Die Silberfüchsin

Kommen Sie – stolpern Sie nicht im Dunkeln über die Treppe – ich mache gleich Licht – sehen Sie – hier wohne ich – ganz reizend, nicht wahr? – Die Möbel – und die Ta­pete – so einfach in Farben und Linien – und doch diese leise Exzentrizität – Lukas hatte einen fabelhaften Geschmack -er hat die ganze Einrichtung unserer Wohnung selbst ent­worfen – stundenlang – tagelang – hat er sie mit dem Möbelfabrikanten – mit dem Tapetenhändler – durchgesprochen -dieser grüne Klubsessel hier – war sein Lieblingsstuhl – wol­len Sie nicht Platz nehmen? Aber so legen Sie doch ab! Wie, Sie wollen nicht? Sie wollen nur ein paar Augenblicke blei­ben? Ich möchte Ihnen immer in die Augen sehen – ich weiß nicht, was mich zu Ihnen zieht und zwingt – dass ich mit Ihnen – den ich doch erst eben kennengelernt habe – also mit einem mir völlig unbekannten Menschen – den ganzen Abend zusammen tanze und lache und Sekt trinke – und doch das Gefühl einer sonderbaren Verknüpfung – oder Verwandt­schaft zwischen uns – sofort habe – sofort vom ersten Blick Ihrer Augen – vom ersten Augenblick an. Was hat mich über­haupt veranlasst, heute, am ersten Jahrestag seines Todes, auf den Ball zu gehen, zu lachen, zu tanzen und Sekt zu trinken? Sie werden vielleicht denken, dass ich eine schlechte, leicht­fertige und frivole Person sei. – Ich habe das ganze Jahr mit Tränen verbracht – ich habe mir die Brust wie ein Klageweib zerschlagen – ich habe nicht einen ungetreuen Gedanken gehegt – aber heute, als ich vor sein Bild treten und ihm Blu­men bringen will (- kennen Sie die Blumensprache? Narzis­sen sprechen: Dein Blick nahm mein Herz. Astern leuchten: Auf Wiedersehn! Die Windviole flüstert: Der größte Fehler in der Liebe – ist Furchtsamkeit) – als ich ihm Astern brin­gen will – da – ist der Rahmen leer – ganz leer – das Bild ist verschwunden. Und denken Sie: von dem Moment an konnte ich mir nicht mehr vorstellen, wie Lukas ausgesehen hatte –

ich versuchte angestrengt darüber zu grübeln, was für Au­gen er gehabt hatte – ich versuchtes ihn zu sehen – es gelang mir nicht mehr – die Form seines Kopfes – ja, wie war sie ei­gentlich? Sie war ungeheuer einprägsam. Seine Stirn schien mir einmal unvergesslich. Und jetzt – jetzt – hatte ich alles vergessen – wenn ich an seinen Kopf dachte, sah ich plötz­lich eine Runkelrübe oder einen Kürbis und was dergleichen Albernheiten mehr sind – ich versuchte – seinem Gang im Arbeitszimmer zu lauschen – nachts, wenn er arbeitete, pflegte er immer ruhelos in seinem Arbeitszimmer auf- und abzu­schreiten – auf und ab – und so war er auch noch auf- und abgeschritten, als er das Drama „Die geharnischte Venus“ für mich schrieb, in dessen Titelrolle ich bei der Uraufführung am Schauspielhaus Frankfurt am Main einen so sensatio­nellen Erfolg hatte, seine Schritte – auf und ab – habe ich das ganze Jahr noch gehört – in meinen einsamen – schau­rig stillen Nächten – heute – heute – da hörte ich plötzlich den Schritt nicht mehr – ich konnte nicht mehr atmen -nun, der Anfall ging vorüber, die Schwester gab Brom – vielleicht bin ich auch hysterisch – alle Witwen sollen hysterisch sein – mit einem mal wurde ich von einer unerklärlichen Lu­stigkeit ergriffen – ich lachte – lachte – und drehte mich um mich selbst und tanzte durch alle Räume – und als ich im Schlafzimmer angekommen war – und mich in dem großen Spiegel sah: schwarz Vom Kopf bis zu den Zehen – da Riss ich mir die Trauerkleidung vom Leibe – bis ich nackt vor dem Spiegel stand. Und da sah ich, dass ich noch schön war. Ich begann, in Kommode und Schränken zu kramen – meine rei­zende Spitzenwäsche‘- mein schönstes Crepe-de-Chine-Kleid zog ich hervor – und schmückte mich wie eine Braut. Ich probierte auch den Myrtenkranz vor dem Spiegel auf – den ich am Tage meiner Vermählung mit Lukas getragen – und er stand mir so hübsch – wie damals. Da sah ich auf dem Nachttisch die Abendzeitung liegen – mit den Theaterannon­cen des heutigen Abends – und mit den Ballnachrichten. Ich klatschte in die Hände, so freute ich mich. Ich wollte erst ins Theater gehen – und dann auf einen Ball. Und als ich un­ter den Theateranzeigen nachsah, was es gab, stieß ich auf eine schwarzumränderte Notiz:

Heute zum 25. Mal:

Das Damespiel. 

Katja … Karin Lund.

Oh – das war ja herrlich – ich selber trat heute Abend auf – zwar nicht in einer sogenannten Glanzrolle von mir wie Cleo­patra, Johanna oder Haitang – aber das machte nichts – es würde mir auf jeden Fall Vergnügen bereiten, mich selbst zu sehen – denn, Sie mögen es nun glauben oder nicht – noch niemals hatte ich mich selbst gesehen – ich brannte vor Neu­gier, was ich für einen Eindruck auf mich machen würde. Ich nahm eine Taxe und kam gerade zu meinem ersten Auf­tritt zurecht. Ich sah mich in hohen schwarzen Stulpenstie­feln, weißen Reithosen, grüner Weste, Zylinder und Gerte auf die Bühne springen, federnd wie eine Stahlklinge. Wenn ich sprach, vibrierte mein ganzer Körper. Nicht aus dem Mund allein – aus allen Poren meines Leibes schienen die Worte zu tönen. Meine Gesten und Bewegungen waren sparsam ange­bracht, ein großes Aufleuchten des Auges, ein kleines fremd­artiges Lachen – waren zart aufgesetzte Akzente – der Mono­log vom gefangenen Adler – klang wie eine dunkle Kaskade -bis die Reitpeitsche durch die Luft und dem täppisch verlieb­ten russischen Fürsten in die Tatarenfratze sauste – aber diese Peitsche war nur ein verlängerter Arm meines ganzen Leibes, der mit pantherartiger Wut ihn ansprang. – Ich war außer mir von mir. So, so müsste man Theater spielen. Wie man boxte. Direkt. Und keine Mätzchen. Das Publikum knock-out schla­gen. Ich erinnerte mich, wie ein Frankfurter Kritiker mich ein­mal getauft hatte – little Dempsey. Ich geriet mit meinen bei­den Nachbarinnen, zwei ältlichen Fräuleins, die ihr Abonne­ment absaßen und sich während des Stückes gegenseitig mit Konfekt fütterten und zärtliche Kosenamen wie „Schnauz“ und „Pussi“ gaben, fast in (meinerseits) tätlichen Streit, als Pussi behauptete, ich spiele ja überhaupt gar nicht Theater, das wäre doch keine Kunst, Kunst sei etwas Schweres, schwer auszuüben und schwer aufzunehmen, aber was ich da mache, das sehe sich so leicht an, wie wenn Kinder Reifen spielten -und deshalb gehe man doch nicht ins Theater. Man wolle et­was haben für sein Geld. Schwitzen müsse der Schauspieler -so wie jener feurige jugendliche Liebhaber, nach dem Pro­gramm zu urteilen mein künftiger Ehegemahl. Prächtig sei auch der Darsteller des Fürsten, mischte Schnauz sich in die Debatte. Und da mußte ich ihr recht geben. Er war herrlich in seiner bärenhaften Tapsigkeit, in seiner dummdreisten Ver­liebtheit: ein großer realistischer Schauspieler. Wundervoll auch die alte Fürstin, Repräsentantin edelster Burgtheatertra­dition, die mit kühner Bewusstheit ihr eigenes Heldinnenpa­thos parodierte. Dennoch: wenn ich sie so alle miteinander spielen sah – und mich mittendrin – es schien mir doch, als spiele jeder für sich – und als spielten vier Schauspielergene­rationen da oben Theater – jeder ritt seine hohe Schule – vier edle Pferde waren in ein Gespann gekoppelt – und zogen jedes nach einer anderen Richtung – das Pathos von 1890 – der rea­listische Kehlton von 1900 – die expressionistische Ton- und Gliederverrenkung von 1916 – und der natürliche, schwin­gende Laut und Gang eines jungen Mädchens von 1926 – Romantizismus – Realismus – Expressionismus – Vitalismus – das waren wohl die Wer Ismen, die da oben miteinander im Streit lagen, nur zaghaft manchmal gezähmt von der Peitsche des Regisseurs. Pussi behauptete plötzlich in der Pause, dass „Das Damespiel“ ein schlechtes Stück sei, was mich dazu führte, einiges über die Notwendigkeit schlechter Theater­stücke zu äußern. Es ist merkwürdig, dass das Schlechte in der Weh so wenig geschätzt wird, obwohl es doch allenthal­ben ausgeübt wird und sich überhaupt in der Majorität befin­det. Zum Beispiel werden am Theater überwiegend schlechte Stücke gespielt. Die Notwendigkeit schlechter Stücke wird allein durch diese Tatsache bewiesen. Das Theater braucht schlechte Stücke – es braucht sie notwendiger als gute Stücke, denn gute Stücke werden weniger gespielt, d. h. sind weni­ger notwendig. Ich verstehe nicht, weshalb alle Leute verlan­gen, es müssten mehr bessere Stücke geschrieben werden, da diese besseren Stücke infolge des Bedarfes an schlechten gar nicht aufgeführt werden könnten. Nein: im Gegenteil: es müs­sen mehr schlechtere Stücke geschrieben werden. Das Thea­ter hungert nach ihnen. Während früher nur die Verfasser guter Stücke „verkannt“ wurden, gibt es leider heute schon hochbegabte Verfasser schlechter Stücke, die als verkannte Genies herumlaufen. Denn die Theaterdirektoren, die früher nur gute Stücke ablehnten, lehnen heute auch schon schlechte Stücke ab, weil sie an die schlechten Stücke wiederum Quali­tätsansprüche stellen, die diese aus sich heraus nicht erfüllen können – denn dann wären sie gute Stücke, und dann wä­ren sie wieder für das Theater erst recht nicht geeignet. )a, es ist eine merkwürdige und etwas verworrene Zeit. Wir le­ben in einer Krise des Theaters – aber wir machen auch sehr viel Theater mit dieser Krise. Was die Dramenproduktion an­betrifft, so wäre das beste Stück das schlechteste Stück oder das schlechteste Stück das beste Stück. Denn die Extremitä­ten berühren sich. Aber dann bleibt immer noch das Publi­kum, jene sattsam bekannte Sphinx, die den Mund sehr weit aufzureißen pflegt – und sich doch nur immer dabei in den ei­genen Schwanz beißt. – Schnauz und Pussi zeigten sich über meinen Redeschwall, besonders über den letzten Satz, heftig schockiert und verließen noch vor Beginn des letzten Aktes in­digniert das Theater. Vergeblich hatte ich sie durch Hinweis auf die große Fesselungsszene des dritten Aktes, in der ich zu glänzen hoffte, zum Bleiben zu überreden versucht.

