Der Tierkreis – Das Tier in der Dichtung aller Völker und Zeiten

Eine Anthologie herausgegeben von Karl Soffel und Klabund

Erschienen im Erich Reiß Verlag Berlin – Ohlenrotsche Buchdruckerei Georg Richters Erfurt

Wir widmen dieses Buch: Rin, unserem Hunde und Emmy, unseren lieben Frau vom Monti. (gemeint ist Emmy Ball-Hennings)

Monti Trinita, im August 1919 – Soffel und Klabund

Diese Anthologie verfolgt keine philologischen Absichten. Sie will bunt sein wie eine tropische Wiese. Man versuchte: einen Querschnitt durch die Weltliteratur zu geben unter dem Aspekt des Tiersymbols. Eine leise Tendenz waltet ob: zu zeigen, wie menschlich die Seele des Tieres zu uns spricht — und was für ein Viehzeug eigentlich der Mensch ist. Vollständig­keit aller dichterischen Äußerungen über das Tier war weder erstrebt noch im Rahmen des gegebenen Umfangs möglich.

Motto:

Der Gerechte kennt die Seele des Tieres — denn es geht dem Menschen wie dem Tiere, wie dies stirbt, so stirbt auch er, und haben alle einerlei Seele, und der Mensch hat nichts mehr, denn das Tier ,. . Es fähret alles an einen Ort. Wer weiß, ob der Geist des Menschen aufwärts fahre . . .?

Salomo, Prediger 3.

Gebet des fälschlich Verurteilten an die Sonne

Du erwachst schön, du Falke des Morgens,
Du Löwe der Nacht,
Du ehrwürdiger Verklärter,
Der die Augen öffnet,
Du Stier mit stoßendem Gliede,
Du Erhabener, dessen Lauf man nicht kennt,
Geheimnisvoll ist deine Gestalt!
Mächtiger, Großer, Erster des Horizontes,
Höchster, den man nicht erreichen kann,
Große Lotusblüte, die im Ozean erschien
Als ein Kind der Kuh Meh-wert.

(Deutsch von Günther Röder)

Zauber gegen giftige Tiere 

Fließe, du Gift! Komme hervor und ströme zu Boden! Horus beschwört dich, er zerschneidet dich, er verspritzt dich, so daß du nicht nach oben steigst, sondern nach unten fällst. Du bist schwach und kannst nicht siegen; du bist elend und kannst nicht kämpfen; du bist blind und kannst nicht sehen; dein Kopf ist steif und du kannst dein Gesicht nicht erheben; du irrst umher und kannst deinen Weg nicht finden; du trauerst und kannst dich nicht freuen; du wendest dich ab und kannst dein Gesicht nicht frei auftun — dieses alles durch die Worte des Horus, dessen Zauber trefflich ist. Dies Gift, was in Jubel war, trauert seinetwegen, nämlich das Herz der Menge — aber Horus hat es durch seine Sprüche vernichtet. Was in Trauer war, ist jetzt in Freude, Bleibe stehen, du Trauernder! Horus ist nun wieder belebt; er, der aus Krank­heit kam, der selbst erschien und die Gegner niederwarf. Horus biß den, der ihn beißen wollte. Alle Menschen, die Re erblicken, sollen den Sohn des Osiris preisen. Zurück, Schlange! Du sollst dein Gift mit dir nehmen, das in allen Gliedern des Leidenden steckt. Wahrlich, der Zauber des Horus ist stärker als du. Du sollst ausfließen, Feind; zurück, Gift!

(Deutsch von Günther Röder) 

