Der junge Aar

(Der junge Adler)

Quelle: „Theaterzettel“

Bearbeitet von Klabund erscheint das Schauspiel 1925 und im gleichen Jahr erfolgt die Uraufführung des Sechsakters.

Aus einer Inhaltsbeschreibung:

„…Das literarische Vorbild für dieses historische Versdrama ist Hamlet, neu interpretiert aus der Sicht der Romantik: Franz, Herzog v. Reichstadt, der Sohn Napoleons und Marie Louises v. Österreich, soll 1830 an der Spitze von Verschwörern den König von Frankreich stürzen. Zu langes Zögern und Zweifel an seinen Fähigkeiten lassen den Sohn eines Helden scheitern, der selbst kein Held ist.“

Eine der vielen „Nachdichtungen“ von Klabund nach dem Original „L’Aiglon“ von Edmond Rostand. Neben einer ganzen Reihe anderer Stücke ist „der Junge Adler“ nicht nur in Frankreich ein sehr erfolgreiches Stück. Klabund hatte also einen „guten Riecher“

Edmond Rostand Quelle: https://sites.google.com/site/lemondedecyrano/home/qui-est-edmond-rostand

Edmond Eugène Alexis Rostand wurde am 1. April 1868 in Marseille geboren und starb am 2. Dezember 1918 in Paris an der damals weltweit grassierenden Spanischen Grippe.

Wikipedia schreibt über ihn:

„… Rostand stammte aus einer wohlhabenden provenzalischen Familie. Nach juristischer Ausbildung widmete er sich ganz der Dichtung. 1890 heiratete er die ebenfalls als Schriftstellerin tätige Rosemonde Gérard und hatte mit ihr zwei Söhne; allerdings verließ er sie 1915 für seine letzte Geliebte, Mary Marquet.

Rostand wurde 1903 in die Académie française aufgenommen. (…) Er ist der Vater des Theaterautors Maurice Rostand (1891–1968) und des Biologen und Schriftstellers Jean Rostand, der ebenfalls Mitglied der Académie française wurde.“

Rosemonde Gérard Quelle: Alte Postkarte

Werke 

Rostand verfasste neuromantische Versdramen, u.a. „Die ferne Prinzessin (1895), eine für Sarah Bernhardt geschriebene Troubadourtragödie. Mit seiner heroischen Komödie von dem hochherzigen Dichter und Draufgänger „Cyrano de Bergerac“ (1897) schuf er eine von Schauspielern begehrte Rolle und in seinem Lande ein echtes volkstümliches Stück, das weit über die Grenzen Frankreichs hinaus erfolgreich war. 1899 schrieb er „Das Weib von Samaria“, 1900 „Der junge Adler“, 1910 „Chantecler“.

Auch in Deutschland und Österreich läuft das Stück recht erfolgreich. Neben anderen Häusern gibt es am 13. Oktober 1926 eine Vorstellung im Wiener Burgtheater im der Vorankündigung ist zu lesen: Erhöhte Preise – gemeint ist der Preis gegenüber dem normalen Abonnement.

Wer noch einen „Absacker“ brauchte, wie wär‘s denn damit!

Mit freundlicher Genehmigung:

AHN & SIMROCK Bühnen- und Musikverlag GmbH, Hamburg

www.ahnundsimrockverlag.de

Der junge Aar (L’aiglon)

Drama in sechs Akten von Edmond Rostand

Deutsche Nachdichtung von Klabund

Personen:

Franz, Herzog von Reichstadt, Sohn Napoleons I.

Marie Luise, seine Mutter

Erzherzogin, Schwester Marie Luises

Franz I., Kaiser von Österreich, Großvater des Herzogs v. Reichstadt

Fürst Metternich, Kanzler von Österreich

Friedrich v. Gentz, Vertreter Metternichs

Graf Sedlnitzky,

Polizei-Präsident Graf Prokesch, Freund des Herzogs v. Reichstadt

Contessa Camerata, Cousine des Herzogs

Fanny Elßler, berühmte Tänzerin

Therese von Lorget, Vorleserin Marie Luises

Tiburce, Bruder Thereses

Graf Bombelles, Kammerherr Marie Luises

Scarampi, Hofdame

Dieterichstein: Erzieher des Herzogs

Baron Obenaus: Erzieher des Herzogs

Pierre Seraphin Flambeau, ehemals Sergeant der Garde Napoleons, jetzt Lakai, dem Herzog zugeteilt

Marschall Marmont
Attache des Generals Belliard
Lord Cowley, engl. Gesandter
Montenegro
Kapitän Foresti, Stabsoffizier
Ein Verschwörer als Schneider
Leibarzt des Herzogs
Prälat
2 Chorknaben
General Hartmann

Prinzen, Prinzessin, Masken, Festgäste, Lakaien, Stabsoffiziere, Polizeibeamte, Verschwörer.

Quelle: Plattenhülle

Zeit und Ort der Handlung:

Das Stück spielt im Jahre 1830,

der 1. Akt in Baden bei Wien, der 2., 3., 4. und 6.

Akt in Schönbrunn, der 5. Akt auf der Ebene von Wagram

Erster Akt

Die Schwingen sprossen.

Baden 1850. 

Der Salon der Villa, die Marie Luise bewohnt. Gro­ßer Raum, in dessen Mitte wie ein Luftschiff aus Kristall ein Empirekronleuchter schwebt. Helle Tä­felung. Die Mauern mit Fresken im pompejanischen Grün bemalt. Um die Decke läuft ein Sphinxfries. Links zwei Türen. Die im Vordergrund führt zu den Gemächern Marie Luisens, die hintere zu den Zimmern der Hofdamen. – Rechts vorn eine weitere Tür. Rechts hinten in einer Nische ein riesiger Majolika Ofen, üppig ausgeschmückt. – Im Hintergrund zwischen zwei Fenstern eine breite Glastür, durch die man die Ba­lustrade einer Freitreppe sieht, die hier einen Bal­kon bildet. Sie führt in den Park. Blick auf Linden und Tannen, tiefe Alleen, Gartenlampen Ein herrli­cher Tag Anfang September. 

Man hat in die einfache Mietvilla ein graziö­ses Mobiliar geschafft. Links am Fenster ein schöner Stehspiegel aus Zitronenholz, mit Bronze verziert. Im Vordergrund ein großer Mahagonitisch, mit Papie­ren bedeckt. An der Wand eine Art Bücherständer aus Lack, mit Büchern darin. Rechts, gegen den Hinter­grund, ein kleines Erard-Klavier, wie es jene Zeit kannte, eine Harfe. Weiter vorn eine Chaiselongue Recamier mit einem Tisch davor, Lehnstühle und Sche­mel mit gekreuzten Beinen- Viele Blumen in den Va­sen. An der Wand gerahmte Gravüren, die Mitglieder der kaiserlich-österreichischen Familie darstellen. Porträts des Kaisers Franz, des Herzogs von Reich­stadt als Kind usw. 

Wenn der Vorhang aufgeht, bewegt sich im Hin­tergrund eine Gruppe sehr eleganter Damen. Zwei von ihnen sitzen, mit dem Bücken zum Publikum, am Piano und spielen vierhändig. Eine dritte bei der Harfe. Man buchstabiert Noten, Lachen unterbricht das Spiel“  

Ein Lakai führt über die Freitreppe ein junges Mädchen von zurückhaltendem Wesen ein, die ein österreichischer Kavallerieoffizier in prachtvoller, blausilberner Husarenuniform begleitet. Die beiden neu Angekommenen werden von niemand bemerkt und bleiben unschlüssig in einer Ecke stehen. Plötzlich tritt, durch die Tür rechts, Graf Bombellea, von der Musik herbeigelockt. Er geht auf das Klavier zu, tak­tierend. Da bemerkt er das junge Mädchen, bleibt ste­hen, lächelt und geht dann lebhaft auf sie zu. 

Erste Szene: 

Die Damen: (am Klavier, durcheinander sprechend, Ge­lächter) Sie spielt ja alles falsch! Wie unbegabt! Takt! Takt! Eins zwei, eins zwei! Harfe, Pedal!

Bombelles: (zu Therese) Sie sinds?

Therese: Ich bin es, Graf Bombelles –

Eine Dame: (am Klavier) Mi – so! –

Therese: Ich trete heut mein Amt hier an  

Andere Dame: (am Klavier) Eis – moll!

Therese: Wem sonst verdank ich das als Ihnen?

Bombelles: 0 keine übertriebenen Komplimente. Wir beide sind verwandt – und außerdem Franzosen –

Therese: (stellt ihm einen Offizier vor) Tiburce –

Bombelles: Ah, Ihr Herr Bruder! -(reicht ihm die Hand, bietet ihr einen Stuhl) Sind Sie müde?

Therese: Ich bin bewegt – Ich werde sehn von Angesicht zu Angesicht –

Bombelles: (belustigt) Nun?

Therese: Ihn – Den als Vermächtnis uns der Kaiser hinter­ließ.

Bombelles: (nimmt neben Ihr Platz, lächelnd) – Sie haben keine andern Sorgen, Kind?

Tiburce: (gereizt) Verfolgte unser Haus ihn nicht mit Hass und Hohn?

Therese: Ich weiß – ich werde sehn

Tiburce: (wegwerfend) – Die Witwe –

Therese: (zu Bombelles) – und den Sohn!

Bombelles: Gewiss –

Therese: Ich müsste fühllos sein, Ließ die Erinnerung an ihn mich zittern nicht bis in mein tiefstes Herz – Ist sie sehr schön?

Bombelles: Wer?

Therese: Sie, in ihrem Witwenschmerz – Die Herzogin von Parma –

Bombelles: (überrascht) Tja … Sie sahen Sie?

Tiburce: Man führte eben uns in den Salon –

Therese: Ich sah sie nie

Bombelles: (lächelnd) Tja – hm – aber das ist sie, die grad die Noten dreht –

Therese: (aufspringend) Die Kaiserin –

Bombelles: Ich melde Sie sogleich – (geht zum Klavier, spricht leise mit einer der Damen)

Marie Luise: (sich umwendend): Sie haben mir von ihr erzählt – Ist das die Kleine? Wie interessant – ihr Bruder – (zu Therese) Ist das der Schlingel, der Ihr Erbteil durchgebracht?

Therese: (will Tiburce in Schutz nehmen) – Er ist mein Bruder, Majestät –

Marie Luise: Ein Taugenichts – Doch find ich‘s reizend, dass Sie ihn entschuldigen. Sie sind charmant, Therese von Lorget. (nimmt sie bei den Händen und zieht sie neben sich auf die Chaiselongue. Bombelles und Tiburce treten in den Hintergrund) – Kind, Sie gehören nun zu meinem Hofstaat -Viel Staat kann ich mit meinem Hof nicht machen – Das war einmal – vorbei – ich bin sehr einsam – Seitdem –

Therese: (bewegt) Ihr Schmerz ist auch der meine, Majestät –

Marie Luise: Ich bin von dem Verlust ins Herz getroffen. Wie ich hat niemand diese schöne Seele gekannt

Therese: Gewiss

Marie Luise: Erkannt, geschätzt, geliebt. Ich sorge zärtlich übers Grab hinaus

Therese: Für seinen Ruhm

Marie Luise: Sein Lieblingspferd

Therese: Sein Schlachtross

Marie Luise: Ach, seit dem Tod des Generals

Therese: Des Generals?

Marie Luise: So war sein Titel –

Therese: Ja: sein höchster Ruhm –

Marie Luise: Seit seinem Tod verwein ich Tag und Nächte. Wer weiß denn, was an – Neipperg ich verlor –

Therese: Wie … Neipperg …

Marie Luise: Hier nach Baden bin ich Gefahren, mich ein wenig zu erholen. (sieht sich um) Ich lebe hier beschränkt. Bin sehr be­schränkt. Das Badeleben ist ganz amüsant. Ferner Thalberg, Metternich kommt auf einen Sprung herüber Von Wien. Die Erzherzogin sagt zum Tee sich an. Ich suche zu vergessen Die Zeit, mein Leid – und find es überall. Sie kommen doch heut Abend mit zum Ball?

Therese: Wie?

Marie Luise: Zu den Meyendorffs. Strauß spielt. Die Kleine muss mit, Bombelles – was hat man schon vom Leben –

Therese: Darf ich mich nach des jungen Herzogs Wohl Erkundigen?

Marie Luise: Danke. 0, es geht ihm gut. Er hüstelt, hustet. Doch das geht vorüber. Die Luft ist hier so mild.. Und er so jung. Er steht im Range eines Oberstleutnants Trotz seiner Jugend. In der Uniform Kann ich ihn ohne Tränen nicht -(bemerkt Metternich, der rechts eintritt)

Zweite Szene

Marie Luise: Ah! Metternich!

Metternich: Ich bitte um Erlaubnis, im Salon hier einige Audienzen zu erteilen: (zu einem Lakai, den er herbeigeläutet und der im Hintergrund erscheint) Herr Gentz zuerst!

Marie Luise: Auf Wiedersehn, Durchlaucht – (ab mit Therese, Tiburce und Bombelles fol­gen. Gentz erscheint im Hintergrund durch einen Lakai eingeführt. Sehr elegant. Fi­gur eines abgelebten Weltmannes. Die Ta­schen voll von Bonbonnieren und Flakons. Er ist immer dabei, einen Bonbon zu naschen oder an einem Parfüm zu riechen)

Dritte Szene 

Metternich: Nun, Gentz? (Er setzt sich an den Tisch rechts und unterschreibt, während er spricht, Papiere, die Gentz aus einem großen Porte­feuille zieht) – Ich fahre heute Nacht nach Wien. Der Kaiser braucht mich.

Gentz: In der Tat

Metternich: Entsetzlich Ist Wien um diese Jahreszeit

Gentz: So leer Wie meine Tasche

Metternich: Ist sie gar so leer? Hat Russland sie nicht etwas aufgefüllt? (Er macht, mit den Fingerspitzen, die Gebärde des Geldzählens)

Gentz: (komisch indigniert) Ich bitt Sie, Exzellenz –

Metternich: Sie haben wie immer sich verkauft

Gentz: (sehr ruhig, einen Bonbon knabbernd) – Dem Höchstgebot.

Metternich: Was machen Sie nur mit dem vielen Geld?

Gentz: (riecht an einem Flakon) Mir einen guten Tag – und eine bessere Nacht –

Metternich: Und so was gilt als meine rechte Hand –

Gentz: Die linke darf nichts von der rechten wissen –

Metternich: (bemerkt die Bonbonnieren und Flakons) Parfüms! Bonbons!

Gentz: Ich liebe alles Süße: Und alles Duftende: Bonbons, Parfüms und Frauen –

Metternich:   A apropos – wie geht es Fanny Elßler?

Gentz: (an den Knöpfen seines Rockes zählend) Sie liebt mich – liebt mich nicht -Sie liebt mich … liebt mich nicht … liebt mich: sie liebt mich nicht. (zeigt auf ein Porträt des Herzogs von Reichsstadt) – Die Närrin ist in diesen da vernarrt. Ich bin der Paravent nur, hinter dem die Liebenden sich treffen. Heut Abend will sie beispielsweise hier Ihn überraschen

Metternich: (hat während der ganzen Zeit weiter unterschrieben) Gentz, ich nehme Ärgernis –

Gentz: Mama geht heute auf den Ball (reicht ihm einen Brief, aus dem Portefeuille entnommen) Hier, lesen Sie Das ist von Fouches Sohn

Metternich: (lesend) Am zwanzigsten August des Jahres 1830

Gentz: Erbietet er sich den Weg dem Herzog Reichstadt zu bereiten zum Throne

Metternich: Nun?

Gentz: Napoleons des Zweiten –

Metternich: (den Brief durchfliegend) Die Namen der Verschwörer?

Gentz:  Sind notiert –

Metternich: Zur rechten Zeit erinnert man sich ihrer-

Gentz: Wir lehnen ab, uns am Komplotte zu beteiligen?

Metternich: Wir lassen alle Vorder- alle Hinter­türen uns offen – (läutet, ein Lakai erscheint) Der Attache des Generals Belliard! (Lakai führt einen französischen Offizier in großer Uniform herein) Herr Attache, hier die Papiere. (Reicht ihm Dokumente hin) Im Prinzip erkennen wir wohl Louis Philipp an. . Doch schwelgt mir nicht zu sehr in der Romantik von 1789 – sonst: Wir haben einen kleinen Hahn im Korb. Attache: (bestürzt) Den Herzog Franz von Reichsstadt?

Metternich: Ich rühre für den Herzog keinen Finger. Jedoch –

Attache: Jedoch –

Metternich: Im Falle, dass in Frankreich der Geist der Freiheit und der Rebellion Von neuem ihre Gorgohäupter heben – Im Fall, dass Euer Königtum noch mehr Zur Republik sich mausert: Euer Bürgerkönig Noch bürgerlicher wird: in diesem Falle – Wir haben eine Engelsnachsicht – könnten Wir uns an unsren Enkel Franz erinnern.

Attache: (nähert sich, senkt die Stimme) Man fürchtet, dass trotz aller Ihrer Vorsicht Des Herzogs Träume sich erfüllen –

Metternich: Nein

Attache: Weiß er, was vorgeht?

Metternich: Ich verbarg es ihm

Attache: So weiß er nichts von Frankreichs neuem König?

Metternich; Gewiss! Jedoch die Einzelheiten nicht. Zum Beispiel: dass die Trikolore weht.

Attache: (ein wenig beunruhigt) Er wird in Baden wenig streng bewacht –

Metternich: Nur keine Angst – er ist bei seiner Mutter. Sie hütet ihn wie ein Juwel –

Attache: Wieso?

Metternich: Weil sie halt ihre Ruhe haben will.

Attache: Ist diese Ruhe nicht vielleicht die Ruhe Vorm Sturm? Und hört sie nicht des jungen Adlers Schrei, Der schon die Schwingen regt? (Die Tür nach den Appartements Marie Lui­sens öffnet sich)

Marie Luise: (stürmt herein, mit einem Verzweiflungsschrei) – Mein Papagei! – (Marie Luise folgen erschreckte Hofdamen)

Vierte Szene

Attache: Wie?

Marie Luise: (zu Metternich) Fürst, meine Lora ist davongeflogen –

Metternich: (betrübt) Ich bin untröstlich

Marie Luise: Meine süße Lora! (geht in den Hintergrund. Die Hofdamen zerstreuen sich im Park, um den Vogel zu fangen) 

Metternich! (kühl, zum Attache, der ihn verdutzt betrachtet) Da haben Sie’s.

Attache: (sich diensteifrig an Marie Luise wendend) – Wenn Hoheit wünschen, dass ich suchen helfe

Marie Luise: (bleibt stehen, mustert ihn von oben bis unten) Nein – (Sie kehrt in ihr Appartement zurück, nachdem sie ihm einen vernichtenden Blick zugeworfen. Die Tür fällt knallend zu)

Attaché: (zu Metternich, mehr und mehr bestürzt) Was bedeutet das?

Metternich: (ein Lächeln unterdrückend) Sie sagten: Hoheit. Sie tituliert sich selber: Majestät.

Attache: Da ja der Kaiser rechtlich nicht .regiert hat, so steht der Titel „Majestät“ der Herzogin nicht zu.

Metternich: Ganz ohne Zweifel

Attache: Und warum der böse Blick?

Metternich: Sie hat den Titel schriftlich.

Attache: (grüßt, um Abschied zu nehmen. Vor dem Herausgehen fragt er): Und die Gesandtschaft darf die Trikolore Ab heute doch in der Kokarde führen?

Metternich: (seufzend) Da wir einig sind – (Ohne etwas zu sagen, reißt der Attache die weiße Kokarde von seinem Hut und ersetzt sie durch eine Trikolore, die er aus der Tasche zieht; Metternich erhebt sich) Sie haben Es eilig, die Farbe zu wechseln –(Schellengeläute draußen) Was gibt‘s?

Gentz: (auf dem Balkon) Die Erzherzogin kommt mit einem Schwärm Ton Gästen: Meyendorf, Cowley, Thalberg …

Bombelles: (tritt auf das Schellengeläut hin rasch links mit Tiburce ein) – Wir wollen an der Pforte sie empfangen -(Im Moment, wo er zur Tür stürzt, erscheint die Erzherzogin auf der Freitreppe, umgeben von einem Schwärm eleganter Herren und Damen in Sommertoilette. Helle Kleider. Sonnenschir­me. Große Hüte. Ein kleiner Erzherzog, 5-6 Jahre alt, in Husarenuniform. Zwei kleine Erzherzoginnen in der extravaganten Tracht der Epoche. Stimmen. Gelächter. Frivolitäten)

Fünfte Szene.

Erzherzogin: (zu Bombelles, Metternich, Gentz, Tiburce, die sich ihr zeremoniell nähern) Wir sind hier auf dem Land! Nicht in der Hofburg! Ich bitte, keinen Zwang sich aufzulegen. – (Der Salon füllt sich. Zu einem jungen Mann) Fix, Thalberg! Ans Klavier! Die Tarantella! (Thalberg setzt sich ans Klavier und spielt. Zu Metternich, aufgeräumt) Wo ist denn Ihro Majestät Marie Luise?

Dame:   Sie wird geruhen, baldigst zu erscheinen.

Eine Hofdame d. Marie Luise: (gefolgt -von einem Domestiken, der auf einem Tablett Glaser mit Eiskaffee trägt) – Eiskaffee gefällig? – (Ein anderer Diener hat auf den Tisch, ein Tablett mit andren Erfrischungen gestellt: Bier, Champagner)

Metternich: (zu Gentz, der in einer Zeitung auf dem Tisch blättert) Nun, was lesen sie?

Gentz: Das Neueste aus Paris –

Lord Cowley: (nonchalant)   Was macht die Politik?

Gentz: Theater –

Erzherzogin: Das ist alles seichtes Zeug.

Gentz: Was, glauben Sie, spielt man im Vaudeville?

Metternich: Nun?

Gentz: „Bonaparte“

Metternich: Soso

Gentz: In der „Neuen Bühne“?

Metternich: Nun?

Gentz: .“Bonaparte“   Und im Variete: „Napoleon“. Im Luxenbourg: „Die hundert Tage“ „Der Korse“ im Gymnase. Die Operette „Napo­leons Kutscher“ Und das Kassenstück Von Saint Martin betitelt sich „Der Kaiser“ Ein junger Dichter hat ein Stück geschrieben. Vielmehr ein Drama

Metternich: Nun?

Gentz: „Sankt Helena“

Lord Cowley: Die Mode geht vorbei

Tiburce: (zuckt die Schultern)   wie jede andre

Bombelles: (verächtlich) Mode!

Gentz: Doch ich fürchte, die Mode kommt in Frankreich immer wieder.

Metternich: (gießt sich ein Glas Champagner ein) Kein Bonaparte steigt mehr auf den Thron. Stoßen wir an. Es lebe

Ein lauter Schrei: (draußen) Napoleon! – (Alles springt auf. Panik. Lord Cowley verschluckt sich an seinem Eiskaffee. Die Frauen stieben, erschreckt auseinander) Alle: (zur Flucht bereit) – Was gibt‘s? In Baden hier?

Metternich: Nur keine Furcht, das ist ja lächerlich. Was war das?

Tiburce: (der auf dem Balkon war, zurück) Ach, weiter nichts. Ein österreichischer Soldat schrie oder zwei

Metternich: (verblüfft) Ein Österreicher?

Tiburce: Ganz bestimmt. Ich sah’s. (In diesem Moment öffnet sich die Tür links. Marie Luise erscheint, ganz bleich)

Metternich: Winkt mir den Burschen mal herauf.

Sechste Szene

Marie Luise: Entsetzlich dieser Ruf – wie aus dem Grabe – (Sie sinkt, halb ohnmächtig auf die Chaiselongue) Mein Leben ist zerstört –

Metternich; (nervös zu Tiburce) Was sahn Sie denn?

Tiburce: Ich sah nur zwei Soldaten Vom Regimente Seiner Hoheit, die am Hause hier vorübergingen. Plötzlich sahn sie den Herzog, der nach Hause ritt. Ein tiefer Graben trennte ihn vom Weg. Er will ihn nehmen, doch der Schimmel bäumt — Er macht noch einmal kehrt – ein kühner Sprung. Er ist hinüber – und die zwei Soldaten schrien bravo –

Metternich: Oder etwas Ähnliches.

Tiburce: (vom Balkon, macht ein Zeichen nach unten, Eintritt ein Sergeant vom Regiment des Herzogs. Er grüßt linkisch., eingeschüchtert vom Anblick der vielen vornehmen Leute) 

Metternich; (indigniert) Was soll denn das bedeuten? Weshalb hast du geschrien?

Sergeant: Es kam halt so. Der Prinz auf seinem Pferde So jung, so schlank, – und dann sind wir auch stolz, dass unser Oberst ist der Sohn –

Metternich: (flink) Gut, schon gut. Doch sag mir, warum rieft Ihr nicht: „Es lebe der Herzog von Reichstadt“. – Ruft sich das schwieriger?

Sergeant: (naiv) Ja –

Metternich: Wieso?

Sergeant: (versucht) Es – lebe – der – Herzog – von – Reichstadt – uff Das geht viel schwerer als: Es lebe

Metternich: (außer sich, ihn hinausweisend)Hinaus mit dir,

Tiburce: (zum Soldaten, als er bei ihm vorbeigeht) Idiot!

Siebte Szene

Marie Luise: (zu den Damen, die sie umgeben) Es geht mir besser. Danke.

Therese: (betrachtet sie traurig)   Die Kaiserin!

Marie Luise: (zu Dieterichstein, auf Therese zeigend), vorstellend) Herr Dieterichstein, Erzieher meines Franz -Therese von Lorget, Vorleserin Für meine alten Tage – Lesen Sie auch klar und deutlich und mit richtiger- Betonung?

Tiburce: (für sie antwortend) 0 gewiss –

Therese: (bescheiden) Ich weiß es nicht.

Marie Luise: So nehmen Sie vom Tische da ein Buch – Schlagen Sie auf – und lesen Sie – wir wollen ein wenig Ihrer Stimme lauschen –

Therese: (nimmt ein Buch) Andromache – (Tiefes Schweigen, Alles setzt sich, um zu­zuhören. Sie liest): Warum ist denn ihr Herz mit Furcht ge­schlagen? Ist ein Trojaner euch entflohn? Hektor ist tot. Doch hassen sie noch Hector in dem Sohn – (alles sieht sie an, sie fährt kalt fort) Und furchten ihn, das unglückselige Kind, Das noch nicht weiß, dass es der Sohn von Hektor – (Geflüster. Verlegenheit)

Gentz: Welch Wohllaut in der Stimme Marie Luise: (sich nervös fächelnd, zu Therese) Liebes Kind – Mal eine andre Seite

Therese: (öffnet das Buch an einer andren Stelle) Ach, ich weiß Den Tag wie heute noch, als Hektor zog Ins Feld, um nach Achilleus, ach Nach seinem Tod zu suchen. Er fragte nach dem Sohn (Die Gesichter verfinstern sich) und schloss ihn In die Arme. Geliebtes Weib, sprach er, die Tränen trocknend, Das Schicksal kenn ich nicht, das mir bestimmt. Ich laß Dir meinen Sohn – (Geflüster. Allgemeine Verlegenheit)

Marie Luise: (mehr und mehr geniert) Ein andres Buch Vielleicht -Therese: (nimmt ein andres Buch vom Tisch) Von Lamartine: Betrachtungen.

Marie Luise: (beruhigt) Ich kenn den Dichter. Ein famoser Mensch. Er hat bei uns diniert (entzückt) als Attache.

Therese: (liest) Die Engel sangen niemals holdre Chöre, Der Himmel troff vom Glanz der Melodien: Mut, Mut, du Kind aus göttlichem Ge­schlecht – (Im Moment, wo sie diesen „Vers spricht, er­scheint der Herzog in der Tür im Hintergrund. Therese fühlt, dass jemand eintritt, löst die Augen vom Buch, sieht den bleichen Her­zog, der unbeweglich auf der Schwelle steht. Sie erhebt sich verstört. Bei ihrer Bewegung erhebt sich alles und steht auf)

Achte Szene

Herzog:   Ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe –

Marie Luise: Wie war der Ritt?

Herzog: (kommt nach vorn. Er ist im Reitkostüm, die Reitpeitsche in der Hand, sehr elegant, eine Blume im Knopfloch, er lächelt nie) – Die Luft war äußerst mild. (wendet sich an Therese) Bei welchem Vers, mein Fräulein, hielten Sie?

Therese: (zögert einen Moment, den Vers zu wiederho­len, dann, den Herzog tief bewegt anblickend Mut, Mut, du Kind aus göttlichem Geschlecht, Du trägst auf deiner Stirn das Himmelszeichen und jeder, der dich sieht –

Marie Luise: (sich erhebend, trocken) Schon gut, genug

Erzherzogin: (zu den Kindern, zeigt auf den Herzog) Sagt eurem Vetter guten Tag! – (Die Kinder gehen zum Herzog, der sich ge­setzt hat, und umringen ihn. Ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge klettern ihm auf die Knie) –

Erzherzogin: (zum Herzog, sich über die Stuhllehne beugend) Ich freue mich, dich zu sehn. Ich bin dir gut! (Sie streckt ihm die Hand hin)

Herzog:   (ihr die Hand küssend). Ich dir nicht minder-

Gentz: (zu Therese, die den Prinzen nicht aus den Augen lässt) Wie gefällt er Ihnen mit seinem bleichen Engelsangesicht? Er liest im Bette heimlich Werthers leiden – (Die Kinder, um den Herzog, bewundern die Eleganz ihres großen Vetters, spielen mit seiner Kette, den Berlockes, betrachten seine hohe Halsbinde)

Das kleine Mädchen: (auf seinen Knien, entzückt) Du trägst so hübsche Kragen!

Herzog:   (grüßend) Eure Hoheit sind äußerst gütig –

Ein kleiner Junge: (hat die Reitpeitsche des Herzogs genommen und lässt sie durch die Luft sausen) Niemand hat eine solche Peitsche

Herzog:   (ernst) Niemand.

Dass kleine Mädchen: (berührt die Handschuhe, die der Herzog ausgezogen und auf den Tisch gewor­fen hat) Der Handschuh!

Herzog: Stoff, Schnitt, Farbe comme il faut – (In diesem Augenblick bricht Therese in Schluchzen aus).

Die Damen: (um sie bemüht) Gott – was hat sie nur?

Theresa: Ich habe Heimweh …

Marie Luisa: (nähert sich ihr, mit laut betontem Mittgefühl) Armes Hascherl!

Herzog: (Ist einige Schritte gegangen, als ob er die Weinende nicht bemerkt hätte, bleibt stehen, stößt mit dem Fuß an etwas auf dem Teppich. Er beugt sich und hebt es auf) Ich trat … auf eine weiße Hutkokarde.

Metternich: (tritt verlegen vor) So so

Herzog:   (sucht einen Moment mit den Augen, entdeckt den französischen Attache) – Ihr Hut, mein Herr! Sie haben sie verloren – (Der Attache zeigt ihm seinen Hut. Der Her­zog bemerkt die dreifarbige Kokarde) So so   (zu Metternich) – Das wüsst ich nicht – (Er hat den Hut des Attachés genommen und hält auf dem schwarzen Filz die beiden Kokarden zusammen: entfernt den Hut, neigt den Kopf prüfend zur Seite …) Wenn ich … ein wenig nur … die Augen schließe … So muss ich sagen … unverbindlich … gleichsam aus rein ästhetischem Gefühl heraus … dass mir (er zeigt auf die Trikolore) die da entschieden mehr gefällt -(Er wirft die weiße Kokarde auf den Boden und geht gleichgültig weiter. – )

Gentz:     (hat sich dem Herzog genähert, präsentiert ihm eine Bonbonniere) Ein Bonbon gefällig?

Herzog:   (nimmt und kostet) Ach! Köstlich!

Gentz:   Ich sehe klarer hier als Metternich … Die Katzenzungen kann ich sehr empfehlen …

Herzog:   (stolz) Was sehen klarer Sie als Metternich?

Gentz:   Ich sehe einen jungen Prinzen, der anstatt das Leben zu genießen – leidet, Obwohl an diesem Hofe man versucht, ihn mit Musik und Liebe einzuschläfern. Sein Herz … zuckt. Seine Seele bäumt sich noch. Auch ich besaß einmal ein Herz. Das ist nun längst vorbei. Ich alterte erbärmlich. Und meine Ideale sind zum Teufel -Doch hab ich mich in Ihnen nicht getäuscht -Hoheit … Ihr Blick kann nie und nimmer lügen: Der Aar will sich sein Kaiserreich erfliegen –

Herzog:   Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen. (entfernt sich. Metternich tritt an Gentz heran)

Metternich: (zu Gentz lächelnd) Sie sprachen ihn?

