigrierte er 1933 nach Moskau und leitete dort die deutsche Theatergruppe „Kolonne Links“. Er gab Carola Neher 1933 einen Arbeitsvertrag für seine Gruppe, so dass sie mit ihrem zweiten Ehemann Becker in der SU bleiben konnte. Da Gustav von Wangenheim und Carola am selben Tag aus Deutschland ausgebürgert wurden, entstand eine kollegiale und freundschaftliche Verbindung zwischen beiden. Im Rahmen der stalinistischen Säuberungen belastete er mit seinen Aussagen beim sowjetischen Geheimdienst Carola Neher, die anschlie­ßend verhaftet wurde. Von Wangenheim überstand den Stalinismus unbeschadet und kehrte 1945 nach Berlin zurück. Für sein künstlerisches Schaffen erhielt der den Nationalpreis der DDR.“

Gustav von Wangenheim als Bischof Cauchon in Die heilige Johanna von George Bernard Shaw Quelle: Von Boewald2014 – Template:Pisarek, Privatarchiv, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=30716486

Auszug aus dem Vernehmungsprotokoll am 1. Juni 1936 von Wangenheim, Gustav durch das NKWD:

Frage: Ist Ihnen der deutsche Staatsangehörige Becker, Anatoli bekannt, wenn ja, wo haben Sie ihn kennengelernt?

Antwort: Becker, Anatoli ist mir bekannt, ich habe ihn 1933 in Moskau über seine Ehefrau Carola Neher kennengelernt, nach der ich in Moskau suchte, weil ich sie als Schauspielerin benötigte. Seit dieser Zeit traf ich Becker, Anatoli periodisch im Beisein seiner Ehefrau.

Frage: Charakterisieren Sie die politischen Auf­fassungen von Becker, Anatoli.

Antwort: Becker, Anatoli machte auf mich immer den Eindruck eines unaufrichtigen und irgendwie niedergedrückten Menschen, der ständig vor etwas Angst hatte. Bei seinen Äußerungen verwunderte mich Becker immer wieder durch seine völlig sowjetischen Äußerungen, er äußerte nie irgendwelche Schwankungen und Unzufriedenheit, nicht einmal solche, die man ihm als Ausländet verziehen hätte. Ungeachtet meines instinktiven Misstrauens gegenüber Becker hatte ich bis Anfang 1934 nie Veranlassung, ihm zu misstrauen und ihn nicht für einen Menschen von uns zu halten. Anfang 1934 änderte sich meine Haltung gegenüber Becker von Grund auf und ich glaubte überhaupt nicht mehr an seine prosowjetische Einstellung und seine prosowjetischen Äußerungen, dazu kam es im Ergebnis eines persönlichen Gespräches mit Gen. Fritz Heckert, der Anfang 1934 ein Büro im Komintern Gebäude hatte. Gen. Heckert sagte mir in einem Gespräch über die deutschen Politemigranten, über Becker das Folgende: „Becker ist eine undurchsichtige Figur, seine Parteidokumente sind gefälscht. Wir haben eine Untersuchung über ihn durchgeführt, doch warum er die Dokumente gefälscht hat, ist noch nicht geklärt. Wann und unter welchen Umständen Becker die Dokumente gefälscht hat, sagte Gen. Heckert mir nicht, und ich habe ihn auch nicht danach gefragt, doch seit jenem Zeitpunkt habe ich jeden Kontakt zu Becker abgebrochen. Nach der Ermordung von Gen. Kirow wurde mir Becker noch verdächtiger, und mir fielen die Verbindungen seiner Ehefrau Neher, Carola zum bekannten Trotzkisten Wollenberg auf.“

Frage: Worin äußerte sich konkret die Verbindung Neher, Carola zu Wollenberg?

Antwort: Im Sommer war ich auf Dienstreise in Prag, um Schauspieler zu Bühnenauftritten einzuladen, und machte in einem Hotel Station, dessen Name mir entfallen ist, in dem auch die aus Moskau angereiste Carola Neher (Henschke) und auch Wollenberg wohnte. Wollenberg und Neher trafen sich häufig und unterhielten freundschaftliche Beziehungen. Neher sagte zu mir: „Wollenberg ist ein hervorragender Mensch, er hat viel erlebt und man muss auf ihn hören.“ Zur gleichen Zeit wohnte zusammen mit Neher und Wollenberg die Frau von Erich Mühsam, die zu ihnen enge freundschaftliche Kontakte unterhielt. Mühsam war in dieser Periode antisowjetisch eingestellt und äußerte anarchistische und trotzkistische Ansichten. Unter den Trotzkisten in Prag war sie außerordentlich populär und hatte Kontakte zu ihnen.

Frage: Welche trotzkistischen Kontakte Mühsams sind Ihnen bekannt?

Antwort: Außer dem zu Wollenberg sind mir keine bekannt, ich weiß davon durch Carola Neher, die mir davon in Prag erzählte.

Frage: Von wem wissen Sie, dass Wollenberg Trotzkist ist?