Isis flieht mit Horus vor Set 

Ich floh zur Abendzeit, und sieben Skorpione flohen hinter mir und halfen mir. Die Skorpione Tefen und Befen waren hinter mir; Mestet und Mestetf waren neben mir; Petet, Zetet und Matet bahnten mir den Weg. Ich rief ganz laut nach ihnen, und meine Rede erreichte ihre Ohren. .. „Kümmert euch nicht um das Schwarze, ruft nicht zum Roten, blickt nicht nach den Harems­frauen in ihren Häusern! Euer Gesicht sofort nach unten! Hütet euch, den zu führen, der mich angreift, bis wir nach der Stadt Persui gelangen, der Stadt der beiden Schwestern, dem Anfang des Sumpfgebietes, dem Ende der gefährlichen Gegend.“ Als ich dann die Häuser der Weiber und Männer erreicht hatte, erblickte mich eine Haremsfrau von ferne. Sie verschloß die Türen vor mir, denn sie war ärgerlich wegen der Skorpione, die mit mir waren. Sie berieten deshalb und legten zusammen ihr Gift auf den Stachel des Skorpiones Tefen. Eine Dienerin öffnete mir ihre Tür. Als ich in das Haus trat, schlüpfte Tefen unter den Flügeln der Tür hinein und stach den Sohn der Dame. Feuer brach im Hause der Dame aus; aber es war kein Wasser da, um es zu löschen. Da warf der Himmel sein Wasser (Regen) in das Haus der Dame, obwohl es nicht die rechte Zeit dazu war und sie mir ja nicht ge­öffnet hatte. Sie war sehr betrübt, da sie nicht wußte, ob ihr Sohn lebte. Sie durcheilte ihre Stadt mit Wehklage, aber niemand kam auf ihren Ruf. Da wurde auch mein Herz wegen des Kleinen gerührt, den Schuldlosen wieder zu beleben, und ich rief ihr zu: „Komm zu mir! Komm zu mir! Siehe, mein Mund trägt das Leben. Ich bin die Tochter einer Stadt, in der man mich kennt, weil ich das Gewürm durch meinen Ausspruch verjage und mein Vater mich zur Kenntnis erzogen hat.   Ich bin seine geliebte leibliche Tochter.“

(Deutsch von Günther Röder)