Gentz: Er sprach mit mir

Metternich: Scharmant

Gentz:   Das ist er.

Metternich: Und ich hab ihn in der Hand.

Gentz:: Vollkommen.

Herzog: (ist zu Therese getreten, die in einer Ecke vor einem Tisch sitzt und in einem Buch blättert. Er betrachtet sie einen Augen­blick. Dann mit halber Stimme) Warum vorhin die Tränen?

Therese: (hat ihn nicht kommen sehen, erhebt sich verstört und ganz durcheinandergebracht) Weil … Hoheit …

Herzog: Still … ich weiß, warum Sie weinten. Weinen Sie nicht! – (Er entfernt sich schnell und stößt auf Metternich, der Hut und Handschuhe genommen hat, um zu gehen)

Metternich; (den Herzog grüßend) Gestatten Hoheit, dass ich mich entferne –

Herzog:   (antwortet nur durch ein Neigen des Kopfes. Metternich ab, Attache mit Ihm)

Lord Cowley: (kommt auf den Herzog zu) Hoheit

Dieterichstein: (leise zum Herzog) Huldvolle Äußerung!

Herzog: Wieso?

Dieterichstein: (leise zum Herzog) Es ist der Herr Gesandte Englands.

Lord Cowley: Sie waren ausgeritten? Darf man fragen, Woher Sie kommen?

Herzog: Aus Sankt Helena –

Lord Cowley: (bestürzt) Belieben?Herzog: ‚s ist ein hübscher, grüner Platz. Gesund. Ein wenig einsam. Zur Erholung geeignet. (grüßt, geht weiter)

Gentz: (lebhaft zum englischen Gesandten, während der Herzog sich entfernt) – Sankt Helena, so heißt ein kleiner Ort. Ganz reizend im Helenental gelegen.

Lord Cowley: Ein Stein in unserem Garten,

Gentz: Ja: ein Felsen. – Stimmen: (im Hintergrund) Man geht!

Erzherzogin: (zu Marie Luise) Luise, kommst Du mit?

Marie Luise: Nein, nein

Rufe: Die Wagen sind schon vorgefahren – (Abschied. Die ganze Gesellschaft lärmend ab)

Montenegro: (schon auf der Schwelle, trillernd) Ich weiß, wo man ein süffiges Weinchen schenkt – (seine Stimme verliert sich)

Stimmen: (draußen) Auf Wiedersehn!

Gentz: (auf dem Balkon, laut, die Hände am Mond) Und lasst die Hydra ruhn! – (Gelächter, Schellenklang der abfahrenden Wagen) – (zu Tiburce. der sich verabschiedet)

Therese: Adieu!

Tiburce: (küsst sie auf die Stirn) Adieu. – (Er verneigt sich vor Marie Luise und geht mit Bombelles ab)

Marie Luise: (zu den Hofdamen, ihnen Therese anver­trauend) Nehmt Euch der Kleinen an! (Therese, von den Hofdamen begleitet, ab. Der Herzog hat sich gesetzt und blättert zerstreut in den Büchern auf dem Tisch. Marie Luise gibt lächelnd der Scarampi, die geblieben ist, ein Zeichen – dann geht sie auf den Herzog zu)

Neunte Szene 

Marie Luise: (zum Herzog) – Franz – (er wendet sich um) Ich will Dich erheitern!

Herzog: In der Tat? (Scarampi schließt sorgfältig die Türen)

Marie Luise: Ich hab ein Komplott gestiftet –

Herzog: (leuchtenden Auges) Du, ein Komplott?

Marie Luise: Ein ganz unheimliches – Du darfst uns nicht verraten …

Herzog: Niemals –

Marie Luise: Weil man uns alles, was aus Frankreich kommt, verbot, Ließ heimlich aus Paris ich – Kleider kommen – (gibt Ihm einen zärtlichen Wangenklaps) Da wirst Du staunen – einfach   himmlisch – einen Schneider für Dich – und eine Schneiderin für uns. Wie findest Du die Idee?

Herzog: (eisig) Unübertrefflich –

Scarampi: (öffnet die Tür zu dem Appartement Marie Luisens) Herein! – (Eintreten eine junge Dame – Mannequineleganz – die große Kartons mit Roben und Hüten trägt, dann ein junger Mann, geklei­det wie ein Modebild Ton 1850: die Arme beladen mit zusammengefalteten Kleidern und Schachteln. Der Schneider tritt auf den Herzog zu, während im Hintergrund die Schneiderin die Hoben auf einem Kanapee ausbreitet. Nach einer tiefen Verbeugung kniet er schnell nieder, öffnet die Schach­teln, knüpft Pakete auf, glättet Halsbin­den, entfaltet Anzüge)

Schneider: Geruhn Hoheit einen Blick zu werfen -Wir führen nur die letzten Nouveautes … Und liefern nur an allerfeinste Kreise … Zuerst die Binden, Schärpen und Krawatten .. Ein schmachtend Violett … ein ernstes Braun … Ein fast verliebtes rouge … ein sanftes bleu … Man trägt nur Seide .selbstverständlich., (betrachtet des Herzogs Halsbinde) Prinz Knüpfen den Knoten äußerst elegant. Der Knoten ist vollkommen. Er wirkt exquisit. (vorlegend) Das neueste Blumenmuster …

Herzog: – Einfach scheußlich.

Schneider: (fährt fort, alles auf dem Teppich aus­zubreiten) Lässt diese Weste Sie ganz kalt?

Herzog: Eiskalt.

Schneider: Hier ein Gedicht von Frack: auf schwar­zer Seide. Ein blauer Frack, die Hose weiß, entspre­chend, Kokett, leicht, echt französisch. Facon: Garde. – Der Schnürrock hier: ein wenig übertrieben – Er würde Euer Hoheit weniger stehn – Taille ist alles!

Marie Luise: (die neben dem Herzog stehen geblieben, sieht, dass er erbleicht und die Augen ins Leere schickt, als ob er nicht mehr zuhöre, zum Schneider) Ihr Geschwätz ist nichts. Sie machen mir den Herzog ganz nervös.

Marie Luise: (geht zu Scarampi und zur Schneiderin) Wie steht‘s mit uns? Puffärmel?

Schneiderin: Parfaitement.

Schneider: (zum Herzog, zeigt ihm Stoffproben, auf Karton geklebt) Wir sind ein Atelier von erstem Hange … Kaschmir … Marengo …

Herzog: Wie? Marengo?

Schneider: (reibt das Stück zwischen seinen Fingern) Wolle so fest wie Leder. Unverwüstlich.

Herzog: Stimmt. Marengo … ist ein dauerhafter Stoff.

Schneider: Darf ich notieren?

Herzog: Ich würde vorzieh‘n, selbst zu kombinieren –

Schneider: Nach eigener Phantasie? Ganz nach Befehl!

Schneiderin: (im Hintergrund, riesengroße Hüte an­preisend, die Marie Luise vor dem Spiegel probiert) Feinstes Stroh! Garniert! Das ist ein Hut von höchster Eleganz!

Herzog: (träumend) Sie können also …?

Schneider: (eifrig) Alles, was Sie wünschen

Herzog: Zum Beispiel einen Rock

Schneider: Gewiss

Herzog: Aus Tuch – Ganz simpel –

Schneider: simpel –

Herzog; – eine Farbe. Was halten Sie von grün?

Schneider: – Grün ist vortrefflich.

Herzog: (träumerisch) Ein kleiner grüner Rock – dazu die Weste –

Schneider: (sich notierend) Natürlich offen –

Herzog: und der Aufschlag rot. Was halten Sie von roten Streifen?

Schneider: (einen Moment erstaunt) Rot?

Herzog: Und die Weste: Die Weste soll ganz weiß sein.

Schneider: Der Geschmack von Eurer Hoheit ist bewunderungswert.

Herzog: Die Hose – kurz.

Schneider: Die Farbe?

Herzog: Weiß. Aus feinster Seide.

Schneider: Weiß: das kleidet immer.

Herzog: Gravierte Knöpfe –

Schneider: Das ist ungewöhnlich –

Herzog: Und die Gravierung: kleine Adler –

Schneider: (begreift plötzlich, welchen grünen Rock der Herzog sich bestellt, erbebt, mit halb erstickter Stimme) Adler?

Herzog: (den Ton ändernd, brüsk) Was ist? Was zittert Ihre Hand? Ist denn der Rock, den ich bestellt, so etwas ganz besondres? Vermessen Sie sich noch, den Rock zu ferti­gen?

Schneiderin: (im Hintergrund) Kabrioletthut! Und mit Mohn garniert!

Herzog: (mit einer melancholischen Geste) Glauben Sie? Dass er mir passen würde?

Schneider: (fällt plötzlich aus seinem Ton als Mode­künstler) Er würde Ihnen prächtig stehn. – Ich habe Vollmacht, die Befehle Eurer Hoheit entgegen zu nehmen

Herzog: So? (Schweigen, sie sehen einander in die Augen)

Schneider: Ja!

Schneiderin: (im Hintergrund, Marie Luise einen Man­tel anprobierend, die sich im Spiegel be­trachtet ) Gebauschter Mandarinenmantel. Ärmel wie Elefantenohren. Der Revers bestickt.

Schneider: (leise und schnell, auf eines der Kleider weisend) Der Gehrock dort hat unterm Kragen eine ganze Liste Verschworner: Generäle, Deputierter …

Schneiderin: (im Hintergrund) Spenzer aus Musselin.

Schneider: Sie müssen fliehn – mit unsrer Hilfe –

Herzog: (kalt) Nein –

Schneider: (lächelnd) Sie zweifeln immer noch an meiner Sendung. Ich an der Ihren nicht. Doch darf ich Sie An eine Ihrer Basen erinnern: An die Komtesse Comerata

Herzog: Wie?

Schneider: Amazone. Stolz auf ihren Namen, auf ihre Rasse: Bonaparte. Ficht Florett. Zähmt wilde Pferde. Konspiriert. Sucht die Gefahr. .

Schneiderin: (im Hintergrund) Die Jacke steht char­mant zu Ihrem Haar!

Schneider: Sie leitet das Komplott mit Leiden­schaft.

Herzog: (zögert noch) Und der Beweis?

Schneider: So wenden Sie den Kopf. Betrachten Sie das Fräulein, das dort kniet.

Herzog: (hat den Kopf gewandt. Seine Augen treffen sich mit denen der Schneiderin, die ihn heimlich ansieht) Wir ähneln uns … s‘’ist eine Bonaparte … Nur bin ich blond – und sie ist schwarz wie er …

Marie Luise: (geht zu ihrem Appartement, zur Schneiderin) Probieren wir bei mir … ’s ist ungeniert. – (zu ihrem Sohn., enthusiastisch) Nur in Paris versteht man, sich zu kleiden.

Herzog: Gewiss, Mama.

(Marie Luise, Scarampi und das Fräulein treten in die Gemächer Marie Luises. Die Roben, die probiert werden sollen, nehmen sie mit)

Zehnte Szene

Herzog: (wendet sich begierig an den .jungen Mann, sobald sich die Tür schließt) Und Sie – wer sind denn Sie?

Der junge Mann: (romantisch) Anonymus. Die Jugend, das bin ich. Und ich bin sie. Eebell, Verschwörer, Künstler, Abenteurer. Den König hass ich wie die Pestilenz. Der Freiheit bin beflissen ich, zu dienen. Mein Herz und meine Faust gehören Ihnen. Herzog: Gib mir die Hand, gib deine Hand mir, Freund – Ich bin ein junger Baum, den man verpflanzt, Und der den Saft der Heimat in sich trägt. Er spürt es, wenn daheim der Sturmwind rauscht. Und wenn die fernen Brüder leiden, leidet Auch er.

Der junge Mann: Durch Ihren Schmerz wird unser Schmerz erhöht. Erhöht, vertieft, geadelt – wechselseitig Fließt unser Blut so ineinander über. -(In diesem Augenblick öffnet sich die Tür zu dem Appartement der Marie Luise und die Komtesse Camerata tritt ein, indem sie tut, als ob sie etwas suche)

Komtesse: (mit sehr lauter Stimme) Pardon! Die Schärpe? (leise) Sie kauft wie verrückt. 

Herzog: (mit halber Stimme, schnell) Dank!

Komtesse: (ebenso) Lieber würde Schwerter ich ver­kaufen. Es strengt sehr an, den Mannequin zu spielen.

Marie Luise: (drinnen) Die Schärpe!

Komtesse: (laut) Wie verhext: Ich find sie nicht –

Herzog: Sie sind bereit zu allem?

Komtesse: (ruft gegen die halbgeöffnete Tür) Ich such sie überall (leise zum Herzog) Bereit, zu streiten, Zu kämpfen für Napoleon den Zweiten – Ich habe einen schönen Namen – Napoleone –

Scarampi: (draußen) Nun, gefunden?

Komtesse: (laut) Nein

Marie Luise: (ungeduldig) Auf dem Klavier!

Komtesse: (schnell, leise, vom Herzog wegtretend) Ich ziehe mich zurück. Besprecht die Einzelheiten unsres Planes. (stößt einen Schrei aus, als ob sie die Schär­pe fände, die sie aus ihrer Corsage zieht, wo sie sie verborgen hatte) Ach, endlich!

Scarampi: Haben Sie sie?

Komtesse: Auf dem Klavier! (tritt in das Zimmer mit den Worten) Die Schärpe faltet man in dieser Art – (Die Tür schließt sich)

Der junge Mann: (heftig zum Herzog) Sie nehmen an?

Herzog: Nein.

Jung. Mann: Wie?

Herzog: Sie waren, als Sie sprachen, unterhaltend, Doch Frankreichs Stimme sprach aus Ihnen nicht.

Jung. Mann: (untröstlich) Wenn die Komtess mit Ihnen sprechen könnte –

Herzog: Ich danke. Nein. Ich liebe ihre Kühnheit. Doch ist sie allzu nah mit mir verwandt: Meine Kusine – nicht mein Vaterland -Später. Ein andermal. Wenn aus der Stimme. Die hier ertönt, ein Chor von Stimmen bricht, Mit dem mein Volk mich zu sich ruft, Ich brauche Zeit und Zeit und nichts als Zeit: Zum Herrn und Herrscher bin ich nicht bereit.

Elfte Szene

Komtesse: (die von Marie Luise kommt und die letz­ten Worte hört, ergriffen) – Sie nicht bereit? (Sie wendet sich um und spricht lebhaft durch die halboffene Tür zu Marie Luise und Scarampi, die unsichtbar bleiben). Das weiße für den Ball heut Abend, nicht das Gelbe – (schließt die Tür, auf den Herzog zu)   Nicht bereit? Was wollen Sie denn noch?

Herzog: Ein Jahr der Ruhe, ein ganzes Jahr zur Arbeit an mir selbst.

Komtesse: (wild) Die Kunst zu herrschen lernt man auf dem Thron –

Der junge Mann: (verzweifelt) Dies Nein wird zu Gerüchten Anlass geben –

Komtesse: Und es wird heißen, dass Sie auf den Thron, auf uns und auf ein menschenwürdiges Sein verzichten –

Der junge Mann: Dass man beim Unterricht Sie täuscht

Komtesse: Belügt – Dass Sie nicht wissen, wer Ihr Vater war –

Herzog: (aufspringend) Das sagt man, das?

Der junge Mann: Was soll ich allen sagen? (heftig) Sagt Ihnen – (In diesem Moment öffnet sich eine Tür. Dieterichstein erscheint. Der Herzog sich an ihn wendend, sehr natürlich)

Herzog: Lieber Graf?

Dieterichstein: ’s ist Baron Obenaus.

Herzog: Er kommt zur Stunde. Er trete ein! – (Dieterichstein ab. Der Herzog zeigt dem jungen Mann und der Komtesse die herumliegenden Kleider) – Kramt Euer Zeug zusammen Verhaltet in der Ecke Euch recht ruhig – (Dieterichstein kommt mit Obenaus zurück, Herzog zu Obenaua) Wie geht’s, Baron? (Nachlässig zur Komtesse und zum jungen Mann, auf einen Paravent deutend) Macht Euch dahinter fertig! (zu Obenaus) Mein Schneider!

Obenaus: Ach!

Herzog: Und Mamas Schneiderin.

Obenaus: So so

Herzog: Die Leute stören Sie?

Obenaus: (mit Dieterichstein sich an den Tisch setzend) 0 ganz und gar nicht.

Zwölfte Szene 

(Hinter dem Paravent schnüren die Komtesse und der junge Mann schweigend ihre Pakete. Sie lauschen)

Herzog: (setzt sich seinen Lehrern gegenüber) Nun, meine Herrn – mein Bleistift ist gespitzt, und mein Verstand geschärft. Ich bin bereit, Gedanken, Datum, Faktum zu notieren.

Obenaus: Wir fahren fort, dort wo wir aufgehört: Beim Jahre 1805. 

Herzog: (Bleistift spitzend) Sehr richtig.

Obenaus: Im Jahre 1806 …

Herzog: So gab es nichts Bemerkenswertes im vergangenen Jahr?

Obenaus: In welchem Jahr?

Herzog: (bläst den Bleistiftstaub vom Papier) Nun – 1805 –

Obenaus: Doch, Hoheit, eins vergaß ich in der Eile: Der gregorianische Kalender wurde Gesetzlich wieder eingeführt …

Herzog: (leise) Und der Kaiser?

Obenaus: Der Kaiser? Welcher Kaiser?

Herzog: .Nun: mein Vater –

Obenaus: (ausweichend) Er –

Dieterichstein: (lebhaft) Ihn interessierte Bayern

Obenaus: (will fortfahren) In Preßburg kam es zum Vertrag, in dem Habsburg mit Ihrem Vater sich … verständigte

Herzog: Was ist das: Der Vertrag von Preßburg?

Obenaus: (doktoral unbestimmt) Gleichsam der Schlusspunkt unter eine Periode.

Herzog: Aha! (seinen Bleistift betrachtend) Ich hab1 die Spitze abgebrochen –

Obenaus: Im Jahre achtzehnhundertsieben

Herzog: Schon? (er spitzt ruhig wieder seinen Bleistift an) Das geht ja im Galopp. Die Zeit, sie rast – und nichts ereignet sich

Obenaus: Doch, Hoheit, doch: Das Haus Braganza –

Herzog: (immer sanfter) Und der Kaiser?

Obenaus: Welcher?

Herzog: Von Frankreich der –

Obenaus: Nichts Wichtiges bis 1808. Nur der Vertrag von Tilsit sei erwähne.

Herzog: (harmlos) So gibt es nur Verträge zu er­wähnen?

Obenaus: (will fortfahren) Europa 

Herzog: Ach! Sie resümieren schon!

Obenaus: Ich referiere nur –

Herzog: Es gab noch anderes —

Obenaus: Aber –

Herzog: Und was?

Obenaus: Ich –

Herzog: Also bitte: was?

Obenaus: (stotternd) Ich – weiß … nicht … Hoheit … scherzen …

Herzog: So, ich scherze? Ich will es Ihnen sagen – (steht auf) Am 6. Oktober des Jahres achtzehnhundertfünf

Dieterichstein u. Obenaus: (springen auf)   Was? Wie?

Herzog:   Als niemand sich’s versah, in dem Moment, als Wien sich tröstete: es geht auf London – Hob in Paris der Adler seine Schwingen, Flog über Straßburg, überflog den Rhein -Der Kaiser

Obenaus: Kaiser —

Herzog: Und Sie wissen welcher! Der Kaiser stürmt durch Württemberg und Baden –

Dieterichstein:   Ich bin perplex –

Herzog:   Bei Merlingen und Augsburg siegen seine Marschälle zweimal oder dreimal. Vorspiel!

Obenaus: Hoheit –

Herzog: Es geht exakt wie im Manöver zu. Er ist vor Ulm, eh man es sich gedacht. Befiehlt, dass Marschall Ney Elchingen packe. Am siebzehnten Oktober übergeben Sich siebenundzwanzigtausend Österreicher Und achtzehn Generäle. Er zieht ab.

Dieterichstein: Prinz.

Herzog:   (mit einer Stimme, die anschwillt) Und zieht nach Wien. November. Und bezieht das Schloss Schönbrunn und schläft – in mei­nem Zimmer! 

Obenaus: Mein Gott!

Herzog: Er hat den Feind in seiner Hand. Bei Austerlitz. Und eines Abends Die Parole „Morgen“ – Morgens Ritt er die Front der Braven ab: ein Fleck, Ein grauer Fleck im bunten Generalstab. Das Heer wogt wie das Meer. Die Sonne steigt. Er sieht vom Hügel lächelnd sie sich rot erheben Und schenkt ihr der Geschichte ewiges Leben – Von den Fahnen, die erbeutet wurden, fielen acht Paris zu – (Die Komtesse ist allmählich hinter dem Paravent vorgetreten: bleich und bebend. Die Pakete sind fertig, sie bemühen sich, auf Fußspitzen die Tür zu gewinnen, immer dem Herzog zuhörend. In ihrer Erregung entgleiten die Büchsen und Kartons ihren Händen und rollen lärmend über den Boden)

Obenaus: (wendet sich um, bemerkt sie) Mein Gott!

Herzog: Und fünfzig kriegte der Senat.

Obenaus: Sie hörten alles –

Dieterichstein: (stürzt auf sie zu) Wollt Ihr wohl hinaus!

Herzog:   (mit donnernder Stimme) Und fünfzig brachte man nach Notre Dame.

Obenaus: Was soll man davon halten –

Herzog: (außer sich, mit Geste, die tausend Standarten verteilt)     Fahnen – Fahnen!

Dieterichstein: (stößt den jungen Mann und die Komtesse, die ihre Pakete aufheben) Kleider! Hüte! (stößt sie hinaus) Vorwärts! Los! Eilt Euch!

Herzog:   (fällt erschöpft in einen Stuhl) Fahnen! Fahnen! – (Die Komtesse und der junge Mann sind abge­gangen)

Dieterichstein: Die beiden haben alles angehört –

Herzog: (in einem Hustenanfall) Fahnen!

Dieterichstein: Entsetzlich!

Herzog: (nach einem Schluck Wasser) In der Geschichte kenne ich mich aus – Nicht wahr?

Dieterichstein: Kein Buch kam hier herein – ich schwör es —

Obenaus: Wenn Metternich das wüsste!

Herzog: (kalt) schweigen Sie – Sonst hält er sich an Sie –

Dieterichstein: (leise zu Obenaus) Wir müssen schweigen -Doch seine Mutter soll es wissen – (Er klopft an die Tür Marie Luises) Majestät?

Scarampi: (erscheint) Treten Sie ein –

(Dieterichstein tritt bei Marie Luise ein. Die Nacht steigt auf. Ein Lakai bringt die Lampe für den Tisch des Herzogs)

Obenaus: (hebt die Arme zum Himmel) Woher kam Ihnen diese Weisheit? Herr im Himmel, Ich kann es nicht begreifen.

Dreizehnte Szene

(Marie Luise tritt aufgeregt ein: sie trägt eine herrliche Balltoilette, einen Mantel über den Schultern. Obenaus und Dieterich­stein hintenherum ab)

Marie Luise: Mein Gott, was gibt‘s, was muss ich da erfahren?

Herzog: (zeigt durch das offne Fenster in die Dämmerung,). Mutter, schau: wie schön die Dämmerung! Die Stunde des Verzichts, der Ruhe und des Friedens.

Marie Luise: Willst Du mir nun erklären

Herzog: Atme Den Duft der Linden und Kastanien ein!

Marie Luise: (ärgerlich) Willst Du nun —

Herzog: Ein jeder Hauch bringt einen Zweig. Der Wald fliegt in mein Zimmer –

Marie Luise: (ihn verdutzt betrachtend) Wie poetisch! Ja, bist Du denn ein Dichter?

Herzog: Vielleicht – (man hört die ferne Musik eines Balles) Ein Walzer – und banal – so könnt man meinen, Doch adelt ihn sein Rhythmus und der Weg, Den er verklingend durch die Wälder nimmt.

Marie Luise: (traut ihren Ohren nicht) Du liebst auch die Musik?

Herzog: Ja, – wenn ich will. Doch will ich meistens nicht. Ich hasse das Mysterium der Töne. Ich fühl an einem schönen Abend schrecklich Wie etwas Blondes in das Herz mir schleicht –

Marie Luise: Das Blonde, das bin ich – Du hassest es?

Herzog: Ich liebe Dich

Marie Luise: (gut gelaunt) Mein Franz, Du tust mir Unrecht. Oft. Und weißt es nicht. Großpapa Franz und Metternich: sie wollten Dir nur den Grafentitel geben – aber ich, Ich hab es durchgesetzt, dass man zum Herzog Dich krönte: Herzog Franz von Reichstadt –

Herzog: Herzog! Haha! Pardon!

Marie Luise: Du bist der erste nach den Erzherzögen. Und wenn Du eines Tages Dich vermählst mit einem Mädchen königlichen Blutes (sich aufrichtend) Das königliche Blut hast du von mir —

Herzog: Ich habe königliches Blut nicht nötig –

Marie Luise: In Deinen Adern rollt das stolze Blut (indigniert) des fünften Karl –

Herzog: Es rollt in andern auch: (immer erregter) In mir allein jedoch des Korsen Blut! (hohnlächelnd)

Metternich wollt dem Buche meines Lebens Den Titel: Herzog Franz von Reichstädt geben. Ich streich es durch und schreib die Überschrift Napoleon!

Marie Luise: (weicht erschreckt zurück) Was sagst Du da?

Herzog: (geht auf sie zu) Reichstadt? Du sagtest Reichstadt? Nein nein nein nein nein. Und willst Du meinen wahren Namen wissen: Ich hör ihn oft im Prater von der Menge: Der kleine Bonaparte – (Er hat sie bei den Händen ergriffen und schüttelt sie) Ich bin sein Sohn! Sein Sohn! Und weiter nichts!

Marie Luise: Du tust mir weh –

Herzog: (lässt die Hände los, schließt sie in die Arme) Verzeih mir tausendmal, Mutter, Du bist ja meine Mutter – (mit dem zärtlichsten und schmerzlichsten Mitleid) Geh zum Ball!

(Man hört fern leises Orchester) Vergiss, was ich geschwätzt. Ich delirierte. Du weißt ja, dass ich manchmal fiebre. Sprich zu Metternich von meinem Anfall nicht. Gut Nacht! Du musst zum Ball! Und sieh Dich vor, Dass Du Dir Deine Schuh nicht ruinierst Im feuchten Gras, (küsst sie auf die Stirn) Du, die Frisur steht Dir ganz reizend —

Marie Luise: (lebhaft) Findest Du?

Herzog: Der Wagen Ist unten. Amüsier Dich gut. Gut Nacht! – (Marie Luise ab. – Er schwankt nach vorn und fällt vor seinem Tisch nieder, den Kopf in den Händen) – 0 meine arme Mutter! (wechselt den Ton, zieht Bücher und Papiere zu sich heran, unter die Lampe) – An die Arbeit! (Man hört das Rollen eines Wagens, der sich entfernt. Die Tür im Hintergrund öffnet sich geheimnisvoll von neuem und man be­merkt Gentz, der eine eingemummelte Frau hineinführt)

Vierzehnte Szene 

Gentz: (mit halber Stimme, nachdem er gelauscht hat) Der Wagen ist schon fort. (ruft den Herzog an) Hoheit

Herzog: (wendet sich um, bemerkt Fanny) Ah – Fanny!

Fanny Elßler: (wirft den Mantel ab, den sie in aller Eile über ihr Theaterkostüm geworfen hat. Sie steht, rosig und strahlend. Im Ballettkostüm als Tänzerin auf den Fußspitzen und öffnet die Arme)   Franz!

Gentz: (beiseite, zieht sich zurück) Der Traum vom Kaiserreich Ist ausge­träumt –

Fanny: (in den Armen des Herzogs) Franz! Franz!

Gentz: (ab) Erledigt!

Fanny: (verliebt) Lieber Franz! (Die Tür schließt sich hinter Gentz. Fanny tritt sofort in. respektvolle Entfernung vom Herzog, nach einem tiefen Knix) Hoheit!

Herzog: (hat sich vom Abtreten Gentzens überzeugt) Der Kerl ist weg, (zu Fanny) Schnell an die Arbeit! – (kommt nach einer Pirouette mit einem gra­ziösen Sprung auf den Arbeitstisch des Her­zogs zu sitzen)

Fanny:   Ich hab für heute viel gelernt –

Herzog: (setzt sich an den Tisch, ungeduldig) Anfangen!

Fanny: (legt ihre Hand auf die Haare des Herzogs, und langsam, ihre hübschen Augenbrauen zusammenziehend, indem sie sich all der schwie­rigen Sachen erinnert, die sie für den Herzog auswendig gelernt, beginnt sie, im Tone je­mandes, der in einer begonnenen Erzählung fortfährt) – … Oudinot hält die Garde noch zurück –

Herzog: (wiederholt den Namen, um ihn seinem Gedächtnis einzuprägen)   Oudinot –

Fanny: Macdonald naht

Herzog: Macdonald

Fanny:   In einer rumpligen Kalesche jagt Massena trotz Verwundung auf das Schlachtfeld.

Herzog: Massena –

Fanny: rasselnde Batterien. Es dröhnt die Ebene Wagrams von dem Donner Der Feldgeschütze und Haubitzen –

Herzog; Wagram.

Fanny:   Der Kaiser –

Herzog: (erregt aufspringend) Und der Kaiser?

Fanny: Siegt!

Herzog: Siegt! Siegt!

Vorhang

Zweiter Akt

Der Aar regt seine Schwingen.

 Ein Jahr später, im Palais von Schönbrunn. Der Salon der Lackarbeiten. Alle Mauern sind mit antiken Lack­arbeiten bedeckt, deren glänzende, schwarze Flächen kleine Landschaften, Pagoden, „Vögel und Goldfiguren zeigen. Holzgeschnitzte, vergoldete Bahnen im Stil eines schweren und üppigen deutschen Rokoko umrah­men sie. Das Gesims der Decke besteht aus kleinen Lackplatten. Die Türen sind lackiert, die Fenster­schäfte sind aus besonders kostbarer Lackarbeit. Im Hintergrund zwischen zwei Lackflächen ein hohes Fen­ster in tiefer Lacknische. Es lässt geöffnet einen Balkon sehen, von dem gegen den hellen Park sich ein schmiedeeiserner Doppeladler schwarz abhebt. Man sieht weit in den Park von Schönbrunn: zwischen zwei Mauern aus gestutztem Laubwerk, in dem Statuen aufleuchten, ziehen sich Blumenbeete im französi­schen Stil. In der Ferne, hinter den Blumenanlagen und einer Marmorgruppe, die an einem Wasserbecken lagert, steigt auf einer rasenbestandenen Anhöhe die Gloriette mit ihren weißen Säulen in den blauen Himmel. 

Zwei Türen rechts. Zwei Türen links. 

Zwischen den Türen, einander gegenüber, zwei schwere Konsols. Über den Konsols, in goldnen, mit der kaiserlichen Krone geschmückten Bahnen, zwei stolze Portraits ehemaliger österreichischer Kaiser.  

Der Salon ist das Empfangszimmer des Herzogs von Reichstadt, der diesen Flügel des Schlosses be­wohnt. Die zwei linken Türen führen in sein Zimmer – es ist das gleiche, das Napoleon während seines zweimaligen Aufenthaltes in Schönbrunn bewohnte. Die zwei Türen rechts führen auf eine Flucht von Zimmern, die man durchschreiten muss, um hinauszugelan­gen. 

Der Herzog hat sich hier sein Arbeitszimmer eingerichtet. 

Der große Tisch ist mit Büchern bedeckt, Papie­ren und Plänen. Eine riesige Karte von Europa zur Hälfte aufgerollt. Um den Tisch mehrere Sessel, aus dem benachbarten Gobelinzimmer entliehen, mittelmä­ßige, vergoldete Holzmöbel, mit kostbaren Gobelins bespannt. Links im Vordergrund, schief gestellt, ein großer Toilettenspiegel, an dem man nur die schwarz­lackierte Rückwand sieht. 

Auf der linken Konsole, sorgfältig aufgestellt: eine französische Grenadiermütze, ein paar rote Epauletten, ein Säbel, eine Patronentasche usw. An die Mauer gestützt, gegen die Konsole, ein altes Gewehr mit weißem Riemen und aufgepflanztem Bajonett. Auf der rechten Konsole nichts. 

In einer Ecke, auf einem Stück Möbel, eine gro­ße Büchse. Überall sonst sind Bücher, kostbare Waffen, Reitpeitschen, Jagdgeräte usw. verstreut. 