Nach Schluss der Vorstellung klatschte ich mir und allen Kollegen wie rasend Beifall. Schauspieler sind das beste Pu­blikum. Ich war entzückt. Ich war so freudig erregt, dass ich nun auch noch auf den Ball zu gehen beschloss. Ich fuhr zum Ball und traf im Vorraum – in der Garderobe – Sie! Sie traten zu mir heran – und obgleich Sie sich mir nicht vorstellten -das haben Sie bis jetzt noch nicht getan – und mich nur ansa­hen – faszinierten Sie mich. Ja, Sie faszinierten mich. Sie lä­cheln vielleicht, was ich Ihnen für Geständnisse mache. Klug ist so etwas von einer Frau nicht – gewiss nicht – aber ich habe wohl keine Zeit mehr, klug zu sein. Ja. Sie bezauberten mich. Durch die Melancholie Ihrer Gesten. Den feuchten Schim­mer Ihrer schwarzen Augen. Und Ihre unsagbar schlanken und bleichen Hände. Ich habe bei den Männern immer zuerst auf die Hände gesehen – die Hände verraten einem leichter, was einer darstellt, als das Gesicht – seine Hände kann man nicht verstellen – Hände – lügen nicht – ja, ich scheue mich nicht, es zu sagen: ich liebe Ihre Hände. Zeigen Sie, drehen Sie die linke Hand um, ich will Ihr Schicksal lesen – und viel­leicht das meine. Sie haben keine Lebenslinie – wie sonder­bar – also leben Sie eigentlich gar nicht – also sind Sie eigent­lich – tot. Und ich – bin vielleicht auch schon tot – wie Lu­kas. Ach, was rede ich für lächerliches und törichtes Zeug zu­sammen – ich habe wohl zu viel Sekt getrunken – ich bin das nicht mehr gewöhnt – seit einem Jahr hab‘ ich keinen Sekt mehr getrunken – damals brachte ich Lukas ein Glas Sekt an sein Sterbelager – damit es die Herztätigkeit belebe – warten Sie, die angebrauchte Flasche muss noch da sein. Ich habe sie seitdem im Schlafzimmer so stehen gelassen, wie sie damals stand. Ich werde sie holen – und wir werden zur Feier des Ta­ges – ein Glas Sekt trinken – trinken Sie – es ist das Glas, aus dem auch er getrunken – Sie wollen nicht – warum so abwei­send, mein Freund – dann leere ich es – auf meine Liebe. Wie schön das im Blut brennt. Das Blut selbst beginnt zu brennen. Ich fühle – ich fühle – wie mir das Feuer zu Kopf steigt – jetzt brennt schon mein Haar – und meine Augen brennen – Lieb­ster – Liebster – sieh, ich bin so heiß – und du bist so kalt -;   ich verzehre mich nach dir – und du, Lukas, stehst stumm und unbeweglich da – und nimmst mich nicht in deine Arme – und reißt mich nicht an deine Brust – ich zittere nach dir – ich bebe nach dir – ich gebe mich ganz preis – ich habe keine Scham mehr – nimm mich – nimm mich – hörst du die Musik? Wie süß! Komm, laß uns tanzen. Oh, wie du mich hältst – wie du mich trägst – ich schwebe wie ein Vogel – ich wehe wie eine Wolke – ich vergehe – vor Seligkeit – du, Lukas, bist ja wieder da – und ich bin da – und dort und hier – bin überall – zu glei­cher Zeit – ich bin bei mir – ich bin bei dir – ich bin mehr tot als lebendig – Lukas – und mehr lebendig als tot. jetzt bin ich wie die Komtess Katja im „Damespiel“ wirklich zum Zirkus gegangen. Ich laufe auf einem Seil, das vom Mittelpunkt der Erde bis zum Mittelpunkt der Sonne gespannt Ist. Ich balan­ciere mit einer Stange, an der lauter rote Herzen hängen. Ich balanciere mit den Herzen – und finde mein Gleichgewicht, nur durch sie. Wenn ich nur kein Herz verliere. Wenn ich nur Lukas‘ Herz nicht verliere. Die Zeltkuppel des Zirkus wölbt sich wie die Kuppel Sankt Peters in Rom. Der Manegekreis ist wie mit Kreide gezogen. Kreidekreis. Sieben Clowns lau­fen darin herum in den sieben Regenbogenfarben. Sie laufen so schnell, dass man nur eine Farbe sieht. Silberblau. Hinter jedem läuft ein kleiner Fuchs. Ein Silberfuchs. Silberfuchsfarmen werden jetzt im Riesengebirge angelegt. Die Silberfüchse sind sehr monogam. Wenn eine Silberfüchsin von ihrem Gat­ten betrogen wird, beißt sie ihn tot. Mein Gott, ich würde es auch so machen mit meinem Mann, wenn ich ihn liebe. Be­stimmt. Aber für die Fuchsfarmbesitzer ist die Treue der Silberfüchsin doch eine verdammt kostspielige Angelegenheit. Er muss sich für jede einen Rüden halten. Hoppla. Die Clowns laufen noch immer in der Manege herum. Ich stehe in meinem weißen Hermelinmantel, den ich als „Heilige Johanna“ trug, mitten in der Manege und knalle mit der Peitsche. Aber plötz­lich beginnt es an meinen Beinen zu kribbeln. Der rote Sand belebt sich. Die Millionen Sandkörner beginnen zu laufen. Sie laufen an meinen Beinen empor. An meinen Schenkeln.

Es juckt unerträglich. Jetzt ist schon mein ganzer Leib von ihnen bedeckt. Das Jucken ist kaum auszuhalten. Schwester! Schwester! Die roten Ameisen kommen schon durchs Fenster gelaufen. Sie kommen aus der Sonne, direkt aus der Sonne. Sie laufen auf den Strahlen rasend schnell in meine Augen. Sie fressen meine Augen aus. O Gott, ich kann es vor Jucken in meinen Augen nicht mehr aushalten. Schwester! Schwester!

Ich – bin – ja – schon – wach. Es ist ja schon Tag! Fünf zeigt die Uhr über der Tür. Was hab ich nur geträumt? – Ich habe geträumt – viel – wild – alles durcheinander. – Ich will in meinem kleinen ägyptischen Traumbuch nachsehen, was meine Träume zu bedeuten haben. Ich sah einen Ahornbaum: kahl: das bedeutet vergebliches Hoffen. Ich sah im Zirkus ein Ballett: zerstörte Zukunftsträume. Dann hab ich geträumt, ich liege schlaflos in meinem Bett. „Dich verfolgt das Unglück.“ Ich goss Blei – die Figur war Lukas. „Man hintergeht dich.“ Aber ich hörte auch die Drossel singen. War das nun im Traum oder unten im Garten? Gleichviel. Freude bedeutet es in kommenden Tagen. Ich sah ein Eichhörnchen. Sah ich es im Traum oder draußen im Baum? Es weist auf eine un­glückliche Ehe. Ich pflückte Erdbeeren – die ich so gern mit frischer Sahne esse – Erdbeeren pflücken: „Du wirst hoch­mütig!“ Nun, falsch prophezeit, das brauch ich nicht erst zu werden. Aber Nesseln bekäme ich, wenn ich sie äße. Trotz­dem ich sie so gern esse. – Schließlich sah ich das Morgen­rot – Morgenrot sehen: „Hoffe weiter – dein Kummer wird von dir genommen werden!“ Wenn nur jetzt endlich dieses Jucken von mir genommen würde. Was ist das für ein ekelhaf­tes Jucken, von dem ich aufgewacht bin? Seit ich hier im Sana­torium liege, sieben Wochen, wach ich zwar immer sehr früh auf, aber so früh – Schwester! – Die dumme Kuh schnarcht drüben auf dem Sofa. Man nennt das Nachtwache, wie? Ko­stet 6,50 Mark extra. Eigentlich soll sie an meinem Bett sitzen. Ja, Kuchen. Sie hustet mir was. Sie schläft wie ein Murmel­tier. Einen gesunden Schlaf haben die Leute, deren Beruf es ist, nicht zu schlafen. Herrgott, hört denn dieses Jucken nicht auf. Ich will mal in meinen Taschenspiegel sehen – wie seh ich denn aus – heute – immer ist heute – dieses Aufwachen früh ist zum – ja für eine junge Dame schickt sich wohl der Ausdruck nicht – aber es ist zum Kotzen. Hört das nie auf? Geht das immer so weiter? Neunundvierzigmal bin ich hier im Sanatorium schon aufgewacht, und es war immer das glei­che. Mein erstes Gefühl am Morgen ist immer der Hass. Ein ganz uferloser, grundloser Hass. Und da ich nur irgendwen als Objekt des Hasses brauch, so hasse ich vor allem jene dicke Nachtschwester da drüben auf dem etwas abgenützten Sofa. Wenn ich mich ein wenig an der Eisenkonstruktion, die über meinem Bett angebracht ist, emporziehe, kann ich sie sehen, wie sie mit offenem Mund schläft. Sie hat gelbe Stockzähne, von denen jeder einzelne auf eine alberne Art grinst. Etwas wie unzüchtige japanische Elfenbeinfiguren, von denen mir Lukas einmal einige gezeigt hat. Eine Frisur hat sie im Schlaf, das ist ja toll, ein richtiges Krähennest pappt ihr auf einem scheinbar ganz kahlen Schädel. – Karin, du bist sehr ungezo­gen, dich über die würdige Matrone lustig zu machen. Sie ist in Ehren ergraut.

Hirsch und Reh waren schon zu den Eiszeiten des Menschen Gefährten auf dieser Erde. In den Höhlen der Dordogne .hat er sie gezeichnet: ruhend, äsend, kämpfend.

Damals stampfte der Riesenhirsch durch Deutschland. Er war so groß wie ein Pferd, aber so graziös proportioniert wie eine Lilie oder eine schöne, schlanke Frau. Auf seinem Kopf trug er ein gewaltiges Geweih: zwei mächtige Schaufeln.

Damals kämpften Mensch und Hirsch noch miteinan­der. Sie traten sich auf der gleichen Ebene entgegen: zwei schöne starke Tiere. Sie maßen sich noch mit den gleichen brüderlich-feindlichen Blicken. Du Wesen da drüben, sagte dieser Blick, ich bestreite dich, aber ich achte dich als Blut von meinem Blut, als Trieb von meinem Trieb.

Heute sehen Mensch und Tier sich nicht mehr mit solchen Blicken an. Man reicht dem Damhirsch im Zoo durch das Git­ter ein Bündel Gras. Der Hirsch nimmt’s und malmt es mit seinen Kiefern, ohne uns anzusehen. Er sieht an uns vorbei. Und wir durch ihn hindurch.

Der Mensch steht heute außerhalb der Tierwelt, vielleicht außerhalb der Welt überhaupt. Auch zu Blumen, Kristallen, Sternen und Wolken hat er keine Beziehung mehr.

Ich ritt einmal durch den Englischen Garten bei München, wo er wild wird. Da fiel auf einmal das Pferd aus dem Trab in Schritt und passierte ganz langsam, kaum zehn Schritte von ihr entfernt, eine lagernde Rehfamilie: einen Rehbock, eine Ricke, zwei Rehkälber.

Die Tiere rührten sich nicht, denn es war Schonzeit, und sie wussten, dass sie gehegt wurden.

Das Pferd wieherte leise, Pferd und Rehbock sahen einan­der groß an. Als es schon an ihnen vorbei war, sah das Pferd sich noch drei-, viermal nach den Rehen um, und die Rehe sahen dem Pferd nach.

Von mir, dem Menschen, hatten weder Reh noch Pferd No­tiz genommen. Auch das Pferd hatte von mir kaum einen an­deren Eindruck, als dass ich eine Art Reitmaschine sei, auf seinen Rücken gesetzt.

Aber in den Blicken, die Pferd und Reh miteinander wechselten, da lag ein freudiges Grüßen, ein verwundertes Erkennen: Uns beide, dich und mich, schuf der gleiche Gott. – – –

Ob Lukas wohl heute kommt? Er kommt in den sieben Wochen jeden Tag, vormittags und nachmittags. Ich habe nie ge­glaubt, dass es einen treuen Menschen gibt, einen Menschen, der unbedingt bedingungslos zu einem hält. Ich bin oft eifer­süchtig, schrecklich eifersüchtig, wenn er auf dem Gang mit der Baronin spricht, deren an den Nieren operiertes Kind im Zimmer gegenüber liegt. Ich liebe es, von Männern, die mich lieben, umgeben zu sein, umgaukelt, umtanzt, umschwirrt – aber ich lasse keine Frau in seine Nähe. Ich finde es furchtbar, dass es außer mir noch Frauen auf der Welt gibt, auf denen Lukas‘ Blick wohlgefällig verweilen könnte. Ich habe schon mit dem Messer nach ihm geworfen. Ich habe ihn mit den Fäusten ins Gesicht geschlagen. Ich habe ihn den schlechte­sten Menschen genannt, den es auf Erden gibt. Aber es ist nicht wahr. Es gibt keine guten Menschen. Aber von allen schlechten Menschen ist er der am wenigsten schlechte. Er ist viel, viel besser als ich. Ich bin den einen Tag ganz gut. Dann lohnt es mir niemand. Den andern Tag ganz schlecht. Dann spürt’s gleich jedermann. Meine Krankheit ist auch so. Den einen Tag geht’s ganz gut. Den andern ganz schlecht. Einen Tag hab ich 36,3. Den andern gleich 40 Grad Fieber. Und so bin ich auch zu den Menschen. Entweder – oder. Entweder sehr lieb, ungewöhnlich lieb. Wenn ich ganz ekelhaft bin, nennen sie mich unausstehlich hysterisch. Die Damen in der Pension Fortuna z.B., die früher übrigens auch eine Art Sanatorium war. Das war ja schon ein böses Omen, dass ich in eine solche Pension zog. Aber unser Oberregisseur hatte sie mir, als ich das Engagement hier antrat, empfohlen. Die Stadt kannte ich ja damals noch nicht, aber heute kenne ich sie. Dieses Bollwerk des Ostens. Ich möchte wissen, wofür und wogegen dieses Bollwerk errichtet ist. Mit dem Osten nach Westen oder mit dem Westen nach Osten? Die Leute wissen wohl hier selbst nicht, wofür und wogegen sie sind. Sie sind für Weißbier gegen Starkbier und umgekehrt. Dann gibt es noch solche, die gegen beides sind und die auf die Gal­lone Fusel schwören. So viel Betrunkene wie hier hab ich noch nirgends gesehen. Lukas und ich haben auf unserem Weg in die Sankt-Annen-Gasse manchmal abends die Betrunkenen gezählt. Zuerst hat’s uns Spaß gemacht. Aber schließlich hat uns der Ekel gepackt. Einmal sind wir bis hundert gekommen. Hundert Betrunkene in fünfzehn Minuten. Selbst drüben in Polen hab ich nicht so viel Betrunkene gesehen, obwohl es dort noch mehr zum Kolorit gehört. Als ich in Kattowitz die „Heilige Johanna“ spielte, da waren sie allesamt auch betrunken, Polen und Deutsche – aber vor Begeisterung. Ein Kunst­enthusiast schickte mir einen Korb Champagner in die Gar­derobe, obwohl die Flasche Champagner in Polen 70 Zloty kostet, und das ist ein hübsches Stück Geld.-Das Publikum raste.