HELLAS

Homer, Aus dem Froschmäusekrieg

Schwebe der Musen Chor vom Helikon nieder in’s Herz mir!
Also fleh‘ ich zuerst voll Inbrunst wegen des Sanges,
Den ich jüngst auf den Knie’n in’s Täfelchen niedergeschrieben,
Jenen unendlichen Kampf, kriegtosende Arbeit des Ares.
Denn es beseelt mich der Wunsch, der Sterblichen Ohren zu künden,
Wie die Mäuse voll Mut die Frösche bekriegt und die Taten
Nachgeahmt der Giganten, der erdentsprossenen Männer,
Wie bei den Menschen die Sage umging. Doch so war der Anfang:
Eine durstige Maus, der grimmigen Katze entronnen,
Badete einst den seidenen Bart im nachbarlichen Teiche,
Kostend vom honigsüßen Bronn. Gleich erblickt sie ein Sümpfler,
Hoch mit der Rede begabt, und quaket solcherlei Worte:
„Fremdling, wer bist du?   Wie kamst du hierher? und wer ist dein Vater?
Alles verkünde mir wahr, daß ich nicht auf Lug dich ertappe!
Wenn ich als würdigen Freund dich erkenne, so führ ich ins Haus dich;
Gaben auch spende ich dir, viel köstliche Gastgeschenke.
Ich, damit du es weißt, bin Pausback, König der Frösche,
Hoch in dem Sumpfe geehrt, ihr lebenslänglicher Herrscher,
Moorbold war mein Vater, es hieß Teichhilde die Mutter,
Der er am Ufer des Stroms Eridanos liebend nahte.
Aber auch du bist schön und stark, und ragend vor Andern,
Wohl ein szepterführender König und Streiter im Kampfe?
Auf denn, melde mir ohne Verzug die edele Abkunft!“
Ihm antwortete drauf Prinz Krümchenmauser und sagte:
„Freund, was fragst du nach meinem Geschlechte, welches bekannt ist
Allen Göttern und Menschen, ja selbst den Vögeln des Himmels?
Krümchenmauser bin ich genannt und rühme mich Sprößling
Brödchenspeisers zu sein, des erlauchten Erzeugers; Mehlmäulchen
War mir Mutter, die Tochter des Königs Schinkenbenager,
Welche mich einst in der Ecke des Kellers gebar und mit Eßwerk
Auf erzogen, mit Feigen und Nüssen und anderem Naschkram.
Aber wie würd‘ ich dein Freund, da wir von Natur so verschieden?
Denn du lebst in der Flut; doch ich genieße von Allem,
Was den Gaumen der Menschen entzückt, und nimmer entgeht mir
Brot vom trefflichsten Mehl im zierlichgeründeten Körbchen,
Kuchen mit zuckrigem Guß, durch Sesamkäse gewürzet,
Schnittchen vom Schinken auch nicht, noch weiß umhüllete Leber
Oder der frische Käs von süßer Sahne gewonnen,
Leckeres Honiggebäck, wonach selbst Göttern gelüstet,
Oder was sonst die Köche zum Mahle der Menschen bereiten.
Wenn sie mit mannigfachem Gewürz die Speisen versehen.
Nie auch entfloh ich im Krieg dem schrecklichen Schlachtengetümmel,
Sondern ich stürmte voran, stets zu Vorkämpfern gesellet:
Selber vorm Menschen nicht bangt mir, obwohl er von Riesengestalt ist,
Sondern ersteigend sein Bett, nag‘ ich ihm die Spitze der Zeh’n,
Oder pack‘ ihn am Bein; doch Schmerzen ergreifen den Mann nicht,
Noch entflieht ihm der liebliche Schlummer, so sehr ich ihn beiße.
Nur zwei Dinge erregen mir Grauen auf dem Runde der Erde:
Habicht und Katze, die mir so gewaltigen Kummer bereiten,
Und die traurige Falle, wo tückisch der Tod uns belauert,
Doch ich fürchte zumeist als schlimmste, die schleichende Katze,
Die vor’m Loch sogar, wenn hinein ich geschlüpft, mich belagert. —
Kurz ich esse nicht Kohl, noch Kürbisköpfe und Rettig,
Und ich labe mich nie an Eppich und grünendem Mangold.
Solches ja sind nur Gerichte für euch, ihr Bewohner des Teiches!“ —
Lächelnd gab ihm darauf nun Pausback wieder zur Antwort:
„Fremdling, du prahlest zu sehr mit deinem Geschlemme, doch wir auch
Haben der Wunder gar viel im Teiche wie rings auf dem Lande;
Denn uns Fröschen ja gab ein Doppelleben Kronion,
Auf dem Lande zu hüpfen und uns im Wasser zu bergen,
Hegst du den Wunsch dies selber zu seh’n, so ist es ein Leichtes,
Steig‘ auf den Rücken mir nur, und umklammre mich, daß du nicht sinkest,
Sondern mit fröhlichem Mut zu meiner Behausung gelangest.“
Sprach’s und bot seinen Rücken der Maus hin und diese behende
Hüpfte zierlichen Sprunges hinauf und hielt sich am Hals fest.
Anfangs zwar war sie entzückt die nahen Buchten zu schauen.
Und auch Pausback’s Schwimmen erfreute sie. Aber, sobald nur
Purpurne Wogen an ihr aufspülten, da, Tränen vergießend
Tadelt‘ mit fruchtloser Reu‘ sie sich selbst und zerrauft sich die Haare,
Zog an den Leib die Füße empor, und es klopfte das Herz ihr
Angstvoll innen vor Furcht. Wie wünscht‘ sie zum Lande zu kehren!
Schrecklich stöhnt sie dazu, von starrem Entsetzen bewältigt.
Um sich zu helfen wollte sie anfangs des Schwanzes zum Rudern
Sich bedienen; allein da sie noch zu den Göttern hinauf fleht
Deckte sie wieder die purpurne Flut; da heulte sie jammernd,
Und rief diese klagenden Worte mit bebendem Munde:
„Ach! so trug nicht weiland der Stier die wonnige Bürde,
Als er Europen entführt durch Meereswogen nach Kreta,
Wie dieser Frosch auf dem Rücken zur Wohnung rudernd mich führet.
Über der Wellen Schaum den grünlichen Körper erhebend.“
Da erschien plötzlich — für Beid‘ ein entsetzenerregender Anblick! —
Eine Hyder, die bäumt den Hals hoch über das Wasser.
Pausback, wie er sie sieht, taucht hurtig unter, vergessend,
Welchen Freund er so in den Fluten des Teiches ertränkte;
Unten war er am Grund und mied das schwarze Verhängnis.
Aber das Mäuschen, das er so plötzlich fallen gelassen,
Glitt sogleich rücklings in das Wasser und rang seine Pfoten,
Streckte sie jammernd empor und quiekte noch kläglich im Sterben,
Sank bald unter die Flut, bald hob es rudernd sich wieder;
Doch es suchte umsonst dem Wassertod zu entrinnen,
Weil das durchfeuchtete Haar es bleischwer zog in die Tiefe.
Und es sprach noch zuletzt hinsterbend folgende Worte:
„Nimmer, o Pausback, bleibt dein tückisches Handeln verborgen,
Der du vom Körper hinab mich Scheiternden warfst, wie vom Felsen,
Schändlicher! nimmer hättest du mich auf dem Lande bezwungen,
Weder im Fechten, noch Ringen, noch Laufen; bloß durch Verrat nur
Warfst du mich in die Flut; doch es wacht das Auge der Gottheit:
Büßen sollst du’s dem Mäuseheer; du wirst nicht entrinnen!“
Sprach’s und hauchte im Wasser den Geist aus.