Wenn der Vorhang hochgeht, sieht man ein Dutzend Lakaien in einer Reihe vor dem Grafen Sedlnttzky aufgepflanzt. Er fragt sie aus. Neben ihm ein Polizei­agent .

Erste Szene 

Sedlnitzky: (im Sessel hingelümmelt) ’s ist alles?

Erster Lakai: Alles!

Sedlnitzky: Nichts besonderes?

Zweiter Lakai: Nichts –

Dritter Lakai: Er isst kaum

Vierter Lakai: liest im Bett

Fünfter Lakai: und schläft sehr schlecht.

Sedlnitzky: (zum Polizeibeamten) Der Kammerdiener hat man sich versichert? 

Poliz.-Beamter: Sind alles Polizisten von Beruf.

Sedlnitzky: Gut. (erhebt sich, um zu gehen) Ich will nicht, dass der Herzog mich hier trifft.

Erster Lakai: Der Prinz ritt aus.

Zweiter Lakai: Wie sonst

Dritter Lakai: In Uniform

Vierter Lakai: Mit seinem Stab.

Poliz.-Beamter: Man muss stets auf der Hut sein.

Sedlnitzky: Mit Vorsicht und mit Takt – er darf nicht merken, dass man ihn überwacht.

Poliz.-Beamter: Er merkt es nicht.

Sedlnitzky: Kein Übereifer. Blinder Eifer schadet – Horcht alle nicht zusammen an den Türen. Einer genügt.

Poliz.-Beamter: Der eine ist bestellt

Sedlnitzky: Wer?

Poliz.-Beamter: Der aus Piemont.

Sedlnitzky: Ein vifer Bursche.

Poliz.-Beamter: Sobald der Herzog abends in sein Zimmer tritt, bezieht er seine Wache. (Er weist nach links, auf die Tür zum Zimmer des Herzogs)

Sedlnitzky: Steckt er drin?

Poliz.-Beamter: Weil er die Nacht kein Äuge schlie­ßen kann, Schläft er am Tage, wenn der Prinz nicht da.

Sedlnitzky: (wirft einen Blick auf den Tisch) Und die Papiere?

Poliz.-Beamter: (lächelnd) Sind durchsucht.

Sedlnitzky: (sieht unter den Tisch) Der Korb? (Er kniet nieder, als er kleine Papierfet­zen auf dem Teppich sieht, neben den Papier­korb) Vielleicht ein Brief? (versucht die zerrissenen Stücke aneinanderzureihen) Von wem? (hingerissen von seiner professionellen Neu­gierde ist er plötzlich unterm Tisch, klaubt die Papierschnitzel zusammen und versucht, sie zu entziffern. In dem Moment öffnet sich rechts eine Tür und der Herzog tritt ein, gefolgt von seinem Stab; General Hartmann, Kapitän Foresti usw. Die Lakaien eiligst ab. Der Herzog ist in Uniform: weißer Waffenrock mit grünem Kragen, Silberstreifen an den Ärmeln, einen großen, weißen Mantel über den Schultern. Schwarzer Zweispitz, ein grünes Eichenblatt an der Krempe. Auf der Brust der Maria-Theresia- und der Stephansorden. Säbelkoppel und schwarzgelbe, breite Seidenbinde. Troddeln daran. Reitstiefel)

Zweite Szene

Herzog: (sehr obenhin, wirft einen Blick auf die zwei Beine, die unter dem Tisch hervorsehen) Wie geht‘s? Wie steht‘s? Herr von Sedlnitzky?

Sedlnitzky: (erscheint verdutzt auf allen Vieren) Hoheit.

Herzog: Sollt ich stören, so bitt ich um Verzeihung.

Sedlnitzky: (steht Jetzt) Hoheit haben mich gleich erkannt –

Herzog: Das war nicht schwer… (Er bemerkt die Erzherzogin, die rasch ein­tritt. Sie ist im Gartenkostüm: großer Stroh­hut, unter dem Arm ein luxuriös gebundenes Album, das sie mit dem Sonnenschirm auf den Tisch legt. Sie scheint beunruhigt. Der Her­zog, als er sie sieht, nervös) Man stört Dich – ohne Grund. 

Erzherzogin: (nimmt ihn bei der Hand)

Herzog: (sieht Dieterichstein, der ebenfalls rasch eintritt, mit besorgtem Gesicht, den Doktor Malfatti hinter sich herziehend)- Was? Der Arzt? Ich bin nicht krank – (zur Erzherzogin) Bin nur ein wenig heiser. Huste etwas. Hab mich bei der Parade überschrien: (zum Arzt, der, während er mit ihm spricht, ihm den Puls fühlt,) Doktor, Sie sind sehr fad. (zu Sedlnitzky, der bei dem allgemeinen Durcheinander heimlich verschwinden will) Sedlnitzky, sehr nett von Ihnen, in das Durcheinander meiner Papiere etwas Ordnung reinzubringen. Hübsch, dass Sie mir Ihre Freunde zur Verfügung stellen als – Lakaien –

Sedlnitzky: (perplex)   Hoheit glauben –

Herzog: (nonchalant) Überglücklich wär ich, versähen sie nur ihre Dienste besser. Nie glänzt der Lack an meinen Schuhen. (Er hat sich gesetzt, zieht seine Handschuhe aus, nachdem er Säbel und Hut seiner Ordon­nanz gegeben hat. Lakai hat ein Tablett mit Erfrischungen auf den Tisch gestellt)-

Erzherzogin: (will den Herzog bedienen) Franz –

Herzog: (zu Sedlnitzky, der wieder die Tür zu errei­chen sucht) Sedlnitzky! Sie nehmen nichts?

Sedlnitzky: Ich habe schon genommen…

Herzog: (zu einem seiner Stabsoffiziere) Foresti, mein. Befehl –

Kap. Foresti: (tritt vor und salutiert).‘ Herr Oberst –

Herzog: Übermorgen Geländeübung bei Großhofen .. – Früh fünf Uhr –

Foresti: Zu Befehl!

Herzog: (zu andern Offizieren) – Die Herren sind ent­lassen. – (Der Stab zieht sich zurück. Sedlnitzky will mit den Offizieren hinaussehlüpfen. Der Herzog ruft ihn zurück.) – Sedlnitzky! Lieber Graf! (Sedlnitzky kommt zurück. Der Herzog reicht ihm mit den Fingerspitzen einen Brief, den er aus seinem Frack zog.) Ein Brief, den Sie noch nicht gelesen haben! – (Sedlnitzky legt gekränkt den Brief auf den Tisch und geht)

Dieterichstein: (zum Herzog) Ich finde, Sie sind gar zu streng mit ihm!

Erzherzogin: (zu Dieterichstein) Hat nicht der Prinz die Freiheit, einen Laffen so zu behandeln, wie’s ihm passt?

Dieterichstein: Die Freiheit hat er wohl … Der Prinz ist kein Gefangner, aber –

Herzog: Aber! Wenn nicht das Wörtchen „aber“ war! Ich fände, dies „aber“ ganz entzückend – aber weil ich zu Aberglauben etwas neige, dass mir dies aber auf die Nerven fällt. Gefangner bin ich nicht – Aber ich glaube, geh ich allein im Park spazieren, ist Jedes Blatt am Baum ein Auge … Sicher: Gefangen bin ich nicht, will aber jemand Privat mich sprechen, wächst aus allen Wänden ein Ohr – wie eine riesige Morchel – aber gefangen bin ich nicht. – Gefangen bin ich. ganz bestimmt nicht – aber Ich lese erst als zweiter meine Post – Gefangner – nein – vor meiner Türe aber hockt nächtlich ein Lakai – (Er zeigt auf einen großen, grauhaarigen, verschmitzt grinsenden Burschen, der eben das Plateau holen kommt und quer durch den Salon geht) Der ist es! Ich, Franz, Herzog von Reichstadt, ein Gefan­gener? Nein, kein Gefangner – kein – Gefangner – aber

Dieterichstein: (ein wenig pikiert) Ich fand Sie selten derart aufgeräumt…

Herzog: Sehr selten – meistens räumt Sedlnitzky auf…

Dieterichstein: (grüßt, sich verabschiedend) Prinz!

Herzog: (würdig) Mein Titel: Hoheit!

Dieterichstein: Wie?

Herzog: Hoheit … huldvoll verlieh man diesen Titel mir … Vergessen Sie ihn künftig nicht. Adiö! – (Dieterichstein grüßt, ab)

Dritte Szene

Herzog: (zur Erzherzogin, bitter) Hoheit! Diesen erhabnen Titel zu vergessen … (Wirft sich in einen Sessel und bemerkt das Album, das sie vom Tisch wieder genommen hat) Was hast Du da?

Erzherzogin: Ich habe das Herbarium von Großpapa –

Herzog: Von Großpapa? Zum Kuckuck. (Er nimmt es ihr und öffnet es auf den Knien.)

Erzherzogin: Er hat mir’s diesen Vormittag geliehn – Du bist nervös – was fehlt Dir?

Herzog: Nichts – Doch fehlt Dir … jemand – Prokesch fehlt Dir sehr –

Erzherzogin: Er war zu nah mit Dir befreundet – darum hat man ihn in die Ferne fortgeschickt –

Herzog: Man bot mir als Ersatzfreund Marschall Marmont – aus Frankreich musst er fliehen vor der Schande, weil meinen Vater er verriet. Hier liebt man ihn – 

Erzherzogin: Wenn ich Dich bitt, mir etwas zu ver­sprechen, Wirst Du es halten?

Herzog: (ihr die Hand küssend) Ganz gewiss. Ich fühle mich Dir verpflichtet –

Erzherzogin: Zum fünfzehnten August schenk ich Dir wieder was von Deinem Vater.

Herzog: (erhebt sich und zeigt auf die Gegenstände, die auf einer Konsole links aufgestellt sind.) Ich freu mich über jedes einzelne (berührt sie nacheinander) Die Bärenmütze, die die Garde trug – Die Säbel – das Gewehr – Und dann – dann … (geheimnisvoll)… Das letzte Geschenk … Ich hab‘s versteckt

Erzherzogin: (lächelnd) Wo?

Herzog: (zeigt nach seinem Zimmer) Dort –

Erzherzogin: (sie hat Platz genommen und blättert im Herbarium) Versprich mir, Franz … Großpapa ist so gut … Er liebt Dich, Franz, er ist ein gütiger alter Herr. Er kann Dir nützlich, sein in Deinen Plänen

Herzog: Wollte er’s!

Erzherzogin: Versprich, Niemals zu fliehn, bevor Du nicht versuch­test, mit ihm Dich auszusprechen –

Herzog: (streckt ihr die Hand hin)   Ich versprech es

Erzherzogin: (schlägt ein, atmet erleichtert auf) (heiter) Belohnen will ich Dich für Deine Folgsamkeit.

Herzog: (lächelnd) Du?

Erzherzogin: Man hat Beziehungen …und Einfluss … Prokesch, den man Dir nahm … Ich bringe Ihn Dir wieder … (Sie klopft dreimal mit dem Sonnenschirm auf den Fußboden. Die Tür öffnet sich, Prokesch erscheint.) Da ist er –

Herzog: (will auf Prokesch zu) Prokesch – (Die beiden Freunde umarmen sich, die Erz­herzogin entfernt sich diskret.)

Vierte Szene 

Prokesch: (mit halber Stimme, sieht sich misstrauisch um) Man könnte lauschen –

Herzog: (ruhig, mit lauter Stimme) Seien Sie unbesorgt: man lauscht – Doch man schweigt.

Prokesch: Was   taten Sie das halbe Jahr?

Herzog: Ich raste.

Prokesch: (lebhaft) Und die Komtess? Nichts Neues?

Herzog: (verzweifelt) Vielleicht vergaß sie mich – vielleicht droht ihr Gefahr – 0 warum floh ich nicht vor einem Jahr -Ich wuchs – ich reifte – man vergaß mich –

Prokesch: (geht zum Balkon) Ich kenne Schönbrunn nicht.

Herzog: Zum Begraben.

Prokesch: (blickt hinaus) Hübsch, die Gloriette –

Herzog: Gloriette statt Glorie.

Prokesch: (kommt zurück) Der Park ist groß, Sie können darin reiten.

Herzog: Der Park ist viel zu klein zum Galoppieren

Prokesch: Und welchen Reitplatz wünschen Sie?

Herzog: Europa –

Prokesch: (will ihn beruhigen) Still!

Herzog: Wenn ich meine ruhmentflammte Stirn von der Geschichte heiligen Büchern hebe, Wenn ich vom Elefanten Hannibals, Ton Alexanders Berberhengst mich schwinge, Wenn ich aus Deiner Barke, Cäsar, springe, Von meinem Vater schluchzend Abschied nehme, Dann stürzt Schönbrunn vor meiner Tuba Schall –

Lakai: (erscheint links an der Tür) Hoheit befehlen welches Kleid zum Ball?

Herzog: (zu Prokesch) Das ist‘s … (zum Lakaien heftig) Ich geh nicht aus. (Der Lakai verschwindet)

Prokesch: (blättert in den Büchern auf dem Tisch) Sie dürfen alles lesen? (auf ein Buch zeigend) – Selbst dieses hier- „Des Kaisers Sohn“?

Herzog: Selbst das. Der Hass ist ungerecht. Das Buch behauptet, dass man mich hier vergiftet. Wozu noch Gift? Wozu die Melodramen? Ich starb an mir – und meinem großen Namen. (tritt ans Fenster) Ich wollte meinen Namen steil mit Blut Ins goldene Buch der Ewigkeiten schreiben: Nun press ich meine Stirn hier an die Scheiben, Und meine Augen wein ich blind vor Wut. – (Er sinkt in einen Stuhl, stützt die Ellenbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hände. Dann, mit schwerer Stimme) – Ich traue niemand – dürfte ich mir doch traun – (Er wirft auf Prokesch einen furchtsamen Blick) – Bin ich der schwache Sohn nur meines Vaters – Nahm er die ganze Größe des Geschlechtes vorweg – Fürst Metternich behauptet es. Prokesch – was halt ein Mann wie Sie von mir – Ist diese Stirne wert, gekrönt zu werden, Die bleiche Stirn des zweiten Bonaparte?

Prokesch: (bewegt) Mein Prinz –

Herzog: Antwort! Frei heraus: wer bin ich? Ist dieses Haupt zu schwach für eine Krone? Zu schwächlich für das Zepter diese Faust?

Prokesch: (ergreift ihn bei beiden Händen, ernst) Wenn alle Prinzen diese Skrupeln hätten, Und diese Ängste, diese Seelenqualen – Es gäbe nur bewundernswerte Könige –

Herzog: (umarmt ihn mit einem Freudenschrei) Dank, Prokesch, Freund. Dies Wort hat mich gestärkt! Jetzt an die Arbeit –

Fünfte Szene

.(Ein Lakai tritt ein, stellt auf den Tisch ein Tablett mit Briefen und geht ab. Es ist der gleiche, den der Herzog als seinen Wächter während der Nacht bezeichnet hat, der gleiche, den der Polizeiagent den Piemonteser genannt hat)

Prokesch: Der Kurier. Die Post. (zeigt auf die Briefe) Nicht wenig Briefe –

Herzog: Ja. Und nur von Frauen. Denn die allein passieren die Zensur…

Prokesch: Sie haben Glück bei Frauen –

Herzog: Glück im Unglück – Vielmehr das Unglück macht mein Glück. Sie haben Mitleid mit mir – (er nimmt einen Brief, den Prokesch ihm reicht, erbricht ihn) „In Ihrer Loge gestern im Theater -Wie bleich Sie waren – Ihre Stirn von Schmerzen zerrissen – “ (zerreißt den Brief) Gut – zerrissen -(nimmt einen andern, liest) „Sie zerreißen Das Herz mir – “ (zerreißt den Brief) Gut – zerrissen – (Prokesch reicht ihm einen dritten. Zerreißt, nimmt einen vierten) „Prinz, Ihre Unerfahrenheit und Jugend“ Das kommt aus einem Damenstift. (Zerreißt) Zerrissen .. (Die Tür öffnet sich, Therese tritt ein)

Therese: (schüchtern) Verzeihung –

Herzog: (wendet sich um) Ach, Sie sind es, kleine Quelle?

Therese: Ich reise morgen früh nach Parma ab – Mit Ihrer Frau Mama –

Herzog: (mit einem forcierten Lächeln) Hier – diese Abschiedsträne

Therese: (traurig) Parma —

Herzog: – Das ist das Land der Veilchen –

Therese: Ja –

Herzog: Sollt meine Mutter es nicht wissen, sagen Sie Es ihr …

Therese: Ja, Hoheit – Und auf Wiedersehen (geht langsam zur Tür)

Herzog: Kleine Quelle Fließ munter weiter –

Therese: (anhaltend) Warum kleine Quelle?

Herzog: Ich habe manchen frischen Trunk getan Aus jenem Wasser, das in Ihrer Seele, In Ihren Augen und in Ihrer Stimme Verborgen quillt. Adieu -Therese: (geht, an der Schwelle, als ob sie noch etwas erwarte oder hoffe) Sie haben mir nichts anderes zu sagen?

Herzog: Nichts sonst –

Therese: Hoheit – (ab)

Herzog: Zerrissen –

Sechste Szene

 Prokesch: Ja: ich sah es –

Herzog: (träumerisch) Sie liebt mich – (den Ton ändernd) Ach zum Teufel mit der Liebe – Geschichte will ich schreiben – nicht Romane. Jetzt an die Arbeit – Taktik – Strategie –

Prokesch: (entfaltet eine Rolle, die er mitgebracht hat, und glättet sie auf dem Tisch) Ich unterbreite einen Plan. Sie kritisieren.

Herzog: (macht den großen Tisch frei, schiebt Bü­cher und Waffen beiseite, – um Platz für das Schlachtfeld zu bekommen) Reichen Sie   mir doch aus der Ecke da – Sie sehen? Die große Schachtel mit den Holzsoldaten – Ich habe eine bessere Übersicht, Wenn ich leibhaftig meine Truppen seh.

Prokesch: (bringt ihm die Schachtel) Ein kühner Plan – das lässt sich nicht be­streiten –

Herzog: (legt die Hand auf die Schachtel, in melan­cholischer Anwandlung) Hier die Armee Napoleons des Zweiten!

Prokesch? (vorwurfsvoll) Kopf hoch!

Herzog: Ich bin dermaßen überwacht, dass meine Holzsoldaten selbst – öffnen Sie die Schachtel – dass meine Holzsoldaten Österreicher -Geben Sie her – formieren wir den linken Flügel – (Er nimmt, ohne Ihn zu betrachten, den Soldaten , den ihm Prokesch reicht, er wählt mit den Augen einen Platz auf dem Tisch, setzt ihn hin und sieht ihn plötzlich) Sieh da –

Prokesch: Was denn?

Herzog: (verwundert, nimmt den Soldaten wieder und betrachtet ihn nochmals) Ein Grenadier der Garde! (Prokesch reicht ihm einen andern) Ein Kürassier! (zu jedem Soldaten, den ihm Prokesch reicht) Ein Jäger! Ein Dragoner! Sie haben alle seltsam sich verwandelt: (Er stürzt sich auf die Schachtel und reißt die Holzsoldaten heraus: in wachsendem Er­staunen) Franzosen! Nur Franzosen! Es hat sie jemand übermalt.

Prokesch: Wer?

Herzog: Jemand. Und dieser Jemand ist Soldat –

Prokesch: Warum?

Herzog: (zeigt ihm näher die kleinen Soldaten) Alles ist da: es fehlt kein kleinster Auf­schlag. 0 du, wer du auch seist, ich danke dir, Du unbekannter Freund, Soldat, wo kamst du her, Wie fandest du das Mittel, diesen Kerker mit einem Strahl des Ruhmes zu vergolden, – mir meine kleinen Helden zu bemalen, Du selbst ein Held – denn nur ein Held Kann also kindlich sein: dies Spiel zu heiligen. (Er gerät in Immer größere Begeisterung) In dieser kleinen Schachtel war die ganze große Armee des Vaters eingeschlossen. Mamelucken! Der rote Schild der polnischen Lanciers! Die Musketiere in verschiedenen Farben! Die Grenadiere mit den Federbüschen! (Mit einem Satz an den Tisch zurück, stellt fieberhaft schnell die kleinen Truppen auf) Marsch! Vorwärts! Schlagen wir die Schlacht! (Er nimmt einen Säbel vom Konsol und legt ihn quer auf sein Schlachtfeld). Der Säbel hier, das ist ein Fluss – Dorf Ist da – Aspenn, die Schachtel dort – (zu Prokesch) Die Rolle Papier bedeutet eine Brücke – Werfen Sie mir Soldaten her als Vortrab – Ich brauche einen Hügel – dort das Buch – Und jetzt zum Angriff: Blast, Trompeter, blast – Schon stürmen sie die Brücke – (Metternich ist eingetreten, er bleibt hinter dem Herzog stehen, der im Feuer der Aktion vor dem Tisch kniet, um besser die Soldaten aufstellen zu können. Metternich beobachtet das Manöver)

Siebte Szene

 Metternich: (ruhig) Wer?

Herzog: (wendet sich bebend um) Die Garde

Metternich: (nimmt einen der kleinen Soldaten, dreht ihn hin und her) Wer hat den angestrichen?Herzog: (trocken) – Niemand.

(Metternich (läutet Ein Lakai erscheint, der gleiche wie vorhin) Metternich: (zum Lakaien) Werfen Sie die Holzsoldaten fort Und sorgen Sie für neue.

Herzog: Nein, ich will nicht –

Metternich: Sticht Sie der Haber –

Herzog: (geht mit geballten Fäusten auf ihn zu) Ich muss mir diese Ironie verbitten! Der Lakai: (der die Soldaten fortnimmt, hinter dem Herzog vorbeigehend, leise und tief) – Hoheit!Ich male Ihnen neue –

Metternich: (der vom Tisch weggetreten ist, wendet sich bei der Drohung des Herzogs um, von oben herab) Was wünschen Sie?

Herzog: (plötzlich beruhigt, mit erzwungener Demut) Nichts. Ich war nur schlechter Laune. Verzeihen Sie!

Metternich: Ich bringe Ihnen einen Freund –

Herzog: Freund?

Metternich: Freund. Den Marschall Marmont.

Prokesch: (mit verhaltener Erbitterung) Marmont!

Metternich: (Prokesch anblickend) – Er gehört zu denen, die ich hier zu sehen liebe. Er ist da.

Herzog: (sehr liebenswürdig) – Er ist willkommen… (Metternich ab. Kaum schließt sich die Tür hinter ihm, als der Herzog in einem Lehn­stuhl zusammenbricht. Er schlägt in seiner Verzweiflung mit dem Kopf gegen den Tisch) – Oh der Ruhm! Mein Vater! Der Kaiserthron! (Man hört die Tür sich wieder öffnen. Er richtet sich wieder auf, ruhig lächelnd, sehr natürlich zu Marmont, der mit Metter­nich eintritt) Wie geht es Ihnen, Herr Marschall?

Metternich: (der Prokesch forthaben möchte) Prokesch, Wir wollen nebenan den Saal betrachten – (Er nimmt ihn unter den Arm und führt ihn mit sich fort. Der Herzog und Marmont blei­ben allein)

Achte Szene

Marmont: (setzt sich auf einen Wink des Herzogs) Sie sehen mich zum letzten Male. Meine Mission ist hier erfüllt –

Herzog: Wie schade! Wie gerne hört ich Ihnen zu, wenn Sie Von meinem Vater sprachen.

Marmont: Ich entwarf Ein treues Bild von ihm.

Herzog: War es so treu?

Marmont: Gewiss –

Herzog: Gewissermaßen – resümieren wir: Er war … sehr groß —

Marmont: Doch eher untersetzt –

Herzog: Und ohne Ihre Hilfe wäre er

Marmont: (ermutigt) Schon früher seinem Untergang verfallen. Er glaubte viel zu sehr

Herzog: An seinen Stern

Marmont: (befriedigt) Wir treffen trefflich uns in unsren Schlüssen –

Herzog: Er war – wie wollen wir es kurz zusammen­fassen –

Marmont: Ein General von Mittelmaß – sonst nichts.

Herzog: Elender!

Marmont: (blass) Ich habe

Herzog: Ihn verraten – Er machte Sie zum Herzog von Ragusa. Das Volk, das wahr und falsch zu scheiden weiß, nennt Ragusaner jetzt einen Verräter. (Erhebt sich plötzlich und geht auf ihn zu) Ich klage des Hochverrats Sie an! So sprechen Sie! Napoleon der Zweite steht vor Ihnen!

Marmont: (weicht zurück, verwirrt) Metternich kommt … ich höre seine Stimme…

Herzog: (deutet auf die sich öffnende Tür, stolz) Verraten Sie uns doch ein zweites Mal – (Die Arme gekreuzt, mißt er ihn mit seinen Blicken. Metternich erscheint mit Prokesch)

Metternich: (den Hintergrund mit Prokesch durch­schreitend) 0 bitte, lassen Sie sich doch nicht stören! Ich zeige Prokesch jetzt im Park die römische Ruine, wo den Ball ich morgen plane. Letzter Vertreter einer Welt, die stirbt, Wie man so sagt, lieb ich es, auf Ruinen Zu tanzen – oder da mein Bein schon steif, -Tanzen zu sehn! Auf Wiedersehen morgen! (Beide ab. Nach einer Weile)

Marmont: (mit dumpfer Stimme) Ich hab geschwiegen –

Herzog: Schwieg – der Ragusäer?

Marmont: (ergreift einen Stuhl) Der Ragusäer setzt sich, denn er fand in ihrem Zorne Sie bewundernswert

Herzog: Herr —

Marmont: (achselzuckend) Sprach ich schlecht vom Kaiser? Ja, ich tat’s seit fünfzehn Jahren – um mich zu betäuben – Nach Gründen suchte ich für meine Handlung – Und fand sie nicht. Ich sah Ihn niemals wieder. Hätt ich je wieder ihn gesehn – ich hätte den rechten Weg zu ihm zurückgefunden Wie andere, die gleich mir ihn einst ver­rieten, dadurch dem Vaterland zu dienen glaubten. Sie alle sahn ihn wieder – wurden wieder von seinem Anblick hingerissen – wie ich heute –

Herzog: Warum?

Marmont: (mit plötzlicher Wärme) Weil ich soeben ihn gesehn –

Herzog: (dem fast ein Schrei der Freude entschlüpft) Wie?

Marmont: Wie Sie im Blick und in der Handbewegung Ihm gleichen! – Tun Sie, bitte, was Sie wollen: Beschimpfen Sie mich, schlagen Sie; ich bleibe.

Herzog: Ich gleiche ihm? Ists wahr?

Marmont: Ja!

Herzog: Ich möchte gern verzeihn – Warum verrietet Ihr den Kaiser alle? So reden Sie doch – Herr.

Marmont: (mit einer Geste der Mutlosigkeit) Aus Müdigkeit – (Im Hintergrund die rechte Tür hat sich ge­räuschlos geöffnet; man bemerkt im Türspalt lauschend den Lakai, der die kleinen Solda­ten fortgetragen hat. Bei den Worten: „Aus Müdigkeit“ tritt er ein und schließt sacht die Tür hinter sich, während Marmont in einem Anfall von Freimut weiterspricht) Was wollen Sie? Es hatte ganz Europa Sich gegen diesen einen Mann verbunden. Wir hatten Feinde … einen … zwei … drei … gut … Vier … weniger gut … fünf … sechs – es ward bedenklich Und sieben … acht … neun … zehn – dass uns der Teufel – Es war der helle Wahnsinn – dieser Krieg – Wir kamen wochenlang kaum von den Pferden, wir fielen um… vor Müdigkeit …

Der Lakai: (mit Donnerstimme) Und wir?

Neunte Szene

(Der Herzog und Marmont wenden sich um. Er steht im Hintergrund mit gekreuzten Armen)

Herzog: Ihr – ?

Lakai: (geht langsam auf Marmont zu) Und wir, wir Unbekannten, wir Gemeinen, Wie ging es uns, die wir marschierten, ewig marschierten und marschierten und marschier­ten? Im Schlamm versanken und im Dreck verreckten? Uns winkte nicht die Krone von Ragusa. Den Marschallstab zwar trug man im Tornister – Doch ward er manchem braven Kerl stibitzt von Gaunern, Lumpenpack und Ragusäern … Wir gingen vor – und gingen nie zurück – Durch siebzehn Jahre schleppten wir auf unsrem armseligen Buckeln an die achtzig Pfund, auf unsre Bärenmützen brannte heiß die Tropensonne, dass wir Hitzschlag kriegten. Der Alpenschnee sah uns in leichten Käppis. Von Spanien gings nach Österreich. Umgekehrt von Afrika nach Moskau war ein Sprung. Im Dreck von Polen zogen wir die Beine Wie Buben aus der Erde – mit den Händen. Ägypten schenkte uns den Wüstenfloh, so gabs in jedem Land was zum Erleben. Das war ein Leben! – Und das war ein Sterben!

Herzog: (die Hände um die Stuhllehne gekrampft, neigt sich mit brennenden Augen nach vorn) – Endlich ein Grenadier, der seine Schlachten schlug! Endlich ein Bursch! Ein Kerl! Ein Mann! Ein Mensch!

Lakai:   Wir schlugen uns mit leerem Magen, niemand frug uns, ob wir genug gefrühstückt hätten. Wir kämpften einer gegen vier – marschier­ten, um dann zu kämpfen – kämpften, Um zu marschieren – und im ewigen Kreis -Verlaust, verdreckt, verhungert – aber müde: Wer von uns hatte Zeit – zur Müdigkeit? Ihr heimstet Orden ein und Ehrenzeichen. Das Zeichen unsrer Ehre war – die Narbe – Wir hielten ihm die Treue – Eure Treue Verflog im Winde. (zum Herzog) Meine Schützenschnur -Ich tausch sie nicht mit seinem Marschall­stab

Marmont: Was schwätzt der Bursche? He, wer ist Er, Kerl?

Lakai: (nimmt militärische Stellung an) Pierre Seraphin Flambeau, genannt „die Flamme“. Mit vierzehn Jahren war er schon Soldat, Empfing die Feuertaufe bei Marengo, Die Tressen dann im Jahre zwölf. Sergeant Im Juli achtzehnhundertneun: in diesem Zimmer, an diesem Punkt: die kaiserliche Garde Lag dazumal in Schönbrunn im Quartier, Leibwache Seiner Kaiserlichen Majestät. Dienstjähre: sechzehn, Kriegsdienstjahre: Sechzehn. Bataillon: Austerlitz, Eylau, Somo-Sierra, Eckmühl, Eßling, Wagram, Smolensk … Vorm Bataillon belobt: An dreißigmal. Verwundet: immer wieder, Stimmung: heiter. Ich schlug mich für den Ruhm und für nichts weiter.

Marmont: (zum Herzog) Will Hoheit sein Geschwafel weiter hören?

Herzog: Sie haben recht, nicht so: ich werde stehn – (Er steht auf) 

Marmont: Sir!

Herzog: (zu Marmont) Ihr seid die Überschriften der Kapitel in der Geschichte Buch. Die Zeilen aber, tausend kleine Lettern, das sind nur sie. Und wären diese tausend nicht gewesen, es gäbe nichts in diesem Buch zu lesen. (zu Flambeau) – Wackrer Flambeau! Mein listiger Spion! Seit einem Monat überwachst Du mich – Und malst mir meine Holzsoldaten an.

Marmont: (barsch zu Flambeau) – Was machst Du, seit das Kaiserreich gefallen?

Flambeau: (ihn scharf ansehend) – Ich steh noch aufrecht – kämpfe auch im Frieden für Frankreich und die Napoleoniden. ich konspirier mit Didier, Frühling Sechzehn. Verrat. – Man verurteilt in contumaciam mich zum Tode. Ich nehme einen falschen Namen an. Ich kehre nach Paris zurück. Schlage einen Königsgardisten windelweich und hetze Zum Umsturz. Wiederum vergeblich.. Der Coup misslingt. Und man verurteilt mich In contumaciam zum Tode zum zweiten Mal. Lefevre lebte in Amerika. – Ich fahre hin. „General – was tun?“ „Das Eine – “ – Zurück nach Frankreich. Schiffbruch. Mein Lefevre Ersäuft wie jeder andre Passagier. Ich tauche wieder auf. Ein Rettungsboot. – Ich kehre nach Paris zurück. Im Juli. – Man reißt das Straßenpflaster auf. Natürlich helfe ich. Ich schieß und stech ein wenig mit. Am Abend sinkt der Emigrantenlappen, Der weiße Lappen und die Trikolore steigt. Doch fehlt mir etwas An dieser Fahne noch: der goldne Adler – Ein Komplott in der Romagna. Ich treffe Auf Eurer Hoheit Base – Camerata … Als ihr Lehrer Im Fechten ging ich mit ihr nach Toscana! Man konspiriert. Man ficht mit Stock und Säbel. – Ein Posten, sehr gefährlich, wird vakant. Ein falscher Pass. Ein Kopfsprung. Und da bin ich. – (reibt sich die Hände, lacht leise, blinzelnd) Da bin ich. Täglich seh ich die Komtess. Ich fand im Park das Loch, das Eure Hoheit Einst grub, als sie Robinson Crusoe spielte. Dort lieg ich. Eine Höhle mit zwei Gängen. – Warte. – Ein Album in den Händen, als Touristin kommt die Komtess. Auf einem kleinen Feld­stuhl sitzt sie und tut, als mal sie die Ruinen. • Ich spreche aus dem Loch zu ihr empor Wie ein Souffleur: wir sprechen nur von Ihnen – Von Ihnen und vom künftigen Kaiserreich.