Abends im Hotel die Wanzen. Deswegen bin ich auch in der Pension Fortuna geblieben, weil es dort keine Wanzen gab. Und das ist schon ein großer Vorzug für hier, wo ent­setzliche Armut herrscht, 17 Prozent aller Wohnungen nur aus einem Raum bestehen, die Hälfte aller Schulkinder kein eigenes Bett haben, und ein Fünftel der Bevölkerung aus öf­fentlichen Mitteln unterstützt werden muss. Mit den Damen, den Inhaberinnen der Pension, stand ich mich gar nicht. Lu­kas suchte immer zu vermitteln, aber es ging nicht. Wir sind halt zwei Welten, sie und ich. Ich jung, junge Frau, sie zwei alte Schachteln, hochnäsig und unbefriedigt. Warum wür­den sie sich sonst Schnauz und Pussi nennen? Wie zwei verliebte Hündchen. Die mit dem Kneifer, die Adlige, die un­geheuer stolz auf ihren Adel ist, heißt Schnauz. Sie hassen mich. Sie zittern, wenn ich schon in ihre Nähe komme, weil ich ihnen schon allerlei heftige Dinge gesagt habe. In der Wut bin ich nicht wählerisch in meinen Ausdrücken. Der einen, die immer so eingebildet auf ihre Formen ist (d. h. ihre ge­sellschaftlichen Formen, andere hat sie nicht), hab‘ ich mal gesagt, es wäre besser, wenn sie selbst weniger fein, da­für das Essen desto feiner wäre. Denn ewig dieser Fraß von undefinierbarem Gulasch, Omelett mit gehacktem Fleisch, deutschem Beafsteak und wie diese gedrängten Wochenüber­sichten alle heißen, hing mir schon zum Hals heraus. Und dieses Lazarettkompott: aufgeweichtes Dörrobst. Bei einem Pensionspreis von 7,30 Mark pro Tag – ohne Abendbrot wohl­verstanden. Und dann die ewig falschen Rechnungen, die – zu ihren Gunsten nie stimmten. Immer hatten sie sich aus Ver­sehen „verrechnet“. Rechneten Heizung im Mai, wenn längst keine mehr ging. Und immer beleidigt, wenn man sie er- wischte, immer auf fein frisiert. Wenn ich hier aus dem Sana­torium herauskomme, schlafe ich keine Nacht mehr unter ihrem ungastlichen Dach. Ich geh mit der Schwester hin, pack‘ die Sachen zusammen und dann heidi ab in die Schweiz. Ich bin im Krieg groß geworden, in den Kohlrübenjahren, und darum wohl nicht ganz fertig geworden mit meinem körper­lichen und seelischen „Aufbau“. Du lieber Himmel, war ich unterernährt, hab ich als Kind gehungert. Oder vielmehr als Backfisch, gerade in den Entwicklungsjahren. Und dann spä­ter die Jahre der Inflation. Ein Schauer läuft mir den Rücken herunter, wenn ich daran denke.

Erst wollte mich meine Familie nicht zum Theater gehen lassen, und sie steckte mich in eine Bank. Damals war ja die Hochkonjunktur im Bankgewerbe. Eine Hausse jagte die an­dere. Immer mehr wurde verdient, und immer weniger war da. Einer bestahl den andern. Die meisten hintenherum. Ich wenigstens offen und ehrlich, indem ich tschechische Kronen, Lire und Dollars aus der Devisenkasse nahm, in so kleinen Portionen, dass es niemand merkte. Ein Dollar oder ein paar Tschechenkronen, das war ja damals ein Vermögen. Ich erin­nere mich, dass ich mal, fünf gestohlene Dollar in der Tasche, die Inserate in der Sonntagsnummer der Zeitung studierte: ich wollte mir von den fünf Dollar ein Haus oder eine Villa in Gauting oder Gräfelfing kaufen, möbliert selbstverständlich, denn daheim wollte ich bei den ewigen Streitereien um meine Zukunft nicht mehr bleiben. Und irgendeine Zuflucht, dachte ich sechzehnjährige Göhre, muss der Mensch doch ha­ben.

Ich bin genauso zum Theater gekommen, wie es in den Zehnpfennigromanen „Vom Köhlerkind zur Brettldiva“ zu le­sen steht. Mir war schon in Wiesbaden ein kleines Engage­ment versprochen. Und da meine Mutter nichts davon wis­sen wollte, bin ich eines Morgens von ihrer Seite einfach da­vongelaufen. Nicht heimlich und bei Nacht, sondern am helllichten Tag, meine Mutter auf der Nymphenburger Straße in München immer hinter mir her. Ich lief die Straßenbahnschie­nen entlang. Da kam eine Straßenbann. Ich sprang auf – und meine Mutter blieb, verzweifelt winkend, zurück. Ich fuhr mit der Straßenbahn zum Bahnhof und vom Bahnhof nach Wies­baden.

Ich kam in einem billigen Fähnchen und gänzlich ohne Ge­päck in Wiesbaden an. Aber wenige Tage später wohnte ich schon im Grand Hotel.

Ich war als Tänzerin mit kleiner Rollenverpflichtung am Kurtheater engagiert und hatte großen Erfolg. Als Tänzerin. Und noch mehr als Frau. Damals bin ich oft als Titelbild ei­ner englischen Modezeitschrift gezeichnet worden. Ein junger englischer Maler benutzte mich als sein Modell, verniedlichte und versüßlichte mich allerdings so sehr, dass ich ihm eines Tages die Zeitschrift um den Kopf schlug.

Für meine Entwicklung als Schauspielerin ist mir das Tan­zen sehr zustatten gekommen. Ich bekam jeden Muskel in meine Gewalt. Und mein Körperspiel ist ja schon berühmt geworden. Es geht bei mir heute jedes Wort, das ich spreche, durch den ganzen Körper. Es vibriert durch alle Atome. Aber auch ein Wort, das gegen mich geschleudert wird, kann mir den Leib zerreißen und alle Moleküle in Aufruhr bringen.

Ich bin sehr leicht in Aufruhr zu bringen. Mein Weg führte oft dicht am Abgrund vorbei. Ich bin oft gestrauchelt, aber immer wieder auf die Beine gesprungen. In Wiesbaden war ich mal nahe daran, zu verkommen, so elegant und selbstbewusst ich mit meinen sechzehn Jahren durchs Kurhaus spa­zierte, Braut eines reichen Russen und Freundin eines elegan­ten Franzosen. Ich war damals sehr schön – und von einer grenzenlosen Ungezogenheit und Unerzogenheit, die mir aber leider jedermann nachsah. Einmal ohrfeigte ich unter den Ko­lonnaden den Prinzen Storitzin. Eigentlich nur, weil mir sein Parfüm nicht gefiel. Der Prinz entschuldigte sich dann bei mir. Eines Tages ließ ich mich von meinem Russen mit meinem Franzosen überraschen. Absichtlich. Er war so sanft, so zart, so rücksichtsvoll, so gütig, dass ich ihn wegen seiner vielen Tu­genden zu hassen begann und ihn zu einem bösen Wort, zu einer bösen Geste, vielleicht zu einem Schlag zwingen wollte. Aber Sergej schlug nicht. Er lächelte nur, aschfahl im Gesicht. Da warf ich ihm alles ins Gesicht, was ich in der Eile er­wischte. Ich riss den Schrank auf: ein altrose Georgettekleid, ein Goldlamekleid, eine Paillettenrobe, ein schwarzes Velour­schiffonkleid, ein Hermelincape, ein Biberjackett, einen Nerz­mantel, alle die Kostbarkeiten warf ich ihm ins Gesicht. Er stand immer da und lächelte. Die Kleider, die Spitzenwäsche, alles häufte sich um ihn, er versank schon darin, die Hüte flo­gen um seine roten Ohren, die immer wie erfroren aussahen. Zum Schluss warf ich ihm auch die Perlenkette an die Stirn. Sie riss, und alle Perlen rollten im Zimmer umher. Als er vor Entsetzen den Mund öffnete, da zog ich den Verlobungsring vom Finger und schleuderte ihm den Ring zwischen die unna­türlich weißen Zähne, die mir so unnatürlich weiß schienen, als ob auch sie noch erbleicht wären.

Er wäre an dem Ring fast erstickt. – Ich verließ sofort Wies­baden, ganz allein, auch den Franzosen sah ich nicht mehr an. Ich fand ein Engagement an den Nürnberger Kammerspie­len. In einigen Wochen war ich der Star des Ensembles – mit einer Tagesgage von fünfzig Papiermark. Und jeden Sonn­abend spielte ich eine große Premiere: Die Marquise. von Arcis, Frühlingserwachen – abwechselnd Wendla und Ilse – Scampolo, Manon Lescaut – Lulu – Viola. Gearbeitet habe ich damals wie ein Pferd. Männer kannte ich überhaupt nicht. Ich sah sie überhaupt nicht an. Aber meine Nerven waren derart gespannt, dass sie nach irgendeiner Auslösung brann­ten. Ich trank. Ich soff. In einer kleinen, dreckstarrenden Kneipe droben in der Burg, bei der sogenannten Burgmutter, hockte ich, löffelte mein armseliges Mittagessen und soff bil­ligen deutschen »Weinbrand«. Knapp achtzehn fahr war ich damals – aber aus sah ich manchmal wie vierzig.

Lukas schweigt den Menschen gegenüber in sich hinein. Er redet zu fremden Leuten nie ein überflüssiges Wort. Er hält immer Distanz. Und das kann ich so schwer. Aber ich will es, ich muss es noch lernen. Nur einmal neulich ist er aus sich herausgegangen, neulich, als der Intendant mich ihm gegen­über – welche Dummheit, welche Taktlosigkeit – eine Null nannte, der er erst den Namen gegeben habe. Er, der Inten­dant, habe alles aus mir gemacht. Die Berliner Kritiker, die mich als „Heilige Johanna“ gesehen haben, haben geschrie­ben, dass ich der Berliner Vertreterin dieser Rolle nicht nach­stehe. Also. Punktum. Streusand. Schluss mit der Kritik.

Wenn andere sich mit meinem Tun befassen,
Dann sieht der eine Schatten und der andere Licht,
Der hält gerecht, der ungerecht Gericht.
Man soll mich lieben oder soll mich hassen –
Ein Drittes will ich nicht.

Die Briefe, die ich nach der Aufführung der „Heiligen Jo­hanna“ bekommen habe, habe ich mir alle aufgehoben. Ich hab‘ sie hier im Nachtkästel bei mir. Ich muss sie doch wieder einmal lesen.

„Liebes Fräulein, darf man sich persönlich für den uner­hörten Eindruck bei Ihnen bedanken und eventuell noch eine halbe Stunde mit Ihnen plaudern?“

Alle wollten sie noch eine halbe Stunde mit mir plaudern. Die Unheiligen mit der Heiligen. Aber ich habe nicht geplau­dert.

„Mein sehr verehrtes Fräulein – zwar weiß ich nicht, ob diese Anrede noch zutreffend ist, doch nehme ich es an – und hoffe es. Ich habe am letzten Sonnabend einen so tiefen Eindruck von Ihrem Spiel mitgenommen, dass ich das Bedürfnis fühle, Ihnen irgendwie meinen Dank zu sagen für den gebotenen Kunstgenuß, umso mehr, als der vom Publikum gespendete Beifall Ihrer Leistung bei weitem nicht gerecht wurde.

Ich bitte Sie daher, als Zeichen meiner Verehrung diese Blu­men anzunehmen – kennen Sie die Blumensprache? Narzissen sprechen: Dein Blick nahm mein Herz – und bleibe ich Ihr aufrichtig ergebener…“ Ein Hauptmann a.D. Aus der Pro­vinz. Aus Liegnitz.