(Deutsch von Oberbreyer)

Altgriechisches Volkslied

Schild-Schildkrötentier,
Sage doch, was treibst du hier?

„Wollefaden muß ich spinnen,
Wirken fein milesisch Linnen.“

Dein Enkelkind, was fing es an,
Daß es sein Leben hat vertan?

„Hat sich auf ein Roß geschwungen,
Ist ins weiße Meer gesprungen.“

Rhodisches Kinderlied

Es kam, es kam die Schwalbe,
Sie bringt die schönen Tage,
Sie bringt auch schöne Jahre.
Am Bauche weiß;
Am Rücken schwarz;
Nur Feigen schön herausgerollt
Aus deinem reichen Hause,
Und auch voll Wein ein Becherlein,
Und dann voll Käs‘ ein Körbchen fein!
Auch sind dem Weizenbrot
Und Eierkuchen die Schwalben gut.
Nun? Sollen wir gehen, oder was haben?
Gebt ihr? — Wir lassens euch doch nicht!
Wir schleppen die Tür fort, oder das Fenster,
Oder die Frau, die drinnen gesessen.
Sie ist ja nur klein, leicht tragen wir sie.
Wenn du was bringst, so bringe was Großes!
Mach auf! Mach auf! Der Schwalbe mach auf!
Denn alte Männer sind wir ja nicht,
Nein, kleine winzige Bübchen. •

Altgriechisch, Das Füllen

Thrakisch Füllen, warum schaust du mich verächtlich an?
Fliehst mich grausam, wähnst ich sei ein Tor, kein Mann?
Wisse, wenig Mühe könnt es mir bereiten,
Dich zu zügeln und ums Ziel der Bahn zu leiten.
Frei noch springst du tänzelnd über Flur und Hügel,
Ist noch keiner, der dich hält an straffem Zügel.

Aesop, Fabeln

1.

Eine Henne hatte Schlangeneier gefunden und brütete sie mit peinlicher Sorgfalt aus. Eine Schwalbe, die das sah, sprach zu ihr: 0 du geflügelte Tor­heit! Du ziehst eine Brut auf, die ihre bösen Künste bei dir zuerst erproben und dich vernichten wird.

2.

Die Hasen gerieten mit den Adlern in Krieg. Sie riefen die Füchse um Hilfe. Die aber sprachen: ,,Gern würden wir Eure Bundesgenossen, wenn wir nicht Euch und Eure Gegner allzugut kennten …“

3.

Nach der Sage fürchtet der Löwe das Krähen des Hahnes. — Ein Esel und ein Hahn weideten einst zusammen, als ein Löwe ihnen begegnete. Da hob der Hahn den Kopf und krähte. Der Löwe lief davon, von abergläubischer Furcht gepeinigt. Der Esel aber setzte ihm nach, in der Meinung, daß der Löwe vor ihm die Flucht ergriffe. Kaum war der Löwe aber außer Hörweite des Hahnes, als er sich umdrehte und den Esel zerfleischte.