Herzog: (schweigt bewegt. Dann) Wie kann ich solche Treue je belohnen?

Flambeau: Belieben Hoheit mich am Ohr zu ziehn.

Herzog: Am Ohr zu ziehn?

Flambeau: (lustig) Er zog mich einst am Ohr ‚ s war nach der Schlacht bei Wagram … Zwirbeln Sie! – (Der Herzog zupft ihn am Ohr, ungeschickt, zaghaft. Flambeau zieht den Mund breit) – Zu sanft!   Zu hoheitsvoll! Er zog mich anders, dass mir gleich Hörn und Sehn verging. Mehr Kraft! Mehr Mark! Mehr Mut! Mehr Blut! Franzosenprinz!

Marmont: (zum Herzog) Zurück nach Frankreich!

Flambeau: Ja Ein Kaiserbild muss wieder auf dem Ehrenkreuze prangen.

Herzog: Du hast nicht das Kreuz?

Flambeau: Ich habe nicht das Kreuz der Ehrenlegion.

Herzog: Du hast es nicht?

Flambeau: Da muss man andres tun, als was ich tat –

Herzog: Hast Du Dich drum beworben?

Flambeau: (einfach) Wem es Der kleine Korporal nicht gab, der hatte es auch nicht verdient.

Herzog: Ich irre hüstelnd durch die Lindengärten, Der Duft tut meiner kranken Lunge weh. In alle Rinden schnitt ich dieses N, Ich grub es in das Moos, ich malt es in die Sterne, und wie ein Kind beschmiert ich Tisch und Wände Mit diesem N – mit diesem Wenn…! – (zeigt auf die Orden auf seiner Brust) Statt eines Kreuzes der Ehrenlegion trag ich zwei Kreuze – Bin ich an tausend Kreuze festgenagelt, Ich Verbannter! Ich Gefangener! Ich galoppiere nicht die Fronten ab der Regimenter – werfe keine Sterne den Helden zu – und meine Hand ist leer. Ich König ohne Land, Fürst ohne Titel, Ich Nebelstreif am Horizont, Phantom, Ich Weiß-nichts, Kann-nichts, Habe-nichts, Bin-nichts -Verleihe Dir Pierre Seraphin Flambeau Das Ehrenkreuz Napoleons des Zweiten.

Flambeau: (bewegt, schluchzend) Ich danke Eurer Majestät.

Marmont: Und die Verleihung wird definitiv Vollzogen in Paris –

Flambeau: Heut ist der Neunte, und am Dreißigsten Marschieren wir schon über den Pont-Neuf, Und ihren Silbergruß schickt uns die Seine. Sein Sie nur morgen Abend auf dem Ball, den uns der gute Nepomuk hier gibt.

Herzog und Marmont: W – e – r ?

Flambeau: Nepomuk – der gute Nepomuk Wenzeslaus Nepomuk Metternich -Und auf dem Ball wird sich das Weitre finden.

Herzog: Du hast es faustdick hinter Deinen Ohren –

Marmont: Wenn die Komtesse Camerata mich gebrauchen kann –

Herzog: Nein, nicht Marmont!

Flambeau: Er muss sich rehabilitieren.

Herzog: Nein. Marmont: (zu Flambeau) Ich habe die Namen von den Royalisten. Ich kenn die Unzufriedenen. Maison ist ein intimer Freund von mir –

Flambeau: (lebhaft) Er kann uns nützen –

Herzog: (schmerzlich) Der erste Kompromiss! Ich will nicht Kompromisse. (verzweifelt) Ich will nicht, dass Marmont sich für mich opfert –

Marmont: (salutierend) Ich geh zum Marschall Maison – und gehorche der Krone erst auf Ihrem Haupt! (ab)

Flambeau: Kanaille! (schließt hinter ihm die Tür, dann zurück) Der Schuft kann uns in manchem nützlich sein –

Zehnte Szene

Herzog: (bewegt auf- und abgehend) Ich ginge gern – doch fehlen die Beweise, dass Frankreich um Napoleon noch trauert.

Flambeau: Es   träumt von den Napoleons immerdar. (Aus seiner Tasche zieht er etwas Langes in den Farben der Trikolore, das er triumphie­rend über seinen Kopf schwenkt, dann legt er‘s in die Hände des Herzogs)

Herzog: Was ist denn das, Flambeau?

Flambeau: (ruhig) Nun, Hosenträger –

Herzog: Bist Du verrückt?

Flambeau: Betrachten Sie sie nur –

Herzog: Mein Bild – auf Hosenträgern –

Flambeau: Das modernste. Wer auf sich hält, muss diese Träger tragen.

Herzog: Flambeau!

Flambeau: (entfaltet ein großes Seidentaschentuch, wie sie die Straßenhändler verkaufen) Was sagen Sie zu diesem Taschentuch? Der in der Mitte ist der König Roms. (Er breitet das Taschentuch über die Leh­ne eines Stuhls)

Herzog: Ja –

Flambeau: Ein Farbendruck. Man sieht sie häufig jetzt (entfaltet einen Druck) an Mauern kleben –

Herzog:            Ich – auf einem Pferd –

Flambeau: Und was für ein Pferd! Ein Hengst! Ein Schlachtross! (zieht aus seinen Taschen allerlei kleine Sachen) Hier die Kokarde! Tragen streng verboten!

Herzog: Und das?

Flambeau: Ein Medaillon –

Herzog: Und immer ich –

Flambeau: In diesem Glas ist etwas eingraviert: (Er hat aus seiner Livree ein Glas ge­zogen) 

Herzog: (liest) Franz, Herzog von Reichstadt –

Flambeau: Die andre Seite –

Herzog: Napoleon der Zweite

Flambeau: (zieht aus seiner Weste einen bemalten Teller) Wer schaut Sie an aus diesem Teller?

Herzog: (verblüfft) Ich –

Flambeau: (legt alles auf den Tisch, was er aus den Taschen zieht) Hier Messer! Gabel! Und Serviettenring! Ein Eierbecher. Und wir sind komplett. (Er schiebt einen Lehnstuhl herbei) Der Tisch gedeckt. Monseigneur est servi.

Herzog: (fällt in den Stuhl) Ich bin ganz fassungslos –

Flambeau: (mit wachsendem Enthusiasmus) Sie sind gefasst als Stein in diesem Ring – auf der Krawatte erstrahlen Sie in seidener Gloriole.

Herzog: (lachend und weinend) Flambeau, dass endlich Dich der Teufel hole –

Flambeau: Hier Karten. Ecarte. Das Aß sind Sie -Sie stechen alle Könige –

Herzog: Flambeau – (schluchzend) Flambeau!

Flambeau: Sie weinen? Trocknen Sie die Tränen sich mit dem Könige von Rom – (reicht ihm das Taschentuch, das er auf die Stuhllehne ausgebreitet hatte. Kniet bei ihm nieder und trocknet ihm die Tränen mit dem Taschentuch) -Man muss das Eisen schmieden, wenn es heiß. Das Volk ist für Sie. Die Soldaten. Selbst Der König, der sich auf dem Thron nur hält, weil er sich bonapartisch stellt. Die Jugend schwärmt für Sie, auf ihren Lippen ein Lied von Beranger: Das Pflaster birst, Der Phönix steigt als Adler auf den First. Schönbrunn ist hübsch – doch hübscher ist Versailles!

Herzog: (steht auf) Ich werde fliehn – (Man hört draußen Militärmusik. Der Her­zog erbebt)

Flambeau: (der zum Fenster gelaufen ist) Die kaiserliche Garde, Der Kaiser kehrt ins Schloss zurück.

Herzog: (ernüchtert) Der Kaiser – Ich habe es versprochen, eh ich fliehe, Kein Mittel unversucht zu lassen, ihn für mich zu stimmen.

Flambeau: Teufel auch –

Herzog: Du hältst den Abend wie gewöhnlich Wache. Wenn Du heut etwas siehst, was Du zu sehn Hier nicht vermuten wirst – dann fliehe ich –

Flambeau: Mit mir – ?

Herzog: Mit Dir!

Flambeau: (aufgeräumt) Und was ist das Signal?

Herzog: Du wirst es sehn – und überhören. – (Die Tür öffnet sich. Flambeau entfernt sich lebhaft vom Herzog und gibt sich den An­schein, aufzuräumen. Auf der Schwelle er­scheint ein ungarischer Garde noble, in Hot und Silber, gelbe Stiefel, Pantherfell auf der Schulter, Pelzmütze mit hohem weißen Federbusch, der von einer silbernen Schnalle gehalten wird)

Elfte Szene

 Der Garde-noble: Hoheit –

Herzog: Nun, was gibt‘s?

Garde-noble: Der Kaiser kam zurück. Majestät will heute In Schönbrunn Audienz Erteilen, bei Eurer Hoheit. –

Herzog: Öffnet die Türen! (Dar Offizier ab. Bis zum Ende des Aktes hört man die Gardemusik im Park spielen)

Zwölfte Szene

Herzog: (lebhaft, sobald er sieht, dass sie allein sind, auf die über den Tisch verstreuten Gegenstände deutend) – Schnell .. pack mir alles das zusammen… bring’s hinüber in mein Zimmer –

Flambeau: (packt schleunigst all die kleinen Sa­chen in das Seidentuch) Das Signal! Hoheit, so nennen Sie mir das Signal!

Herzog: Du wirst‘s nicht übersehn noch überhören – Die Hymne Österreichs – (verklingt vom Garten)

Flambeau: (knüpft die Enden des Tuches zusammen zum Paket) überhört ich gern. Sehr hübsch -In meinen Ohren rauscht die Marseillaise –

Herzog: Die Marseillaise … Knüpf die Knoten gut – (schiebt in das Paket eine Reitgerte, die er vom Tisch nimmt und wirft es über die Schultern) Als ausgehobener Rekrut nach Frankreich heimzukehren – Das Bündel auf dem Rücken – war nicht schlecht – (Er geht auf sein Zimmer zu, wie ein Rekrut, das blaue Bündel wippt hinter sei­nem Rücken)

Flambeau: (folgt ihm gerührt mit seinen Blicken) So lustig seh ich Sie zum ersten Mal -So – jung –

Herzog: (will in sein Zimmer treten, wendet sich um) Das dank ich Dir, Flambeau! Ja, meine Jugend kann ich kaum noch zügeln! Der junge Aar, Flambeau, schlägt mit den Flügeln!

Vorhang 

III. Akt 

Der junge Aar entfaltet die Schwingen.

Die gleiche Dekoration. Das Fenster ist immer noch nach dem Park geöffnet, dessen Farbe sich aber mit der Torschreitenden Tageszeit geändert hat. Herrlicher Sonnenuntergang. Die Gloriette schwimmt in Gold. 

Man hat den bücherbedeckten Tisch nach rechts geschoben, um einen großen, freien Raum zu gewinnen. Man hat, nicht einen Thron, aber einen bequemen Großvaterstuhl herbeigeschleppt, damit der alte Kaiser, majestätisch und väterlich zugleich, sich präsentiere. 

Der Vorhang hebt sich. Die Leute, die vom Kai­ser empfangen werden sollen, werden hineingeführt. Sie stehen wartend herum und sprechen sehr leise miteinander. Jeder hält in der Hand ein kleines Blatt Papier, worauf er sein besonderes Anliegen verzeichnet hat. Bürger im Sonntagsrock. Soldaten­witwen in Trauer. Bauern und Bäuerinnen aus allen Ecken und Enden der Monarchie: Böhmen, Tiroler usw. Alle möglichen Nationaltrachten bunt durcheinander. 

Leibgardisten, deren Kostüm ein wenig dem der päpstlichen Schweizer ähnelt: roter, betresster Rock, Aufschlag und Gürtel aus schwarzem Samt, weiße Ho­se, hohe Stiefel, Zweispitz, zur Hälfte mit Hahnen­federn verziert. Sie stehen unbeweglich an den Tü­ren rechts. Ein ungarischer Gardenoble geht auf und ab, mit seinem Pelzwerk prahlend. Er drängt die Menge gegen den Hintergrund, vor das Fenster und nach links gegen die geschlossenen Türen des her­zoglichen Schlafzimmers.

Erste Szene 

Garde-Noble: Stellt Euch hier auf! Still, Alter! Pst, nein. Junge! – (zeigt auf die Tür hinten rechts) – Der Kaiser kommt von dort! Lasst ihm den Durchgang frei. Du Riesenspielzeug, scharr nicht mit den Füßen!

Ein Mann: (furchtsam) Der – Kaiser – geht – ganz – dicht – an – uns – heran?

Garde-Noble: Ganz – dicht – dann reichst Du ihm die Bittschrift, die Du sichtbar halten musst – Ihr andern auch -(Die kleinen Papiere und Zettel zittern in den Händen der Bittsteller) Ihr zittert ja -wie Espenlaub! Kopf hoch! – (Alles hat seinen Platz gefunden. Er will sich neben den Tisch stellen, als er sich noch eines Auftrages erinnert) – Noch eine: verboten ist’s, zu knien.

Eine Frau: (beiseite) Verbiete – Wir knien doch –(Die Tür öffnet sich. Der Kaiser tritt ein. Alles fällt in die Knie)

Kaiser: (sehr einfach) Steht auf, Ihr meine Kinder! (Er kommt nach vorn. Die kleinen Papiere zittern immer stärker. Sein längliches Gesicht zeigt den von seinen Porträts her be­kannten schwermütigen Zug, aber auch Herzens­güte. Er ist mit betonter bürgerlicher Biederkeit gekleidet, eine Kleidung, die er be­vorzugt: langer Gehrock aus grauem Tuch, strohgelbe Weste, graue Hose, die in hohen Stiefeln steckt. Er nimmt die Bittschrift, die ihm eine Frau reicht, liest sie, reicht sie dem Kammerherrn weiter, der ihm folgt und sagt) – Bewilligt. Die Pension verdoppelt.

Frau: (wirft sich nieder) Dank!

Kaiser: (nimmt die Bittschrift eines Bauers) – Sonn fiel im Krieg? (weiterreichend) Bewilligt.

Bäuerin: (ihn segnend) Vater Franz –

Kaiser: (bleibt vor einem armen Teufel stehen, den er wiedererkennt) – Du hier? Wie geht‘s?

Mann:     (dreht die Mütze in den Händen) Könnt schlechter gehn –

Kaiser: Es müsste besser gehn – (reicht die Bittschrift dem Kammerherrn, kommt zu einer alten Bäuerin) Nun, Mütterchen?

Die Alte: Mein Hahn ist tot …

Kaiser: Bewilligt…

Kaiser: (bleibt vor einem großen Burschen mit nackten Waden stehn) Senner?

Bursche: Von weit her, hoch her vom Berg –

Kaiser: Und dennoch willst Du höher noch hinaus?

Bursche: Ich möcht zu gern in Wien Fiaker werden –

Kaiser: Fiaker? (zuckt die Achseln.) Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. (Er reicht die Bittschrift weiter; liest den Zettel, den er aus den Händen eines .jungen Hirten entgegennahm, der in einen großen Mantel gehüllt vor ihm steht) „Ein junger Hirte, Waisenkind, verjagt Von heimatlicher Erde in Tirol Durch seines Vaters Feinde – fleht inständig, Man möge ihm die Rückkehr doch erlauben In seine Felder, Wälder, seine Heimat Und ihm sein väterliches Erbteil rücker­statten.“ – Sehr rührend. Gut. Er soll sein Erbe haben. – (Er reicht die Bittschrift dem Kammerherrn weiter )

Kammerherr: Des Hirten Name, Heimatort?

Hirt: (sich aufrichtend) Herzog von Reichstadt – und sein Erbe Frankreich – (Er wirft seinen Mantel ab und die weiße Uniform erscheint. Bewegung. Bestürztes Schweigen)

Kaiser: (kurz) Hinaus! – (Die Offiziere treiben die Leute schleunigst hinaus. Die Türen schließen sich. Großvater und Enkel sind allein)

Zweite Szene 

Kaiser: (mit zornbebender Stimme) Was soll das? – (wirft sich in einen Lehnstuhl, griesgrämig) Du bist kühn, um nicht zu sagen: unverschämt!

Herzog: (unbeweglich, seinen kleinen Hirtenhut noch in der Hand) War ich nur ein Hirt, sie hätten gnädig meinen Wunsch erfüllt –

Kaiser: Wenn Du eine Bitte an mich hast, Was sprichst Du sie vor allen Leuten aus?

Herzog: Ich bin am Ende meiner Kräfte, so helfen Sie doch Ihrem Enkelkind!

Kaiser: (erregt) Was wird Europa sagen! Metternich!

Herzog: Ich bin Ihr Enkelkind!

Kaiser: Kind! Du kennst die Schwierigkeiten nicht.

Herzog: (näher tretend) Ich kenn sie wohl. Man wird sie überwinden.

Kaiser: Überwinde Dich selbst –

Herzog: Großvater, sei einmal nicht Kaiser! Sei einmal Mensch, der Du in Wahrheit bist!

Kaiser: (schwächer) Als Kind schon konntest Du ver­teufelt schmeicheln!

Herzog: Ich lieb Dich nicht auf jenem Bild im Saal, Das goldne Vlies am Hals, den Mantel umge­schlagen: – (noch näher) Ich lieb den Silberglanz auf Deinen Haaren, Ich liebe Deine guten Augen, liebe Den guten, alten Bock hier – wie ein rechter Grundgütiger Großpapa verwöhnst Du mich –

Kaiser: (brummend) Ich bin seit langer Seit an Deine Zärtlichkeiten Nicht mehr gewöhnt.

Herzog: (kniet zu Füßen des Kaisers) Und ich nicht an die Deinen – Was hast Du eigentlich mit Louis Philipp? Gefällt er Dir mit seiner Hängelippe? Sein Bild verschandelt alle Münzen –

Kaiser: (unterdrückt kaum ein Lächeln) Still, –

Herzog: Ich finde die Bourbonen läppisch dick, der Thron bricht unter ihnen bald zusammen –

Kaiser: (streichelt seine Haare, nachdenklich) Du bist nicht wie die andern Enkel –

Herzog: Nein?

Kaiser: Die sind schon in der Wiege kleine Greise, Du bist so lustig wie ein Gassenjunge –

Herzog: Ich habe in den Tullerien gespielt –

Kaiser: (betrachtet ernst den knienden Enkel) Franz! Franz! Kannst Du Dich auf Paris besinnen?

Herzog: Dunkel. (Kaiser: (zögert einen Moment) Auf Deinen Vater?

Herzog: (schließt die Augen) Einstmals hielt er mich – Ich weinte, denn er presste mich zu stark – An seine Brust: sein großer Stern Drang mir ins Herz – dort leuchtet er noch immer —

Kaiser: (reicht ihm die Hand) Ich bin Dir drum nicht böse –

Herzog: Als ich. noch klein war, liebtest Du mich doch –

Kaiser: (umarmt ihn) So wie jetzt –

Herzog: (lässt sich auf die Knie seines Großvaters gleiten) Beweise es mir doch.

Kaiser: (zärtlich) Mein kleiner Franz!

Herzog: Ist’s wahr, dass, wenn ich komm, der König … (Handbewegung)

Kaiser: Franz!

Herzog: Sag die Wahrheit!

Kaiser: Franz!

Herzog: (setzt ihm einen Finger auf die Lippen) Lüg nicht!

Kaiser: Vielleicht!

Herzog: (umarmt ihn mit einem Freudenschrei) Wie ich Dich liebe!

Kaiser: (hingerissen und alles vergessend) Wenn Du in Paris erschienst, Allein, Du ganz allein, ohne einen Mann – Es wäre um den König wohl geschehn –

Herzog: (umarmt ihn stärker) Du liebster Großpapa –

Kaiser: Uff – ich ersticke –

Herzog: 0 laß mich frei –

Kaiser: Ich möchte wohl –

Herzog: Du kannst.

Kaiser: Was mich noch abhält –

Herzog: Denke nicht zu viel – Laß Deinen klugen Kopf doch aus dem Spiel! Dein Herz! Dein Herz! Hör auf des Herzens Stimme! – Gib der Geschichte einen andern Lauf. Und gib mir meinen Titel. Klingt es nicht hübsch, wenn Du mir künftig schreibst: An meinen Enkel, Kaiser der Franzosen.

Kaiser: (mehr und mehr entzückt) Sehr hübsch –

Herzog: (stürmisch) Du ruf mich so – ja? Ruf mich so!

Kaiser: (mit einem letzten. Zögern) Doch –

Herzog: (flehend) Majestät!

Kaiser: (widersteht nicht länger und öffnet die Arme) Ja: Majestät!

Herzog: (mit einem Freudenschrei) Ja: Majestät –

Kaiser: Du kleine Majestät –

Herzog: Du große – (Sie liegen einander in den Armen, gleich­zeitig lachend und weinend. Die Tür Öffnet sich. Metternich erscheint. Er ist in Gala: grüner goldbetreßter Frack, kurze Hose, weiße Strümpfe. Er trägt das goldne Vlies auf der Brust. Er bleibt eine Sekunde unbeweglich und betrachtet scharf, aber diskret mit sei­nem Habichtauge das traute Familienidyll)

Kaiser: (bemerkt ihn, lebhaft zum Herzog) Metternich! – (Großvater und Enkel fahren wie ertappt auseinander)

Dritte Szene 

Herzog: (beiseite) Alles verloren –

Kaiser: (ein wenig beruhigt, zum Herzog) – Fürchte nichts! – (Er erhebt sich und legt seine Hand auf das Haupt des Prinzen, der auf den Knien geblie­ben ist. Zu Metternich mit einer Stimme, der er Festigkeit zu geben versucht) Ich will, dass dieses Kind den Thron besteigt-

Metternich: (sich tief verneigend) Wie Eure Majestät befehlen – (sich zum Herzog wendend) Hoheit – Ich eile, Ihre Freunde zu verständigen –

Herzog: (erstaunt) Ich fürchtete –

Kaiser: (ebenfalls ein wenig erstaunt, aber sich stolz aufrichtend) Und was? Ich bin der Herr! – (zum Herzog, gibt ihm einen zärtlichen Backenstreich) -Wirst Du mich, wenn Du erst Kaiser bist, denn noch besuchen?

Herzog: (wichtig) Vielleicht – wenn meine Kammer Ferien hat.

Metternich: (unbeweglich am Tisch rechts) Wir werden nur um Garantien bitten müssen –

Herzog: (strahlend) Ich garantiere alles –

Kaiser: (hat sich wieder gesetzt) Nun, zufrieden? – (Herzog küsst ihm die Hand)

Metternich: (nachlässig) Die Kleinigkeiten lasse ich beiseite. Da wird man leicht zum Einvernehmen kommen. Jedoch … es sind Bedenken zu zerstreuen …

Herzog: (aufhorchend)   Wie ?

Metternich: (fährt kalt fort) Liberalismus und Bona­partismus: Das sind zwei Ismen, die zusammen hängen, Die man entfernen muss: mit einem Schnitt, Wie der Chirurg Krankes vom Körper trennt. Hochmütig hebt der neue Geist sein Haupt: Es falle

Herzog: (entfernt sich einen Schritt vom Großvater) Wie?

Metternich: (kalt) Meinungsfreiheit ist unstatthaft. Der Presse wird der Maulkorb umgehängt.

Herzog: 0, das pressiert nicht.

Kaiser: Es pressiert, mein Kind –

Herzog: (noch einen Schritt zurückweichend) Ich bitte um Verzeihung, Majestät – Die Pressefreiheit ist der Freiheit Pfand.

Kaiser: (schockiert) Die Freiheit –

Metternich: In Italien und Polen Gewähren Sie uns freie Hand – und dann –

Herzog: (blickt ihn an) Und dann?

Metternich: ist eine Frage noch zu lösen Von höchster Diskretion … und sehr penibel. Es handelt sich um Namen –

Kaiser: Was für Namen?

Metternich: Namen von – Schlachten, – (sich mit einer Geste der Kondolation an den Kaiser wendend) in denen Eure Majestät Geschlagen wurden – mancher Marschall Frank­reichs Trägt einen Namen, den ihm wider Willen Ein Dorf in Österreich lieh. Man nehme ihm den Namen.

Herzog: Meinen Sie?

Kaiser: (konziliant) Man könnte ja –

Metternich: (trocken) Die Marschallsnamen löschen –

Kaiser: Allerdings –

Herzog: (sehr weit entfernt vom Kaiser) Großvater, wir lagen uns vorhin im Arm – und nun – (zu Metternich) Haben Sie noch andere Wünsche?

Metternich: (ruhig) Gewiss. Die Trikolore muss ver­schwinden.

Herzog: (Stillschweigen. Der Herzog macht einige langsame Schritte und bleibt vor Metter­nich stehen) – Sie wollen, Exzellenz, dass ich das Blau des Himmels aus der Fahne wasche und Das tiefe Rot, von tausend Wunden rot. Sie wollen, dass die Hoffnung ich begrabe Und die Erinnerung – fallen rot und blau. Dann bleibt allein das Weiß, die weiße Fahne, Die man nur dann hisst, wenn man sich ergibt. Soll ich der Freiheit diesen Fetzen bringen?

Kaiser: (zornig) Was hast Du immer mit der Freiheit?

Herzog: Ihr bin ich von väterlicher Seite her verwandt.

Metternich: (kichernd) Sein Ahne ist der achtzehnte Brumaire.

Herzog: Und meine Ahnfrau ist die große Revolution

Kaiser: (springt auf) Du Narr!

Metternich: (triumphierend) Ein kaiserlicher Republikaner – ein republikanischer Kaiser – Die Marseillaise flötet plötzlich sanft wie eine Nachtigall: allons enfants, Den Kaiserthron zu schützen –

Herzog: Flötet sie, wird sie wie einst Europas Königen noch andere Töne beibringen –

Kaiser: (außer sich) Das sagst Du mir? Das wagst Du mir ins Angesicht zu sagen?

Herzog: Ich weiß jetzt, welches Spiel man mit mir treibt.

Kaiser: Mein Gott, der Junge ist verrückt!

Herzog: Habsburger soll ich sein – auf Frankreichs Thron – Ich bin Dein Enkel – doch Napoleons Sohn –

Kaiser: (halb erstickt vor Wut) Sohn eines Parvenü’s, laß alle Hoffnung auf die Krone fahren. Dein Blut ist nur zur Hälfte Fürstenblut – Die andre Hälfte gab ein Korporal –

Herzog; Ein Kaiser drängte sich besonders auf Und bot ihm seine Tochter an: Ihm, diesem simplen Unteroffizier -Kaiser: (kann kaum noch Atem holen)

Herzog: (sich vor ihm aufrichtend, mit schrecklicher Stimme) von ihrem Bund blieb ein Beweis am Leben – Und das bin ich –

Kaiser: (weicht plötzlich zurück, mit einem Ton des Bedauerns)     Franzi Liebten wir uns nicht?

Herzog: (wild) Nein nein, Du liebst mich nicht. Du musst mich hassen: Ich bin das Unterpfand von seinen Siegen, von Deinen Niederlagen! (Er durchstürmt wie ein Wahnsinniger den Saal)-

Kaiser: Schweig! Mir aus den Augen! Geh!

(Der Herzog stürzt zur Schlafzimmertür stößt sie auf, verschwindet) –

Vierte Szene 

Kaiser: (fällt in den Lehnstuhl zurück) Dies Kind, Das ich geliebt!

Metternich: (kalt) Wird er den Thron besteigen? Zum Heil Europas –

Kaiser: Niemals.

Metternich: Ich werde diesen Abend mit ihm sprechen.

Kaiser: (mit der Stimme eines gebrochenen Greises) Wie weh er mir getan!

Metternich: (bietet ihm seinen Arm, um ihm beim Aufstehen zu helfen)   Ich bitte –

Kaiser: (jetzt gebeugt, auf seinen Stock gestützt) Danke. Ja… diesen Abend noch …

Metternich: (führt ihn) Ich bitte –

Kaiser: Danke. (Sie gehen ab. Man hört noch draußen die Stimme des Kaisers, die weinerlich und me­chanisch wiederholt) – Nein, dieses Kind – (Stille. Die Nacht ist ganz plötzlich her­eingebrochen. Der Park ist tiefblau. Mond­licht auf dem Balkon)

Fünfte Szene

Herzog: (öffnet ganz leise die Schlafzimmertür. Sieht sich um, ob der Kaiser und Metternich weggegangen. Er verbirgt etwas hinter seinem Rücken. Er lauscht einen Moment. Der Palast liegt im Schweigen. Durch das offene Fenster klingen einige leise Töne des österreichi­schen Zapfenstreiches, die unter den Bäumen verklingen. Der Herzog zeigt das, was er trägt: einen der kleinen Hüte seines Vaters. Er kommt nach vorn, trägt ihn andächtig vor sich her. Er legt ihn mit entschiedenem Ruck auf den Tisch, den die große Landkarte von Europa, halbaufgerollt, bedeckt. Halblaut sagt er)

– Das Signal! –

(Trompetensignale verklingen in der Ferne. Der Herzog kehrt in sein Zimmer zurück. Mond­schein fällt geheimnisvoll in den Raum, glei­tet bis zum Tisch, den er plötzlich erhellt. Auf dem strahlenden Weiß der Karte wirkt der kleine Hut tiefschwarz)

Sechste Szene 

Flambeau: (tritt rechts ein) ’s ist Zeit, (kommt nach vorn und sieht sich um) – Signal! Wo bist du? Er sagte mir: – (Er wiederholt die Worte des Herzogs, seinen Tonfall imitierend) – „Flambeau, Du wirst es auf den ersten Blick erkennen“. (sucht) – Ist’s oben? Unten? Groß? Klein? (kommt beim Suchen an den Tisch, bemerkt den Hut, fährt auf, grüßt lächelnd und entzückt auf militärische Art) – Klein und Groß! (Geht zum Fenster im Hintergrund) – Im Parke lauert die Komtess. Ich soll Ihr winken, wenn ich das Signal gefunden. – (Er hat sein Taschentuch gezogen, um zu win­ken — steckt es aber schnell wieder ein) – Die weiße Fahne wird ihr nicht gefallen.

Lakai:   (durchschreitet den Baum, eine kleine Lampe in der Hand, geht auf das Gemach des Her­zogs zu) – Des Herzogs Arbeitslampe –

Flambeau: (springt herbei und reißt sie ihm aus der Hand) – Dummkopf, laß, sie blakt … sie braucht ein wenig frische Luft … (tritt auf den Balkon) Man schwingt sie dreimal … reguliert dann hier den Docht – (Er dreht sorgfältig am Docht und gibt die Lampe dem Lakai zurück) Schon fertig.

Lakai:   Das soll wohl ein Witz sein?

Flambeau: Kein schlechter Witz.

Lakai:   (achselzuckend in das Zimmer des Herzogs) Ich mache bessre Witze. – (Flambeau kommt nach vorn, reibt sich die Hände. Bleibt vor dem kleinen Hut stehen und sagt mit einer Mischung aus Respekt und Familiarität)

Flambeau: Und morgen sind wir erzbereit –

Sedlnitzky: (tritt rechts im Hintergrund ein) Der Herzog?

Flambeau: (zeigt auf das Zimmer links) Dort!

Sedlnitzky: Aufgepasst! Vertrauensposten.

Flambeau: Weiß schon.

Sedlnitzky: Erweis Dich seiner würdig, (betrachtet ihn) – Du bist der aus Piemont? (Flambeau nickt) Du kennst die Pflicht?

Flambeau: Zu wachen des Nachts. Ich bin stets auf dem Posten.

Sedlnitzky: Nun, Rapport?

Flambeau: Sobald im Schlosse Schönbrunn alles schläft, – (zeigt auf die Türen rechts) Verschließ ich doppelt diese beiden Türen und zieh die Schlüssel ah.

Sedlnitzky: Du trägst sie bei Dir?

Flambeau: Ich trag sie immer bei mir.