„Sehr verehrtes Fräulein, ein eigentümlicher Zufall, dass mein Spemannscher Kunstkalender für die Woche vom 8. bis 14. d.M., d.i. in derjenigen Woche, in welcher ich Sie als Heilige Johanna bewunderte, das beiliegende Bild von In­gres brachte. Ich kann nicht umhin, Ihnen als bescheidene Aufmerksamkeit dieses Bild zu verehren. Merkwürdig ist daran der Heiligenschein, obwohl Ingres schon 1867 starb und das Bild, wie ich aus seiner Biographie von Lapanze fest­stellte, er schon 1854 gemalt hatte. Die Franzosen verehrten sie aber schon lange vor ihrer kirchlichen Heiligsprechung (1920) als Nationalheilige. Die Darstellung ist ja auch eine mehr aufs Heldenhafte gestimmte als Sie, Shaws Auffassung folgend, das schlichte Hirtenmädchen auf der Bühne gestal­teten. Mit aufrichtiger Verehrung Ihr ergebenster -.“ Das ist ein Studienrat.

Geheimrat Professor Krüll, Prorektor der Universität:

„Sehr geehrtes Fräulein, gestatten Sie mir als persönlich Un­bekanntem, Ihnen meinen herzlichsten Dank zu sagen für den großen Genuss, den Ihre Verkörperung der Heiligen Johanna mir bereitet hat. Es sind schon mehrere Tage seit der Vor­stellung verflossen, und noch immer steht mir Ihre vortreff­liche Darstellung in allen Einzelheiten so vor Augen, dass es für mich eine wirkliche Erholung und Erhebung bedeutet. Ich kenne Shaw ziemlich gut und habe kürzlich ungefähr alles von ihm gelesen: ich glaube, er selbst würde sehr erfreut sein, wenn er Sie als St. Joan sehen könnte. Sie haben die Rolle ganz schlicht aufgefasst, ohne jedes Pathos, und durch diese Einfachheit völlig natürlich gewirkt: gerade darin liegt eine große Leistung. Ich denke, dass Sie noch zu großen Dingen berufen sind, und hoffe, Sie auch hier noch öfter in großen Rollen zu sehen. – Mit bester Empfehlung Ihr ergebenster…“

Hier ist ein Brief dazwischen an Lukas:

„Sehr geehrter Herr, unter dem frischen Eindruck der gest­rigen Aufführung, zu deren Besuchte mich tags vorher er­mutigten, möchte ich Ihnen ein Wort des Dankes sagen. Er konzentriert sich ganz auf Karin Lund. Sie versprachen sich Wesentliches von ihrer Johanna – die gebotene Leistung muss auch Ihre Erwartungen noch weit übertroffen haben.

Sie war sehr wesentlich.

Und das Erlebnis dieses Abends, ihres Abends, hat sicher­lich auch viele sehr Skeptische, längst dem Theater Abge­wandte ergreifen und überzeugen können.

Sie war ein ganz einheitlicher und guter Mensch und eine wundervolle Frau. – Ich bin Ihr K.T.“

„Sehr geehrtes Fräulein, wenn Sie wüssten, welchen Genuss Sie mir und meinem Mann bereitet haben. Ihre Johanna war so himmlisch und wird uns unvergessen bleiben. Man mußte lachen und weinen mit Ihnen, Sie müssen stolz sein, so eine Johanna spielen zu-können. Einen herrlichen Führer in den Schlachten gaben Sie ab, und wie rührend waren Sie, als Sie dann mit Undank belohnt worden sind. Hinreißend rührend und süß waren Sie. Ich kann nicht aufhören zu schwärmen. -Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich Frau Rosenbaum.“

Ich muss die Unterschrift küssen. Das ist die gute alte Jü­din aus dem Partiewarengeschäft, wo ich immer die Stoffe zu meinen Hemden und Pyjamas kaufte. Das ist der schönste al­ler Briefe.

Liebe empfinde ich erst, seitdem ich Lukas kenne und liebe. Jahrelang hab ich herumgeliebelt oder psychologische Diskus­sionen geführt. Was und wie die Liebe beschaffen sei, ob sie als Idee bedingt oder als Ding idealisierbar sei, und was der­gleichen Unfug mehr ist. Heute liebe ich und kann gar nicht mehr darüber reden. Nur stammeln. Lallen. Seufzen. Lächeln. Leuchten. Ich bin glücklich. Oh, wie glücklich bin ich oft. Wenn ich nur an Lukas denke, kommen mir schon die Tränen. Ich bin herunter mit meinen Nerven, aber doch nicht deshalb kommen die Tränen. Wie wundersam sind in der Liebe oft die Geschlechter vertauscht – und dennoch wie harmonisch ver­eint.

Ich habe sehr viel Männliches an mir. Lukas sagt immer, ich sei herrschsüchtig in der Liebe. Ich bin oft schlecht ge­gen Lukas gewesen. Gott wie schlecht! Ich habe versucht, im Gefühl meines eigenen Unwertes, ihn zu demütigen. In Ge­genwart fremder Menschen. „Deine Erfolge sind ja nur Tal­mierfolge. Das sagen alle ernsten Menschen, mit denen ich gesprochen habe.“ Ich habe immer zu triumphieren versucht. Auch mit meiner Krankheit hab ich ihn beherrscht. Sie ist mir oft nur ein verwerfliches Mittel gewesen, ihn zu besie­gen. Er sollte sich immer mit mir beschäftigen. Ich habe ihn beunruhigt, damit er für andere Dinge keine Ruhe mehr üb­rig habe. Ich habe seine Arbeit oft völlig unterdrückt. Denn ich war eifersüchtig auf sie. Ich habe Geschäftsbriefe, dieser bekam, heimlich zerrissen. Ich habe meine Hysterie als Waffe gegen ihn benutzt. Einen Dolch gegen sein sanftes Herz ge­zückt. Da war er wehrlos. Ich habe ihm, während er in Sorge um mich verging, ins Gesicht geschrien: „Ich habe das Dreckleben satt. Ich brauche endlich einen Menschen um mich, der für mich sorgt.“

Tag um Tag hat er in Lammsgeduld sich das angehört, bis er einmal nicht mehr konnte und mir diesen Brief schrieb –

Wie wirst du einmal aussehen, wenn du in Unehren ergraut bist?

Großmütterchen Karin, wie wirst du aussehen, he? Wer weiß, ob ich überhaupt Großmutter werde, ob ich überhaupt es auch nur bis zur simplen Mutter bringe? Lukas möchte gern ein Kind, ich weiß es, einen Jungen. Aber vorläufig wird es meine schwächliche Konstitution nicht aushalten. Das heißt: eigentlich ist sie gar nicht schwächlich. Aber ich bin durch diese scheußliche Krankheit so geschwächt. Fünf Mo­nate mit einem lahmen Fuß herumlaufen, und dann, als er endlich durch die Arsenkur gut geworden ist, bei der letz­ten Spritze sich diese Infektion holen. Ist eigentlich der Arzt daran schuld? Der Professor sagt: die Ampulle. Und er hätte momentan drei solcher Fälle in Behandlung. Aus­gerechnet ich muss natürlich die Dritte sein. Gestern hat man noch eine Blutuntersuchung auf Zucker gemacht, weil meine Wunde so schlecht heilt. Das fehlte ja noch, dass ich auch noch Zucker im Blut hätte. Da könnt‘ ich ja nun also giftig werden – noch giftiger, als ich es durch meine Strep­tokokken schon geworden bin. Manchmal möcht‘ ich sagen: Meine lieben Streptokokken! Wie ein König im Märchen an sein Volk eine Ansprache richtet: Meine lieben Untertanen! So möcht ich eine Ansprache an meine lieben Streptokok­ken richten: Meine lieben Streptokokken! Lasst mich endlich mal in Ruhe! – Das meint ja der König auch, wenn er sich an seine Untertanen wendet. Zweihundert Kubikzentimeter Antistreptokokkenserum hat mir Doktor Rippli in den lin­ken Oberschenkel gespritzt. Die Haut hat sich gewölbt wie die Kuppel von Sankt Peter in Rom. Madonna di – war es da­mals schön in Rom! Madonna di – ist ein ganz ordinärer Fluch. Madonna, ich wollte nicht fluchen, vergib mir, ich wollte etwas Zärtliches sagen, denn ich liebe dich, Mutter Gottes, und dein Kind, das Jesulein, ich liebe es. Liebes Jesu­lein, sag deiner Mama, dass ich sie unsäglich liebe, ich weine, wenn ich an sie denke, bitte sie, zum lieben Gott zu gehen: er möchte mich doch, bitte, bitte, bitte, bald ganz, ganz ge­sund machen. Liebe Mutter Gottes, ich verspreche dir, wenn ich gesund werde, dass ich dir in der Kirche zur Madonna del Sasso bei Locarno, defrier Kirche, eine große goldene Kerze weihe. Und in eine ganz kleine Kapelle ganz oben im Verzaskatal will ich dir ein Wachsherz aufhängen, mein Herz, Mutter Gottes, denn in dieser Kapelle war ich einmal sehr glücklich. In dieser Kapelle, es war gerade Sonntag Lätare, der Sonntag der Freude, hat mich Lukas zum erstenmal geküsst. Wirst du es mir verzeihen, Mutter Gottes? Nicht wahr, Liebe ist nie und nimmer eine Sünde. Nur die Heiligen sahen lächelnd auf uns herab: aus Nischen und bunten Fenstern.

Damals schwor ich, eine Heilige zu werden. Und ich bin auch viel später eine geworden: eine heilige Johanna. Ja, ich bin die Heilige sogar in doppelter Gestalt geworden: als Schillers Heldenmädchen und Shaws Bauernkind. Von beiden muss die Heilige ja etwas haben: vom Helden und vom Kind. –

Als Kind wollte ich schon eine Heilige werden. Ich betete deshalb zur Madonna. Ich hatte viele Wachsherzen, große und kleine, die mir der Jude Moriz verkauft hatte: mit der Ga­rantie, dass sie vom hochwürdigen Herrn Bischof von Tarnopol geweiht seien. Nachts, wenn es niemand sehen konnte, lief ich mit nackten Füßen über die steinernen Gänge in die alte, verstaubte, sogenannte »Schloßkapelle«, die zum Besitztum meiner Eltern gehörte und nur von Ratten, Spinnen und mir besucht wurde. Jede Nacht schmolz am Altar der Madonna ein Wachsherz. Wenn ich zurückging, roch es wie Weihnach­ten.

Eines Tages wurde ich von Mama belogen. In einer ganz gleichgültigen Angelegenheit, auf die ich mich später nicht einmal mehr besinnen konnte. Aber genug: Mama log. Und da wollte ich auch keine Heilige mehr werden. Ich sagte Moriz, dass ich seiner geweihten Wachsherzen nicht mehr bedürfe, da ich keine Heilige mehr werden wolle – was ihn mit tiefer Wehmut erfüllte. Ich erzählte auch Moriz, warum ich keine Heilige mehr werden wolle, nämlich, weil Mama log und gewiss alle Leute in der Welt lügen würden und also, wenn ich wirklich einmal eine Heilige geworden sei, sagen würden, ich sei gar keine Heilige. – Moriz wiegte erstaunt seinen Schä­del hin und her, als wiege er ein Kind, und murmelte etwas in seinen Kaftan, was ich nicht verstand. Schließlich raffte er sich zu einem letzten Bekehrungsversuch auf. Er sei ein ar­mer geschlagener Jud – er habe sich für mich mit Wachskerzen bis Neujahr eingedeckt, ob ich ihm nicht wenigstens noch ein Dutzend abnehmen wolle. »Gut«, sagte ich, »verkauf mir noch ein Dutzend – und nimm die zwölf Herzen und geh zu zwölf Burschen im Dorf – und gib jedem von mir ein Herz – und sag, dies war‘ mein Herz, das ich ihm schenke -.« Da schüttelte Moriz wieder verwundert seinen Kopf, nahm sein Pack Hasenfelle über den Rücken und ging.

Ich aber lief in den Stall zu den Kühen und Pferden und weinte.

„Karin“, sagte Mama nachher zu mir, „du riechst ja schon wieder nach Stall. Du sollst doch eine Dame werden!“

„Ich will keine Dame werden.“

Mama bekam Streifen in die Stirn. „Warum?“

„Weil man den ganzen Tag lügen muss, wenn man eine Dame ist“, sagte ich und sah zu dem zahmen Kanarienvo­gel, der auf dem Rande der Visitenkartenschale saß und seine Federn in einer kleinen gelben Kaskade stäubte.

Mama ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.