4.

Eine Lerche, die in einer Schlinge gefangen worden war, wehklagte: Wehe, ich armer, elender Vogel! nicht Gold, nicht Silber habe ich gestohlen, ein winziges Weizenkorn, nach dem mich hungerte, wird mir den Tod bringen!

5.

In einer Versammlung der Tiere begann einst ein Affe zu tanzen und fand allgemeinen Beifall. Das Kamel, welches vor Neid, daß aller Augen auf den Affen gerichtet waren, platzte, wollte dem Affen den Ruhm eines Tänzers nicht gönnen und begann, auf seinen plumpen Hufen ebenfalls zu tanzen. Da erscholl ein allgemeines Gelächter und unter höhnischen Zurufen wurde das Kamel von den Tieren zur Versammlung hinausgeprügelt.

6.

Ein Kamel durchwatete einst einen reißenden Fluß und verrichtete während­dessen seine Notdurft. Als es nun seinen Mist auf den Fluten vor sich schwim­men sah (denn die Wogen hatten ihn schnell entführt), sprach es: Kaum komme ich meinen Gedanken nach. Wie komme ich mir vor? Ich sehe ja das Hintere jetzt vor mir …

7.

Ein Bauernknabe röstete sich Schnecken zum Mahle. Als er sie nun über der Glut zischen hörte, rief er empört: „Ihr Unwürdigen, während Eure Häuser brennen, singt Ihr…“

(Deutsch von Klabund)

Aesop, Die Fledermaus, der Dornbusch und der Tauchervogel 

Eine Fledermaus, ein Dornbusch und ein Tauchervogel hatten Kamerad­schaft gemacht und beschlossen Handelsgeschäfte zu treiben. Zu dem Handel borgte die Fledermaus Geld und legte es zum gemeinschaftlichen Gebrauche ein, der Dornbusch kam mit einem Gewände und der Tauchervogel, als der dritte, mit Geld. So segelten sie ab. Als nun infolge eines heftigen Sturmes das Fahrzeug scheiterte, verloren sie alles; sie selber aber retteten sich auf das feste Land. Von der Zeit an sitzt der Taucher immer am Gestade und wartet, ob nicht das Meer irgendwo das Geld auswerfe; die Fledermaus wird aus Furcht vor den Anleihern bei Tage niemals sichtbar, sondern geht nur nachts auf Nahrung aus und der Dornbusch hält die Vorübergehenden am Kleide fest, um zu erspähen, ob er etwa das ihm Gehörige finde.

Aesop, Die Schlange 

Eine Schlange, die von vielen Leuten getreten wurde, suchte bei Zeus Hilfe. Zeus aber sagte zu ihr: „Hättest du dem, der dich zuerst trat, eine Wunde versetzt, so würde es der zweite nie gewagt haben, dich so zu behandeln.“

Aesop, Das Kamel 

Als die Menschen zum ersten Mal ein Kamel zu Gesicht bekamen, fürchteten sie sich, gerieten über seine Größe in Schrecken und ergriffen die Flucht. Wie sie aber im Verlaufe der Zeit sein sanftes Wesen kennen lernten, faßten sie so viel Mut, daß sie sich ihm näherten; und wie sie bald darauf wahrnahmen, daß es sich gar alles gefallen lasse, gingen sie in ihrer Verachtung so weit, daß sie ihm Zügel anlegeten und es Knaben zum Treiben übergaben.

Aesop, Die Lerche 

Ein Vogelsteller legte Schlingen für die Vögel. Eine Haubenlerche, die ihn von der Ferne sah, fragte, was er da tue. „Eine Stadt bauen,“ erwiderte er, trat weiter zurück und versteckte sich. Die Lerche schenkte den Worten des Mannes Glauben, kam näher und wurde in der Schlinge gefangen. Als nun der Vogelsteller herbeilief, sagte sie zu ihm: „El, höre, wenn du eine solche Stadt bauest, wirst du nicht viele Bewohner für dieselbe finden …“