Sedlnitzky: Schläfst Du?

Flambeau: Nie!!

Sedlnitzky: Wo hältst Du Deine Wache?

Flambeau: (zeigt auf die Schlafzimmertür) – Auf der Schwelle. (Der Lakai tritt aus dem Schlafzimmer, rechts ab)

Sedlnitzky: Verschließ die Türen. Es ist Zeit.

Flambeau: (schließt die Tür vorn ab) Ich schließe.

Sedlnitzky: Zieh nun den Schlüssel ab.

Flambeau: (zieht den Schlüssel ab, steckt ihn in die Tasche) – Ist schon geschehen.

Sedlnitzky: (tritt durch die Tür des Hintergrundes, damit Flambeau sie verschließen kann) Der Kaiser nur hat einen zweitem Schlüssel. Bleib wach! Und schlaf nicht ein!

Flambeau: (schließt hinter ihm die Tür, dreht zweimal herum, lächelnd)   Ich bleibe wach!

Siebte Szene

(Er dreht den Schlüssel zweimal um wie zu­erst. Steckt ihn in die Tasche. Dreht dann leise und schnell die kleine Kupferplatte vor das Schlüsselloch. – Sicher, von dort nicht mehr beobachtet wer­den zu können, lauscht er eine Sekunde und macht sich dran, seine Livree aufzuknöpfen)

Sedlnitzkys Stimme: (durch die Tür) Gute Nacht, Lakai.

Flambeau: (erbebt und zieht instinktiv seinen halb­ geöffneten Rock zu. Ein Blick auf die wohl verschlossenen Türen beruhigt ihn. Achselzuckend antwortet er phlegmatisch, während er den Rock auszieht, zusammenfaltet und in eine Ecke auf den Boden legt) – Gut Nacht, Herr Graf. Ich wünsche wohl zu ruhn. – (In der Ärmelweste aus betresstem Pelzsamt erscheint er schon weniger stark. Er beginnt, auch die Weste aufzuknöpfen)

Sedlnitzkys Stimme: Und wie ein Schießhund aufgepasst!

Flambeau: (zieht mit einem Ruck die Weste herunter, die ihn noch dick macht.)   Ich passe – (Er erscheint mager und sehnig, eingezwängt in seinen‘ alten blauen Grenadierfrack. Die unter der Weste verborgen gewesenen Schöße fallen herab. Die Silhouette vervollstän­digt sich durch das Weiß der Hose und der Livreestrümpfe) 

Sedlnitzkys Stimme: Gut Nacht –

Flambeau: (mit einer ironisch grüßenden Handbewegung gegen die geschlossene Tür) – Ja Himmel Herrgott Sakrament: Gut Nacht. – (Er streicht die Uniform glatt, zieht die heraufgekrempelten Ärmel herunter, zupft die Epauletten zurecht. Fährt In seine coiffierten und gepuderten Haare mit dem Riesen­kamm seiner gespreizten Finger: um sie in eine heroische Unordnung zu bringen. Er geht zur Konsole links, er greift unter den An­denken, die sie bedecken, das Seitengewehr, das er umhängt, die Mütze, die er aufsetzt, das Gewehr, das mit einem Ruck in seine Hand springt. Er bleibt einen Augenblick vor dem hohen Spiegel stehen, um den Schnurrbart nach Grenadierart herabzuziehen. In zwei Riesenschritten gelangt er zur Schlafzimmer­tür des Herzogs, wo er stehen bleibt, in militärischer Wachtstellung) – Endlich allein, allein mit ihm, der schläft.

Den Sohn bewache ich wie einst den Vater, In meiner alten Gardeuniform. Ein Grenadier aus Frankreich hält die Wache Hier in Schönbrunn – (Er schreitet im Mondschein als Schildwache auf und ab) – doch heut zum letzten Mal. (Mit einem Blick nach dem Zimmer des Herzogs) Du hast es nie erfahren. Es geschah Zu meinem ganz privatesten Vergnügen. – (Bleibt leuchtenden Auges stehen) Und niemand kam mir hinter meine Schliche – (geht wieder auf und ab) Es ging stets wie geschmiert, es hat geklappt. Ich bin beglückt. Entzückt. – (Man hört rechts einen Schlüssel sich im Schloss drehen) – Ich — bin — ertappt.

Achte Szene

Flambeau: (springt aus dem grellen Mondlicht links in den dunklen Hintergrund) Wer hat den Schlüssel? – (Die Tür öffnet sich)

Metternich: (tritt ein. Er hat in einem der von ihm durchschrittenen Salons einen schweren sil­bernen Kandelaber genommen, mit dem er sich leuchtet. Er schließt hinter sich die Tür)

Flambeau: (erkennt ihn, verblüfft) Nepomuck!

Metternich: (geht zum Tisch, nachdenklich, leise) Ich muss – ihn heut noch – ohne Zeugen -sprechen – (Er stellt den Kandelaber auf den Tisch; ihn niedersetzend, bemerkt er den kleinen Hut) – Sieh da! Ich wusste gar nicht, dass er den besitzt, (lächelnd) – Ich wette, dieses Souvenir verdankt er Der Erzherzogin, (wendet sich an den Hut) – Guten Abend, Hut! Legende I Du bist ganz und gar vergangen – (dreht den Hut in den Händen) Wie hässlich dieser kleine Dreispitz ist -So hässlich wie berühmt – ist er so klein? – (zuckt die Achseln, boshaft) – Nein. Er ist groß. Sehr groß. Schier riesen­groß. Ein kleiner Mann trug ihn, um darin größer, Gewaltiger zu erscheinen. Einem Kürschner verdankte seinen Ruhm der alte Aar. Napoleon heißt in Wirklichkeit – (wendet den Hut um und geht mit ihm zum Licht, um im Futter den Namen des Hutmachers zu lesen) – Poupart. (plötzlich den Ton wechselnd) Ich hasse dich! Ich hab dich stets gehasst Und werd dich immer hassen, kleiner Hut! Du Unglücksrabe, der am Horizont erschien, Die beiden schwarzen Flügel spitz entfaltet, wenn er gesiegt. Du schwarzer Gauklerhut: Der Zauberer stülpte dich über ein Heer, Über ’nen Thron, über ein ganzes Volk: Hob auf den Hut – da war das Volk verschwun­den. – Zehn Jahre hast du meinen Schlaf geängstigt -Zehn Jahre meines Lebens nahmst du mir. Ich musste wider Willen oft dich grüßen. Du bliebst auf seinem Kopf. Er grüßte nicht zurück. – (Alle Erinnerungen erwachen in ihm. Er fährt fort in einem Ausbruch hellseherischen Hasses) – Ich hasse diesen langen, schwarzen Schatten, Den du in die Geschichte warfst, ich hasse die Kokarde an der Krempe, Blutunterlaufenes Jakobinerauge. Ich hasse dich. Der Hass wird niemals sterben Solang du nicht ein Fetzen wieder wirst, Wie du es früher warst Gendarmenhut, Feldwächterhut, Hut einer Vogelscheuche -Ich hasse –

Hier setzte er vor zwanzig Jahren dich auf – (sieht sich schaudernd um) – In diesem Saale hielt er Audienz. Hier hab auch ich antichambriert. Hier harrte ein Rattenkönig fast von Königen, Von Fürsten, Erzherzögen seines Winks, Wie kleine Buben in ein Eck gekauert. (Tritt etwas zurück. Seine Augen bleiben fast widerwillig an den kleinen Hut geheftet, des­sen geheimnisvolles Schwarz sich so drama­tisch belebt) – So legte er dich damals auf den Tisch! Er warf dich auf die Karte von Europa so nebenbei. Und tat, als war er hier zu Hause, er, der Monsieur Bonaparte! Und heute scheint es beinah so wie damals. Wenn ich mich wende, steht dort auf der Schwelle sogar wie einst der Grenadier der Garde – (Er wendet sich ganz natürlich und stößt einen Schrei aus, als er, vor der Schlafzimmertür des Herzogs, Flambeau stehen sieht, der mit einem Schritt wieder in das grelle Mondlicht getreten ist)- Ha!

(Schweigen. Flambeau hält unbeweglich Wache. Sein Schnurrbart, sein Lederzeug leuchtet schneeweiß. An seiner Brust flimmern die kleinen adlergeschmückten Knöpfe. Metternich fährt zurück, reibt sich seine Augen) – Nein – nein – das ist nicht Wirklichkeit – ich fiebre – Mich hat die Zwiesprach mit dem Hut ver­wirrt – (Er sieht näher zu, tritt näher heran. Flam­beau steht unbeweglich in der klassischen Pose der Grenadierstellung „Rührt Euch“. Die Hände über dem Winkel des Bajonetts ge­kreuzt, welches in bläulichem Schimmer er­glänzt ) – Äfft mich der Mond? Will doch mal sehn – (Er geht auf Flambeau zu, kurz ange­bunden) – Wer ist‘s, der sich den schlechten Scherz erlaubt?

Flambeau: (fällt das Bajonett) Halt! Wer da?

Metternich: (weicht einen Schritt zurück) Teufel!

Flambeau: (kalt)            Stehenbleiben! Oder –

Metternich: Sie gestatten –

Flambeau: Pst! Der Kaiser schläft.

Metternich:   W – i – e ?

Flambeau: (geheimnisvoll) Ruhig!

Metternich: (wütend) Mensch, ich bin der Kanzler Österreichs -(verzweifelt) Ich wollte nur den Herzog von Reichstadt –

Flambeau: Ich kenne keinen Herzog von Reichstadt –

Metternich: (traut seinen Ohren kaum) Wie – was?

Flambeau: Reichstadt? Ich kenne nicht Reichstadt. Wir sind hier einquartiert Nach einem neuen Sieg – und warten hier Auf den Befehl zum Weitermarsch.

Metternich: Wie, was, ein neuer Sieg? Ja, wann denn?

Flambeau: Rindvieh.

Metternich: Heut ist der zehnte Juli achtzehnhundert

Flambeau: neun.

Metternich: Ich werde noch verrückt –

Flambeau: (geht plötzlich auf ihn zu) Wo kam der Kerl herein? Das ist verdächtig. Er sollte längst schon in der Klappe stecken.

Metternich: (sich aufrichtend) Ich?

Flambeau: (ihn musternd) Wer hat denn diesen Typ passieren lassen?

Metternich: (außer sich, will an ihm vorbei, um an der Wand einen vergoldeten Klingelzug zu er­reichen) – Ich schlage Lärm –

Flambeau: (fährt wild dazwischen) Still! Keinen Lärm! Er schläft, (zärtlich) Er ruht auf seinen Lorbeern aus.

Metternich: (lässt sich in einen Sessel dicht am Tisch fallen) Ich träume. Ich träume unbedingt … ein kleines Epos… (Er kommt mit dem Finger an eine Kerzenflamme, zieht ihn schnell zurück) . Die Flamme

Flambeau: brennt –

Metternich: (berührt die Spitze des Bajonetts, das Flambeau noch immer gegen ihn gerichtet hält) Und diese Spitze

Flambeau: sticht.

Metternich: (springt auf) Ich bin ja wach … Ich wache ja

Flambeau: Halts Maul –

Metternich: (fürchtet eine Sekunde, er könne 15 Jahre Geschichte nur geträumt haben) Und Waterloo? Sankt Helena …?

Flambeau: (fällt aus den Wolken) Wie: Waterloo … (Man hört ein Geräusch im Schlafzimmer des Herzogs) Der Kaiser ist erwacht!

Metternich.: Er …!

Flambeau: Sapperlot, Sie sind ja bleich wie ein Trompeterschimmel – (Horcht nach dem Schritt, der sich der Tür nähert) Er ist‘s. Er naht. Er tastet nach der Klinke. Gleich tritt er ein. (verzweifelt) Sie haben ihn geweckt!

Metternich: Gespenster gehen nicht auf Menschenfüßen – (Die Tür öffnet sich)

Flambeau: (mit sonorer Stimme) Der Kaiser! Präsen­tiert’s Gewehr! (Er präsentiert. Metternich fährt zurück. Doch statt der furchtbaren Silhouette, die man unter dem Eindruck des präsentierenden Gardisten beinah erwartet hat, steht auf der Schwelle die schwankende Gestalt eines armen zarten hüstelnden Kindes, das seine heimliche Nachtlektüre verlassen hat, um nachzusehen, was hier vorgeht. Er bleibt stehen, die eine Lampe in der Hand, bleich wie sein Gewand, das ebenso wie die .unter dem Lampenschirm heller leuchtenden blonden Haare ihn noch femininer als sonst erschei­nen lässt)

Neunte Szene 

Metternich: (stürzt mit nervösem Lachen ihm entgegen) Sie sind‘s … Sie sind‘s … ’s ist Eure Hoheit … Ich glaubte schon, ein … andrer trat heraus –

Flambeau: (aus seinem Traum erwachend) Ich glaubt es auch –

Herzog: (wendet sich zu ihm, bemerkt erschreckt die Uniform) Unglücklicher!

Metternich: (hat den Klingelzug erwischt, lautet und ruft) Hilfe! Lakaien!  

Herzog: (zu Flambeau) Flieh! 

Flambeau: (läuft in den Hintergrund) Durchs Fenster – 

Herzog: (will ihn zurückhalten) Der Posten schießt auf Dich – 

Flambeau:        Vielleicht – 

Metternich: Bestimmt – 

Flambeau: (in voller Rüstung, das Gewehr über der Schulter, schwingt er sich auf das Balkonge­länder) Auf Wiedersehen!

Herzog: (ihm nach) Du bist verrückt.

Flambeau: (leise, schnell) Ich krieche Ins Loch des Robinson.   Wir sehn uns morgen wieder beim Ball, (steigt übers Geländer)  

Herzog: (ihm leise nachrufend) Leise!

Metternich: (der ihn verschwinden sieht) Er wird sich alle Knochen brechen. – (Man hört Flambeau in der stillen Nacht. singen)

Herzog: (erschreckt) Er singt –

Metternich: (starr) Er singt – (Ein Schuss zerreißt das Lied. Eine Sekunde Schweigens und der Erwartung. Dann tönt das Lied, weiter entfernt, wieder auf) (Metternich stürzt dem Herzog auf den Balkon nach und verfolgt mit seinen Augen die. Flucht Flambeaus durch den Park. Zu mehreren Lakaien, die von rechts eingetreten sind, sie mit einer Geste entlassend) – Zu spät. Hier ist nichts mehr zu tun. Geht wieder schlafen.

(Lakaien ab)

Zehnte Szene 

Herzog: (zu Metternich, in fast drohendem Ton) Dass mir die Polizei nur nichts erfährt –

Metternich: (während der Herzog ihm den Rücken wen­det und in der Richtung seines Schlafzim­mers davongeht, fährt er nonchalant fort) – Solche Eisenfresser, Nussknacker – – – – helfen Ihnen nicht. Sind Sie Napoleon? Sie sind Napoleon nicht …

Herzog: (ist schon bei sich eingetreten, bleibt stehen, hochmütig) Wer weiß?

Metternich: Ich weiß, Sie haben seinen Hut, doch nimmer seinen Kopf.

Herzog: (mit einem Schmerzensschrei) Fanden Sie endlich das Wort, nach dem Sie lange wohl gesucht. Woher wissen Sie? (Er geht auf Metternich zu, die Arme ge­kreuzt )

Metternich: (betrachtet einen Augenblick den Prinzen, der hochaufgerichtet im jugendlichen Zorn vor ihm steht, voll Selbstvertrauen und Kraft. Dann mit schneidender Stimme) Woher ich weiß? (Er nimmt den brennenden Leuchter vom Tisch, geht auf den großen Spiegel zu und hebt das Licht) So sehn Sie in den Spiegel! Betrachten Sie Ihr bleiches Angesicht! So länglich bänglich! Und die schwere Last Der blonden Haare, die Sie niederdrückt! Ohne Ihr Wissen, ohne Ihren Willen Schuf die Natur aus Ihnen … einen Deutschen, mit einem kleinen Tropfen span’schen Bluts. Aus dieser Mischung formte sich Ihr Wesen; Hochmut, -Melancholie, Schönheit und Charme.

Herzog: (wendet den Kopf ab und wird doch wieder zum Spiegel hingezogen) Nein – nein –

Metternich: Wer zweifelte an Ihnen mehr als … Sie? Sie wollen herrschen? Bleich und sanft, so würden Sie in den Entschlüssen schwanken Und einer müsste immer sein, der Sie Verhinderte, urplötzlich abzudanken –

Herzog: (ergreift, um ihn wegzuschieben, den Leuch­ter, den Metternich vor dem Spiegel hält) Nein – nein –

Metternich: Sie willensstark? Sie können kaum den Kopf ganz sicher zwischen Ihren Schultern tragen: Er sinkt ja ein. Ihr Rücken ist gekrümmt. Schwach sind Sie auf der Brust – und schwach im Herzen. Sehnsucht und Heimweh furchen Ihre Stirn.

Herzog: (sieht sich an, fährt mit der Hand über die Stirn) Die Stirn?

Metternich: Verwirrt streicht über diese Stirn des Herzogs – eine Kinderhand –

Herzog: (betrachtet angstvoll seine Hand im Spiegel) Die Hand?

Metternich: Betrachten Sie die Finger, schmal und kränklich, Man sieht sie oft auf alten Fürstenbildern –

Herzog: (versteckt seine Hand) Die Finger –

Metternich: Blicken Sie in Ihre Augen: Der Ahnen lange Reihe blickt Sie an –

Herzog: (gegenüber seinem Spiegelbild, mit weit ge­öffneten Augen) Die Augen?

Metternich: Sehen Sie nur tief hinein – Sie wollen mit diesen Augen Frankreich regieren?

Herzog: (stammelt, wie um sich Mut zuzusprechen) Aber hat mein Vater…

Metternich: (mit unerbittlicher Stimme) Ihr Vater hat mit Ihnen nichts gemein, Sie haben nichts gemein mit ihm –

Herzog: 0 Gott – so schweigen Sie –

Metternich: Ihr Spiegelbild erbleicht!

Herzog: Genug! Genug!

Metternich: Die Lippe, die sich hier zusammenkrampft, Ist Habsburgs Lippe, puppenhaft geschminkt, In Frankreich ward ein solcher Kopf – geköpft. Den Leuchter höher! Im Hintergrund Johanna die Verrückte, Und dort im Sarg aus Glas ein bleicher König – Sie waren alle schön und bleich und sanft. Hier schleppt sich Karl der Fünfte in das Kloster, Er starb, als er noch lebte.

Herzog: (gänzlich außer sich) – Hilfe! Vater!

Metternich: Der Eskurial! Die Phantasmagorie! Die schwarzen Mauern!

Herzog: Hilfe! Schweigen Sie! – (verzweifelt)   Tambour Arcole‘s, schlag diese Stimme tot mit Trommelwirbeln –

Metternich: Der Spiegel füllt sich.

Herzog: (niedergekniet, sich verteidigend, als ob ein schrecklicher Vogel auf Ihn niederstieße) Vater, Deine Siege, schick sie zur Hilfe, dass ich nicht erliege. Ihr goldnen Adler, hebt die Flammenschwingen, dass nicht die schwarzen Adler mich bezwingen –

Metternich: Die goldnen Adler sind krepiert –

Herzog: Nein nein –

Metternich: Verreckt die Trommler

Herzog: Und es kann nicht sein –

Metternich: Der graue Spiegel ist erfüllt von Geistern, Gespenster Habsburgs, und Sie gleichen ihnen.

Herzog: (außer sich, versucht den Leuchter an sich zu reißen, den Metternich hochhält) Den Spiegel werde ich zertrümmern.

Metternich: Umsonst, Es nahen immer neue –

Herzog: (schwingt den schweren Kandelaber, den Met­ternich endlich loslässt, und schlägt mit der Geste eines Wahnsinnigen gegen den Spiegel) Ich schlag die Toten alle nochmals tot. (Er schlägt wütend zu. Der Spiegel zer­splittert. Die Kerzen löschen aus. Es wird Nacht beim Niederklirren der Splitter. Der Herzog wirft sich rückwärts mit einem Schrei des Triumphes) Und keiner bleibt –

Metternich: (schon auf der Schwelle, wendet sich um, beim Hinausgehen) Einer bleibt!

Herzog: (schwankt bei diesen Worten, toll vor Ent­setzen schreit er in die Nacht) Nein, nein, das bin nicht ich – nicht ich – nicht ich -(Seine Stimme röchelt, er schlägt mit den Armen in die Luft, dreht sich in der Dunkel­heit um sich selbst, und stürzt, bleich und kläglich, vor dem zerbrochenen Spiegel zu Boden) Zu Hilfe! Vater! Vater! Rette mich!

Vorhang

IV. Akt 

Verwundete Schwingen.

Wenn der Vorhang aufgeht, ertönen Flöten und Geigen. Fest in den Römischen Ruinen des Parkes von Schönbrunn. 

Die Ruinen sind imitiert und so unecht wie mög­lich, erbaut von einem geschickten Archäologen, auf das glücklichste an einen bewaldeten Hügel ange­lehnt, von Moos überwuchert, von prächtigem Laubwerk überweht. In der Nacht scheinen sie schön und poe­tisch verklärt. Im Hintergrund, inmitten pittores­ker Trümmer, wölbt sich ein weiter, sehr hoher römi­scher Triumphbogen und lässt unter seiner geborste­nen Krümmung eine Rasenallee sehen, die, wie ein samtener Pfad, bis zu einem fernen bläulich-schimmernden Kreuzweg aufsteigt, wo die Geste einer wei­ßen Statue ihn aufzuhalten scheint. 

Vor dem Triumphbogen breitet sich ein kleiner Teich. Steinerne Götter verbergen sich in seinem Schilf. 

Durch halb verfallene Säulengänge sieht man Masken ziehen. Über Treppen steigen alle Figuren der italienischen Comedia del‘ Arte auf und nieder. Es ist ein Kostümfest. Redoutentrachten: Dominos, venetianische Mäntel, seltsame federgeschmückte Hüte, riesige Halskrausen, schwarze Gesichtsmasken, hinter denen man unerkenntlich bleibt. 

Zwei große, in Kugelform gestutzte Orangen­bäume. Vor einer der Kugeln eine ländliche Bank. 

Rings verstreut: Relieffragmente, efeubedeckte Säulenstümpfe, abgeschlagene Köpfe von Marmorstatuen. Wenige Lampions, die in einem diskreten Grün schimmern. Das Mondlicht wird durch sie nicht über­strahlt. 

Ein Gitter trennt den für das Fest bestimmten Teil des Parkes vom andern. Rechts bemerkt man den Ausgang, wo Kammerdiener den scheidenden Herrschaften ihre Mäntel reichen sollen. 

Links, ganz vorn ist durch ein girlandenge­schmücktes Tor der Eingang zu einem kleinen Theater im Freien. Nach dieser Seite setzt sich, gegen den Hintergrund, das eigentliche Festtreiben fort. Dort tanz man. Aus der Kulisse dringt ein lebhafterer Lichtschein und an- und abschwellende Musikakkorde. 

Das unsichtbare Orchester spielt Walzer von Schubert, Lanner, Strauß – und spielt sie wienerisch: mit entnervender Grazie.

Erste Szene 

Ein venet. Mantel: (zu einem andern, zeigt ihm die Masken, die vorüberflirren) Wer ist der Narr?

Der andere: Weiß nicht.

Erster: Der Monsignore?

Andrer: Ich weiß nicht –

Erster: Dieser Harlekin?

Andrer: Ich – weiß – nicht.

Harlekin: Alles ist ungewiss: Die Dämmerung, Die Liebe, die Musik, der Strahl des Monds – (Metternich tritt auf, Hoftracht unter schwarzem Domino. Mit ihm der französische Attache, ebenfalls in Frack und Domino. Metternich erklärt ihm ein wenig herablas­send das Fest)

Metternich: Herr Attache von der Gesandtschaft Frankreichs … Halbdunkel … leises Flüstern überall. (zeigt nach links hinten) Dort hinten ist der eigentliche Ball Bei Kerzenschein, Lachen und Pfropfenknall.

Attache: Mein Kompliment –

Metternich: (nonchalant) Ganz nett, nicht wahr? (zeigt nach rechts) Und dort

Attache: (mit respektvoller Verwunderung) Ein Metternich als Cicerone –

Metternich: (nimmt seinen Arm mit betonter Leichtfertigkeit) – Freund, ich war auf den Kongress von Wien so stolz nicht wie auf dies Fest, das ich heut arrangiert. Im Hintergrunde die Garderobe, Ausgang Dort links (deutet auf eine Pforte) dort stehn die Kutschen und Fiaker. Bei der Fontäne Amors: das Theater die grüne Wiese, die die Welt bedeutet. Ein Schmuckstück dies Theater. Die Akteure sind Prinzessinnen und Prinzen.

Attache: Aber das ist reizend.

Metternich: Organisieren einen Ball: mein Stecken­pferd! Der Tanzplatz gleicht dem Platz der Politik: Zwei Schritte vor – und dann drei Schritt zurück.

Gentz: (ist eben mit einem maskierten weiblichen Domino eingetreten, geht, ein wenig ange­heitert, auf sie zu) Sehr richtig! Bravo! Pächter alles Schönen! Arbiter elegantiae!

Metternich: (sich umwendend) Sie sprechen Lateinisch? Tranken Sie?

Gentz: (ganz leicht schwankend) Zum Abgewöhnen –

Metternich: Sie sind bei Fanny über Tisch geblieben – 0 diese Liaison!

Gentz: (entrüstet) Bei Fanny? Ich?

Metternich: (ungläubig) Na, na! (bemerkt den Polizeipräfekten, der ihn sucht) Sedlnitzky?

Gentz: (die Hand auf dem Herzen)   Es ist aus…

Sedlnitzky: (zu Metternich) Ein Wort! (spricht leise mit Ihm)

Gentz:   (spricht noch mit Metternich, der sich schon entfernt hat) Es ist. ganz aus … (Der Domino, der mit ihm gekommen, nimmt seinen Arm. Er wendet sich um und wechselt den Ton) – Außerordentlich dumm von mir,
Dass ich Dich auf den Hof ball mitgeschleppt, Dich, eine Tänzerin –

Fanny:  Ich tanz für mich … (Sie macht einige Pirouetten. Der französi­sche Attache beobachtet sie voll Bewunderung)

Gentz: (lebhaft) Man wird Dich hier erkennen! Tanze schlecht!

Metternich: (zu Seldnitzky) Wie, ein Komplott?

Seldnitzky: Hier auf dem Ball, jawohl. Und für den Herzog.

Metternich: (lächelnd) Ich hab keine Furcht –

Gentz:   (folgt Fanny, die davontanzt) Was willst Du hier, das möcht ich endlich wissen?

Fanny:   Warum? Weshalb? Und inwiefern? Capricen … (Sie tanzt ab, Gentz, dann der französische Attache ihr nach)

Zweite Szene

Eine Gruppe von Masken: (Verfolgt durch die Kolonnaden eine Maske mit großer Nase, die zu flüchten sucht) – Gott, ist er drollig! Das muss doch Sandor sein! Nein: es ist Fürstenberg .. 

Ein Krokodil: (hält sie an, um ihnen etwas draußen zu zeigen) Ein Bär! Ein Bär! Und tanzt den Schubertwalzer! – (Alles stürzt dorthin, wo der Bär tanzen soll)   – (Tiburce ist mit Therese eingetreten. Er in der Maske des Kapitäns Spezzafer. Therese trägt eine bläulichsilbern schimmernde Tunika, über die Wasserlilien und lange leuchtende Gräser herabrieseln: sie stellt eine Quelle dar)

Tiburce; Du gehst nicht mehr nach Parma?

Therese: 0 gewiss. Die Reise ist um einen Tag verschoben. Marie Luise musste auf den Ball – ( zeigt auf eine Maske, die im Hintergrund vorbeigeht, begleitet von einem männlichen Domino) Dort geht sie … mit Bombelles … das grüne Cape!

Tiburce: (in einem aggressiven Ton) Je eher Ihr verreist: um desto besser. Ich hab genug von Deinem Flirt mit diesem kleinen … Bonaparte. vom Sohne sind die Mädchen nicht, vom Vater waren nicht die Männer sicher: Er fraß sie –

Therese: Du hast Worte.

Tiburce: (mit einem kurzen kühlen Gruß) Hüte Dich! – (er entfernt sich, Therese folgt ihm mit den Blicken, dann zuckt sie die Achseln und mischt sich in eine Maskengruppe, die vorbeizieht) –

(Einen Moment später tritt der Herzog mit Prokesch auf. Prokesch im Frack und Domi­no. Der Herzog trägt einen großen violet­ten Mantel umgeschlagen. Wenn der Mantel sich öffnet. sieht man ihn in weißer Uniform: weiße Seidenstrümpfe, Esoarpins. In der Hand hält er seine Maske, mit der er sich nervös Luft zufächelt. Er stützt sich auf Prokesch, der ihn unruhig betrachtet. Sein Gesicht ist verfallen, seine Gesten sind entmutigt, eine böse Falte macht sich an den Mundwinkeln bemerkbar. Man fühlt, dass der junge Adler seine verwundeten Schwingen hinter sich herzieht)

Dritte Szene

(Masken gehen von Zeit zu Zeit vorüber)

Prokesch: (zum Herzog) Hier freut sich jeder seines Lebens und sie blasen Trübsal – wer ist schuld daran? Metternich etwa? (Herzog zuckt bei Nennung von Metternichs Namen zusammen) Wie das Komplott sich rasch entwickelt hat. – (zieht aus der Tasche, ein Billett) Heute Morgen erst bekam ich diese Zeilen: „Er soll im violetten Mantel kommen: Die weiße Uniform darunter.“ Für heut Abend Gilt dieses Zeichen!

Herzog: (nimmt das Billett und zerknüllt es zwischen den Fingern) – Stammt von einer Frau. Ich hab den Rat befolgt – um hier vielleicht Ein Abenteuer zu erleben – weiter nichts –

Prokesch: Und das Komplott?

Herzog: (zu sich selbst) Wär ein Verbrechen – Verbrecherisch war es, auf Frankreichs Thron dies Wesen zu setzen, das nur Unglück bringt. In meinem Hirne spukt Philipp der Zweite.

Prokesch: (lachend) Hoheit, Sie sind verrückt“

Herzog: (zittert, betrachtet ihn mit einem Blick, der Prokesch zurücktaumeln lässt) – Glauben Sie es auch?

Prokesch: (begreift plötzlich die Angst des Prinzen) – Mein Gott, es war doch nur ein Scherz.

Herzog: (langsam) Kein Scherz.

Prokesch: (die Stimme senkend) – Das ist das Werk von Metternich! Er blätterte das Album Habsburgs vor Euch auf…

Herzog: Ja, ich bin ein Narr, ein parfümierter Narr: Die Uniform, die Seele parfümiert. Wie soll mein Wahnsinn heißen? Nenn ihn Liebe, wenn Dir der Name nicht zu teuer ist. Ja: lieben will ich, lieben, lieben. – (mit geschlossner Paust schlägt er wild auf seine Lippe) – Die Lippe Habsburgs wild im Kuss zerreißen – Die Lippe, die ich hasse, weil sie nicht Die meine ist –

Prokesch: Prinz –

Herzog: (spricht fieberhaft erregt, die Worte springen ihm zu) Freund, wie hübsch, ich kann nicht über Männer siegen, also bleibt der Sieg mir über Frauen nur. Was ist wohl zu erobern wichtiger: Die ganze Welt – oder ein Menschenherz. Vorbei, vorbei Napoleons Legende. Und meine Sonne von Austerlitz, Das wird der Vollmond sein.

Prokesch: So schweigen Sie!

Herzog: (das Orchester, das einen Moment geschwie­gen, beginnt von neuem) – Musik! Musik! Du wandelst Cäsars Sohn In einen Don Juan von Mozart – (kichernd) nicht von Mozart: Von Strauß. – (Er grüßt Prokesch ernst) – Ich möchte tanzen. (tänzelt mit verzweifelter Lustigkeit) – Wiener Puppe! – (Er will abgehen, er bleibt stehen, als er die Erzherzogin auftauchen sieht) Mein Fräulein Tante? Sieh mal an!

Prokesch: (erschreckt von dem wahnsinnigen Glanz seiner Augen) – Nein – nein –

Herzog: (zieht die Lippe schief) Wir werden sehn – Es kommt auf den Versuch an — (Er stößt Prokesch zurück, der sich betrübt entfernt, und geht schleppenden Schrittes auf die Erzherzogin zu. Sie trägt ein sehr einfaches Kostüm: kurzen Rock, baskisches Leibchen, Busentuch, SchürzeT Haube. Sie trägt – wie auf dem berühmten Gemälde von Liotard – vor sich ein kleines Tablett, auf dem eine Tasse Schokolade und ein Glas Was­ser stehen)

Vierte Szene

Herzog: (zur Erzherzogin, lockend) – Wie süß die Linden heute Abend duften!