Das „Schloss“, wo wir wohnten, ehe Papa seinen Abschied nahm, sich ganz der geliebten Musik widmete und wir nach München zogen, lag .auf einer kleinen Anhöhe der Nordkarpa­then über dem Dnjestr. Rings um den Hügel liefen kilometer­lange Korn- und Kartoffelfelder. Aus den Feldern schauten da und dort, wie hineingeschmissene Ziegelsteine, die Bau­ernkaten: gelbe, strohgedeckte Hütten mit grüngestrichenen Fensterrahmen. Über den Dnjestr trieben Flöße mit Getreide wie von selbst ins Schwarze Meer. Man sah keinen Menschen auf den Flößen.

Ich lief nach Tisch, wenn Mama schlief und Papa in der Lehre vom Kontrapunkt blätterte (obwohl er lieber Klavier gespielt hätte), die zwei Kilometer bis an den Dnjestr, kettete ein Boot los und ließ mich am Ufer entlang bis an irgendei­nen Strauch treiben, wo ich regungslos im Kahn liegenblieb und in den Himmel starrte, der, durch das Grün des Strau­ches gesehen, sich wie ein Tapetenmuster ausnahm. Mit einer solchen Tapete werde ich einmal, wenn ich groß und verheira­tet bin, mein Schlafzimmer tapezieren. Eine Tapete ganz aus Himmel mit Weidenkätzchen besteckt. –

Moriz kaufte Hasenfelle, das Stück zu zehn Heller, und verkaufte sie in Lemberg an den Pelzhändler weiter. Der Pelzhändler fabrizierte Skunksimitationen daraus. Eine sol­che Skunksgarnitur brachte mir Moriz zu Weihnachten mit. Mama konnte sie beinahe von einer echten nicht unterschei­den. „Siehst du“, sagte Mama zu mir, „auch Moriz lügt. Die Leute sollen glauben, du trägst eine Skunksgarnitur – und es sind doch bloß Hasenfelle.“ „Aber ich weiß doch, dass es Ha­senfelle sind, und meinetwegen dürfen es auch die Leute wissen. Denn das Hasenfell ist mit vieler Kunst zu einem Skunksfell gemacht. Man hat seine Freude an der Kunst. Wenn du recht hättest, dann wäre auch die Kunst Lüge.“

Mama bekam wieder Streifen in die Stirn.

„Seit wann philosophierst du? Es schickt sich für ein jun­ges Mädchen deines Standes nicht, mit einem alten Felljuden freundschaftlichen Verkehr zu pflegen. Ich verbiete dir jeden weiteren Verkehr mit ihm.“

Ich Biss die Zähne zusammen, ließ mir ein Pferd satteln und ritt an den Dnjestr. Ich ritt stromaufwärts bis zum Wildpark, bis ich zu meinen geliebten Hirschen und Rehen kam.

„Liebes Herz, der gestrige Ausbruch hat mir gezeigt, dass es uns bei al­ler großen Liebe unmöglich ist, zusammenzuleben. Du lei­dest schrecklich, und dass dieses Leiden auf Einbildungen, auf Fiktionen, auf Phantastereien und Unwirklichkeiten beruht, macht das Leiden an sich ja leider nicht unwirklich. Wie die Biene aus allen Blumen Honig, so saugst Du aus allen Be­gebenheiten Gift. Hundert und aber hundertmal war nie ein Grund, sondern immer nur ein Anlass zu Deinen Aus- und Zusammenbrüchen vorhanden. Irgendein Blick, ein Mensch, ein Brief, der gar nichts besagt, wirft Dich völlig aus dem Gleichgewicht und lässt Dich jede Kontinuität des Denkens und Fühlens zerreißen. Du hast keine einheitliche Vorstellung von Menschen, keine unerschütterliche Welt- und Menschenanschauung. Du siehst nicht mit Deinem Auge, mit zwei Au­gen wie der Mensch in die Welt, sondern wie die Fliege mit hundert Facettenaugen. So nur ist es möglich, dass in einer Se­kunde sich Dir das Menschen- und Weltbild völlig entgegen­gesetzt darstellen kann: was eben schwarz war, ist plötzlich weiß und umgekehrt. War ich eben noch der liebste Mensch von der Welt, so bin ich plötzlich der abscheulichste. Bin ich eben noch ein Mensch, dessen Leib Du wie seine Seele liebst, so bin ich im nächsten Moment ein Hund, vor dem es Dir ekelt und vor dem Du ausspuckst. Du hast mir gegenüber zwei Vorstellungen, und ein Zusammenhang besteht nur in­nerhalb jedes Kreises, an sich berühren sich die Kreise gar nicht. Ich bin einem Menschen wie Dir noch nicht begegnet: im Guten nicht und nicht im Sonderbaren. Hunderten von Menschen bin ich in meinem Leben nähergekommen, kei­nem einzigen bin ich Anlass zu solchen Szenen der Verzweif­lung geworden: nur Dir, und so muss wohl die Hauptursache in Deiner unglückseligen Veranlagung liegen. Entsetzlich ist auch die an Verfolgungswahn grenzende Meinung von Dir, man würde Dich nicht genügend respektieren. Während Du selbst wie eine Majestät und Göttin behandelt werden willst, behandelst Du Deinerseits unsereinen wie einen Sklaven oder Verbrecher. Da ich kein Masochist bin, tauchst Du meine glü­hendste Liebe durch solchen Hoch- und Übermut in Eiswas­ser. Während Du selbst die größte Rücksichtnahme verlangst, bist Du selbst rücksichtslos im höchsten Maße. Ein Mensch wie Du, der so viel Geduld und Nachsicht beansprucht, sollte diese beiden Tugenden auch anderen gegenüber üben. Die zweierlei Moral, die Du Dir zurechtgelegt hast, ist unerträg­lich. Dein Jähzorn, Deine seelische Disziplin- und Zuchtlosigkeit sind gewiss ein schreckliches Erbteil, das Dir Dein Va­ter hinterlassen; aber Du musst dagegen ankämpfen, sonst wirst Du die Menschen, die Dich am tiefsten lieben und Dir am treuesten ergeben sind, verstoßen und verlieren. Du hast von Gott eine große Macht und Kraft mitbekommen, Men­schen zu bezaubern und zu entzücken. Willst Du, dass dieser Zauber dauernde Kraft gewinne und nicht wie ein Feuerwerk verpuffe, dann muss dieser Zauber der seelischen und leib­lichen Anmut durch eine ethische Grundeinstellung zum Le­ben befestigt und vertieft werden. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! und: Erkenne Dich selbst! Zwei Forderungen, die, recht durchdacht, alle Gebote in sich tragen. Die andern Menschen sind nicht alle »Dreckkerle« und »Dirnen«, auch wenn sie Dinge tun, die Dir nicht gefallen. Es sind Menschen, genau wie Du. Liebe, Nachsicht, Geduld – sie sind auch mit dem stärksten Temperament vereinbar. Als Du neulich im Theater gegen das Publikum ansprangst, da warst Du schön -denn Du hattest recht. Als Du gestern auf mich einschlugst, da warst Du hässlich – denn Du hattest unrecht. Versuche mit aller seelischen Kraft eine Kontinuität des Denkens und Füh­lens zu erreichen – denn der Wahnsinn, das ist nichts anderes als der dauernde Verlust dieser Kontinuität…“

Ich habe den Brief aufgehoben wie ein Amulett. Und lese ihn oft, wenn ich in den Spiegel sehen will. Denn er enthüllt unbarmherzig mein Porträt. So bin ich!

Oh, nicht nur in der Liebe bin ich tyrannisch. Auch in meiner Kunst. Ich verstehe es so gut, dass die Wolter der Ziegler eine heruntergeschlagen hat. Wer meine Rollen spielt, den könnt ich kälten, nein, heißen Blutes töten. Wer darf außer mir Julia spielen oder „Die Heilige Johanna“, „Die Jungfrau von Orleans“, „Puck“ und „Pippa“? Ich glaube an mich), wie ich nur noch an Gott und Lukas glaube. Das ist wohl Blasphemie. Aber ich kann nicht anders. Hilf mir Gott, dass mein Glaube sich bewähre. Ich bin ja noch jung, und das Leben liegt noch weit, weit vor mir: eine lange goldne Straße: an deren Ende meine Statue in Marmor steht. Diese dumme Krankheit muss doch mal ein Ende nehmen. Noch vierzehn Tage vielleicht – dann kann ich aufstehen – in den Garten gehn – dann ist es zur völligen Genesung nicht mehr weit————————————

Warum hört denn dieses abscheuliche Jucken nicht auf? Ich muss doch mal in meinen Taschenspiegel sehn, er steckt in meiner Handtasche — aber, mein Gott, wie sieht denn mein Gesicht aus? Gestern Abend war’s doch noch ganz nor­mal – und jetzt diese furchtbare Entstellung… meine Augen sind ganz rot umrändert – sie liegen wie grüne Smaragde in rote Rubine gebettet – poetisch wird ich auch noch, wenn ich mich so verunstaltet sehe. Und über das ganze Gesicht scheint eine rote Himbeersauce gegossen. Schwester – Schwester -sie antwortet nicht – sie ist bös mit mir. Zu meinen beiden Vögeln ist sie schon zärtlicher als zu mir. Jetzt hat sie ihnen auf meine Kosten ein Badehäuschen gekauft für 65 Pfennig -ohne mich zu fragen. Und wenn sie mir zeigen will, dass sie mich nicht mag, geht sie zu den Vögeln und macht piep – piep. Ich bin zu vertraut mit ihr geworden – das ist es – ich habe sie zu sehr geliebt – und Liebe schlägt ja immer leicht um -und jetzt glaubt sie schon Macht über mich zu haben und versucht mich zu erziehen. Gestern, als ich eine halbe Stunde früher als gewöhnlich um eine Morphiumspritze bat, war sie direkt böse – sie ist auch böse und persönlich beleidigt, weil ich Fisch und Leber nicht essen kann und weil sie dann in die Küche gehen muss und was anderes bestellen, Omelett oder Rührei. Das beleidigt sie persönlich. Und dann ist natürlich wieder ihr die Köchin böse. Und ist persönlich beleidigt, dass die Schwester Omelett oder Rührei bestellt. Und so ist immer einer dem anderen böse – ganz ohne Grund. Es strengt eben weniger an, hässlich und unliebenswürdig zu sein – Schwe­ster – Schwester –

Ich habe Angst – meine Kehle ist plötzlich so rauh – ich kriege keinen reinen Ton heraus — muss ich sterben – muss ich denn sterben – Schwester! Schwester! Schwester!!!

„Gnädiges Fräulein?“ Na endlich hört sie. Stundenlang kann man hier schreien wie das Kamel in der Wüste. Ihre Augen sind noch ganz verklebt vor Schlaf. „Eine schöne Besche­rung, Schwester. Was krieg ich denn da schon wieder?“ Sie tritt asthmatisch atmend an das Bett und setzt sich ih­ren Metallkneifer auf. „Nesselfieber. Wir haben da plötzlich ein kleines Nesselfieber bekommen. Nichts von Bedeutung.“