Martin Luther, Der Löwenanteil 

Es gesellten sich ein Rind, eine Ziege und ein Schaf zum Löwen und zogen miteinander auf die Jagd in einen Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen und in vier Teile gleich geteilt hatten, sprach der Löwe: „Ihr wisset, daß ein Teil mir gehört als eurem Gesellen. Der zweite gebührt mir als dem König unter den Tieren. Den dritten will ich haben darum, daß ich stärker bin und mehr danach gelaufen und mich angestrengt habe als ihr alle drei. Wer aber den vierten haben will, der muß mir ihn mit Gewalt nehmen.“ Also mußten die drei für ihre Muhe das Nachsehen und den Schaden zum Lohn haben.

Fahre nicht zu hoch, halt‘ dich zu deinesgleichen! Es ist mit großen Herren nicht gut Kirschen essen, sie werfen einen mit den Stielen. Das nennt man einen Löwenanteil, wo einer allein den Nutzen, der andere nur Nachteil hat.

(Aus dem Esopo verdeutscht)

Meleagros, Eifersucht auf die Stechmücken

Dreistes Gezücht, ihr Sauger am Herzblut schlummernder Menschen, Summende Mücken, der Nacht doppelt beflügelte Qual; Gönnet Zenophila doch, o gönnet ihr ruhigen Schlummers Kurzen Genuß; und an mir sättigt den blutigen Durst! Doch was red‘ ich umsonst und wozu? Fühlloses Getier selbst Wünscht, sich der zarten Gestalt wärmender Nähe zu freu’n. Aber noch einmal warn‘ ich, Unselige; laßt von dem Frevel, Ehe die zürnende Hand euer Beginnen bestraft.

Meleagros, Lehre der Biene

Blumengenährte, warum berührst du Heliodoros
Wangen, o Bien‘? Und verläßt alle die Blüten der Au?
Willst du mich lehren vielleicht, daß die Liebliche Pfeile des Eros,
Süß und bitter zugleich, stets in dem Herzen verbirgt?
Ja, das hast du gemeint. Doch kehre nur, freundliche Botin,
Kehre zurück. Schon längst wußten wir, was du mich lehrst.

Goethe (nach dem Anakreon), An die Zikade

Selig bist du, liebe Kleine,
Die du auf der Bäume Zweigen,
Von geringem Trank begeistert,
Singend, wie ein König lebest!
Dir gehöret eigen alles,
Was du auf den Feldern siehest,
Alles, was die Stunden bringen,
Lebest unter Ackersleuten,
Ihre Freundin, unbeschädigt,
Du den Sterblichen Verehrte,
Süßen Frühlings süßer Bote!
Ja, dich lieben alle Musen,
Phöbus selber muß dich lieben,
Gaben dir die Silberstimme,
Dich ergreifet nie das Alter,
Weise, zarte, Dichterfreundin,
Ohne Fleisch und Blut Geborne,
Leidenlose Erdentochter
Fast den Göttern zu vergleichen.

Anakreon, Der verwundete Eros

In einer Rose schlummerte
Ein Bienlein, dessen Eros
Sich nicht versehn. Am Finger
Von ihm verwundet schrie er,
Und schlug und schlug sein Händchen.
Halb lief er dann, halb flog er
Hin zu der schönen Cypris.
„0 weh mir, liebe Mutter!
Ach weh, ich sterbe!“ rief er
„Gebissen bin ich worden
Von einer kleinen Schlange
Mit Flügeln — Biene heißet
Sie bei den Ackersleuten.“

Sie sprach: „Kann so der Stachel
Von einem Bienchen schmerzen,
Was meinst du, daß die leiden,
Die du verwundet, Eros?“
(Deutsch von Mörike)

Anakreon, Das Nest der Eroten

Du kommst, geliebte Schwalbe,
Wohl alle Jahre wieder,
Und baust dein Nest im Sommer;
Allein vor Winter fliehst du
Zum Nil hin und nach Memphis.
Doch Eros bauet immer
Sein Nest in meinem Herzen.
Hier ist ein Eros flügge,
Dort in dem Ei noch einer.
Und halb heraus ein andrer.
Mit offnem Munde schreit
Die Brut nun unaufhörlich;
Da ätzen dann die ältern
Eroten ihre Jungen,
Kaum sind die aufgefüttert.
So hecken sie auch wieder.
Wie ist da Rat zu schaffen?
Ich kann mich ja so vieler
Eroten nicht erwehren!
(Deutsch von Mörike)

Theokrit, Der tote Adonis

Als Kypris den Adonis
Nun schaute kalt und leblos,
Von Wust erfüllt sein Haupthaar
Und abgebleicht die Wange,
Zu bringen ihr den Eber
Befahl sie den Eroten.
Doch jene rasch geflügelt
Durchliefen rings die Waldung.