Erzherzogin: (vorwurfsvoll) Du sagst mir gar nichts über meine Maske!?

Herzog: Was stellst Du vor?

Erzherzogin: Das Schokoladenmädchen!

Herzog: Ganz r-e-i-z-e-n-d ! Wird Dir das Tablett nicht lästig?

Erzherzogin: (fächelt sich mit dem Tablett aus Kar­ton, auf dem Glas und Tasse festgeklebt sind) Nein, wie Du siehst –

Herzog: (hat sich auf eine Bank gesetzt, macht ihr Platz neben sich – mit zärtlicher Vertrau­lichkeit)     Komm, setz Dich doch ein wenig –

Erzherzogin: (setzt sich lustig) – Franz, lieben wir das Leben nicht ein wenig? 

Herzog: Ich liebe es, – der Neffe einer solchen entzückenden Person zu sein.

Erzherzogin:     Und ich Die Tante eines solchen großen Neffen.

Herzog: Zu schmeichelhaft!

Erzherzogin: (rückt auf der Bank ein wenig zurück) – Zu groß!

Herzog: Dies Spiel zu spielen –

Erzherzogin: Und welches Spiel?

Herzog: Das Spiel der Zärtlichkeiten.

Erzherzogin: (betrachtet ihn unruhig) – Dein Auge, Franz, gefällt mir heute nicht. 

Herzog: Doch mir das Deine.

Erzherzogin: (will der Sache eine scherzhafte Wendung geben) – Alles ist maskiert – Warum das Herz entschleiern, lieber Freund?

Herzog: (nähert sich ihr) Mein lieber Freund – da steckt die Freund­schaft drin – Doch auch die Liebe – liebe Freundin – Tante – Und Neffe – kleine Tante, großer Neffe -Das kann auch: Liebster und Geliebte heißen … Der Oberst liebt das Schokoladenmädchen … (Er bemerkt Thereses Kostüm) Gräser? Was stellen Sie denn vor?

Therese: (lächelnd, die Augen gesenkt) Die kleine Quelle –

Herzog: (sich erinnernd) Ach! Ich erinnere mich – (melancholisch) – Auf seinem Felseneiland Da fand mein Vater Trost an einer Quelle, An der er ganze Tage saß, und die mit ihrem silbernen Gespräch ihn tröstete -Schönbrunn ist mein Sankt Helena – auch ich hab meine Quelle – (mit einer Stimme voll flehender Zärtlichkeit) – Ich bin ganz ausgedörrt – ach, dass die Quelle, die kleine Quelle mich doch labte –

Therese: (ganz nahe bei ihm) Sie ist da –

Herzog: (langsam) Und wenn ich sie nun trüben würde?

Erzherzogin: (erhebt sich, ein wenig trocken) – Das Schokoladenmädchen aber nicht den Oberst. Ich liebe diese Art von Liebe nicht.

Herzog: (hält sie am Handgelenk zurück, mit schwerer Stimme) Ich aber liebe sie –

Erzherzogin: (reißt die Hand los) Nein, lass mich los – (läuft von ihm fort)

Herzog: (trotzig) Du tust, als wärst Du eine Königin.

Erzherzogin: Ich kann wohl eine Königin noch werden. Leb wohl. Du hast mir heute weh getan… (ab, ohne sich umzuwenden)

Herzog: (sieht ihr nach) Ein Tropfen Liebe fiel in den Pokal Der Freundschaft. Und nun schäumt es drin wie Sekt. Warten wir ab – (Er bemerkt Therese von Lorget, die seit einem Augenblick im Hintergrund die Gräser, die ihr von den Schultern hängen, zerstreut ins Bassin taucht) Noch nicht in Parma? Bei den Parmaveilchen?

Therese: (hebt die klaren Augen zu ihm empor) … sie wird darüber nicht betrübt sein –

Herzog: (ändert plötzlich den Ton, mit einer tiefen und brutalen Stimme) Komm haute Nacht. Komm ins kleine Jagdhaus. Du kennst es –

Therese: (weicht entsetzt zurück) Ich soll kommen –

Herzog: (rasch) Sag nicht nein – Und sag nicht ja. Ich werde warten.

Therese: (verstört) Aber –

Herzog: (nimmt den schmeichlerischen und traurigen Ton eines unglücklichen Kindes wieder auf) – Denk an mein Unglück. Ich brauch ein Herz, um mich dran auszu­weinen. – (Er hat fast seinen Kopf auf die nackte Schulter der kleinen Quelle niedersinken lassen, als das Geräusch eines Schrittes auf dem Kies sie auseinanderfahren lässt. Es ist Tiburce, in seinem Brigantenmantel, der im Hintergrund, eine Dame am Arm, vorbei­geht. Als er sie sieht, hört er auf zu sprechen und wirft auf Therese einen dro­henden Blick. Sie antwortet mit einem verächtlichen Blick und verschwindet in der Richtung des Balles. Tiburce nimmt seine galante Konversation nieder auf und ent­fernt sich. Der Herzog, der seinerseits Tiburce nicht erkannt hat, winkt einem Lakai­en, der rechts am Ausgang steht, und zieht aus seinem Frack ein Stück Papier, das er auf seinem Knie bekritzelt)

Fünfte Szene 

Herzog: (reicht dem Lakaien den Zettel) Ins Schloss. Ich komm heut Nacht nicht nach Haus. Ich übernacht im Jagdschloss. Ein Bedienter soll mich dort erwarten Und morgen früh zum Ausritt wie gewöhnlich: Die graue Stute – (Der Lakai ab. Fanny Elßler, immer maskiert, eilt über die Bühne. Sie dreht sich um, zu sehen, ob sie verfolgt wird. Sie bleibt stehen, als sie den Herzog bemerkt, dessen violetter Überwurf eine weiße Uniform sehen, lässt)

Fanny Elßler: (nähert sich dem Herzog und rezitiert mysteriös) – Er soll im violetten Mantel kommen.

Herzog: (springt auf und vollendet die Phrase des Billettsr das er von Prokesch empfing) Die weiße Uniform darunter (ironisch) Prokesch! Das Billet-doux war doch von einer Frau – !

Fanny: (zeigt dem Herzog den französischen Attache, der soeben erscheint) – Ich muss den da auf falsche Fährte bringen. Ich komme wieder!

Herzog: (lächelnd) Gut, ich warte. – (Fanny flieht durch die Ruinen und versucht, den Attache irre zu führen. – Der Herzog geht mit großen Schritten auf und ab, in einer gewissen verbissenen Wut. Die Musik lockt immer girrender. Paare gehen durch den Hin­tergrund, die den Schatten suchen) – Bis ich im Liebeskampf ermattet falle: Will lieben ich … (zeigt auf ein zärtliches Paar, das sich der Bank nähert)   wie die … wie die… wie alle. – (Plötzlich erzittert er und springt hinter einen Orangenbaum, der ihn verbirgt. Das Paar glaubt sich allein und spricht ungeniert. In dem Paar, auf das er so verächtlich gedeu­tet, erkennt er Marie Luise und ihren Kammerherrn Bombelles)

Sechste Szene 

Bombelles: (fährt in einer angefangenen Konversation fort) – War er verliebt?

Marie Luise: (lächelnd) Sie sprechen noch von ihm?

Bombelles: Ja –

Herzog: (mit einer erstickten Stimme) Meine Mutter! – Und Bombelles –

Bombelles: Er liebte Sie?

Marie Luise: (setzt sich, Bombelles bleibt stehen, ein Knie auf der Bank) Ich weiß es nicht. Ich glaube, Er hatte … Furcht vor mir. Der hohe Rang, den von Geburt ich schon besaß, verwirrte ihn. Es wagte kaum sich über seine Lippen Ein Schmeichelwort … und ich bin eine Frau  und liebe es, dass man mir zärtlich tut – Ich bin doch schließlich eine Frau.

Bombelles: (mit der Überzeugung eines Menschen, der es lieber sähe, Napoleon I. vorgezogen zu werden als Herrn Neipperg) – Liebten sie … jenen andern?

Marie Luise: (ist in ihren Gedanken schon wo anders) Wen?

Bombelles: Den andern?

Marie Luise: So, das interessiert Sie?

Bombelles:       Ein so großer Mann –

Marie Luise: Nie wurde ein Genie um seiner selbst Von Frauen geliebt – nur weil es ein Genie war. Genug von ihm. Und kommen wir zu uns. (kokett) – Wird Parma Ihnen wohl gefallen?

Bombelles: War er sehr eifersüchtig?

Marie Luise: Ja: auf meinen Schneider. Als ich ein Kleid probierte, lobte er, der Schneider – (Sie lässt das große Cape hinter sich auf die Bank gleiten. Ihre dekolletierte Robe kommt zum Vorschein) – meine Alabasterschultern –

Bombelles: (geschmeichelt in seiner – männlichen Eigen­liebe und in seinem royalistischen Hass) Wie würde wohl Napoleon rasen, säh er, die schönsten Schultern mich berühren. (betrachtet den modischen Lockenaufbau, der Marie Luises Kopf in Art einer aresischen Haube bedeckt) – Wie blond! Und wie es duftet! Wie schön!

Marie Luise: (schwach) Charles!

Bombelles; (lässt die Bewegung dem Wort folgen) – Was würd er sagen, wenn ich Sie … jetzt … küsste – (Seine Lippen haben nicht die Schulter Marie Luises erreicht, als er an der Gurgel gepackt wird, von der Bank hochgerissen, auf die Erde geworfen durch den herzu gesprungenen Herzog von Reichstadt, der schreit)

Herzog; Ich will es nicht! Bei meiner Ehre! Ich Verteidige Sie – (Er weicht zurück, erstaunt über das, was er zu tun im Begriffe steht. Fährt mit der Hand über seine Stirn, dann plötzlich) – Dank! Daniel Ich bin gerettet! Dieser Schrei und diese Tat sind nicht von mir –

Marie Luise: (halb ohnmächtig) Franz!

Bombelles: (hat sich erhoben, macht einen Schritt auf den Herzog zu) – Hoheit –

Herzog: (weicht mit einem eisigen Stolz zurück) Wir haben uns nichts mehr zu sagen. – (Bombelles bleibt stehen, fühlt die Richtig­keit dieser Worte. Der Herzog wendet sich an seine Mutter und grüßt sie tief)

Marie Luise: (mit zitternder Stimme) Mein Sohn!

Herzog: Gewiss, gewiss doch, gnädige Frau: Es ist Ihr gutes Recht, nur Frau zu sein… Wie es einst Ihre Pflicht war … Frau zu sein … Wie es Ihr Schicksal war, Witwe zu werden – Und doch die schwarze Witwentracht zu meiden.

Marie Luise: (am empfindlichsten Punkt getroffen) – Bombelles – wir gehn – (geht, von Bombelles gefolgt)

Herzog: (unbeweglich, sieht sie nicht mehr) Ich küsse weinend Deine Hände, Josephine! Ihr armen toten Hände, die ihr den Ehering verlort: weil ihr kein Kind an euren Busen drücken durftet: Ihr streichelt zärtlich aus der Gruft heraus ein Waisenkind.

Marie Luise: (wendet sich bei diesem Namen um. Der Hass der Frau auf die Frau flammt auf) – Wie, die Kreolin? Glaubst Du, sie war ihm, den alle trogen und betrogen, treu? Glaubst Du … (man fühlt, dass Klatsch ge­tratscht werden soll)

Herzog: (mit schrecklicher Stimme) Schweig! Schweig! Ein Grund noch mehr für mich, um – treu zu sein …

(Marie Luise erreicht den Ausgang rechts, verlässt mit Bombelles das Fest. Der Herzog bleibt: verwandelt, aufgerichtet, zitternd vor Wut und Energie – „gerettet“, wie er es eben ausdrückte. Das ist nicht mehr das ge­langweilte und wollüstige Geschöpf, der Blondin voll perverser Grazie: Das ist wie­derum der junge, tatkräftige, leiderfahrene Mann. In diesem Augenblick erscheint Metternich wieder, seine Unterhaltung mit Sedlnitzky beendend)

Siebte Szene

Metternich: (schließt in einem Ton der Befriedigung, zu Sedlnitzky) – Ich habe dieses trotzigen Kindes Stolz ge­brochen – (stößt einen Schrei aus, als er vor sich den Prinzen bemerkt, den er letzte Nacht zerbro­chen zu Füßen eines Spiegels liegen gelassen hatte) Wie – Sie sind hier? – (Da des Prinzen Mantel, als er auf Bombelles losging, zurückgefallen war, bemerkt Metter­nich schockiert die österreichische Obersten-Uniform auf diesem Maskenball) – In dieser Uniform?

Herzog: Darf man denn heut nicht … in Maskerade kommen?

Metternich: (kann sich kaum beherrschen) – Ich – (zu Sedlnitzky, sich beruhigend) muss mit einigen Kurieren sprechen – (rechts ab, am Arm des Polizeipräfekten)

Fanny Eißler: (seit einem Moment zurück, geht, so­bald sie verschwunden sind, schnell auf ihn zu, lebhaft, hinter ihm) – Prinz!

Achte Szene

(Maskentreiben)

Herzog: (wendet sich um, erkennt die maskierte Dame, der er vor einiger Zeit versprochen hat, zu warten, weicht aber jetzt heftig zurück) – Nein – diese Frau – Ich will nicht –

Fanny: (maliziös, sich eine Sekunde demaskierend) Fliehn?

Herzog: (überrascht) – Fanny!! – Sie hier? – Fliehn? – (tritt näher, den Ton ändernd) Wie? Wann?

Fanny: (mit einem Seitenblick auf die vorüber wandelnden Paare) Tun Sie galant, als seien wir Liebesleute -Und hören Sie mir zu. Doch lächeln Sie – (als ob sie sich ziere) Ihre Kusine ist hier … auf dem Ball …

Herzog: (sehr bewegt, aber zärtlich zu ihr geneigt) – Wie: die Komtess?

Fanny:   Sie trägt die gleiche Uniform wie Du unter dem Mantel – sieht Dir bis aufs Haar – Sie hat sich ihre Haare blond gefärbt – Und zum Verwechseln ähnlich. Wenn nachher (zeigt nach links, zur Pforte des klei­nen Theaters) Dort die Komödie beginnt – beginnt die unsre: Und Ihr tauscht blitzschnell Eure Mäntel –

Herzog: (begreifend)

Fanny: Du bist wie weggeblasen.

Herzog: Und es erscheint der falsche Herzog.

Fanny:  Dieser falsche Herzog verlässt ostentativ den Ball, – (zeigt nach dem Ausgang links)

Herzog: Um die Agenten zu täuschen, die auf meinen Weggang lauern –

Fanny:   Er geht nach Schönbrunn,

Herzog: Schließt sich in mein Zimmer

Fanny:   Und wacht erst auf,

Herzog: Wenn ich schon über alle Berge … Doch –

Fanny: Was?

Herzog: Wenn nun den falschen Herzog plötzlich beim Abgang jemand anspricht?

Fanny: Ganz unmöglich! Das Ganze ist studiert wie ein Ballett. Zwölf malvenfarbene Dominos sind da, Sie werden treu auch Deine Flucht betreun, Den falschen Herzog ständig zu umgirren, so dass kein andrer in die Nähe kommt. Dann gehst Du aus dem Park

Herzog: (fieberhaft lustig) Als Kaiser!

Fanny: Als Kaiser! Dort an der Pforte harrt der Wagen –

Herzog: Und fährt mich?

Fanny: Nach Wagram.

Herzog: Gut. Prokesch? Wird er dort sein?

Fanny: Prokesch wird informiert.

Herzog: Flambeau? Werd ich ihn wiedersehn?

Fanny: Ich weiß nicht – (Plaudernd hat sie ihn nach links geführt. Hier liegt am Fuß einer riesigen antiken Urne, aus der lange Efeuranken quellen, ein Trüm­merhaufen, mit Gras bedeckt. Eine abgebroche­ne Säule, mit einem Mooskissen versehen, bietet eine Art Sitz – neben einem auf die Erde gestürzten Relieffragment, das wie eine breite Tafel daliegt, zeigt ein riesiger bärtiger Kopf einer zerbrochenen Statue seine Augen im Mondlicht, seinen Mund im Schatten) – Wir müssen warten. Setzen Sie sich doch! – (Sie zeigt auf die Säule) Ich tanz den Männern auf dem Kopf herum: Und so gebührt als Sitz mir dieser Schädel. (wendet sich mit einer komischen Verbeugung an den Steinkopf) – Neptun, gestatten Sie, dass ich mich setze?

Der Kopf des Neptuns: (mit kellertiefer Stimme) – Bitte! – (Fanny springt zurück. Der Kopf fährt kordial fort) – Sehn Sie sich vor! Es gibt Ameisen!

Fanny:   (flüchtet sich in die Arme des Herzogs) – Gott! Der Steinkopf spricht!

Herzog: (begreift und erinnert sich plötzlich) – Hier unterm Efeu mündet der Gang.

Die Stimme: (ruhig) Aus Robinsons geheimer Höhle.

Herzog: (neigt sich über die Trümmer, und versucht, die Gräser beiseite zu schieben) Flambeau!

Neunte Szene 

(Von Zeit zu Zeit gehen Masken vorbei. Man sieht über einem großen Stein eine Rauchwolke aufsteigen, die in der klaren Luft stehen bleibt)

Herzog: (bückt sich zum Stein nieder, fast traurig) – Du liegst hier

Flambeau: (stößt seine Worte zwischen Stößen Rauches aus) Schlecht! – (Rauchwolke) Aber (Rauchwolke) ich habe (Bauchwolke)   Ihnen doch versprochen – (Rauchwolke) Zum Ball zu kommen. Au!

Herzog: Was denn?

Flambeau: Ameisen. –

Herzog: Ich weiß von Fanny alles. Noch heut Abend fallen die Würfel der Entscheidung.

Flambeau: Gut. Doch sehen Sie vor Metternich sich vor!

Herzog: Er hat bereits den Ball verlassen –

Flambeau: Nepomuk ging – machen wir es uns bequem – (Er steigt ruhig aus dem Loch, und zieht Gewehr und Bärenmütze hinterher)

Herzog und Fanny: (stehen starr) W-a-s? W-i-e?

Flambeau: (rückt den Stein in seine alte Lage) – Und jetzt die Klappe wieder zu!

Herzog: (entsetzt) Was wird geschehen, wenn man Dich so sieht?

Flambeau: Wenn man mich sieht, was da geschehen wird? – (Die Masken erscheinen wieder im Hintergrund)

Eine Maske: (bemerkt Flambeau, enthusiasmiert) Holla! Ein Musketier Napoleons!

Flambeau: (zum Herzog und zu Fanny) – Da seht Ihr, was geschieht, wenn man mich sieht!

Die andern Masken: (bleiben stehen, um Flambeau zu betrachten) – Bravo! Ein ausgezeichnetes Kostüm! (Flambeau setzt seine Mütze auf und raucht seine Pfeife. Im Augenblick ist die Bühne überschwemmt von Masken. — Alles kommt vom Ball zurück: denn die Theaterglocke läutet und ein Lakai hängt zwischen die Girlanden am Eingang ein Plakat, auf dem man liest: Michel und Christine Vaudeville in einem Akt von Eugene Scribe und Henri Dupin. Die meisten Masken bleiben vor Flambeau ste­hen, bevor sie im Theater eintreten)

Zehnte Szene

Ein kleiner Marquis: (zu Flambeau) Grüß Gott, Schnauzbart!

Flambeau: (höflich) Er grüße Dich, mein Kleiner!

Scaramouche: (ihn beobachtend) – Kenn ich den Burschen? (nähertretend, spaßend) – He, wo diente Er? Sergeant?

Flambeau: Wo sonst als in der Kaiserlichen Garde? – (Gelächter)

Flambeau: Jetzt lacht Ihr! Früher habt Ihr nicht gelacht! Da gab es nichts zu lachen – (Er marschiert auf und ab)

Scaramouche: (folgt ihm) – Zychy – Ich will mich hängen, wenn‘s nicht Zychy ist – (zu Flambeau, streckt ihm die Hand hin) – Mein lieber Graf – (weicht zurück, als ihm eine dicke Hauchwolke ins Gesicht gebla­sen wird)

Flambeau: (entschuldigt sich, zeigt auf die Pfeife) Pardon! Es war die Pfeife! (Gelächter)

Mehrere: (affektiert begeistert) Sehr drollig!

Landsknecht: (lau)     Sehr naturgetreu!

Scaramouche: (kühl) Zu echt!

Harlekin: (leise zu andern) – Ich finde, dass es ihm an Takt fehlt – (Er zieht sie zum Theater mit sich fort, wo nach und nach alle eintreten. Die Szene wird leer. Fanny Elßler, die wieder zum Herzog getreten ist, verfolgt ungeduldig die letzten Masken, die zur Pforte streben, mit den Augen)

Fanny: (zum Herzog) – Sobald sie alle im Theater sind –

Flambeau: (mit der Stimme eines Marktschreiers, die Nachzügler ermunternd) Hereinspaziert!

Fanny: werd die Komtess ich suchen – (In diesem Moment erscheint der Lakai, den der Herzog mit einem Brief ins Schloss ge­schickt hat, und eilt lebhaft auf ihn zu) Was gibts?

Flambeau: (im Hintergrund) Hereinspaziert!

Lakai: (zum Herzog) Ich hab gemeldet, dass Hoheit heut im Jagdschloss übernachtet. – (entfernt sich) 

Fanny: (die zugehört hat) Was heißt das?

Herzog: (schnell und leise zu Fanny) Ich vergaß, dass ich das wollte – Jetzt muss an meiner Stelle die Komtess dort übernachten. Sagen Sie es ihr!

Fanny: Ich sag es ihr und bring sie her. Bleibt hier. – (Sie geht im Hintergrund links ab. Unter den letzten Masken, die vom Ball kamen, befinden sich Tiburce und Therese)

Flambeau: (auf der Schwelle des Theaters) Hereinspaziert!

Tiburce: (zu seiner Schwester, auf das Theater zeigend)  Gehst Du hinein?

Therese: Ich gehe nach Hause –

Tiburce: (grüßt sie) Ganz nach Wunsch – (Er tritt in das Theater; Sie wendet sich rechts zum Ausgang)

Herzog: (bemerkt sie) – Sie geht vielleicht zum Rendezvous – (mit einer Bewegung gegen sie, um sie zu verständigen) – Therese! – (Sie bleibt am Ausgang stehen, schaut ihn an, aber er besinnt sich anders, und zu sich) – Nein. Sie soll nur gehn – Ich bin beglückt genug, dass auf dem Wege zum Rendezvous sie war. – (Und zu Therese, zärtlich) – Heute Nacht, nicht wahr? (Sie geht ab, ohne zu antworten)

Elfte Szene

Fanny: (erscheint wieder, zu Flambeau) Sieh nach, wie lange noch das Drama dauert! Es ist höchste Zeit. – (Flambeau tritt in‘s Theater. Er macht im Hintergrund, ein Zeichen und man sieht einen jungen maskierten Menschen, in einen großen braunen Mantel eingehüllt, auftauchen)

Fanny: (zum Herzog) Hier: die Komtess – (Der junge Mensch demaskiert sich: es ist die Komtesse. Ihre Haare sind blond gefärbt, geschnitten und wie die des Prinzen frisiert: mit dem Scheitel und der großen Stirnlocke. Indem sie auf ihren Vetter zuschreitet, öffnet sie ihren Mantel und erscheint, schlank und weiß, in der gleichen Uniform wie er)

Herzog: Ich komme mir entgegen –

Fanny („steht Schmiere“) Komtesse: Bon soir – Napoleon!

Herzog: Bon soir – Napoleonne!

Komtesse: Ich hin sehr ruhig. Du?

Herzog: Ich denk daran, was für Gefahren Du entgegengehst für mich –

Komtesse: (lebhaft)   0 nicht für Dich!

Herzog: Wie – nicht für mich?

Komtesse: Nein: für mein Blut, sein Blut auf unsrem Thron –

Herzog: (sich nähernd)… ja, da fällt mir eben ein: Heut Nacht, wenn Du im Jagdschloss mich er­setzest , da wird vielleicht ein Mädchen kommen, die – Du musst mir sagen, ob heut Nacht sie kam –

Komtesse: Du denkst an ein gebrochenes Herz, wenn morgen die Krone Deine Stirne adeln soll?

Herzog: Trag ich die Krone erst, so werden sich wohl tausende gebrochner Herzen vertrauensvoll mir nahn, dass ich sie tröste. – Ich will der Kaiser aller Schwachen sein.

Komtesse: (brutal) Es werden andre Frauen Dich noch lieben als diese Kleine –

Herzog: Ich werde niemals mehr ein Rendezvous mit solchem zärtlichen Gefühl erwarten Wie dieses Rendezvous – das ich verfehle.

Flambeau: (erscheint wieder) Es geht dem Ende zu. Der Stanislaus singt grad ein Lied zum Steinerweichen. – (Herzog und Komtesse maskieren sich blitz­schnell)

Komtesse: (öffnet ihren schwarzen Mantel, während der Herzog mit seinem violetten Domino das gleiche tut) Schnell! Wechseln wir die Mäntel — (Der Herzog von Reichstadt steht rechts, die Komtesse links. Gleichzeitig nehmen sie ihre Mäntel ab. Einen Augenblick scheint es, blendend weiß, zwei Herzöge von Reichstadt zu geben. Aber der Mantelwechsel geht schnell von statten: der Herzog schlägt den schwar­zen Mantel um, zieht die Kapuze über den Kopf. Die Komtess wirft über eine Schulter nachlässig den violetten Domino, damit er Uniform und Orden nicht verhülle. Sie lässt den Kopf unbedeckt, damit man die blonden Haare gut sieht. Und jetzt gibt es nur noch einen Herzog von Reichstadt: aber er steht links)

Zwölfte Szene

Flambeau: (horcht auf den Applaus und den Lärm, der vom Theater her klingt) Der Vorhang fällt!

(Der Herzog trennt sich von der Komtesse, Eine lärmende Musik ertönt. Die Bühne wird hell. Von allen Seiten laufen Lakaien her­bei, die Orangenbäume heranrollen, in deren Laube kleine Lampions glühen. Auf den Baumkübel sind zwei Bretter gelegt, die von einem Spitzentuch bedeckt sind. In der Mitte ist ein Loch, durch das der Baumstamm sei­nen Weg findet. Jeder der kleinen Tische, aus denen innen ein illuminierter Baum sprießt, ist üppig gedeckt; Vergoldetes und silbernes Geschirr. Kristallgläser, Blumenpracht. Wolken von gepuderten Lakaien, die um jeden Kübel vier leichte Sessel stellen und die beiden Orangenbäume herrichten, die schon anfangs auf der Bühne standen. – in­dessen tanzen die Masken aus dem Theater, sich an den Händen haltend, in langer Kette, nach den Klängen des Galopps, den das Orche­ster anstimmt. Als sie die Überraschung sehen, die Metternich für sie bereit hat, brechen sie in Rufe des Entzückens aus. Die tanzende   Kette, geführt von der Erzherzo­gin und dem französischen Attache, schlingt sich um die Orangenbäume. Man hört Zurufe, Gelächter, hört Bruchstücke usw. Die Kette reißt auseinander, alles stürzt sich auf die Tische, um einen Platz zu er­gattern)

Fanny:   (zum Herzog, zeigt ihm die Komtesse, die links im Vordergrund stehen geblieben ist und sofort von allen malvenfarbenen Dominos umringt wird) – Ein Bienenschwarm von Frauen schwärmt um … ihn.

Die malvenf. Dominos: (um den falschen Herzog? ko­kettieren mit ihm, damit niemand herankann) Prinz! Herzog!

Monseigneur! Hoheit!

Gentz:   (betrachtet sie im Vorbeigehen, mit der Eifersucht des alten Galans) Der Herzog hat‘s nicht schlecht an diesem Abend –

Erste Erzherzogin: (geht hin und her, – placiert die Herrschaften.) – Mimi von Meyendorf, setz Dich zu Olga. (Alles sitzt nun, ausgenommen die Komtesse, die links stehen geblieben ist -und fort­fährt, mit einem malvenfarbenen Domino zu flirten. Der Herzog hat sich, ohne sie aus den Augen zu lassen, mit Flambeau und Fanny an einen Orangenbaum gesetzt. Gelächter. Geflüster. Das Souper beginnt) Gentz:   (erhebt sich, ein Glas Champagner in der Hand) – Verehrte Festversammlung!

Einige: (fordern Ruhe) – Ruhe! Psst!

Herzog: (sieht die Komtesse einen Schritt nach rechts machen) – Jetzt kommt die schreckliche Minute!

Gentz: Das erste Glas

Herzog: Sie geht

Gentz: gebührt dem Mann, der dieses Abends Freude uns geschenkt. Den ernste Pflicht schon wieder heimwärts rief, Am Schreibtisch bis zum Morgenrot zu wachen – (Bravorufe. Applaus. Die Komtesse profitiert von der Aufmerksamkeit, die Gentz auf sich zieht und schlängelt sich zwischen den Ti­schen durch, zum Ausgang. Sie imitiert die zerstreuten Allüren des Herzogs und geht, ohne sich sonderlich zu beeilen. An .jedem Tisch fast, an dem sie Torbeigeht, erhebt sich ein malvenfarbener Domino, der sie einen Moment begleitet und sich mit ihr neckt. bis ein anderer ihn ablöst und das kokette Spiel fortsetzt)

Fanny: (die ihr mit den Augen folgt, leise zum Herzog) – Wie hübsch sie Ihren Gang zu treffen weiß!

Gentz:   (mit lauter Stimme fortfahrend) Dem Kammerherrn, Geheimen Rat, dem Kanzler, dem Herzog von Portella, Herrn von Daruvar, dem Granden Spaniens, dem Fürsten Öster­reichs – Gilt dieses ersten Glases Schaum. Ihm: Metternich!

Fanny: (beobachtet die Komtesse, die immer mehr den Ausgang gewinnt) Mit welcher Seelenruhe sie die Beine setzt!

Gentz:   Ritter des Sankt-Johannes-Ordens

Herzog: (leise zu Flambeau, dessen Hand er krampfhaft drückt)  Gentz mit dem Geschwätz ist unser bester Helfer

Gentz:   Des goldnen Vließes und des Danebrogs

Flambeau: Wenn Metternich noch einige Titel hat –

Gentz:   Schirmherr der Künste und der Wissenschaften.

Herzog: (fiebrig die Augen auf die Komtesse gerichtet, die weiter vorwärts kommt) Sie übertreibt – so langsam geh ich nicht –

Gentz: (mit wachsendem Enthusiasmus) Komtur von Malta

Herzog: (mehr und mehr nervös, als er die Komtesse dicht beim Ausgang bei einem malvenfarbenen Domino Halt machen sieht) – Worauf wartet sie?

Gentz:   Ritter des Falken-, Löwen-, Bären-Ordens (hält inne, trocknet sich die Stirn) Uff!

Nachbarin rechts: (zur Nachbarin links) – Fächle ihn! Sonst fällt er uns noch um – (Die beiden Fächer fächeln ihn mit komi­scher Übertreibung)

Gentz: (erfrischt, fährt mit Emphase fort) – Und Ehrenmitglied vieler wissenschaftlicher Vereinigungen –

Allgem. Begeisterung:     Hurrah! Hurrah! Hurrah! – (Alles steht auf. Die Gläser klingen aneinander. Die Komtesse ist mit dem letzten malvenfarbenen Domino am Ausgang angekommen. Den Fuß auf der Schwelle, plaudert und lacht sie nervös; sie zögert eine Sekunde aua Furcht, durch einen plötzlichen Abgang auf­zufallen. Jetzt küsst sie die Hand des mal­venfarbenen Dominos, um sich zu verabschieden) 

Flambeau: (leise zum Herzog, der nicht aufzublicken wagt) Halb ist sie schon hinaus … dreiviertel … ganz…

Erzherzogin: (die plötzlich den falschen Herzog be­merkt, von ihrem Tisch aus, mit lauter Stimme) – Du gehst schon? Amüsierst Du Dich nicht, Franz? – (Die Komtesse schwankt. Sie muss sich ans Gitter halten, um nicht umzusinken)

Herzog: Alles verloren!