„Was „wir“ alles schon zusammen bekommen haben: erst (an­geblich) Grippe, die in einen Abszess überging. Der Abszess wurde von einem Fachmann ersten Ranges wie Professor Bunzel operiert – nicht ohne zu einer Wundrose Anlass zu ge­ben. Kaum war diese vorüber, als infolge nicht abfallenden Fiebers – trotz Öffnung des Abszesses noch 39,8 – eine all­gemeine Sepsis in Erwägung gezogen wurde, eine peinliche Sache bei etwaiger Umsetzung in die Realität. Nun, das Fie­ber klang ab – und da bekam der Abszess ein Junges, eine Fistel sozusagen, die wieder in der Narkose aufgeschnitten wurde. Man benutzte die Finte, mir die Maske in meinem Zimmer überzuwerfen und fuhr mich schon bewusstlos in den Operationssaal. Aber ich bin dem lieben guten Bunzel – ich liebe ihn wie einen Vater – schon auf seine väterlichen Schli­che gekommen. Nun, nach der Fistel, was geschieht? Die Wunde heilt schlecht. Man vermutet Zucker im Blut. Hohe Temperaturen. Wieder droht die Gefahr einer Sepsis. Zwei hundert Kubikzentimeter Serum ins Blut. Und nun, so als kleine Beigabe: haben wir das Nesselfieber. „Das geht in ein, zwei Tagen vorüber, gnädiges Fräulein. Ich werde Sie mit Al­kohol abreiben und von oben bis unten einpudern und dann ganz verbinden. Denn kratzen dürfen Sie sich nicht. Eine Wunde ist nicht ungefährlich. Sie könnten sich wieder infi­zieren. Aber im Übrigen: Kopf hoch!“ Kopf hoch! Wie oft ich das schon hören mußte. Zehnmal im Tag. Also’490mal in sieben Wochen. Wenn ich Lukas sehe, dann hebe ich schon von selbst meinen Kopf hoch aus den Kissen. „Wo­her kommt dieses vermaledeite Nesselfieber?“ „Sie haben zu viel Medikamente genehmigt in den letzten Wochen: Mor­phium, Pantopon, Quirisal, Pyramidon, Brom – ich glaube, es kommt vom Brom. Wir werden mit dem Brom mal ausset­zen –„ „Ich kann es kaum aushalten vor jucken. Die ganze Nacht hab ich von roten Ameisen geträumt, das war schon so eine Art Vorahnung. Glauben Sie an Träume, Schwester?“ „Wenn es gute Träume sind – ja. Denn die guten kommen von Gott –„ „Schwester, ich glaube auch an böse Träume. Viel­leicht, weil ich überhaupt eher an das Böse als an das Gute glaube, glaube ich eher an böse Träume als an gute Träume. Lukas sagt, das wäre schwarze Magie, und ich sollte mich nicht mit Traumdeutung, Hellsehen, Wahrsagen und derglei­chen befassen. Aber ich tue es leidenschaftlich gern.“ „Herr Lukas hat recht. Er ist ein sehr kluger Herr.“ „Ja, Schwester, er ist sehr klug, er ist unbändig klug –„ „Sie sollten ihm fol­gen, wenn er Ihnen einen Rat gibt.“ „Schwester, das möcht‘ ich auch. Aber mein Temperament geht noch allzu oft mit mir durch. Obwohl ich mich schon sehr gebessert habe, seit ich mit ihm zusammen bin. Wenn wir erst verheiratet sind, werde ich noch viel ruhiger werden. Das weiß ich. Die Ehe erst wird mir den wahren Frieden geben.“ „Die Ehe ist das Fundament eines christlichen, Gott wohlgefälligen Lebens.“ „Schwester, aufgeboten sind wir schon – im Rathauskasten hängen wir schon seit Wochen – wir können jeden Tag heira­ten – den ersten Tag, den ich hier herauskomme, heiraten wir. Wir nehmen einfach ein Auto und fahren schnell ins Standes­amt. Das geht im hui.“ „Und die kirchliche Trauung?“ „Ach, Schwester, die kann man später ja in aller Gemütsruhe nach­holen.“ „Ich halte die kirchliche Trauung für wichtiger als die staatliche, liebes gnädiges Fräulein. Gott muss doch vor allem seinen Segen drein geben.“ „Schwester – Gott hat uns schon gesegnet. In einer kleinen italienischen Kapelle im Verzaskatal hat er uns getraut –„ „Nun, dann ist ja al­les in Ordnung.“ »Ich weiß nicht, warum zu all dem Jucken, meine Wunde auch wieder zu schmerzen beginnt. – Es hat ge­klopft.“ „Das wird das Küchenmädchen mit dem Frühstück sein.“ „Ich habe keinen Hunger“ – „So – jetzt sind Sie or­dentlich eingepudert und verbunden – jetzt müssen Sie aber einen Schluck Milch trinken. Sehn Sie, die Küchenschwe­ster hat sogar fürsorglich ein Ei hineinquirlen lassen.“ „Die Milch widersteht mir schon“ – „Sehn Sie das knusprige Brötchen. Es wird schon gehn.“ „Ist es so heiß draußen? Das Fenster ist doch auf. Mir ist schrecklich heiß.“ „Es ist nicht so arg.“ „Was singt denn da für ein Vogel – ach, meine bei- den Astrilden im Käfig – beinah hätte ich sie vergessen – geben Sie ihnen doch ihre Hirse. Sie haben mehr Hunger als ich. Wissen Sie, daß die Astrildepärchen sich sehr lieben? Mehr als die Menschenpärchen. Wenn eines stirbt, stirbt das andere auch – glauben Sie, Schwester, wenn einer von uns beiden, Lukas oder ich, sterben würde, dass dann der andere ihm im Tod nachfolgen würde?“ „Auf was für komische Gedanken Sie kommen, gnädiges Fräulein.“ „Keine Ausflüchte. Antworten Sie: ja oder nein.“ „Aber, liebes Fräulein“ – „Wenn zum Beispiel ich sterben würde – glauben Sie, dass Lukas aus Verzweiflung an meinem Grabe sich eine Kugel in den Kopf schießen würde?“ „Aber das steht doch gar nicht zur Frage, dass Sie sterben“ – „Aber wenn ich sterben würde“ – „|a, einmal werden Sie natürlich sterben. Wir alle sterben einmal.“ „Würde Lukas meinen Tod dann überleben?“ „Wie ich Herrn Lukas kenne – nein.“ „Schwester, ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich Ihre Ansicht beruhigt. Den Gedanken könnte ich nicht aushalten, dass Lukas noch da wäre, wenn ich nicht mehr da wäre. Wüsste ich bestimmt, dass ich sterben würde, ich würde ihn in meinen Tod mit hinübernehmen – Ich würde ihm, wie das Silberfuchsweibchen dem treulosen Silberfuchsmännchen, die Kehle durchbeißen.“ „Wie kann man so unchristlich grausam sein – aber Sie trinken ja Ihre Milch gar nicht . Herein – Blumen – gnädiges Fräulein“ – „Alpenrosen – liegt eine Karte bei?“ „Keine.“ „Wieder anonym. Jeden Tag bekomme ich diesen anonymen Blumenstrauß. Wer es nur sein mag“ – „Vielleicht ein Verehrer vom Theater, gnädiges Fräulein“ – „Vielleicht. Ja. Wohl möglich. Sicher.“ „Das ganze Zimmer ist schon wieder voll Blumen. Der junge Herr Lukas hat ein Rhododendron geschickt. Und einen Strauß Iris. Wird auch ein schönes Stück Geld kosten. Die jungen Herren heutzutage. Na“ – „Da liegt ein Zettel bei“ –

Korsika ist eine Insel,
Asinus, so heißt der Esel,
Rhododendron ist ein Strauch,
Iris eine sanfte Blume,
Nun – und was besagt dies alles?

Er ist immer voll reizender Einfälle. Und überschüttet mich mit Blumen wie mit Gedanken. Wie schön sind seine Gedan­ken! Wie schön sind seine Blumen!

„Es ist erwiesen, dass die Blumen schon lange vor Thepsis Komödie gespielt haben.“

Es war ein griechisches Buch, und der sonderbare Satz ist mir immer wie ein Zitat aus Lucian geklungen. Begreifen kann ihn nur, wer Blumen wie Menschen begreift.

Ein Gärtner sagte mir einmal: Pflanzen und Pflanzinnen lie­ben einander wir Menschen oder Tiere.

Es war ein französischer Gärtner, er sagte: plants et plan-tes. Wir Deutschen haben leider kein besonderes Wort für die weibliche Pflanze.

Der Gärtner war ein weiser Mensch. So weise wie er sind nur noch Kinder und Wahnsinnige. Kinder, die mit Blumen spielen, respektieren die Blumen als Wesen ihrer Art. In ei­ner Irrenanstalt, wo mein Bruder untergebracht war, sah ich einmal einen Wahnsinnigen damit beschäftigt, aus Pflanzen Tiere und aus Tieren ‚Pflanzen zu machen. Vielleicht war es auch mein Bruder. Er spielte lieber Gott. Er riss von einer Orchis die Blüten ab und band tote Fliegen mit feinem Zwirn an den Stengel. Die Fliegen sollten nun Blüten, die abgeris­senen Blüten Fliegen darstellen. Wer die Orchis kennt, wird zugeben, dass ihre Blüte außerordentliche Ähnlichkeit mit ei­ner Fliege hat. War der Wahnsinnige gar so wahnsinnig? Es gibt Wesen, die Linne zu den Weichtieren rechnet, Cuvier zu den Pflanzen. Wo geht Tier und Pflanze, Mensch und Tier, Gott und Mensch ineinander über?

Der Wahnsinnige war in Pflanzen jeder Art vernarrt. Menschen, die er liebte, nannte er: Levkojen, Lilien, Tuberosen. Menschen, die er hasste, gab er die Namen giftiger Pflanzen. Eine Schwester bezeichnete er immer: Hundspetersilie. Ein Wärter hieß gefleckter Schierling. Merkwürdigerweise aber gab er auch einer Frau, die er liebte, den Namen einer Gift­pflanze. Er nannte sie: Belladonna: schöne Dame… Sie war wirklich eine schöne Dame. Sie konnte stundenlang unbeweg­lich, ganz in Schwarz gekleidet, in einem Lehnstuhl sitzen. Einmal traf ich den Irren, wie er sie mit einer Gießkanne begoss. Sie rührte sich nicht, obwohl ihr schwarzes Seidenkleid von Wasser schon troff.

Als Kind lernte ich die Pflanzen kennen an jenen aufre­genden Vormittagen, an denen ich die Schule schwänzte. Ich lief aus der kleinen Stadt heraus: auf die Aue, die sich mei­lenweit am Ufer des Stromes hinzog und früher einmal sein Bett gewesen sein mochte. Ich hasste es, Pflanzen zu pressen und zu klassifizieren und in ein Herbarium zu kleben. Sakuntala sagt: Ich empfinde eine schwesterliche Liebe zu dieser Pflanze. Ohne Sakuntala zu kennen, empfand ich diese Liebe zu den Pflanzen. In einem alten indischen Gesetzbuch heißt es: die Pflanzen fühlen Freude und Schmerz. Wir armen, ver­armten Europäer! Wir müssen solche kindlichen Wahrheiten uns immer wieder neu erkämpfen.

Manchmal komme ich mir wie eines der Krokodile vom Berliner Aquarium vor, die liegen auch immer in solcher tropisch-feuchten Wärme unter einem Blätterdach. Und sind faul. So faul. Wie jetzt ich. Ich könnte keine Rolle lernen. Die Julia möcht ich schon längst lernen. Aber wer soll den Ro­meo spielen? Es gibt keinen Romeo mehr, seit Kainz tot ist. Und es wird keine Julia mehr geben, wenn ich tot bin. Dann ist es aus. Vorbei mit der Liebe. Liebe und Leidenschaft sind ja so unmodern. Man ist für neue Sachlichkeit oder wie das heißt.

Es sind ja Mücken im Zimmer. – Übrigens stechen mich die Mücken – was ein gutes Zeichen ist -, denn sie gehen nur an reines Blut – Leute, die Zucker im Blut haben, verschmähen sie.

Ist das nicht sonderbar, dass Lukas im Krieg im selben Sana­torium gelegen ist wie ich jetzt? Im Zimmer 5 gegenüber. Ein Jahr hat der arme Teufel gelegen mit einer Rückenmarksquet­schung, und ich werde schon ungeduldig mit meinen sieben Wochen. Er ist vor Verdun verschüttet worden. Völlig ver­kohlt haben sie ihn ans Licht gezogen. Vier Wochen hat er bewusstlos gelegen. Mit einem Schild „Erblindet“ ist er im Sa­natorium eingeliefert worden. Sie haben ihn ins Wasserbett gelegt, weil sie glaubten, es ginge mit ihm zu Ende. Aber dann ist es doch wieder geworden. Nichts hat er zuerst rühren kön­nen, keine Hand, kein Bein, und ich bin doch so munter, so beweglich. )a, gestern ist mir die Teetasse aus der Hand gefal­len, aber das war nur ein Moment der Schwäche. Das kann vorkommen. Es geht ja Gott sei Dank vorwärts. Nächste Wo­che werd ich wohl schon im Garten liegen können und den Amseln zusehn. Ich hör den Drosselruf so gern. – Oh, ich habe schon wieder so kalte Füße, Schwester. Sie müssen mir eine neue Wärmflasche geben.“ „Kalte Füße, heißes Herz.“

„Zanger, zanger, zießchen,
Mich frieren meine Füßchen,
Laßt mich nicht so lang in der Kälte stehn,
Sonst muß ich ein Haus weiter gehn.“ –