Bald ward gehascht das Untier,
Gebunden und gefesselt.
Der eine zog am Seile
Geknüpft den Kriegsgefangnen,
Der andre folgte treibend
Und schlug mit Pfeil und Bogen.
Ganz furchtsam ging der Eber,
Denn Aphrodite scheut‘ er.
Ihm sagte nun Kythere:
„Du böses Tier, du Untier!
In jenen Schenkel hiebst du,
Erschlugest mir den Gatten?“
Das Tier erwidert also:
„Ich schwöre dir, Kythere,
Bei dir und deinem Gatten
Und hier bei meinen Fesseln
Und dieser Jagdgesellschaft!
Ich wollte deinen Gatten,
Den schönen, nicht verwunden!
Ich sah ihn wie versteinert
Und, ganz von Glut bewältigt,
Tobt ich hinan zu küssen
Den Schenkel, den er nackt trug!
So nimm denn an mir Rache!“

ROM

Horaz, Das Reh

Mir weichst, Chloe, du aus, fliehst, wie zum Muttertier,
schreckhaft selber, auf Höhn, pfadlos, ein Rehlein flieht,
stets voll nichtiger Unruh,
wenn ein Lüftchen im Wald sich regt.

Denn wenn irgend ein Hauch, kündend den nahen Lenz,
säuselnd Blätter bewegt, grüne Lacerten nur
Brombeerbüsche durchhuschen,
gleich fliegt bebend ihm Herz und Knie.

Doch nicht folge ich dir, grimmig auf Mord bedacht,
wie ein Tiger voll Wut oder Gätuler-l.eu;
Laß drum, laß von der Mutter,
Du, zur Liebe schon voll erblüht!
(Deutsch von Lewinsohn)

Catullus, An den Sperling der Lesbia

Sperling! süßes Vergnügen meines Mädch ens,
Du, mit dem sie zu spielen pflegt, und den sie
An den Busen zu legen pflegt, und den sie
Mit dem Finger zu scharfen Bissen anreizt,
Wenn mein reizendes Liebchen, sich die Schmerzen
Zu vertändeln, ein Zeitvertreibchen suchet,
Bis der Brand in den Adern sich gelegt hat, —
Könnt‘ auch ich, so wie sie jetzt, mit dir spielen,
Und die Zuckungen meines Herzens lindern.

Catullus, Nänie auf den Tod des Sperlings

Weint, ihr Grazien und Amoretten,
Und ihr artigen Menschen alle, weinet!
Der Sperling meines Mädchens ist gestorben,
Sperling, süßes Vergnügen meines Mädchens,
Den sie mehr als ihre Augen liebte:
Denn aus Honig war er, und er kannte
Seine Herrin wie ein Mädchen die Mutter;
Niemals rührte er sich von ihrem Schöße,
Sondern hierher springend, hierhin, dorthin,
Piepste er doch nur immer für die Herrin.
Ach! nun wandert er jene finstre Straße,
Die man, wie es heißt, nie mehr zurückkehrt.
Aber dir soll es schlecht gehn, böser Orkus,
Finstrer, der alles Schöne jäh hinabschluckt:
Einen so schönen Sperling mir zu nehmen,
Mir so lieb wie einst der Atalante
Das Goldäpfelchen war, das ihren Gürtel
Nach so langem Sträuben endlich löste.
0 das Unglück! Armer kleiner Sperling!
Deinetwegen röten sich in Tränen
Nun die reizenden Augen meines Mädchens.