Flambeau: Donnerkiel …

Erzherzogin: (erhebt sich, geht auf die Komtesse zu) Du, warte…

Fanny:   (niedergedrückt) Die Erzherzogin weiß nichts vom Komplott…

Erzherzogin: (jetzt bei der Komtesse) – Franz – (nimmt ihren Arm, im vorwurfsvollen Ton) – Du bist manchmal wenig lieb zu mir – (Sie zittert, als sie durch die Maske einen Blick empfängt, den sie nicht kennt. Sie bleibt stehen, prüft den untern vom Visier nicht bedeckten Teil des Gesichts)

Herzog: (der die Szene verfolgt) Alles ist verloren!

Erzherzogin: (weicht zögernd zurück; nach einer Se­kunde , die eine Ewigkeit zu dauern scheint, gewinnt sie ihre natürliche Haltung wieder, reicht ihre Hand der Komtesse, sehr laut) Also morgen

Komtesse: Auf Wiedersehn! – (scheint fast vor dem ausgestandenen Schreck den Kopf zu verlieren) Madame –

Erzherzogin: (schnell, leise) Ein Handkuss, schnell! (Die Komtesse fasst sich, küsst ganz nach der Art des Herzogs von Reichstadt der Erzherzo­gin die Hand, richtet sich wieder auf, geht ab)

Dreizehnte Szene

Einer der Tafelnden: (der die Komtesse hat gehen sehen) – Der Herzog geht schon?

Tiburce: (zuckt die Achseln) – Er hat seine Launen. – (Die Erzherzogin kommt auf dem Weg zu ihrem Orangenbaum bei dem vorbei, wo der Herzog, Flambeau und Fanny sitzen)

Herzog: (hält sie an, leise und bewegt) – Darf wie der Herzog von Reichstadt ich Sie Um Ihre schöne Hand zum Handkuss bitten?

Erzherzogin: (betrachtet einen Augenblick den jungen Menschen in Kapuze und maskiert. Dann streckt
sie ihm ihre Hand hin
) – Bitte! – (Sie geht wieder an ihren Platz. Man soupiert, lacht, plaudert)

Gentz:   (erhebt sich, ein Glas Champagner in der Hand) – Gestatten Sie! – (Gelächter und Proteste)

Stimmen: Nein, wir gestatten nichts.

Gentz:   Nur auf ein Wort!

  1. Harlekin: Nicht einmal auf ein halbes.

Gentz:   Ich komme schon zum Ende. Als der Herzog von Reichstadt hier noch unter uns geweilt, Da musste ich des Fürsten schönste Tat ver­schweigen. Ich hebe jetzt mein Glas und leere es Auf den, der Bonaparte niederzwang! … 

Alles: (springt in einer Explosion, jubelnd ausbre­chenden Hasses auf) Heil ihm, der Bonaparte niederzwang! (Bewegung des Herzogs. Alle Gläser sind er­hoben. Flambeau schüttet das seine seelenru­hig in seinen Gewehrlauf)

Herzog: Was tust Du da?

Flambeau: Ich gieß es auf das Pulver, damit es mir nicht explodiert. (Alles setzt sich wieder. Allgemeine Konversation. Man unterhält sich von einem Orangen­baum zum andern)

Der Scaramouche: (lachend) – Wein, dieser Bonaparte! Rein zum Lachen, Was man von ihm groß hergemacht!

Der Polichinell: (verächtlich) – Er wurde läppisch überschätzt!

Flambeau: (immer leise zum Herzog, fasst seine Hand) – Still! Kaltes Blut!

Tiburce: Ein kleiner Offizier, der in Ägypten einmal ein Dromedar bestieg und dann –

Der Bär: Gentz kann ihn fabelhaft kopieren!

Flambeau: (zwischen den Zähnen) Teufel!

D. Harlekin: (zu Gentz) – Komm! Zier Dich nicht! Mach ihn mal nach! (Gentz steht auf. Bewegung des Herzogs)

Flambeau: (zum Herzog) Sie sind schon weggegangen! Denken Sie daran!

Gentz: (lässt rasch eine Haarsträhne auf seine Stirn fallen) – Die Locke! – (runzelt die Augenbrauen) – Dann das Auge! (steckt die Hand in der charakteristischen Pose Napoleons in die Weste) – Und die Hand! – (befriedigt) – Voila! (Beifall und Gelächter)

Herzog: (dessen Finger nervös am Tischtuch reißen) – 0 mein Gott!

Tiburce: Hieß er denn überhaupt: Napoleon?

Flambeau: (springt auf) W-a-s ? – (Jetzt ist‘s der Herzog, der ihn zurück­hält)

Tiburce: Er hat sich diesen Namen selbst gemacht: Ein Pseudonym

Flambeau: (beiseite) Idiot!

Tiburce: Geschickt erdacht: Drei helle harte Silben: Na – po – le Und dann ein dumpfes: on: wie Paukenschlag.

Der Bär: Nicht übel!

Tiburce: Ja: Na – po – le: der Blitz! Und on: der Donner. – (Gelächter) Der Possenreißer: Wie war sein wahrer Name?

Tiburce: Kennen Sie ihn nicht?

Possenreißer: Nein.

Tiburce: Er hieß Nikolaus –

Flambeau: (springt wütend auf) Wie – Nikolaus?

Alle: (klatschen seiner scheinbar so gut gespiel­ten Rolle Beifall!) – Bravo, der Schnauzbart!

Gentz: (lachend zu Flambeau) Nikolaus! – (reicht ihm eine Platte)

Eine Frauenstimme: Er schlug doch Schlachten!

Tiburce: – Schlachten schlugen andre: Er schrieb den täglichen Heeresbericht.

Der Polichinell: Vom Hauptquartier. (Gelächter)

Flambeau: (will sich auf ihn stürzen)

Herzog:   (hält ihn zurück) Pst! Still!

Tiburce: Aus Zufall traf ihn mal bei Regensburg Ein Schuss ins Bein: das passte ihm nicht schlecht und gab Motive für Gemälde ab: Der große Kaiser, schwer verwundet… (Gelächter) 

Flambeau: (hält jetzt den Herzog zurück, wütend) – Ruhe!

Herzog: Du selbst –

Tiburce: (lehnt sich in seinen Stuhl zurück und trinkt in langsamen Schlucken seinen Johannisberger) Kurzum –

Herzog: (dessen Fingernägel sich in Flambeaus Faust graben) Nur noch ein böses Wort –

Flambeau: (flehend) Ertragen Sie’s!

Herzog: Nicht um ein Kaiserreich!

Tiburce: (lässt zwischen jedem Schluck ein Wort fallen) – Kurz – dieser – Held – Dieser – famose – Heros — war –

Flambeau: (fühlt, dass der Herzog emporspringen will. Verzweifelt) – Nein – nein – mein Junge –

Tiburce: Er war ein Feigling!

Herzog: (springt auf) Gott!

Eine Stimme: (aus dem Hintergrund) Da lügen Sie! – (Tumult)

Alles durcheinander: Wie? Was? Was war das?

Tiburce: (bleich) Ich frage, wer – sich – erlaubt –

Der franz. Attache: (schreitet durch die Maskengruppen auf ihn zu) – Herr – ich erlaube mir –

Der Scaramouche: (leise zu Tiburce) Ein Adjutant des Generals Maison. –

Tiburce: Ein Untertan des Königs provoziert mich?

Gentz: (sitzend, eine Traube zerpflückend) – Das ist ein Spaß –Attache: Es handelt sich um Frankreich und darum handle ich. Sie haben ihn, den Frankreich liebte, in den Schmutz gezerrt –

Tiburce: Der Italiener Bu-o-na-par-te ?

Attache: (korrigierend) Bonaparte

Tiburce: (ironisch) Sei’s drum!

Attache: Der Kaiser! 

Tiburce: Bitte: Ihre Karte! – (Sie wechseln die Karten)

Attache: (grüßend) Ich reise morgen. Das Duell hat morgen In aller Frühe stattzufinden.

Tiburce: (grüßend) Bitte! -(Attache entfernt sich, geht zu zwei Freunden, mit denen er leise spricht. In der Ferne beginnt wieder das Orchester zu spielen. Die Maskengruppen streben plau­dernd wieder dem Ballplatz zu)

Flambeau: (der eine Sekunde verschwunden ist, rechts, gegen die Garderobe, kommt mit einem prächtigen Mantel bekleidet zurück. Öffnet und schließt ihn wieder)

Tiburce: (hat sich wieder allein an seinen Tisch gesetzt, reicht nervös sein Glas einem Lakai) Wasser! 

Lakai: (es ist der, den der Herzog ins Schloss geschickt hat – füllt das Glas von Tiburce) Der Herr geht grimmig mit dem Korsen um. – (Die Stimme senkend) Ihr Fräulein Schwester hegt für seinen Sohn Weit zärtlichere … Ambitionen – (Bewegung des Tiburce) Wollen Sie Sie überraschen?

Tiburce: Wann?

Lakai:   Heut Nacht – 

Tiburce: Und wo? 

Lakai: Ich weiß – 

Tiburce: (macht ihm ein Zeichen, ihn draußen zu er­warten) – Erwarte mich dort draußen – (Lakai entfernt sich. Tiburce erhebt sich, die Hand an seinem Kapitänsdegen) – Österreich will ich befreien! 

Herzog: (eilt, bevor er mit Flambeau abgeht, der ihn am Ausgang erwartet, auf den Attache zu, der die Unterredung mit seinen Freunden beendet hat, und legt ihm die Hand auf die Schulter) – Vielen Dank!

Attache: (wendet sich um) Warum? – (Der Herzog lüftet eine Sekunde seine Maske. Der Attache will überrascht aufschreien)

Herzog: (einen Finger an den Lippen) Still!

Attache: (leise) Sie?

Herzog: Ich werde fliehn –

Attache: (überrascht von dieser Vertrauensseligkeit) – Ich bin erstaunt –

Herzog: (mit einem graziösen Stolz) – Ich habe ein Geheimnis – und ich schenk es Ihnen. – (schnell, leiser)
Treffpunkt ist Wagram. Heute Nacht. Und dort erwart ich Sie. – Attache: (ihm folgend) Sie hoffen, mich zu gewinnen?

Herzog: Dessen bin Ich sicher.

Attache: Wird gegen Sie mein Regiment geschickt, So werd ich „Feuer“! kommandieren!

Herzog: Bitte! (Er reicht ihm die Hand) Wir wollen uns vorm Kampf die Hände reichen! (Die beiden .jungen Menschen schütteln sich die Hände)

Attache: (mit außerordentlicher Courtoisie) – Ich bin am Vierten in Paris. Wenn Sie Mir irgendetwas aufzutragen haben — Wird es mir eine Ehre sein –

Herzog: (lächelnd) Ich danke. Ich bin vor Ihnen schon im … Kaiserreich.

Attache: Doch … kam vor Ihnen ich ins… Königreich?

Herzog: Dann grüßen sie vom Sohn das Denkmal des Kaisers. – (Herzog ab)

Vorhang! 

  1. V. Akt

Gebrochene Schwingen.

Eine Ebene. Einige niedrige Sträucher. Ein Erdhügel. Die Gräser darauf zittern im ewigen Wind. Eine klei­ne, aus Lafetten- und Protzentrümmern erbaute Hütte, von dürftigen Geranien überwuchert. Eine Straße führt vorbei. Wegweiser in den schwarzgelben österreichi­schen Farben. Feld. Himmel. Sterne. Eine Ebene. Eine unendliche Ebene. Die Ebene von Wagram.

Erste Szene 

(Der Herzog, Flambeau, Prokesch, warten, re­gungslos in ihre Mäntel gehüllt. Schweigen. Der Wind saust) 

Herzog: (öffnet seinen Mantel, um den Wind zu fangen, schließt ihn wieder brüsk) Ich nehm von deinem Wind, Wagram, in meinen Mantel! – (zu Flambeau, der, in der Richtung der Stra­ße, nach links späht) Die Pferde? 

Flambeau: Noch nicht da. Wir sind zu früh.

Herzog: Beim ersten Rendezvous, das mir mein Frank­reich gibt, Muss ich wie ein Verliebter früher kommen. –(Schreitet auf und ab. Kommt an den Wegwei­ser. Hält an) – Wegweiser! Schwarz und gelb! Du weist mir keinen Weg: Mein Weg weist: nach Saint Cloud! – (steigt auf einen Stein, die Aufschrift zu lesen) – Und nicht mehr nach Großhofen … (erinnert sich plötzlich) – Großhofen … heißt der Exerzierplatz meines Regiments … Ich hab es morgen früh dorthin „befohlen… (Ein alter, weißbärtiger einarmiger Bauer
tritt aus der kleinen Hütte
)

Herzog: Wer ist der Mann?

Flambeau:      Deine Hütte dient uns als Treffpunkt. Ehemaliger Grena­dier, jetzt Fremdenführer, der den Fremden die Schlacht von ‚Wagram auseinandersetzt.

Der Bauer: (bemerkt die Gruppe, deutet mit der Band mechanisch gegen den Horizont und beginnt mit der Stimme eines Fremdenführers) Hier bitte links beginnt das Schlachtfeld.

Flambeau: Danke. Ich kenn es zur Genüge … (Der Bauer erkennt ihn, lächelt und grüßt. Flambeau zündet seine kurze französische Pfeife an der langen deutschen Pfeife des Alten an)

Prokesch: (zu Flambeau) Ein Verräter Österreichs?

Bauer: (der ihn gehört hat) – Ich lag im Sterben hier am Weg, da kam Napoleon vorbei geritten. Er sprang vom Pferd, besah sich meine Wunde. Sein Leibarzt operierte sie sofort. Er schnitt In seiner Gegenwart den Arm mir ab – (Zu Flambeau, stolz auf den leeren Ärmel klopfend) – Den Arm – in seiner Gegenwart.

Flambeau: 0 Ehre! Glückspilz!

Bauer: (mit resignierter Geste) So ist der Krieg! … – (Die beiden Veteranen setzen sich auf die kleine Bank vor der Hütte, nebeneinander, rauchen, und lassen von Zeit zu Zeit nachdenklich ein Wort fallen) – Man schlägt sich

Flambeau: Schießt –

Bauer: Sticht –

Flambeau: Stirbt –

Bauer: Wir starben –

Flambeau: Einige bleiben leben – (Im Hintergrund kommen Männer in großen Mänteln an, schütteln sich gegenseitig die Hände, gruppieren sich)

Zweite Szene 

Ein Schatten: (löst sich von der Gruppe, geht auf den Herzog und Flambeau zu) – Sankt Helena!

Flambeau: (antwortend) Schönbrunn!

Herzog: (erkennt den, der vorgetreten ist) Marmont!

Marmont: (sich verneigend) Glück auf!

Herzog: (auf die im Hintergrund weisend) – Und diese Schatten?

Marmont: Freunde, Sir.

Herzog: Warum bleiben sie so entfernt?

Marmont: Sie haben Furcht, zu nah zu treten Eurer kaiserlichen Hoheit, da sie den Kaiser schon in Ihnen ehren –

Herzog: (erbebt, nach einem Schweigen) – Wie – Kaiser – ich? Und morgen schon – o Gott – Ach, süß ists, jung zu sein, und Sohn Napoleons – ich bin nicht krank – nicht schwach auf meinen Lungen – ich habe keine Furcht mehr –

Stimme eines Verschwörers: (der ankommt) Schönbrunn

Andre Stimme: (antwortend) Sankt Helena!

Herzog: Herrschen! Herrschen! – 0 Wind von Wagram, wehe mich nach Resten! Wie duftest Du nach Ruhm! Herrschen! Ich werde große Taten tun. Die größten Die je getan. Der Schönheit und der Tugend Will ich zwei ewige Monumente baun. Prokesch, wie schön ist solch ein Leben. – Mochten die Könige früherer Zeiten Lastern huldigen: Ich reiße Gott die Gnade aus den Händen Und will sie über alle Menschen schütten: Von Gottes Gnaden ich – von meinen Gnaden sie. – Volk, sieh hier Deinen Sohn, des Kaisers Sohn, mit Deinem Blute schriebst Du die Legenden, -Du bist mein Licht, mein Heiligenbild, mein Thron.

Die Freiheit hat von jenem nichts zu fürchten, Der selber ein gefangner Vogel war, Und allen Vögeln Luft und Sonne gönnt. Ich litt zu viel. Und kann es nicht vergessen. Ich dürste nicht nach blutigen Kriegeslorbeern – Mich lockt ein neuer Ruhm, ein höherer Ruhm Als der, den Wagram uns verleihen kann. Mein Vater hätte gern Corneille gekrönt: Ich will Viktor Hugo zum König krönen. Ich will … ich will … ich will … -ich will … ich träume … (geht hin und her, erregt, berauscht. Man macht ihm respektvoll Platz)   Herrschen! Nach Paris -0 Wald von Fahnen! Sonnensöhne I Strahlt! Ich reite über die Camps-Elysees, Paris begrüßt mich, jubelnd und entflammt, Bekränzt sind die Kanonen und Gewehre, Ich küsse Frankreich auf den Mund. Paris! Parisl – Schon hör ich Deine Glocken! Ach!

Eine Stimme: Sankt Helena!

Andre:   Schönbrunn!

Herzog: Paris! Paris!

Stimme im Dunkel: Sankt Helena!

Andre: Schönbrunn!

Herzog: Paris!

Flambeau: (zum Herzog, der erschöpft, schwankt) – Was habt Ihr?

Herzog: (sich zusammenreißend) – Nichts.

Prokesch: (ihn bei der Hand nehmend) – Ihr fiebert, brennt –

Herzog: (leise) Und brenn zu Asche noch – (Pferde werden herangeführt, Flambeau nimmt das für den Herzog bestimmte in Empfang und führt es ihm zu)

Prokesch: (zu Marmont, weist auf die Verschwörer) Was wollen die da?

Marmont: Ihren Lohn –

Herzog: Die Pferde sind schon da. Die Peitsche –

Einer:   (reicht sie ihm, sich vorstellend) Vicomte Otranto –

Herzog: (zurückprallend) Wie, der Sohn Fouches?

Flambeau: Es ist nicht Zeit und Ort, erschreckt zu sein.

Andrer Verschwörer: (grüßend) – Goubeaux, Agent in Diensten Eurer Majestät Kusine, Und nicht der schlechteste (Er grüßt nochmals) – Goubeaux

Herzog: Gut –

Goubeaux: (wiedergrüßend) Goubeaux –

Ein Andrer: (tritt schnell vor) – Pionnet – Ich diente König Josef – Und schaffte ihm Subsidien. – (Flambeau ordnet die Zügel)

Ein Andrer: (grüßt, stellt sich vor) Morchain

Flambeau: Morchain –

Verschwörer: (schreiend) Morchain!

Andrer: Die Passe habe ich besorgt. – (Er übergibt die Pässe Flambeau und fügt stolz hinzu) – Von echten sind sie kaum zu unterscheiden – (grüßt) – Guibert !

Alle: (durcheinander, um das Pferd) – Goubeaux! Pionnet! Morchain!

Flambeau: (sie zurückdrängend) – Schon gut!

Ein Andrer: (stürzt vor) Borokowski heiß ich. Dass Majestät die Güte habe, meiner Sich zu erinnern – denn ich lieferte die Uniform für die Komtess.

Einer von ihnen: (ergreift den Steigbügel, um ihn dem Herzog zu halten) – Napoleon vergaß die Namen nie, Die man ihm nannte –

Herzog: (nervös) – Gut! Gut! Ich werde keinen der Getreuen vergessen Am wenigsten den Schweiger dort. Den da. (Er bezeichnet mit der Reitpeitsche einen Mann, der, in seinen Mantel gehüllt, dem Treiben der andern verächtlich fern geblie­ben ist) – Dein Name? (Der Mann enthüllt sich, tritt vor. Und der Herzog erkennt den französischen Gesandten) – Wie, Sie hier?

Attache: (heftig) – Nicht als Verschwörer, als Freund bin ich gekommen, um zu warnen –

Flambeau: Die Pferde sind schon da, es wird schon Tag!

Herzog: Zu Pferde denn! Der Würfel ist gefallen! – (setzt den Fuß in den Steigbügel)

Attache: Herzog, ich kam hierher, Sie zu verteidi­gen –

Herzog: (der sich in den Sattel schwingen wollte, hält inne) Verteidigen – mich?

Attache: Ihr lauft Gefahr –

Herzog: (wendet sich zu ihm, den Fuß immer im Bügel) – Gefahr?

Attache: Man wollt beim Rendezvous Sie niederstechen. 

Herzog: (schreit entsetzt auf) Himmel! Die Komtess!

Attache: Der Treffpunkt – das war hier. Ich wusste es Durch Eure Hoheit. Alles scheint in Ordnung. Und ich kann gehn. 

Herzog: Der Treffpunkt – nein, das ist das kleine Jagdschloss -Sie wollen die Komtess an meiner Statt ermorden. Zurück!

Aufschreie: Unmöglich!

Prokesch: (will ihn zurückhalten) Sie kann sich zu erkennen geben –

Herzog: Prokesch, sie kennen sie nicht. Ich kenne sie. Sie wird sich zehnmal von den Bestien töten lassen, damit ich zehn Minuten nur gewinne. Zurück!

Mehrere: Nie!

Herzog: Ich kann nicht dulden, dass man sie ermordet.

Otranto: So war alles umsonst –

Ein Verschwörer: (wütend) Unmöglich, von neuem anzu­fangen.

Marmont: Ihr könnt nicht mehr zurück.

Andrer: Und Frankreich?

Andrer: Und der Kaiserthron? – (Alle umringen ihn)

Marmont: Vorwärts!

Herzog: (stark)     Umkehren –

Prokesch: Das bedeutet, auf immerdar der Krone zu entsagen –

Herzog: Und Flucht heißt: meiner Seele zu entsagen.

Marmont: Wer lässt sein Ziel um eines Weibes willen?

Flambeau: Ein Prinz von Frankreich weiß den rechten Weg.

Otranto: (energisch zum Herzog) – Wollen nun Hoheit reiten?

Herzog: Nein. Verzichte.

Otranto: (zu den andern) Man muss zu seinem Glück ihn zwingen.

Alle:     (zum Herzog vorstürzend) Ja. 

Herzog: (die Reitpeitsche schwingend) – Platz! Oder diese Peitsche zeichnet Eure Gesichter. – Zu mir, Prokesch! Flambeau! – (zum französischen Attache) Und Sie, der kam, um mich hier zu verteidi­gen – Jetzt, da man mein Gewissen vergewaltigt Und wahrhaft einen Mord an mir begeht, Verteidigen Sie mich jetzt!

Attache: Nein. Reiten Sie! – (Man hört den Galopp eines Pferdes)

Alle:   Fort! Vorwärts!

Komtesse: (erscheint in der Uniform des Herzogs, staubbedeckt, bleich, zerzaust, außer Atem) Unglückliche! Ihr seid noch immer hier!

Dritte Szene 

Herzog: (verdutzt) Sie! – Aber konnte ich denn fliehn? – Sie schwebten in Gefahr –

Komtesse: (stolz) Nicht dass ich wüsste. Mein Meister in der Fechtkunst hieß Flam­beau.

Herzog: Und was taten Sie mit Tiburce?

Komtesse: Er zog den Säbel – und ich zog den meinen.

Herzog: Sie schlugen sich für mich?

Komtesse: Die Klingen kreuzen sich. – „He, Sohn des Korsen“ So brummte der „ich hab Dich unterschätzt“ „Und er sich selbst“ gab ich zur Antwort. – Meine Stimme

Herzog: (sieht Blut an der Hand, der Komtesse) – Sie sind verwundet? 

Komtesse: (betrachtet verächtlich das Blut) – Nichts. Am Finger nur. Schließlich hat meine Stimme mich verraten. „Ein Weib?“ Er weicht zurück. Ich stoße vor. „Verteidige Dich!“ „Vor einem Weibe – niemals“ „Stich! Denn das Weib ist ein Napoleon.“

Flambeau: Da staunte er.

Komtesse: Aus dem Erstaunen kommt schwerlich wieder er heraus.

Herzog: (nähert sich ihr, mit leiser Stimme) Therese, kam sie – ?

Komtesse: (zuckt die Achseln, laut) Was geht Sie’s an?

Herzog: Kam sie?

Komtesse: (nach einer Sekunde der Zögerung) N – nein.

Herzog: Sie kam nicht? – (ein wenig verärgert, ein wenig melancholisch) – umso besser!

Komtesse: Ich höre Leute schrein …   Ich höre nach Sedlnitzky rufen … Ich taste mich zum Stall … schwing mich aufs Pferd, aufs erste beste Pferd … Ich ritt‘ s zu Tode .. Ich kann nicht mehr…

Herzog: Sie schwankt! – (Prokesch und Marmont stützen sie)

Komtesse: (erschöpft) Mir gibts den Rest, dass ich den Herzog hier noch treffen muss, Den ich schon über alle Berge wähnte –

Einer der Verschwörer: (der die Straße im Auge be­hielt, läuft herbei, zur Komtess) Man ist uns auf der Spur! Sie sind ver­folgt… – (Alles erschrickt, macht Anstalten zur Flucht)

Herzog: (schreiend) Verbergt sie in der Hütte da! – (zeigt auf die Hütte, die der Bauer ihnen schnell öffnet)

 Komtesse: (die man halb ohnmächtig zur Hütte schleppt) – Flieht! Flieht!

Herzog: (befragt ängstlich die, die sie fuhren) – Was fehlt ihr?

Komtesse: Sir, reiten Sie!

Vierte Szene 

Flambeau: (dreht sich um und bemerkt herbeieilende Polizisten) – Wir sind erwischt! – (Im Moment ist alles umzingelt)

Komtesse: (verzweifelt) Zu spät!

Sedlnitzky: (auf sie zutretend) – Stimmt, Sir –

Komtesse: (zum Herzog, rasend) Zum Teufel mit dem Zauderer und Schwächling.

Sedlnitzky: (hat sich zu dem umgewandt, den die Komtesse angeredet, bemerkt den Herzog, prallt zurück) – Hoheit!   (wendet sich zurück zur Komtess) Hoheit! (wendet sich wieder zum Herzog) Hoheit!

Flambeau: Na, nichts für ungut –

Sedlnitzky: (lächelt und begreift endlich) So

Flambeau: Sie tranken Sekt. Sie sehen doppelt.

Sedlnitzky: So so – (nach einem schnellen Blick, der alle An­wesenden überfliegt) – Graf Prokesch – bitte gehen Sie -(Prokesch entfernt sich nach einem Abschiedsblick zum Herzog hin) (zu zwei Polizeibeamten, ihnen den französischen Attache bezeichnend) Begleiten Sie den Herrn – (zum Attache ) Ich bin erstaunt, In dieses Abenteuer Sie verstrickt zu sehn. Ich bin gezwungen, der Regierung Ihres Landes

Herzog: (lebhaft vortretend) – Der Herr ist ohne jede Schuld –

Attache: Pardon! Ich will nicht schuldlos sein –

Herzog: (drückt ihm, bevor man ihn fortführt, die Hand) Revoir! – (zu Sedlnitzky, verächtlich) – Und nun zu mir … zu ihnen … machen Sie es kurz…

Sedlnitzky: (zu zwei andern Agenten, auf die Komtess weisend) – Begleiten Sie den falschen Herzog – (Die zwei wollen die Komtess brutal anpacken)

Herzog: (mit einer Stimme, die sie zurückfahren lässt) – Mit dem Respekt, der mir gebührt.

Komtesse: (erschauert bei dieser Stimme eines Herrschers ) – Kind! Kind! – (Sie wirft sich weinend in seine Arme) Du könntest herrschen – wenn Du herrschen wolltest – (ab, begleitet von zwei Polizeiagenten)

Sedlnitzky: (über die übrig gebliebenen Verschwörer hinwegsehend) – Für zwei Sekunden schließ ich jetzt die Augen, wenn ich sie wieder öffne, will ich niemand Mehr sehn – (Der Haufe wird weniger. Der Rest geht mit betonter Langsamkeit ab. Otranto hat Marmont am Arm gefasst. Sie sprechen mit affektiert vornehmen Gesten. Man hört Worte wie: Opportun – Reserve – Einst kommt der Tag – (alle sind verschwunden)

Flambeau: (zu Sedlnitzky) – Die Augen auf! Es blieb ein Mann zurück! Ein Mann!

Herzog: 0 flieh! für mich!

Flambeau: Für Sie? – (nach einer Sekunde Zögerns, will den andern nach)

Sedlnitzky: (mit dem einer der Agenten leise spricht, schreit) – Halt! – (Man verlegt Flambeau den Weg; zehn Pisto­len richten sich auf ihn. Sedlnitzky zum Polizeiagenten, der mit ihm gesprochen hat) – Der ists!

Agent: Vielleicht! – (zieht aus seiner Tasche ein Papier, welches er Sedlnitzky reicht) – Man reklamiert ihn von Paris –

Sedlnitzky: (durchfliegt das Signalement beim Schein einer matt leuchtenden Laterne, die ein Agent hält) – Sein Steckbrief? (liest)… Mund und Nase: mittelmäßig … Stirn: mittelmäßig … Auge: mittelmäßig …

Flambeau: Der Steckbrief selber: äußerst mittelmäßig.

Sedlnitzky: (tut, als fahre er zu lesen fort) – Zwei Rückenschüsse –

Flambeau: (auffahrend)  ‚Gottverdammte Lüge!

Sedlnitzky: (lächelnd) – Ich weiß.

Flambeau: (sieht, dass er sich verraten hat) – Ich habe nicht mein Vaterland: Ich hab mich selbst verraten –

Herzog: (zu Sedlnitzky) – Wird er ausgeliefert?

Sedlnitzky: Nach Frankreich? Ja.

Herzog: Wie ein Verbrecher?

Sedlnitzky: Ja. 

Herzog: Es fehlt das Recht.

Sedlnitzky: Wir werden es uns nehmen –

Flambeau: Flambeau, Du bist zu oft der Kugel und dem Galgen entwischt, dem Schicksal kann man nicht entgehn.

Sedlnitzky: Nehmt ihm den Mantel ah. – (Man reißt Flambeau den Mantel herunter, den
er vom Ball mitgenommen hatte. Er erscheint plötzlich in seiner Grenadieruniform. Sedlnitzky überrascht
) – Was soll das heißen?

Flambeau: Tja. Kleider machen Leute.

Herzog: (ängstlich) Was geschieht mit Dir?

Flambeau: Was einst mit Ney geschah –

Herzog: Es kann nicht sein –

Flambeau: Es wird so sein – ein Peloton – zwölf Schuss –

Herzog: (stößt einen Schrei aus) Ich!

Flambeau: Ich habe Kugeln nie gefürchtet – aber französische Kugeln – lieber nicht, Flambeau – (Seine Hand greift sacht in die Tasche)

Herzog: (eilt zu Sedlnitzky, flehend) – Sie liefern ihn nicht aus?

Sedlnitzky: Ich tue meine Pflicht.

Flambeau: Das ist das Ende. Allerseits gut Nacht. – (Ohne dass man‘s bemerkt, hat er sein Messer gezogen und geöffnet. Scheinbar kreuzt er nur ruhig den Arm: seine rechte Hand, in der die Klinge blinkt, verschwindet unter seinem linken Ellenbogen. Man sieht, wie er die Arme gegen die Brust stemmt, um fest aufzu­drücken. Er bleibt aufrecht stehen, sehr bleich, die Arme gekreuzt)

Sedlnitzky: Vorwärts! (Man stößt Flambeau, damit er marschiert)

Herzog: Er schwankt! Was ist mit ihm?

Agent: Wir kennen das!

Flambeau: (schlägt mit einem Hieb dem Polizisten den Hut herunter, dass er weit wegfliegt) – Der Herzog spricht mit Dir! Den Hut herunter! (Bei der Bewegung hat er seine Brust entblößt. Sie ist links ganz blutbefleckt)

Herzog: Flambeau! Du stirbst! Du stirbst!

Flambeau: Ein wenig, Hoheit. – (Er fällt)

Herzog: (springt vor und hindert Sedlnitzky und die andern, die ihn aufheben wollen) – Ich will nicht, dass von Euch ihn wer berühre. Ein reines Herz – von Spitzelhand besudelt -Lasst uns allein – So geht doch schon – Geht! Geht!

Flambeau🙁mit erstickter Stimme) – Hoheit!

Herzog: Ich werde hier mein Regiment erwarten. In Ehrfurcht soll es senken die Standarten. – (blickt auf Flambeau) Vor einem Krieger, der im Kampfe fiel –

Sedlnitzky: (leise zu einem Polizisten) – Verhaftet diesen Strolch! Die Pferde?

Agent: (leise) Fortgeführt:

Sedlnitzky: Man lasse ihn – Er kann nicht fliehn – (laut mit affektierter Nachgiebigkeit) Wie Hoheit wünschen –

Herzog: (heftig) Schert Euch zum Teufel –

Sedlnitzky: (aufbegehrend) Pardon!