„Es hat geklopft, Schwester – Herein – ah, der Herr Pro­fessor!“ „Guten Morgen, gnädiges Fräulein.“ „Guten Mor­gen.“ „Wie geht’s, wie steht’s, wie liegt’s – lassen Sie mal den Puls fühlen – ganz ordentlich – und die Temperatur? Hm.“ „Was heißt das: Hm?“ „Hm heißt Hm.“ „Professor, manch­mal glaube ich, Sie spielen mir eine schreckliche Komödie vor“ – „Aber mein verehrtes gnädiges Fräulein.“ „Sie haben mir doch mal erzählt, dass Sie früher viel in Liebhabervorstel­lungen aufgetreten sind – als Liebhaber, wie?“ „Ich war ein Dilettant.“ „Lieber Herr Professor, Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, dass Sie ’s mir sagen, wenn es mir mal schlecht geht, wenn ich sterben musste“ – „Liebes gnädiges Fräulein -ich habe in Gießen studiert – auch eine Stadt: Gießen – ich gebe Ihnen mein großes Gießener Ehrenwort – das wird Sie beruhigen -, dass ich Ihnen immer klaren Wein einschenken werde – versuchen Sie mal, sich etwas nach links herüber ­zudrehen, die Schwester wird Ihnen helfen – so – so geht es schon – die Wunde sieht aber vorzüglich aus – ich werde sie jetzt ausspülen – dalli – dalli – Schwester, wo ist das Zeugs -so, die Schwester wird Sie nachher wieder verbinden – ich habe oben eine Gallensteinblase und eine Beckeneiterung, die meiner warten – aber Oberschwester, Schwester – gehen Sie mal ’n Moment hinaus – ich habe mit dem gnädigen Fräulein ein paar vertrauliche Worte zu reden – so – ich mache die Tür schon selbst zu – fahren Sie nur den Verbandswagen in Nr. 2 – also ich wollte Ihnen bloß sagen – ich verstehe ja wohl nicht viel von Kunst – aber ich möchte doch sozusagen auch mein Scherflein auf dem Altar der Kunst niederlegen – Banause, der ich bin – ja – Sie haben schon mehrmals eine… Rechnung sozusagen verlangt. – Bitte, tun Sie das nicht – Sie werden nämlich von mir keine erhalten – weil ich Leuten Ihres Schla­ges prinzipiell keine Rechnungen ausstelle“ – „Lieber Profes­sor, Sie beschämen mich sehr“ – „Ach was, Sie sind Künstle­rin – Ihre Gage kennt man ja – wenn auch nicht detailliert -aber so im allgemeinen – und außerdem – ja – wissen Sie – ich bin ein alter Mann – ein alter Trottel – widersprechen Sie mir nicht – ich habe keine Kinder – aber ich habe ein ungeheuer väterliches Gefühl für Sie“ – „Mein – Vater – ist – gestorben -als – ich – sechzehn – Jahr – alt – war“ – „Weinen Sie nicht, kleine Karin. Mein Borstenbart kitzelt Sie wohl – aber ich will Ihnen nur einen väterlichen Kuss auf die Stirne drücken – weil ich Sie sehr lieb habe – kleine Karin – das wird mir der Lu­kas ja auch nicht übelnehmen – schließlich bin ich ein alter Knacker, und er ist ein junger Bursch, rank und schlank, wie man wohl sagt – da lohnt es nicht, eifersüchtig zu sein. Eifersucht steht uns Alten besser an. Damals, als ich Sie als heilige Johanna sah, wie rührend waren Sie im Gerichtsakt, man hätte Ihnen immer über die Stirne streicheln mögen -ja, damals dachte ich nicht, dass ich Ihnen mal näherkommen würde – versteht sich: nicht bloß mit dem Operationsmes­ser. Ich liebe Sie sehr, kleine Karin“ – „Wie sanft Sie meinen Kopf halten mit Ihren großen Händen!“ „Es sind Metzgerhände, nicht wahr, schön sind sie nicht“ – „Aber gut – und sanft – und väterlich. Mein Vater hatte auch so große Hände -nein – noch viel größere – er war Pianist – und da bekommt man leicht große Hände. Er spannte die Dezime mit Leichtig­keit. Ich habe ihn sehr geliebt – er hatte einen ganz ähnlichen Charakter wie ich – nur war er noch tausendmal jähzorni­ger – und darum habe ich ihn auch gehasst, weil er einen ganz ähnlichen Charakter hatte wie ich – einen Monat vor seinem Tode bin ich immer mit dem geladenen Revolver herumgegan­gen. Ich hatte mir fest vorgenommen, ihn zu erschießen. Er hat mich und meinen Bruder geschlagen – davon machen Sie sich keine Vorstellung. Mein Bruder hatte einmal wider sein ausdrückliches Verbot Schlagball gespielt. Der Turnplatz lag unserer Wohnung gegenüber. Man konnte von unseren Fen­stern in ihn hineinsehen. Unglücklicherweise war mein Vater den Nachmittag nicht ins Konservatorium gegangen, er lag am Fenster und schmauchte seine Pfeife: einen Türkenkopf von widerlichem Aussehen. Da sah er meinen Bruder spie­len; und sah, wie ihm der Schlagball gerad ins Auge sauste. Wie rasend stürzte er herunter. Auf meinen Bruder, dem fast das Auge heraushing, los. Nahm seinen Schläger und schlug den harten Schläger auf seinem Rücken entzwei. Der Bubi lag dann drei Wochen krank. Ich bin nachts im Winter vor seiner Wut nur im Nachthemd in den Garten gelaufen und hab‘ dann im Hausflur auf der Treppe geschlafen; dass ich nicht an Lun­genentzündung starb – ist ein Wunder. Mir war, trotz ausge­sprochen negativer Begabung zur Kinderpflege, die Wartung meiner kleinen Schwester anvertraut. Ich fuhr sie im Wagen spazieren. Ich ließ den Wagen auf dem Trottoir stehen, im Gebüsch eine Blume zu pflücken. Da fiel das Kind aus dem Wagen und gerade vor einen Radfahrer, der zum Glück noch rechtzeitig abspringen konnte. Ich lief herzu. Der Radfahrer schlug mir links und rechts eins hinter die Ohren. Aber ich war ihm nicht böse. Er hielt das Kind im Arm und tröstete es. „Tragen Sie es nur nach Hause“, und ich nannte ihm un­sere Adresse, „ich gehe nie mehr nach Hause.“ Ich lief davon. An diesem Tag wollte ich mir das Leben nehmen. Ich wagte es nicht, meinem Vater unter die Augen zu treten. Ganz spät am Abend schlüpfte ich in mein Zimmer und riegelte es von in­nen ab. Nach Mitternacht kam mein Vater und klopfte an die Tür: „Mädi – Mädi – mach auf“ – Ich klapperte mit den Zäh­nen unter der Decke. Und wenn er mich töten sollte, die Tür riegelte ich nicht auf. „Mädi.“ Da begann er schon mit seinen riesigen Fäusten die Türfüllung herauszutrommeln, um den Riegel von innen zu erwischen. Dann kam er ins Zim­mer, riss die Decke vom Bett. Und ich sah ihn vor mir stehen: die Hände hatte er sich schon verletzt, sie trieften von Blut, Splitter staken überall in den Handflächen. Sein Auge war rotunterlaufen. Heilige Mutter Gottes, flehte ich, steh mir bei in meiner Not! Und dann fiel er vor meinem Bette um. Er fiel der Länge nach um und blieb wie tot liegen. Es war der er­ste einer Reihe von Schlaganfällen, die er bekam. Unglücklich sah ich auf ihn nieder, wie er da wie ein gefällter Eichbaum lag. Er verstellt sich bloß, dachte ich. Ich zupfte ihn an den Haaren, an der Nase. Er merkte nichts. Da lief ich leise zu meinem Bruder, der nebenan schlief, weckte ihn, er kam her­über, und wir standen beide, von widerstreitenden Gefühlen hin und her gerissen, vor dem Mann am Boden. Vielleicht war er tot? Freude und Schmerz jagten über uns hin. Dann gin­gen wir die Mama holen. Die Mama – der Vater war gewiss roh zu uns – aber wollen Sie glauben, dass wir beim Streit zwischen Vater und Mutter immer die Partei des Vaters er­griffen?“ „Armes Kind – Sie haben eine schlimme Kindheit gehabt“ – „Sie hat kein Herz – kein mütterliches Herz – sie ist daran schuld, dass ich selber so wenig Herz hab‘, dass mein Herz ganz verschüttet lag – wie ein Quell unter einem ver­schütteten Brunnen – Lukas hat ihn erst zum Springen und Quellen gebracht“ – „Und nun trinken wir alle daraus und erquicken uns daran.“. „Keine Komplimente, liebster Profes­sor. Das Wasser ist noch trübe genug. Ja, aber von meinem geliebten und gehassten Vater muß ich noch zu Ende erzäh­len. Als er starb, er starb an Speiseröhrenkrebs“ – „Eine chir­urgisch aussichtslose Diagnose“ – „ließ er mich allein an sein Sterbebett rufen. Denn ich war sein Lieblingskind. Trotz al­lem; der Mutter verbot er förmlich den Zutritt. Mit dem geladenen Revolver unter der Schürze ging ich hinein. Da be­gann er mit schwerer Stimme zu sprechen. Er beichtete. Er beichtete mir sechzehnjährigem Gör sein fünfzigjähriges Le­ben, und es war kein leichtes Leben gewesen: ein Leben voll Sorgen, Dreck, Alkohol, Jähzorn, Weibern und allmählichem Zusammenbruch. Aber es war auch Glanz darin, Glanz von oben her, Genie und Musik, Musik. Mottl und Strauß haben ihm das Prädikat eines genialen Musikers nicht vorenthalten. Ich hatte seine Begabung zweifellos geerbt. Mit sechzehn Jah­ren spielte ich virtuos Klavier. Ich sollte damals das Konser­vatorium zu Ende besuchen. – – Als er mir sein Leben wie ein wildes Märchen erzählt hatte, da konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten – ich bin sehr nah ans Wasser ge­baut, jetzt muß. ich auch schon wieder weinen, aber es besagt nichts – Professor – ich weinte – er weinte – ich legte meinen Kopf neben den seinen auf die Kissen, und unsere Tränen und unsere Seelen flössen ineinander. Dann mußt‘ ich ihm aufhel­fen. Er war ein Hüne und in seiner letzten Minute noch von solcher Kraft, dass er von mir gestützt zum Flügel schwankte -er schlag ihn auf – setzte sich auf den einen Schemel – for­derte mich zum Niedersitzen auf dem anderen auf – gewaltig griff er in die Saiten – heißt es bei Homer -, wir spielten vier­händig die As-Dur-Sonate, die er so innig liebte. Wir spielten sie auswendig. Als der letzte Ton verklang, fiel er vom Ses­sel. Wie damals im Schlafzimmer lag er vor mir. Ich rief halb ohnmächtig meinen Bruder. Beide knieten wir vor ihm nieder und küssten ihn nun sanft. Ganz verklärt war sein Gesicht. Ich habe es nie so glücklich gesehen. Glauben Sie, Professor, dass das meine im Tode auch so glücklich aussehen wird?“ „Jetzt soll es erst mal im Leben glücklich dreinschauen – lie­bes Kind – sehen Sie, da kommt schon Ihr Glück – Lukas kommt – treten Sie nur ein, Lukas. Sie werden schon sehn­süchtig erwartet – ich darf mich wohl verabschieden – ich habe meine Gallensteine und meine Beckeneiterung sowieso schon ungebührlich lange warten lassen – auf Wiedersehen, liebe Karin“ – „Auf baldiges – baldiges – Wiedersehen, lieb­ster Professor“ – „Guten Tag, liebstes Herz. Wie geht’s? Laß dich küssen.“ „Danke, Lukas, ich bin nur ein wenig aufgeregt. Ich rede so viel heute. Ich glaube, ich habe Fieber. Seh‘ ich nicht abschreckend hässlich aus im Gesicht?“ „Oh, das geht vorüber. Die Schwester erzählte es mir schon auf dem Gang. So ein kleines Ekzem kommt alle Tage vor. Morgen ist es schon vorbei…“ „Otto Reutter sang mal ein Couplet: In fünfzig Jahren ist alles vorbei…“ „Recht hat der Mann.“ „Meistens hat die Frau recht.“ „Zugegeben.“ „Ach, du hast mir ja weiße Blumen auf die Bettdecke gelegt – weißt du, dass man das eigentlich nicht darf“ – „Wieso?“ „Wenn man einem Kranken weiße Blumen auf die Bettdecke legt – dann stirbt er – das ist so ein Aberglaube.“ „Das ist ein dummer Aber­glaube. Komm, hier leg‘ ich dir noch rote Rosen auf die Bett­decke, die hab‘ ich dir mitgebracht, und nun wirst du ewig le­ben.“ „Ach, ewig möcht ich gar nicht leben. Aber eine kleine Ewigkeit möcht ich schon leben und lieben. Dich lieben, Lu­kas.“ „Wie ich dich liebe.“ „Liebst du mich so sehr?“ „Alle Sonne, alle Erde, alle Sterne sind mir nicht so lieb wie du.“ „Und wie willst du diese deine Liebe beweisen? Bin ich jetzt nicht krank, schwach, hässlich, entstellt – draußen laufen tau­send schöne Frauen in den Gärten und Parks herum, sie begegnen dir, wenn du zu mir kommst – und du liebst nicht sie, die Gesunden, Aufrechten, Schönen, sondern mich, die Sie­che, Hässliche.“ 2Du bist nicht hässlich und wirst nie hässlich sein können. Du hast die schönsten Augen» Sie sind jetzt verweint – und?“ „Die schönsten Hände.“ „Sie sind jetzt ver­schwollen – und?“ „Die schönsten Lippen.“ „Sie sind mit lau­ter Bläschen bedeckt – und?“ „Die schönsten Brüste.“ „Sie sind jetzt eingefallen – und?“ „Die schönsten Füße.“ „Der eine wird vielleicht lahm bleiben.“ „Süßeste Inbrunst.“ „Als du gestern von mir gingst, glaubte ich, die Nacht verschlänge dich auf ewig. Heute, da ich dich nicht sah, wie leer war da mein Herz, die Welt ohne dich! Aber jetzt bist du wieder da“ – „Du bist eine Lilie oder ein Pfau. Silberne Weide hängend über grauen Gärten. Du Mitternachtsstern. Ein kleiner Vo­gel, den der Sturm durchs geöffnete Fenster in mein Zimmer trieb. Ich dürste nach dir wie der Karawanenreiter in der Wü­ste nach Wasser“ . „Du, ich kann auch dichten:

Sei lieb, sei lieb,
Es ist so kalt,
Es ist so naß,
Und kalt ist Haß,
Und Lieb ist warm.
O komm, o komm,
In meinen Arm.