Antwort: Aus Erzählungen von Carola Neher, von Stibi (deutscher Politemigrant, Redak­teur der deutschen Sektion im Rundfunksender der Gewerkschaft) und von Held Ernst, einem Mitarbeiter der DZZ. Mir ist bekannt, dass Wollenberg ein bekannter Trotzkist ist.

Frage: Ist Becker, Anatoli mit Wollenberg bekannt?

Antwort: Becker, Anatoli kannte Wollenberg, ob diese Bekanntschaft über Carola Neher zustande kam, oder umgekehrt, Becker sie mit Wollenberg bekannt machte, weiß ich nicht. Ich weiß nur (am Rande rote Anstreichung), dass Neher Leute für Wollenberg angeworben hat. Ich zum Beispiel wurde in Prag hartnäckig dazu überredet, engere Beziehungen zu Wollenberg aufzunehmen, was ich jedoch ablehnte. Da sie eine nahe Bekannte von Wollenberg war, wusste Neher offensichtlich von seiner trotzkistischen Tätigkeit, ebenso wie Becker.

Frage: Wie können Sie Carola Neher ihren politischen Auffassungen nach charakterisieren?

Antwort: Ich halte Carola Neher für eine Abenteurerin, die ihrer Ideologie nach nichts mit der Kommunistischen Partei gemein hat, Neher ist antisowjetisch eingestellt. So sagte Neher zum Beispiel: „ich war im Haus der Regierung und hab gesehen, wie sie dort wohnen, ich bin doch nicht schlechte! als sie, ich will hier auch wohnen, die Menschen verstehen hier zu wohnen. Wenn man nicht auf den Kopf gefallen ist, hier existiert eine Sowjetbourgeoisie.“ Derartige Äußerungen habe ich oft von Neher gehört, erinnere mich jetzt aber nicht mehr genau an sie.

Nach meinen Worten richtig aufgeschrieben, das Protokoll ist mir verständlich und wurde mir ins Deutsche übersetzt. (Wangenheim).

„Im Straflager von Sol-Ilezk, einem trostlosen Flecken südlich des Ural an der Grenze zu Kasachstan, sollten die Gefangenen unter katastrophalen Bedingungen vor ihrem Weitertransport nach Ostsibirien überwintern. Es war das fünfte ihrer Gefängnis­se auf ihrem Leidensweg. Es gibt wenige Berichte von ebenfalls verhafteten Augenzeuginnen, aber sie erzählen, dass Carola – auch mit geschorenen Haaren – immer noch eine reizvolle Frau war und Zukunftspläne machte. Die un­hygienischen Verhältnisse in Sol-Ilezk führten zu einer Typhus-Epidemie unter den gefangenen Frauen. Auch Carola erkrankte und starb am 26.6.1942 im Al­ter von nur 41 Jahren“, schreibt Gabi Russ.

Georg Becker vor dem Straflager von Sol-Ilezk Quelle: Quelle; Foto Sammlung Becker

Rehabilitierung

Am 12. Januar 1968 stellt die zuständige Moskauer Behörde diese Bescheinigung aus.

„Der Anklagefall der am 25 Juni 1936 festgenommenen Karoline Henschke wurde am 15 August 1959 durch das Militärkollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR revidiert.

Das Urteil des Militärkollegiums vom 16 Juli 1937 wurde nach neu eröffneten Umständen aufgehoben und das Verfahren wegen Nichtbestehens einer Straftat eingestellt.

K. J. Henschke wurde in dieser Angelegenheit postum rehabilitiert.

Leiter des Sekretariats des Militär­kollegiums des Obersten Gerichts der UdSSR /Unterschrift/ Moskau, den 12 Januar 1968.“

Das Leben einer berühmten Schauspielerin. Aber war es das wirklich und in dieser Darstellung? Carola Neher hat immer dafür gesorgt, dass sie Gesprächsstoff war, die Medien sind ihr „gefällig“ gewesen – aber es gab die andere Carola Neher, die private und ich denke, sie hat diese „Privatperson“ ganz gut verborgen.

Einiges ist zu finden, das hat dann aber sehr oft mit Klabund zu tun. Und deswegen möchte ich die andere Seite der Carola Neher im Kapitel über Davos beschreiben, denn Davos war nicht nur für Klabund der Ort, in dem er seine Krankheit lindern konnte, Davos war auch ein „Rückzug“ für beide und gut abgeschirmt durch das Ehepaar Poeschel, mit dem Klabund und Carola Neher ein besonderes Verhältnis hatten.

Das letzte Bild von Carola Neher in Wien Sommer 1933 Quelle: Quelle; Foto Sammlung Becker

Die Stadt München hat eine Stra­ße in München-Obersendling nach Carola Neher benannt; sie führt parallel zur Bahnlinie von der Sie­mensallee als Sackstraße nach Nor­den. Zum Andenken an Carola Neher fand 2013/2014 eine Sonder­ausstellung im Deutschen Theater- ‚ Museum München statt.