Romulus, Der Löwe und das Pferd

Ein Löwe sah ein Pferd auf einer Wiese weiden. Um es zu überwältigen, näherte er sich sanft wie ein Freund und gab sich für einen Arzt aus. Das Pferd merkte den Trug, doch verweigerte es den Gegengruß nicht. Es hob den Fuß auf und gab vor, in einen Dorn getreten zu haben. Bruder, sprach es, sei mir zur Hilfe; ich wünsche mir Glück, daß du gekommen bist, mich zu befreien, denn ich habe in einen Dorn getreten. Der Löwe trat hinzu, seine böse Absicht verleugnend, um den Dorn auszuziehen. Aber das Pferd traf ihn geschwind, mit den Hufen ausschlagend. Da fiel der Feind und lag längere Zeit auf der Erde. Aber wie er wieder zur Besinnung kam, sah er das Pferd nirgends; und als er bemerkte, daß sein Kopf, sein Angesicht und daß er am ganzen Körper verletzt sei, sprach er: Mit Recht habe ich dieses erduldet, da ich immer so sanft daherkam. Und jetzt näherte ich mich, gleich wie ein trügerischer Freund und Arzt, da ich als Feind hätte anrücken sollen.

Daher, magst du sein, wer du willst, der du dieses hörest: sei offen, was du bist.

Flavius Avianus, Der alte und der junge Krebs

Als rückschreitend ein Krebs bald rechts, bald links sich bewegte,
Stieß er des Rückens Schild wund an des Wassers Gestein.
Aber es wünschte die Mutter, daß nicht so tölpisch das Söhnlein
Wandelt, und hat ihn so, wie man erzählet, vermahnt:
Gehe doch nicht abschweifend, mein Sohn, unwegsame Pfade.
Wende nicht rechts, nicht links ferner die Füße beim Gehn.
Sondern des Wegs gradaus von nun an richte die Tritte,
Und nach vorwärts du halte den sicheren Schritt!
Drauf entgegnet der Sohn: Voran nur, Mutter! Ich folge.
Zeigst du den richtigen Weg, geh ich dann sicherer nach. .,.

Flavius Avianus, Der Kranich und der Pfau

Mit hochmütigen Reden beleidigt den Thrazischen Kranich
Jener Vogel, der Pfau, bei dem gemeinsamen Mahl.
Als auf allerlei Art Zwietracht bei ihnen entstanden,
Und aus kleinem Gezanke mächtiger Hader entbrannt,
Sagte der Pfau: was?  Glänzen mir nicht vielfarbig die Glieder,
Da dir ein graulicher Streif über den Rücken sich zieht?
Und gleich breitet er aus den Fächer des ragenden Schweifes,
Und zu den Sternen empor schlägt er das heilige Rad.
Jener, wenn auch nachstehend an Pracht und am Glänze der Federn,
Sagte, sich brüstend, jedoch folgende Worte darauf:
Glänzt dir auch Federschmuck in dem Kranz unendlicher Farben,
Trägst du den blühenden Leib stets doch zur Erde gebannt.
Aber ich schwing in die Lüfte mich auf mit häßlichem Fittich
Nah zu den Sternen und nah zu Unsterblichen selbst…

Ausonius, An den Salm

Auch dich, o Salm, mit dem rötlich schimmernden Fleische
Darf ich nicht übergehen, der sich mit kräftigem Schwanzschlag
Aus der Mitte des Stroms zu höheren Fluten hinaufschnellt,
Wenn der verborgene Schwung sich verrät auf der friedlichen Fläche.
An umpanzerter Brust mit Schuppen versehen, an der Stirn
Schlüpfrig, wie leckres Gericht im verwirrenden Speisengewühl du;
Langer Verwahrung Zeiten durchdauerst du; immer genießbar.
Ausgezeichnet durch Flecken des Kopfes, der stattliche Bauch wogt
Hin und her und der Leib schwillt auf vom gefeisteten Wanste. —

Dieses Buch hat 385 Seiten und scannen ist eine langweilige Arbeit. Aber ich bin so fasziniert von ihm, dass ich es trotzdem scannen will.

Aber das dauert und deswegen immer mal wieder reinschauen.