„Mein Allerliebstes, was für Worte finde ich, dir zu sagen, wie ich dich liebe – du Allerliebste – Allerlieblichste – Allerlebendigste – Allerschönste – Allersüßeste – Allerbeste – Allerfraulichste – mein Herzensmädchen, Herzenskind, Schmerzens-mädchen, Schmerzenskind – ich küsse dich, umarme dich, halte dich fest – führe dich – trage dich – auf meinen Hän­den – in meiner Seele“ – „Oh, ich weine, ich weine vor Glück, und ich darf nicht weinen, sonst fließt mir das Herz aus“ – „Liebstes Karinkind, ich habe noch eine Überraschung für dich“ – „Eine Überraschung?“ „Ich habe draußen vor der Tür einen – einen Bekannten stehen – einen Freund – eine Art Freund – oder vielmehr: er wird mir – und dir – zum Freund werden – durch – durch das, was er tut – darf ich ihn hereinbitten? Er möchte, nein: er muss dich kennenler­nen“ – „Er muss? Nun: ins Schicksal soll man sich fügen. Ich verstehe keine Silbe von dem, was du sagst, aber laß ihn nur herein“ – „Bitte, treten Sie nur ein – darf ich bekannt ma­chen: dies ist meine Braut – meine zukünftige Frau – in einer kleinen Zukunft, die fast schon Gegenwart ist, wird sie meine Frau sein – Karin, dies ist der Herr Standesbeamte – er wird die Liebenswürdigkeit haben, uns zu trauen“ – „Liebes – wir sollen Mann und Frau werden – jetzt – jetzt gleich?“ „Auf der Stelle, Karinkind. Wir brauchen nur noch zwei Trauzeu­gen, aber du siehst, da sind sie auch schon zur Stelle: Herr Professor Bunzel“ „Hierorts bekannt.“ „Und der Herr Por­tier.“ „Aber Lukas, warum hast du mich gar nicht vorberei­tet – ich bin glücklich – glücklich – aber auch bestürzt – es kommt so überraschend – so eine Trauung am Krankenbett -das macht man doch nur mit Sterbenden“ – „Aber, Karin, wer wird solchen Unsinn reden – das kommt alle Tage vor -ich wollte dir hur eine Freude bereiten – aufgeboten sind wir ja doch schon längst – wir hätten ja doch gleich geheiratet, wenn du hier herausgekommen wärst.“ „Aber was redest du, Lukas, „hier herausgekommen wärst“ – ich werde doch hier herauskommen – bald – ich fühle mich schon so viel besser -das Ekzem geht auch vorüber – nicht wahr, Professor?“ „Gewiss, gewiss, liebstes Fräulein Karin – aber warum so aufge­regt? Erschweren wir dem Herrn Beamten die Ausübung sei­ner schönen Pflicht nicht. Wollen Sie bitte“ – „Junggeselle Lu­kas Lang, sind Sie bereit und willens, mit der Jungfrau Karin Lund in den Stand der Ehe zu treten, so antworten Sie laut und vernehmlich mit Ja!“ „Ja!“ „Jungfrau Karin Lund, sind Sie bereit und willens, mit dem Junggesellen Lukas in den Stand der Ehe zu treten, so antworten Sie laut und vernehmlich mit |a!“ „Ja!“ „Wollen Sie bitte hier Ihre Unterschriften in das Buch setzen.“ „Ich führe dir die Hand, Karin.“ „Und ich dir die deine, Lukas.“ „Jetzt, Herr Professor, bitte, Herr Portier – danke – die Zeremonie ist beendet – darf ich mir er­lauben, dem jungen Paare meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen“ – „Danke – danke tausendmal, Herr Profes­sor.“ „Wir wollen das junge Paar jetzt allein lassen.“ „Auf Wiedersehen.“ „Karin – der Beamte – der Professor – sie sind alle gegangen – du bist müde – schlaf ein wenig – mach die Augen zu.“ – „Nein – nein – ich bin nicht müde – ich muß die Augen ganz weit aufmachen – um dich ganz, ganz zu sehen -um dich ganz, ganz zu haben – meine Augen sind gefräßige Tiere – Lukas – sie wollen dich verschlingen – damit dich kein anderes Frauenauge mehr erblickt – oh, ich weiß – wie hart ich manchmal bin – aber ich weiß auch, wie ich manchmal dahinschmelzen möchte – und ganz weich werde – Wachs in deiner Hand – und manchmal denke ich, du verdienst eine ganz andere Frau als mich – eine hingebende – ich kann mich nicht hingeben – denn wenn ich mich hingäbe, wäre ich ver­loren“ . „Höre, Karin, heute Nacht hatte ich einen schreck­lichen Traum.“ „Ich hatte viele Träume. Viele schreckliche. Aber erzähle.“ „Wieder kämpften Ying und Yang miteinan­der. Yang, der Helle, ging auf Ying, die Dunkle, los. Sie schrie. Vor Schmerz. Vor Lust. Sie versanken ineinander wie Lie­bende. Wie Kämpfer! Hell und dunkel mischte sich zu einem grauen Nebel, dem Urgrund aller Dinge. Aus dem Nebel trat ich, wer weiß zum wievielten Male, ins Leben. Ich saß auf meinem letzten Grab und versuchte, in der Dämmerung des Nebels die Grabinschrift zu legen; wie hatte ich doch gleich geheißen? Ich konnte mich auf nichts mehr besinnen. Mein Hirn war hohl. Der Wind pfiff durch meinen Schädel. Wann war ich gestorben? Ich deutete mühsam die verwitterten Zah­len auf dem Grabstein. Aus Kalk war er. Nicht einmal Mar­mor hatten mir meine Verwandten, die schäbigen Filze, gegönnt, 1763… 1763? Und was war heute für ein Datum?

Ich begann zu frieren. Ich schlug mit meinen Knochen gegen­einander. Sie klangen wie Kastagnetten zum spanischen Tanz. Aber die Partnerin fehlte. Ich stürzte aus dem Friedhof über die Mauer und über das freie Feld. Wie ein Kranich schritt ich dahin. Rebhühner flogen aus den Furchen vor mir auf. Am Horizont wehte die Silhouette einer Vogelscheuche. Ich ging auf sie zu und entkleidete sie sorgsam. Die zerlumpten Kleider passten mir vortrefflich. Ich konnte für einen leibhaf­tigen Strolch gelten. Ich spiegelte mich in einem Tümpel. Ich war mit mir zufrieden. Ich brauchte nur noch etwas Fleisch, etwas Füllung für meine Knochen, wie eine gebratene Gans Füllung braucht. Ich war ein wenig mager geworden. Ich be­durfte der Umarmung, des Blutes einer Frau, um wieder völ­lig fleischig dazustehen. Ich sah auf einem Kartoffelacker eine junge Bäuerin Kartoffeln jäten. Ich ging auf sie zu. Aber sie entfloh schreiend.

Ich setzte mich auf einen Meilenstein an der Chaussee. Da humpelte ein altes Wurzelweib vom Kräutersuchen aus den Föhren heraus. Ein besonders gutes Gewissen schien sie nicht zu haben. Sie sah sich ängstlich nach allen Seiten um. Hübsch war sie nicht, hol mich der Teufel, kein saftiger Braten wie die junge Bäuerin, sondern faltig, ledern, abgenutzt wie eine alte Markttasche. Aber immerhin war es etwas Weibliches. Ich packte sie von hinten und schlug ihr meine Zähne in den zä­hen Nacken. Ich trank ihr Blut. Als ich sie ausgetrunken hatte, warf ich sie aufs Moos wie einen leeren Schlauch. Ich fühlte meine Glieder, meine Hände: ich hatte Fleisch angesetzt, kein junges, frisches, aber immerhin Fleisch, Menschenfleisch. Ich lebte wieder. Ich hatte wieder einen Leib. Dem Himmel oder der Hölle sei gedankt.“ „Hast du das geträumt, Lukas? O Lukas, Lukas – das Bild der alten Frau ist dir aus meinem entstellten kranken Gesicht aufgestiegen.“ „Karinkind – eine Biene hat sich auf deine Hand gesetzt – wie auf eine Blüte. Sie versucht, Honig zu saugen.“ „Es ist eine Drohne, Lukas; sie wird bald sterben, wenn sie liebt. Für die Drohnen sind Liebe und Tod identisch. Ach, ich möchte eine Drohne sein. Oder eine Eintagsfliege. Monatelang kriechen die Eintagsfliegen im Schlamm, bis der Tag der Liebe lockt und ruft. Er lockt aus dem Duft der Kastanienblüten, er ruft aus den Sonnenstrah­len: sie breiten die Flügel, erheben sich, sie schweben: ver­wachsen fliegend miteinander: zwei Leiber und doch kaum ein Leib, nur Liebe, Liebe, bis sie am Abend tot ins Wasser fallen. – Lukas, schwöre mir, dass du mir in den Tod folgst -wenn ich sterben sollte – ich könnte es nicht ertragen – dass du lebst, wenn ich modere – Lukas – ich habe Angst – aus meinem Leibe beginnen Spinnen zu kriechen, Asseln und Maden – sie blähen sich auf – sie wachsen – groß – grö­ßer – riesig – die Spinnen sind wie Pferde so groß, die Maden wie Mammuts, Läuse laufen umher, so groß wie Löwen, und Flöhe wie Nashörner. Die Luft ist schwarz von erdbeergroßen Mücken und geierartigen Fliegen. O Lukas, hilf mir – ich sehe keine Sonne mehr – sie ist verdunkelt von den schwärmen­den Insekten – sie schwärmen – sie summen – sie brummen -sie singen – sie machen Musik – wenn die Musik der Liebe Nahrung ist – spielt weiter, Musikanten! Spielt den Foxtrott Jealous. Ich bin sehr eifersüchtig – Lukas, ich gönne dich kei­ner anderen Frau – keinem anderen Menschen – ich gönne dich der Luft nicht – und nicht dem Licht – und nicht der Erde, in die du nur mit mir zurückkehren wirst – Jazzband des Sommers – spiel noch einmal den Jazz. Just one more kiss -noch ein Kuss – noch ein Kuss – Lukas – es steht ein dunkler Schatten hinter dir -Avas wirfst du für einen riesigen Schat­ten bis an die Decke – Lukas – der Schatten langt mit langem, dürrem Arm und schwarzer Kralle über dich hinweg nach mir – Lukas, beuge dich über mich – schütze mich – leg dei­nen Kopf an meinen Kopf auf das Kissen – so – so – ich will deinen lieben Hals zwischen meinen beiden Händen haben –

und – küssen – küssen – oh- oh“ – – –

„Sie sind beide tot. Ihr hatte ich keine zwei Tage mehr ge­geben und deshalb bei Lukas die Nottrauung angeregt, um ihr noch eine letzte Freude zu machen. Sie hat ihm im To­deskampf die Kehle durchgebissen. So möchte man geliebt werden“ .

„Keine Sentimentalitäten, Professor. Lassen Sie sich spä­ter vom Lokalberichterstatter der Neuesten Nachrichten in­terviewen. Dafür können Sie sich die Floskel merken. Ein Bauchhöhlendurchbruch ist soeben eingeliefert. Waschen Sie sich die Hände in Unschuld und Sublimat und kommen Sie! Ran an den Speck! Die Pflicht ruft.“

„Der arme junge Mensch – das arme Kind – ich habe sie beide sehr geliebt, jeden Tag hab‘ ich ihr morgens einen Blu­menstrauß geschickt.“ „Durch die Blume, Professor, kleiner Schäker. Na, jetzt sind sie im Tode vereint. Buchstäblich. Wortwörtlich. Realisiertes Feuilleton. Was will man mehr? Rosen auf das Grab gestreut und des Harms vergessen –„