Herzog: (zeigt auf die Ebene von Wagram) – Hier bin ich Hausherr! (Sedlnitzky und seine Leute ab)

Fünfte Szene 

Flambeau: (stützt sich auf die Fäuste) – Dies ist die Erde, die mein Blut schon trank, als ich’s für Ihren Vater hier vergoss. Heut sterb ich für den Sohn –

Herzog: (ist bei ihm niedergekniet, verzweifelt) – Nein, stirb für ihn Ich bin zu klein für solches Helden Tod.

Flambeau; (verwirrt) Für ihn?

Herzog: (lebhaft) Für ihn! – (in einer plötzlichen Inspiration) – Sieh hier die Ebene Wagrams! (Er flüstert ihm zu) – Wagram!

Flambeau: (Öffnet wieder die flackernden Augen) – Wagram…

Herzog: (mit eindringlicher Stimme, die versuchen will, die flackernde Seele in die Vergangen­heit zu versetzen) – Siehst Du den Turm von Wagram? Den spitzen Kirchturm überm Hügel dort?

Flambeau: Ja –

Herzog: Spürst Du die Erde zittern unter Dir? Das ist das Schlachtfeld – und das dumpfe Dröhnen –

Flambeau: Die Schlacht! Die Schlacht!

Herzog: Hörst Du den Donner der Haubitzen und das Knattern der Gewehre?

Flambeau: (klammert sich an diese Illusion) – Das ist … bei Wagram … wo ich falle…

Herzog: Ja … – (erhebt sich, bleibt aufrecht stehen und erzählt Flambeau, der im Grase liegt) – Ein großer Augenblick! Davoust umgeht Neusiedel. Der Kaiser folgt durchs Fernrohr seinem Wagnis. Du bist durch einen Bajonettstich schwer verletzt. Ich hab Dich auf den Hügel hier getragen …

Flambeau: Sind die Chasseurs zu Pferde eingesetzt?

Herzog: (als ob er die Schlacht verfolge) – Der Kaiser zaudert, Oudinot zu senden. Der linke Flügel weicht zurück …

Flambeau: (blinzelnd) Der Schlaukopf!

Herzog: Jetzt greift Macdonald ein. Die Adler fliegen.

Flambeau: (versucht sich, zu erheben) – Was macht der Kaiser?

Herzog: Wartet und wägt ab

Flambeau: (röchelnd) Der Feind.. Der Feind … was tut der Feind –

Herzog: Er breitet die Flügel aus – ein sonderbarer Vogel –

Flambeau: (zurücksinkend) – Er ist verloren.

Herzog: (trunken) Rasselnde Batterien nahn im Galopp …

Flambeau: (sich auf der Erde krümmend) und der Kaiser? Siegt! – (schließt sanft die Augen) – Sieg! Sieg! (Schweigen)

Flambeau: Flambeau!

Herzog: (Schweigen. Dann beginnt wieder das Röcheln Flambeau. Der Herzog blickt entsetzt um sich. Er sieht sich inmitten dieser unge­heuren Ebene allein mit dem Sterbenden. Er schaudert. Er weicht ein wenig zurück. Neigt sich über Flambeau) – Sieg!

Flambeau: (röchelnd) Zu trinken! Wasser!

Stimmen im Wind: Wasser! Wasser!

Herzog: (zitternd) Ein Echo –

Eine harte Stimme: Feuer!

Herzog: (wischt sich den Schweiß von der Stirn)

Flambeau: (heiser) – Ich sterbe!

Stimmen von allen Seiten in der Ebene: Ich sterbe … sterbe…

Herzog: (entsetzt) Gott! Sein letztes Röcheln wirft tausendfach die Ebene zurück.

Stimme: (sich verlierend) Ich sterbe.

Herzog: Wagram schlief – Wir haben es geweckt – nun ists erwacht –

Die Ebene: (langhinhaltend) Wehe!

Herzog: (betrachtet Flambeau, der starr im Grase liegt) – Er rührt sich nicht mehr –

Stimme: Rührt Euch –

Die Ebene: Ach!

Herzog: (entsetzt) – Hier lagern Tausende wie er – In ihren blauen Röcken – blutbe­spritzt – (ohne ihn mit den Augen zu verlassen, geht er rückwärts, murmelnd) – Ich geh – ich habe Angst – ich bin ein Feigling – Ich bin nicht tapfer – (flieht, hält inne, als ob ein toter Soldat wieder vor ihm läge) – Wieder einer – (will nach der andern Seite, bebt zurück) – Und noch einer – (Er stutzt zum dritten Mal) Ein Dritter,.. (er blickt sich um) – Ihre Leichen überall … Versperren mir den Weg … Es riecht nach Blut – Es steigt das rote Meer – die rote Flut – (Er weicht immer wieder zurück wie vor einer Flut, die steigt. Er flieht auf den Erdhü­gel, von dem er die ganze Ebene überblickt) – Die ganze Ebene: Ich sterbe… sterbe…

Herzog: Die Toten stehen auf –

Erde: (dumpf) Wehe (Ein Gemurmel undeutlicher Stimmen schwillt an, und nähert sich im Brausen der geheimnisroll bewegten Gräser)

Herzog: (im Fieberschauer) – Die Toten reden!

Eine Stimme: (qualvoll) Ich liege unter einem Lei­chenhaufen und muss ersticken –

Andere Stimme: Hilf mir! Ich verrecke!

Stimme: Ich brenne! Ich verbrenne! Wasser! Wasser!

Stimme: Hilf mir!

Andre: Hilf mir!

Andre: Hilf mir!

Herzog: Das ist das Schlachtfeld. Hilfe! Das ich oft ersehnte -Ich hab‘s gewollt – da ists – das Feld der Schlacht, des Schlachtens, der Geschlachteten – (Die Stimmen schwellen an, werden deutli­cher. Man hört ein dumpfes Summen: Klagen, Röcheln, Beschwörungen)

Herzog: Verflucht, dass ich mit Holzsoldaten einmal spielte! Die Dunkelheit, der Wind, das Gesträuch: Hilf mir!

Herzog: (verzweifelt) Gespenster, die Ihr glotzt mit leeren Augen: Der Dank des Vaterlandes ist Euch sicher … Und Eure Namen nennt das Heldenlied … (Zu einem von denen, die er zu sehen glaubt) Wie heißt Du?

Stimme: Jean

Herzog: (zu einem andern) Du?

Stimme: Paul

Herzog: Du?

Stimme: Peter

Herzog: (fieberhaft zu andern) Du?

Stimme: Jean

Herzog: Du?

Stimme: Paul –

Herzog: Dein ruhmgekrönter Name?

Stimme: Peter

Herzog: (weinend) Namen! 0 namenlose Namen! Namenlose Qual! Armselige Proletarier des Ruhms! Wer kennt Euch, die Ihr nicht mal selbst euch kennt –Tumult von Stimmen: Wir sind zerstampft von Pferdehufen … Hilfe… Die Pferde!

Schrei aus der Ferne: Geier!

Andre: Raben!

Herzog: (regungslos, erstarrt – zwei dünne Blutfäden fließen ihm von den Lippen) – Warum ich nachts nie ruhig schlafen konnte: Jetzt weiß ich‘s -Warum ich fror und glühte, Warum ich Blut spie … Blut… Die ganze Ebene: – (vor Schmerz aufstöhnend) – Blut – Blut – Blut – Blut – (In der Dämmerung, die der Morgenröte voran­geht , Grollen eines fernen Gewitters, unter niedrig dahinflatternden grauen Wolken nimmt alles gespenstische Formen an: Federbüsche schwanken im wogenden Getreide, die Böschun­gen beleben sich phantastisch, ein starker Windstoß zaubert aus den Gebüschen winkende Hände)

Herzog: Was kriecht Ihr auf mich zu? So schrecklich stumm? Ihr wollt rufen … schreien … Eure schlaffen zerrissnen Lungen und zerfetzten Münder, Sie geben keinen Ton mehr her – und doch jetzt schwillt ein Schrei – (Er will, um ihn nicht zu hören, geduckt fliehn)

Stimmen: Es lebe der Kaiser!

Andre: Napoleon, unser Blut komm über Dich!

Herzog: (in die Knie sinkend) – Dem Ruhm verzeiht man viel – jedoch nicht alles. – (Er sagt sanft und traurig zur Ebene) – Dank. Dank. – (Sich erhebend) – Es ist hier eine Rechnung zu begleichen, Es ist hier eine Schuld zu zahlen. Und Ich will mit allerbester Münze zahlen: Mit meinem Leben. Und mit meinem Tod. Diese Ebene soll Der Sühnealtar sein. – (Er richtet sich auf dem Hügel auf. Ganz klein erscheint er in der unendlichen Ebene, die Arme gegen den Himmel gekreuzt) – Wagram! nimm mich! 0 nimm mein Opfer an Für das, was einst geschah, nimm mich, den Sohn, für so viel tausend andere Söhne, die In Deiner Erde faulen. – (Er flüstert, als ob nur einer ihn höre) – Wie kann ich, Vater, so viel Unheil büßen? Schönbrunn sei künftig mein Sankt Helena… – (Er schließt einen Moment die Augen und verharrt so)   So soll es sein! – (Die Morgenröte erglüht. Alles ist in Gold. Der Wind singt) – Die Ebene stöhnt nicht mehr. Die Ebene singt. Aus weiter Weite, tiefer Tiefe klingt Posaunenton. – (Unbestimmte Trompetenklange. Ein Brausen erfüllt die Lüfte. Die Stimmen, die soeben noch .jammerten, wandeln sich in Zurufe. Vor­beiziehende Nebelschwaden scheinen zu galop­pieren. Man hört das Getrappel einer Reiterschar)

Stimmen: (in der Ferne) Vorwärts!

Herzog: Vorwärts!

Stimmen: Drauf! Dran!

Herzog: Hinauf! Hinan!

Stimmen: Attacke! – (Unsichtbare Trommler trommeln zum An­griff)

Herzog: Gegen alle Schlechtigkeit der Welt!

Stimmen: Hurra! – (Kurz vor Sonnenaufgang. Die Wolken sind voll Purpur- und Lichtblitzen. Der Himmel scheint — die große Armee)

Herzog: Gott! Nimm mich auf zur himmlischen Armee! Napoleon! Vater! Du befehligst sie! – (In dem sich entfernenden Schlachtgeräusch hört man, sehr fern, zwischen zwei Trommel-wirbeln, eine hohe   metallische Stimme)

Die Stimme: Offiziere – Unteroffiziere – Soldaten – das Regiment hört Auf meinen Befehl –

Herzog: (delirierend, den Säbel ziehend) – Ich kämpfe! Pfeifen tönen! Fahnen wallen! Ich bin Soldat der göttlichen Armee! – (Während die Traumfanfaren verklingen und sich nach links verlieren, erschallt im Wind, der sie davonträgt, rechts plötzlich wirkli­cher Trompetenklang. Wie ein plötzliches Er­wachen wirkt der Gegensatz zwischen den furiosen französischen Weisen, die mit den letzten Schatten entwallen und dem weichen Schubertmarsch, der, österreichisch und tän­zerisch, im ersten Morgenrot herauftönt)

Herzog: (hat sich umgewandt, bebend) – Was kommt dort Weißes in den Tag herauf? – (Außer sich, imaginäre Grenadiere mit sich fortreißend. Mit geschwungenem Säbel stürzt er gegen die ersten Reihen eines
österreichischen Regiments, das auf dem Weg erscheint
)

Ein Offizier: (wirft sich ihm entgegen und hält ihn auf) –         Prinz! Kommen Hoheit zu sich! – Ihr Regiment! 

Herzog: (erwacht mit einem fürchterlichen Schrei) – Das – Ist – mein – Regiment – (Er sieht sich um. Die Sonne ist aufgegan­gen. Alles hat sein gewöhnliches Aussehen wiedergewonnen. Von so viel Toten bleibt nur Flambeau. Der Herzog steht inmitten der ruhig lächelnden Ebene. Weißuniformierte Soldaten defilieren vor ihm. Er sieht sein Schicksal und fügt sich ihm. Der zum Kampf erhobene Arm sinkt langsam herunter. Die Faust kommt an die Hüfte, der Säbel nimmt seine vorschriftsmäßige Haltung an und steif wie ein Automat kommandiert der Her­zog, mit mechanischer Stimme, der Stimme eines österreichischen Offiziers) – Halt! Links schaut! Vorwärts marsch! – (Das Kommando, von den Offizieren wieder­holt, verklingt in der Ferne. Der Vorhang fällt, während die militärische Übung be­ginnt)

VI. Akt 

Geschlossene Schwingen.

Einige Zeit später. In Schönbrunn das Zimmer des Herzogs, düster und luxuriös. Im Hintergrund die schwarze, vergoldete Tür, die in den kleinen Por­zellansalon rührt. Hechts das Fenster. Links ein Gobelin, in dem sich eine Tapetentür verbirgt. Das Mobiliar ist das gleiche wie heute: schwarz und gol­dene Lehnstühle, Paravent, Gebetpult, Tische und Konsols. Die fieberhafte Unordnung eines Kranken­zimmers. Pelze, Bücher, Arzneiflaschen, Tassen, Orangen und überall, auf allen Möbeln, große Veil­chensträuße. Im Vordergrund links ein schmales Feldbett. An seinem Kopf ende ein niedriger Tisch, Blumen darauf und Medikamente, mittendrin eine kleine Bronzestatuette von Napoleon I. 

Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt der Herzog, schrecklich verfallen, fiebernd auf dem Bettrand. Sein abgemagertes Gesicht ist auf das zerknitterte Batisthalstuch gesunken. Seine nicht mehr geschnit­tenen blonden Haare fallen in langen Locken hinab. Er hüllt sich traurig in einen großen Mantel, der ihm als Schlafrock dient. Er hat keine Jacke darun­ter, nur eine weiße Hose. Sein schmächtiger Körper verliert sich im bauschigen Leinenhemd, seine abge­magerten Hände verlieren sich in den plissierten Manschetten. 

Er sieht starr vor sich hin. 

In einer Zimmerecke stehen der Doktor und Gene­ral Hartmann, ein alter Soldat, zum Dienst beim Prinzen kommandiert. Sie sprachen leise. 

Die Tür im Hintergrund geht geheimnisvoll auf und lässt einen gelben, zitternden Lichtschein hin­ein. Durch die halbe Öffnung gleitet katzenhaft die Erzherzogin ins Zimmer. Sie wirft einen Blick hinter sich, um sich zu vergewissern, dass alles be­reit ist, -und schließt die Tür leise. In ihrem wei­ßen Spitzenkleid ist sie sehr blass. 

Nachdem sie ganz leise einige Worte mit den beiden Herren gewechselt, die den Kopf schütteln, wobei sie auf den Herzog blicken, tritt sie auf ihn zu, ohne dass er es bemerkt, und nimmt ihn zart bei der Hand.

Er zuckt zusammen und ist überrascht, als er sie erkennt.

Erste Szene 

Herzog: Du bist‘ s? Ich glaubte, Du seist krank –

Erzherzogin: (mit forcierter Heiterkeit) – Ich war es auch – Ich legte mich zur selben Zeit wie Du.
Jetzt geht‘s mir besser. ‚Wie geht‘s Dir?

Herzog: Recht schlimm, wenn Du, mich zu besuchen, aufstehn darfst…

Erzherzogin: (zum Arzt) Ist er auch folgsam, unser Patient?

Doktor: Er trinkt brav Milch.

Erzherzogin: Das ist sein Glück!

Herzog: ’s ist hart, ich träumte keinen Traum als den vom Ruhm, Und meine Seele lohte ihm entgegen -Jetzt hab ich Milch statt Blut in meinen Adern – (Er nimmt einen der Teilchensträuße, die auf dem Tisch neben dem Bett stehen und verbirgt das Gesicht darin) 0 kühles Blau! 0 blaue Kühle! Tau, der meine fieberheiße Stirn erfrischt!

Erzherzogin: (blickt auf die Blumen, die das Zimmer füllen) – Die ganze Welt schielet Dir ja Blumen –

Herzog: (mit einem traurigen Lächeln) Schon –

Erzherzogin: Still! (Sie wechselt mit dem Doktor einen Blick, der sie zu ermutigen scheint. Sie zögert, nähert sich dann dem Prinzen und beginnt ein wenig verlegen) – Dank Gott, der Dich und mich beschützt hat, Franz, Von heut ab geht‘s uns beiden besser. Sollten Wir beide ihm nicht danken – sollten „Wir beide an den Tisch des Herrn nicht treten und ihm die Ehre geben … Sprich doch, Franz –

Herzog: (nachdem er ihr lange in die Augen geblickt) Zu welchem Ende spielst Du dieses Spiel? – (leise) – Zu meinem Ende –

Erzherzogin: (lächelnd)   Und die Etikette?

Herzog: Die Etikette?

Erzherzogin: Ja doch – wenn ein Prinz aus Habsburgs Stamm, die dunklen Pfade schreitet, täuscht man ihn nicht. Das kaiserliche Haus Wohnt seiner letzten Ölung bei. So will’s der Brauch. Sieh Dich doch um –

Herzog: Ich sehe nichts.

Erzherzogin: Ich auch nicht. Die Familie ist nicht da. (zeigt auf die Tür im Hintergrund) – Da drin im Boudoir steht ein Altar, Den ich aus einem Tischchen hab gemacht. Uns stört kein Prinz und keine Herzogin. Für uns allein liest der Prälat die Messe. Das Abendmahl wird nicht

Herzog: das allerletzte sein? Ach –

Erzherzogin:   Siehst Du. (sie bietet ihm zärtlich den Arm) – Komm – (Er erhebt sich schwankend. Man hört eine kleine Glocke läuten) –  Die Messe fängt schon an – (Der Herzog, auf die Erzherzogin gestützt, wendet sich der Tür des kleinen Salons zu, die der Doktor und General Hartmann sofort öffnen)

Herzog: Ja … das ist wahr – vom Kaiserhaus ist niemand da —

Erzherzog: Nur der Prälat und die Meßnerknaben –

Herzog: (beobachtet beim Vorüberschreiten den Doktor und den General, die ihm zulächeln) – Man gibt mir also noch ’ne Galgenfrist. (Die Tür schließt sich hinter der Erzherzo­gin und dem Prinzen. Das Lächeln der beiden Männer erlischt. General Hartmann öffnet schnell eine kleine Tapetentür, und man sieht die gesamte kaiserliche Familie schweigend eintreten)

General Hartmann: (leise zu den Erzherzogen und Erz­herzoginnen) – Treten Sie näher! – (Einen Finger an den Lippen, macht er ihnen Zeichen, ihre Plätze einzunehmen)

Zweite Szene 

(Die Prinzen und Prinzessinnen stellen sich in mehreren Reihen mit größter Vorsicht, um nicht gehört zu werden, so auf, dass sie nach der geschlossenen Tür blicken, hinter der zuweilen die kleine Glocke ertönt. In der ersten Reihe Marie Luise. Man sieht un­ter den Erzherzogen Greise und Kinder. Blon­de Jünglinge, ebenso blond wie der Herzog. Im Dunkel der geöffneten Tapetentür schim­mern Uniformen. Metternich, in großer Gala, steht in der letzten Reihe der kaiserlichen Familie)

Hartmann: (alles verharrt regungslos, er beginnt lei­se und feierlich) – Wenn mit geschlossenen Augen und versenkter Seele der Herzog niederkniet vorm Allerheiligsten, werd leise die Tür ich öffnen. Und Sie werden sehen ein paar Sekunden nur, wie er das Haupt, das blonde neigt, die Hostie zu empfangen. Dann schließe ich die Türe wieder leise. Der Herzog weiß es nicht, dass er nach alter Sitte angesichts des ganzen Hofs das Abendmahl genommen. – (In diesem Augenblick führt Prokesch zwei Damen in den Raum: die Komtess Camerata und Therese)

Metternich: (zu den Eintretenden) Ich bitt um Ruhe –

Prokesch: (ganz leise zur Komtess und zu Therese) – Man erlaubte mir, sie herzuführen, ’s ist das letzte Mal, dass Sie ihn sehen.

Therese: Innigen Dank.

Eine Prinzessin: Die Glocke läutet schon die Wandlung – (alle Frauen knien nieder)

Hartmann: Leise –

D. Komtesse: (ist stehen geblieben, bemerkt Metter­nich, berührt seinen Arm) – Sie bereuen nichts, Fürst Metternich?

Metternich: (wendet sich um, sieht sie an, trotzig) – Ich tat nur meine Pflicht. (nach einer Sekunde Schweigens) – Reue? Nein. – (Die Glocke erklingt wieder) – Das Agnus dei

Marie Luise: (zum General, der die Tür öffnet und durch den Spalt äugt – Vorsicht, dass nur die Tür nicht knarrt!

Hartmann: (an der halb geöffneten Tür) – Die Monstranz –

Alle: (fühlen den entscheidenden Augenblick nahen) – Oh oh

Hartmann: Ich bitt um Ruhe

Alle: Oh

Hartmann: Ich öffne! (Er stößt geräuschlos die Türflügel zurück. Man sieht den luftigen Porzellansalon mit den weißblauen Wänden, dem brennenden Fayenceluster, Veilchenbuketts, Chorknaben, Weihrauchwolken, den goldnen Schimmer der Kerzen, den geschmückten Altar und, den Rücken den Zuschauern zugekehrt, die beiden Knienden. Sie hat den Arm um seine Schul­tern gelegt. Sie erwarten beide die Hostie, die der herantretende Prälat schon über dem Kelche hält. Eine Sekunde tiefster Be­wegung und tiefsten Schweigens. Alles kniet und hält den Atem an und die Tränen zurück)

Therese: (sich langsam erhebend, um über die Kopfe der andern hinwegzusehn. Sie erblickt ihn, und „ein Schluchzen entringt sich ihr) – Welch Wiedersehn! (Bewegung des Schreckens. Der General Hartmann schließt schnell die Tür, alles steht auf) –

Hartmann: Schnell! Hinaus! Der Herzog vernahm‘s, dass man hier weinte – (Alles flutet auf die Tapetentür zu; aber die Tür zum Salon öffnet sich brüsk, der ‚Herzog erscheint auf der Schwelle, richtet einen langen Blick auf die Versammlung und begreift)

Herzog: Ist es dies?

Dritte Szene 

(Die kaiserliche Familie zieht sich langsam zurück)

Herzog: (ruhig und voll Hoheit) – Zuerst will ich dem Herzen schmerzlich danken, dass diese Stille schluchzend unterbrach. Gewissensbisse dürfen es nicht quälen: Dem Sterbenden soll man den Tod nicht stehlen. – (Zu den Prinzen und Prinzessinnen, die sich respektvoll entfernen) – Habsburger Basen, Vettern, Onkels, Tanten, lasst mich für einen Augenblick allein! „Mein Sohn ist ein geborener Franzose. Er denke noch in seinem Tod daran“ Mein Vater sprach‘s. Der Augenblick ist nah. – (zu den abgehenden Prinzen) – Lebt wohl! – (Er sieht suchend umher) Wo ist das Herz, das eben brach?

Therese: (die knien blieb, demütig) Das meine.

Herzog: (geht einen Schritt auf sie zu, sanft) – Sie sind nicht sehr verständig. Weinten einst, als Sie in meiner Uniform mich sahen, Der österreichischen – und weinen wieder, Wenn ich dran sterbe – drin begraben werde – (Die Erzherzogin und die Komtesse führen ihn zu einem Lehnstuhl. Er fällt hinein)

Therese: (hat sich erhoben, tritt näher, mit furcht­samer Stimme) Ich war –

Herzog: Wo waren Sie?

Therese; Beim Rendezvous –

Herzog: (melancholisch) Sie kamen – arme Seele – und warum?

Therese: Weil ich Sie liebe.

Herzog: (zur Komtesse) Sie verschwiegen’s mir, dass sie da war. Warum?

Komtesse: Weil ich Sie liebe.

Herzog: Wer aber hieß Sie beide zu mir kommen? – (Komtess und Therese heben die Augen zur Erzherzogin) – Du?

Erzherzogin: Ich –

Herzog: Sag mir, warum?

Erzherzogin: Weil ich Dich liebe.

Herzog: (lächelnd) Ihr liebtet mich, als wäre ich ein Kind -( Sie machen Gesten des Widerspruchs) – Doch! Doch! –     (zu Therese) – das man beweint – (zur Erzherzogin) – verwöhnt (zur Komtesse) – das man beschützt.

Marie Luise: 0 sprich zu mir! Zu Deiner Mutter! Sprich! Vergib mir! Trag mir meine Narreteien Nicht nach! Ich war zu klein für Deinen hohen Sinn. Verzeih mir, Kind.

Herzog: Gott, Gott, leg mir ein Wort doch in den Mund, mit dem ich ihr verzeihen kann, der Mutter. Die nie als meine Mutter sich gefühlt. (In diesem Moment tritt ein Lakai ein, nä­hert sich Marie Luise, sie bemerkt ihn und versteht)

Marie Luise: (ihre Tränen trocknend, zum Herzog) – Du sprachst von Deiner Wiege gestern Abend…. (Der Herzog gibt durch ein Zeichen zu ver­stehen, dass er sie sehen will. Während der Lakai sie holen geht, bemerkt der Herzog den bleichen und reglosen Metternich. Er richtet sich auf)

Herzog: Fürst Metternich, ich sterbe zu früh für Ihre Pläne. Meine Schwäche, sie war Ihre Stärke. Der junge Aar, mit dem Europa Sie so oft gedroht, liegt ganz zerrupft, zerzaust Im Sterben. Und der Käfig ist bald leer.

Metternich: Hoheit – (Man bringt die Wiege des Königs von Rom. Sie ist aus vergoldetem Silber)

Herzog: Das ist die Wiege, drin Paris mich wiegte. Stellt mir die Wiege zu dem Feldbett, in dem mein Vater schlief, ’s sind Ge­schwister – (Die Wiege steht neben dem Feldbett) – Näher – noch näher – meine Wiege soll mein Sterbebett berühren – (Er greift mit der Hand zwischen Bett und Wiege) In dieser Rinne verfließt mein Leben.

Therese: (schluchzt an der Schulter der Komtesse)

Herzog: Legt mich auf das Bett. – (Der Doktor und Prokesch, unterstützt von der Komtesse, führen ihn zum Feldbett)

Prokesch: (zum Doktor) Wie er erbleicht – (Die Komtess hat aus ihrem Kleid das große Band der Ehrenlegion gezogen. Sie richtet dem Prinzen die Kissen zurecht. Sie legt es ihm an, ohne dass er es bemerkt)

Herzog: (sieht plötzlich die rote Seide auf seiner Hand, lächelt, sucht mit den Händen das Kreuz und führt es an die Lippen. Dann mit einem Blick zur Wiege) – Als mich in dieser Wiege Frauen wiegten, Da war ich größer als jetzt hier im Bett. Drei Frauen hatt ich, mich in Schlaf zu schaukeln, sie sangen alte Volks- und Märchenlieder – Wer singt mir heut ein Wiegenlied? Ich bin so müde –

Marie Luise: (neben ihm kniend) Deine Mutter, liebes Kind.

Herzog: Weißt Du ein Wiegenlied aus Frankreich?

Marie Luise: (den Kopf senkend) – Nein …

Herzog: (zu Therese) Und Sie?

Therese: Vielleicht –

Herzog: 0 singen Sie mir leise: „II pleut Bergere.“ – (Sie summt) – „II jetait“ etc. – (Sie summt wieder) Und singen Sie „Das war in Avignon“ Des Volkes Seele soll in Schlaf mich singen – (Sie summt das Lied, um das er bittet) – Eins gibt es noch, das liebte ich besonders, Das war das Lied vom kleinen grauen Mann. – (Er richtet sich mit flackerndem Blick auf und singt. Dann streckt er die Hand gegen die Statuette des Kaisers und fällt zurück)

Doktor: (nachdem er sich über den Prinzen gebeugt) Hoheit befinden sich sehr schlecht. – (Die drei Frauen treten vom Bett zurück)

Therese: Adieu, Francois!

Erzherzogin: Leb wohl, Franz!

Komtesse: Segne Gott Dich, Bonaparte!

Marie Luise: (bettet auf ihre Schulter sein Haupt) – In meinen Armen wird ihm leichter werden.

Komtesse: (kniet im Hintergrund des Zimmers nieder) – König von Rom!

Erzherzogin: (ebenso) Herzog von Reichstadt

Therese: (ebenso) Armer Junge!

Herzog: (delirierend) Zu Pferd! Zu Pferde!

Prälat: (ist mit Chorknaben eingetreten, die Kerzen tragen) – Lasst uns beten!

Herzog: Mein Pferd! Ich will zu meinem Vater reiten! – (Große Tränen rollen über seine Wangen)

Marie Luise: (zum Herzog, der sie zurückstößt) – Ich bin es – Deine Mutter –

Herzog: Sie setzen mich in der Kapelle bei – und dann (Er erbleicht furchtsam und beißt sich auf die Lippen) –

Marie Luise: Wo hast Du Schmerzen?

Herzog: Übermenschliche – (ruft) – General Hartmann!

Hartmann: (vortretend) Hoheit!

Herzog: (mit einer Hand die Wiege schaukelnd, mit der andern Hand zieht er ein Buch unter sei­nem Kopfkissen hervor und reicht es dem Ge­neral) – General – (Der General nimmt das Buch. Der Herzog fährt fort, die Wiege zu schaukeln. Die Wiege wiegend, mit singender Stimme) Ich wiege meine Kindheit – und mir ist, als wiege der Herzog von Reichstadt den König von Rom. General, Sie sehn im Buch das Zeichen?

Hartmann: Ich seh’s

Herzog: Gut. Lesen Sie, während ich sterbe, mit lauter Stimme –

Marie Luise: (schreiend)   Stirb nicht, Franz, stirb nicht!

Herzog: (feierlich, hebt sich in den Kissen empor) Beginnen Sie!

Hartmann: (am Fuß des Bettes, liest) Es war um sieben Uhr, als Garde Jäger nahten, die die Spitze des Zuges bildeten

Marie Luise: (begreift, was er sich vorlesen lässt, fällt weinend in die Knie) – 0 Franz!

Hartmann: In dem Moment bricht aus der Menge, bricht aus tausend Kehlen der Schrei: Es lebe hoch der König Roms!

Marie Luise: Franz! Franz!

Hartmann: In vielen Augen blinkten Tränen. Die Artillerie schoss den Salut. Der Kardinal Erschien, die Majestäten zu empfangen. Der Hof naht, nach dem Brauch der Zeremonien: (bemerkt, dass der Herzog die Augen geschlossen hat und hält inne) 

Herzog: (öffnet wieder die Augen) Zeremonien:

Hartmann: Minister und Gesandte –

Herzog: (mit ersterbender Stimme) Weiter – weiter –

Hartmann: Die Adler kamen und die Generäle. Das Taufgerät trugen Prinzessinnen Die goldne Schale und das Salzgefäß, Wasser vom Jordan, Mützchen, Mäntelchen

Herzog: (mehr und mehr erblassend, sich zusammen­nehmend! – Die Adler – weiter – (Marie Luise, von Prokesch unterstützt, richtet ihn in den Kissen auf)

Hartmann: Endlich wird sichtbar

Herzog: Wer?

Hartmann: Der kleine König von Rom

Herzog: Der kleine König

Hartmann: Madame von Montesquieu trägt zart ihn auf den Armen. Sein Mantel ist aus Hermelin. Er lächelt. Die Prinzen dann

Herzog: Die Prinzen übergehen Sie

Hartmann: Die Könige

Herzog: Auch die Könige. Kommt zum Ende.

Hartmann: (hat mehrere Seiten umgeblättert) – Und dann

Herzog: Ich. höre schlecht. Lauter

Doktor: (zu Prokesch) Die Agonie –

Hartmann: (mit lauter Stimme) – Der Herold hatte Ruhe kaum geboten, da kam der Kaiser, nahm den Sohn und legte Ihn zärtlich in den Arm – (Er zögert, blickt Marie Luise an)

Herzog: (rasch, indem er gütig die Hand auf den Scheitel der knienden Marie Luise legt) – der Kaiserin! – (Bei diesem Wort der Verzeihung und neuen Krönung bricht die Mutter in Schluchzen aus)

Hartmann: Sie hob ihn hoch und zeigte ihn dem Volke – Und

Herzog: (dessen Haupt sinkt) – Mutter!

Marie Luise: Francois!

Herzog: (öffnet noch einmal die Augen) Napoleon…

Hartmann: Und das Tedeum füllt den hohen Dom –

Doktor: (berührt den Arm des Generals Hartmann) Vorbei. – (Schweigen. Der General schließt das Buch)

Metternich: Man zieh ihm seine weiße Uniform an.

Ende

© Hartmut Deckert